α-Bungarotoxin: Wirkung auf die Synapse

Synapsengifte sind Substanzen, die die Erregungsübertragung zwischen Nervenzellen stören. Sie finden sich vor allem im Tier- und Pflanzenreich und wirken an unterschiedlichen Orten in der Synapse. Das α-Bungarotoxin, ein Bestandteil des Giftes des Vielgebänderten Kraits (Bungarus multicinctus), ist ein besonders interessantes Beispiel für ein solches Synapsengift. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von α-Bungarotoxin an der Synapse und seine Auswirkungen auf die Nervenfunktion.

Grundlagen der synaptischen Übertragung

Um die Wirkung von α-Bungarotoxin zu verstehen, ist es wichtig, die Grundlagen der synaptischen Übertragung zu kennen. Eine Synapse ist die Verbindungsstelle zwischen zwei Nervenzellen oder zwischen einer Nervenzelle und einer Muskelzelle. Die Erregungsübertragung erfolgt in folgenden Schritten:

  1. Aktionspotential: Ein Aktionspotential erreicht die präsynaptische Membran.
  2. Calcium-Einstrom: In der präsynaptischen Membran befinden sich Calciumionenkanäle, die sich durch das Aktionspotential öffnen. Calciumionen strömen in die Zelle.
  3. Vesikelfusion: Der Calcium-Einstrom führt dazu, dass Vesikel, die mit Neurotransmittern gefüllt sind, mit der präsynaptischen Membran verschmelzen.
  4. Neurotransmitter-Freisetzung: Die Neurotransmitter werden in den synaptischen Spalt freigesetzt.
  5. Rezeptorbindung: In der postsynaptischen Membran befinden sich Rezeptoren, an die die Neurotransmitter binden können.
  6. Ionenkanalöffnung: Die Bindung der Neurotransmitter führt zur Öffnung von Ionenkanälen, wodurch Ionen in die Zelle einströmen.
  7. Signalweiterleitung: Der Ionenstrom verändert das Membranpotential der postsynaptischen Zelle und leitet das Signal weiter.
  8. Beendigung des Signals: Neurotransmitter werden entweder abgebaut oder wieder in die präsynaptische Zelle aufgenommen, um das Signal zu beenden.

α-Bungarotoxin: Ein detaillierter Blick

α-Bungarotoxin ist ein Peptid, das aus 74 Aminosäuren besteht und im Gift des Vielgebänderten Kraits (Bungarus multicinctus) vorkommt. Dieser Krait ist eine der giftigsten Schlangenarten der Welt, und sein Gift ist ein Gemisch aus verschiedenen neurotoxischen Polypeptiden, darunter α- und β-Bungarotoxin. Ein Biss dieser Schlange kann innerhalb kürzester Zeit zum Tod führen.

Struktur und Eigenschaften

Chemisch gesehen ist α-Bungarotoxin ein Polypeptid. Die Moleküle dieses Toxins blockieren kompetitiv die Natrium-Kanäle der postsynaptischen Membran der motorischen Endplatte, ähnlich wie Curare. Allerdings ist diese Blockade nicht reversibel, sondern dauerhaft.

Molekulare Wirkungsweise

Das große Bungarotoxin-Molekül hat eine kleine Region, die eine ähnliche Struktur aufweist wie der natürliche Neurotransmitter Acetylcholin. So kann es sich nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an die Rezeptor-Stellen der Natrium-Kanäle der motorischen Endplatte binden. Während Acetylcholin-Moleküle nach dem Ping-Pong-Prinzip immer wieder aus dem Rezeptor herausgehen, sich wieder neu hineinsetzen, wieder herausgehen etc., bleiben die Bungarotoxin-Moleküle ständig in dem Rezeptor.

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Wirkung an der Synapse

α-Bungarotoxin wirkt spezifisch an der postsynaptischen Membran. Es bindet irreversibel an nikotinische Acetylcholinrezeptoren (nAChR), die sich an der motorischen Endplatte befinden. Diese Rezeptoren sind ligandengesteuerte Ionenkanäle, die durch Acetylcholin aktiviert werden. Durch die Bindung von α-Bungarotoxin werden die nAChR blockiert, was die synaptische Übertragung unterbindet.

Die Blockade der nAChR durch α-Bungarotoxin verhindert, dass Acetylcholin an die Rezeptoren binden und die Ionenkanäle öffnen kann. Dadurch können keine Natriumionen in die Zelle einströmen, was zur Folge hat, dass kein Aktionspotential ausgelöst wird und die Muskeln erschlaffen. Dies führt zu einer Lähmung der Muskulatur, die schließlich zum Atemstillstand und Tod führen kann.

Vergleich mit Curare

α-Bungarotoxin und Curare haben ähnliche Wirkmechanismen, da beide die Acetylcholinrezeptoren blockieren. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Blockade durch Curare ist reversibel, während die Blockade durch α-Bungarotoxin irreversibel ist. Das bedeutet, dass Curare-Moleküle sich wieder von den Na+-Kanälen lösen können, während α-Bungarotoxin dauerhaft an den Rezeptor gebunden bleibt.

