Charité Ausstellung: Neurologie, Erinnerungskultur und die Verantwortung der Wissenschaft

Die Charité, eine der renommiertesten Universitätskliniken Europas, setzt sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinander, insbesondere mit der Rolle, die sie während der Zeit des Nationalsozialismus spielte. Ein zentrales Element dieser Auseinandersetzung ist der "Erinnerungsweg REMEMBER", ein interaktives Denkmal auf dem Campus Charité Mitte, das die schweigenden Erinnerungsorte zum Sprechen bringen soll. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Erinnerungsweges, die Erweiterung um neue Stationen, die zugrundeliegende Gedenkarbeit und die damit verbundene Verantwortung der Medizin und Wissenschaft.

Der Erinnerungsweg REMEMBER: Ein interaktives Gedenkmonument

Der "Erinnerungsweg REMEMBER" wurde im Mai 2018 im Rahmen des Projekts "GeDenkOrt.Charité - Wissenschaft in Verantwortung" mit zunächst sechs Stationen eröffnet. Anlässlich der Erweiterung um die Stationen Dermatologie und Chirurgie betonte Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey die Wichtigkeit des Erinnerungsweges als Ort der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Prof. Dr. Karl Max Einhäupl bekräftigte das besondere Anliegen der Charité für eine transparente Erinnerungskultur, die in die Gegenwart und die Zukunft hineinwirkt. Er wies darauf hin, dass sich deutsche Mediziner, darunter auch Ärzte der Charité, während des Nationalsozialismus an grausamen Taten beteiligt haben. REMEMBER soll für junge Studierende und Ärzte eine Mahnung sein, wie kurz der Weg vom Wissenschaftler zum Begünstiger von Unrecht sein kann.

Die Rolle der Dermatologie in der NS-Zeit

Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi erläuterte die besondere Rolle der Dermatologie und Venerologie in der NS-Zeit und die Ausgrenzung jüdischer Dermatologen. An der Stele, die dieser Thematik gewidmet ist, wird der Umgang mit Syphilis-Patienten thematisiert. Während die Weimarer Republik von Beratung, Aufklärung und Prävention geprägt war, wurden Betroffene in der NS-Zeit im Kontext rassen- und bevölkerungspolitischer Maßnahmen Repressionen ausgesetzt und ausgegrenzt.

Audiovisuelle Installationen und interaktive Videokunst

Das Künstlerteam um Sharon Paz, Jürgen Salzmann und Karl-Heinz Stenz bringt mit REMEMBER die schweigenden Erinnerungsorte auf dem Campusgelände mittels audiovisueller Installationen zum Sprechen. Zentrale Ausgangspunkte sind die Gedenkskulpturen an den historischen Orten. Die dazugehörige App ermöglicht den Zugang zur interaktiven Videokunst an den jeweiligen Stationen. Sharon Paz erklärte, dass das Kunstprojekt ein interaktives digitales Gedenkmonument ist, das die Vergangenheit der Charité mit der Gegenwart und der Zukunft verbindet und die Besucherinnen und Besucher in eine interaktive Rolle einnimmt.

Die Gedenkskulpturen: Gestaltung und Symbolik

Die acht verschiedenen Gedenkskulpturen sind senkrechte flache Stelen, die zwei Meter hoch und sechzig Zentimeter breit sind. Sie ragen direkt aus dem Boden und bestehen aus Cortenstahl, der im Laufe der Zeit lebendige Farbfacetten in der rostigen Schutzschicht entwickelt. Die Stationen thematisieren Psychiatrie und Neurologie, Frauenheilkunde, Lehren und Lernen, Verfolgte Wissenschaft, Dermatologie und Venerologie und Chirurgie.

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Die Größe der Skulptur erinnert an die Größe eines Menschen, der verloren und schutzlos seiner Umgebung überlassen scheint. Die Skulptur wird sich über die Zeit in Farbe und Struktur ändern, da sie den Stürmen der Zeit ausgesetzt sein wird. Bei starkem Wind wird sie sich etwas bewegen. Für die Bezeichnung der Stationen wurde die Schriftart „Schwabacher“ gewählt, die 1941 als „Schwabacher Judenlettern“ diffamiert und verboten wurde. Auf jeder Stele befindet sich außerdem die Gravur eines Gegenstandes, welcher die jeweilige Station repräsentiert: eine Brille, eine Spritze, ein Kopfvermessungsinstrument, ein Mikroskop, eine Geburtszange und eine Knochensäge.

Themen der einzelnen Stationen

Der Erinnerungsweg thematisiert verschiedene Aspekte der Geschichte der Charité während der NS-Zeit:

  • Psychiatrie und Neurologie: Psychisch Kranke wichen in ihrem Verhalten nicht selten von gesellschaftlichen Normen ab und wurden deshalb stigmatisiert. Auch Psychiater der Charité erstellten zahlreiche Gutachten über vermeintlich „Erbkranke“, die zu Zwangssterilisationen führten. Der Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité, Max de Crinis, beteiligte sich maßgeblich an der Organisation der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“.
  • Frauenheilkunde: Entsprechend dem biologistischen Menschenbild im Nationalsozialismus wurden Frauen auf erb- und rassenbiologische Merkmale reduziert. Bis hin zu Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen unterlag der weibliche Körper „rassischen“ und erbgesundheitlichen Bewertungen.
  • Lehren und Lernen: Bereits vor 1933 setzten sich Studierende der Berliner Universität für rassistisch-völkisch ausgrenzende und autoritäre Gesellschaftskonzepte ein. Sie bedrohten und vertrieben politisch Andersdenkende und unterstützten die rassistische „Säuberungspolitik“ des Nationalsozialismus.
  • Verfolgte Wissenschaft: Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 markiert den Beginn einer reichsweiten Entlassungswelle „rassisch“ und politisch unerwünschter Angehöriger des öffentlichen Dienstes.
  • Dermatologie und Venerologie: Die gesundheitspolizeiliche Überwachung (auch Zwangsuntersuchung) weiblicher Prostituierter galt als geeignete Methode, Syphilis zu verhindern. Trotzdem wirkte sich vor allem in der NS-Zeit die diskriminierende Charakterisierung Prostituierter als minderwertig, schädlich und krankmachend weiterhin zum Nachteil der betroffenen Frauen aus.
  • Chirurgie: Namhafte Chirurgen beteiligten sich an Medizinverbrechen, wobei ihre enge Anbindung an das Militär, die SS und den NS-Herrschaftsapparat die Missachtung humanitärer Prinzipien beförderte.

GeDenkOrt.Charité - Wissenschaft in Verantwortung

GeDenkOrt.Charité ist ein interdisziplinäres Projekt, in dem u. a. das Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, die Universität der Künste (UdK) Berlin und das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité zusammenarbeiten. Der Erinnerungsweg und die historische Ausstellung „Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte. Die Charité im Nationalsozialismus und die Gefährdungen der modernen Medizin“ bilden zusammen den GeDenkOrt.Charité - Wissenschaft in Verantwortung. Mit diesem Projekt setzt sich die Charité öffentlich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander und will den Dialog über die Verantwortung der Medizin und der Wissenschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anregen.

Die Verantwortung der Medizin und Wissenschaft

Vor dem Hintergrund der NS-Verbrechen ist es ausdrückliches Ziel der Erinnerungs- und Gedenkarbeit an der Charité, Verantwortung für die Folgen dieser Zeit zu übernehmen und einen kontinuierlichen Dialog über die Verantwortung der Medizin und Wissenschaft zu ermöglichen, der sich nicht nur auf die Vergangenheit beschränkt, sondern auch die Gegenwart und Zukunft einbezieht. Die Themen der einzelnen Stationen des Erinnerungsweges zeigen, wie medizinisches Wissen politisch instrumentalisiert wurde und welche Folgen dies für die Betroffenen hatte.

Weitere Ausstellungen und Veranstaltungen der Charité

Neben dem Erinnerungsweg und der historischen Ausstellung im Gebäude der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie bietet die Charité weitere Ausstellungen und Veranstaltungen, die sich mit der Geschichte der Medizin und aktuellen Fragestellungen auseinandersetzen. Dazu gehören unter anderem:

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  • Die Sonderausstellung „Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (BMM), die sich mit der Hysterie um den Scheintod im 18. Jahrhundert auseinandersetzt.
  • Die Ausstellung „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum (BMM) der Charité, die Emotionen im Zusammenhang mit der Diagnose Krebs thematisiert und die gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen in diesem Kontext betrachtet.
  • Der "Dialog an Deck“ auf der MS Wissenschaft zum Thema „Medizin für alle? Wunsch und Wirklichkeit globaler Gesundheit", bei dem Vertreter*innen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik über Möglichkeiten und Grenzen einer gerechten medizinischen Versorgung diskutieren.

Künstlerteam REMEMBER

Sharon Paz, Jürgen Salzmann und Karl-Heinz Stenz arbeiten seit 2005 in verschiedenen nationalen und internationalen Projekten zusammen. Für REMEMBER kam zusätzlich ihre langjährige Kollegin Danielle Ana Füglistaller dazu.

  • Sharon Paz: Ihre Arbeiten wurden in Ausstellungen in der Weserburg | Museum für moderne Kunst in Bremen, bei Smack Mellon in New York City/US, im Herzliya Museum of Contemporary Art in Herzliya/IL und im Petach Tikva Museum of Art in Petach Tikva/IL gezeigt.
  • Jürgen Salzmann: Seine Tätigkeitsfelder reichen von Off-Theater über Live Art bis hin zu Tanzproduktionen und Operninszenierungen. Im Zentrum seiner Arbeit steht der künstlerische Austausch im offenen Dialog, beispielsweise in Projekten mit geflüchteten Menschen oder mit Zeitzeug*innen deutscher Geschichte.
  • Karl-Heinz Stenz: Er arbeitet als Theaterschaffender, Videokünstler und Performer. Dabei entwickelt er hauptsächlich partizipative Theaterperformances, für die er als Autor, Mediengestalter und Darsteller tätig wird.

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