Auswirkungen auf den Körper

Die irreversible Blockade der Acetylcholinrezeptoren durch α-Bungarotoxin hat schwerwiegende Auswirkungen auf den Körper. Da die Muskeln nicht mehr durch Nervensignale aktiviert werden können, kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung. Besonders kritisch ist die Lähmung der Atemmuskulatur, die zum Atemstillstand und Tod führt.

Die Symptome einer α-Bungarotoxin-Vergiftung können unspezifische Allgemeinsymptome wie Durchfall und Schwindel umfassen. Im weiteren Verlauf kommt es jedoch zu einer Phase der Paralyse, die in ihrer klinischen Ausprägung variieren kann. Der Tod tritt schließlich durch Atemstillstand bei vollem Bewusstsein ein.

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Behandlung

Die Behandlung einer α-Bungarotoxin-Vergiftung ist aufgrund der irreversiblen Bindung des Toxins an die Acetylcholinrezeptoren schwierig. Traditionelle Maßnahmen wie das Ausbrennen und Abbinden der Bissstelle sind ineffektiv. Die wichtigste Maßnahme ist die künstliche Beatmung, um den Ausfall der Atmung zu kompensieren.

In einigen Fällen können Cholinesterase-Inhibitoren wie Physostigmin oder Neostigmin eingesetzt werden, um die Acetylcholin-Konzentration im synaptischen Spalt zu erhöhen und die verbleibenden, nicht blockierten Rezeptoren zu aktivieren. Allerdings ist die Wirksamkeit dieser Medikamente begrenzt, da α-Bungarotoxin die Rezeptoren dauerhaft blockiert.

Die Verabreichung von Gegengift (Antivenom) kann ebenfalls in Betracht gezogen werden, obwohl dessen Wirksamkeit von der Art des Schlangengifts und der Zeitspanne seit dem Biss abhängt. Das Gegengift muss entsprechend der spezifischen Schlangenart angepasst werden.

Weitere Synapsengifte und ihre Wirkungsweisen

Neben α-Bungarotoxin gibt es zahlreiche andere Synapsengifte, die auf unterschiedliche Weise die synaptische Übertragung beeinflussen. Einige Beispiele sind:

  • α-Latrotoxin: Dieses Gift der Schwarzen Witwe führt zu einer übermäßigen Freisetzung von Neurotransmittern, was zu einer Dauererregung der nachfolgenden Nervenzelle führt.
  • Botulinumtoxin (Botox): Dieses Bakteriengift verhindert die Fusion von Vesikeln mit der präsynaptischen Membran, wodurch die Freisetzung von Neurotransmittern ब्लॉकiert wird.
  • Curare: Dieses Gift blockiert kompetitiv die Acetylcholinrezeptoren in der postsynaptischen Membran und verhindert die Signalweiterleitung.
  • Atropin: Dieses Gift ahmt die Rolle des Neurotransmitters Acetylcholin nach und blockiert ebenfalls die Acetylcholinrezeptoren.
  • Muscarin: Dieses Gift, das im Fliegenpilz vorkommt, bindet an Acetylcholinrezeptoren und wirkt wie Acetylcholin, wird jedoch nicht von der Acetylcholinesterase abgebaut.
  • Parathion und Sarin: Diese Insektizide und chemischen Kampfstoffe hemmen die Acetylcholinesterase und führen zu einer Überstimulation der Nervenzellen.
  • Tetanustoxin: Dieses Bakteriengift verhindert die Freisetzung von Neurotransmittern.
  • Conotoxine: Diese Giftstoffe der Kegelschnecken führen zu Muskellähmungen, indem sie an Acetylcholinrezeptoren binden.
  • Gift der Grünen Mamba: Dieses Gift hemmt die Acetylcholinesterase allosterisch.
  • Kokain: Dieses Rauschgift blockiert die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin in die präsynaptische Zelle.
  • Fliegenpilz-Toxin: Dieses Toxin imitiert die Struktur von Acetylcholin, setzt sich also in den Acetylcholinrezeptor, kann aber nicht von der Acetylcholinesterase abgebaut werden.

Diese Beispiele verdeutlichen die Vielfalt der Synapsengifte und ihre unterschiedlichen Wirkungsmechanismen, die die synaptische Übertragung auf komplexe Weise beeinflussen können.

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Bedeutung für Forschung und Medizin

Die Erforschung von Synapsengiften wie α-Bungarotoxin hat nicht nur toxikologische Bedeutung, sondern auch wichtige Anwendungen in der Forschung und Medizin. α-Bungarotoxin wird häufig als Werkzeug in der Neurobiologie eingesetzt, um Acetylcholinrezeptoren zu identifizieren, zu isolieren und zu charakterisieren.

Darüber hinaus können Erkenntnisse über die Wirkungsweise von Synapsengiften zur Entwicklung neuer Medikamente und Therapien für neurologische Erkrankungen beitragen. Beispielsweise werden Substanzen, die selektiv auf bestimmte Ionenkanäle oder Rezeptoren wirken, als potenzielle Kandidaten für die Behandlung von Schmerzen, Epilepsie und anderen neurologischen Störungen untersucht.

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