Chronische Degenerative Neuropathie: Ursachen und Behandlungsansätze

Die chronische degenerative Neuropathie, oft auch Polyneuropathie (PNP) genannt, ist eine Erkrankung, die viele Menschen betrifft. Schätzungen zufolge leiden weltweit 40 von 100.000 Menschen an dieser Nervenerkrankung. Der Begriff "Polyneuropathie" bedeutet, dass viele Nerven gleichzeitig geschädigt sind. Es gibt Hunderte verschiedener Arten von PNP, und die Ursachen können vielfältig sein. Oftmals lässt sich der genaue Auslöser im Nachhinein nicht mehr feststellen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze der chronischen degenerativen Neuropathie.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems (PNS). Das PNS umfasst alle Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Diese Nerven sind entscheidend für die Übertragung von Signalen zwischen dem Gehirn und den verschiedenen Teilen des Körpers. Bei einer Polyneuropathie sind mehrere Nervenfasern geschädigt oder zerstört, was die Reizweiterleitung stört.

Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 65 Jahren, wobei Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen. Es ist wichtig, die Ursache der Polyneuropathie zu ermitteln, um dieser mit Medikamenten und Therapien entgegenzuwirken.

Die Rolle der Nervenzellen

Jede Nervenzelle besteht aus einem Zellkörper und einem Nervenfortsatz, dem Axon. Axone können als elektrisch leitende Kabel betrachtet werden, die für die Signalweiterleitung verantwortlich sind. Um eine optimale Reizweiterleitung zu gewährleisten, sind die Axone von einer isolierenden Schicht, der Myelinscheide, umgeben.

Bei einer Polyneuropathie können unterschiedliche Teile dieser Nervenfortsätze geschädigt sein:

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei chronischer Nervenentzündung im Rücken

  • Demyelinisierende Polyneuropathie: Hierbei zerfällt die Myelinschicht, was die elektrische Reizweiterleitung stört. Je nach Ursache kann sich diese Form der Neuropathie teilweise wieder bessern.
  • Axonale Polyneuropathie: Hier ist das Axon selbst betroffen. Diese Form geht meist mit schwerwiegenderen Beschwerden einher und hat eine schlechtere Prognose.

In manchen Fällen treten beide Formen kombiniert auf, sodass sowohl die Myelinschicht als auch die Axone geschädigt sind.

Ursachen der Chronischen Degenerativen Neuropathie

Die Ursachen einer Polyneuropathie können vielfältig sein. Hier sind einige der häufigsten Faktoren, die zu dieser Erkrankung führen können:

Diabetes Mellitus

Diabetes ist eine der Hauptursachen für Polyneuropathie, bekannt als diabetische Polyneuropathie. Chronisch erhöhte Blutzuckerspiegel können die Nerven schädigen. Forscher haben Zusammenhänge zwischen Polyneuropathie und Insulinresistenz (beginnender Diabetes) festgestellt. Eine optimale Insulintherapie kann vor dieser Langzeitfolge des Diabetes mellitus schützen. Es ist wichtig, die Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen, um die Nervenschädigung zu stoppen. Allerdings sollte eine zu rasche Senkung der Blutzuckerwerte vermieden werden, da dies zu weiteren Nervenschäden führen kann. Eine sanfte Senkung des HbA1c-Wertes um weniger als zwei Prozentpunkte über einen Zeitraum von drei Monaten gilt als optimal.

Vitaminmangel

Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, kann zu neurologischen Schäden führen. Vitamin B12 ist wichtig für die Regeneration und Bildung der Myelinscheiden der Nervenfasern. Auch eine langjährige Fehlernährung kann zu einer PNP führen. Es ist ratsam, den Vitamin-B12-Spiegel regelmäßig zu überprüfen und bei Bedarf zu supplementieren. Eine Messung von Vitamin B12 im Serum ist hierfür nicht ausreichend; stattdessen sollten Homocystein und Methylmalonat bestimmt werden.

Toxische Einflüsse

Polyneuropathie kann die Folge einer Vergiftung sein. Chemikalien wie Pflanzenschutzmittel (Glyphosat) oder Quecksilber können Nervenschäden verursachen. Auch der langjährige Einfluss von Chemikalien am Arbeitsplatz kann eine PNP auslösen. Drogen sind ebenfalls ein möglicher auslösender Faktor. Es ist ratsam, den Kontakt mit solchen Substanzen zu vermeiden und die Belastung mit Schwermetallen und Aluminium durch eine Haaranalyse oder Nagelanalyse zu überprüfen.

Lesen Sie auch: Epilepsie als chronische Erkrankung verstehen

Medikamente

Manche Medikamente können eine Polyneuropathie verursachen. Besonders bekannt ist dies bei Chemotherapeutika, aber auch einige Antibiotika (Metronidazol, Nitrofurantoin, Linezolid) und bestimmte HIV-Medikamente gelten als mögliche PNP-Ursachen. In seltenen Fällen können auch Cholesterinsenker (Statine) Nervenschäden fördern. Bei Auftreten von PNP-Symptomen sollte der behandelnde Arzt konsultiert werden, um die Medikation gegebenenfalls anzupassen.

Andere Krankheiten

Die Polyneuropathie kann eine Begleit- oder Folgeerscheinung vieler anderer Krankheiten sein, wie z. B. Borreliose, HIV (durch Virus und auch durch die Medikamente) sowie von manchen Autoimmunerkrankungen. Es ist wichtig, diese Grunderkrankungen zu behandeln, um den Verlauf der Polyneuropathie günstig zu beeinflussen.

Idiopathische Neuropathie

Trotz aller diagnostischen Fortschritte bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar ("idiopathische Neuropathie"). In diesen Fällen können Ärzte nur die Symptome behandeln.

Altersbedingte Veränderungen

Das periphere Nervensystem ist im Laufe des Alternsprozesses Veränderungen unterworfen. Mit zunehmendem Alter steigt die Anzahl abnormer Fasern mit Zeichen der Waller-Degeneration, segmentaler Demyelinisierung sowie Abnormitäten und Variation der internodalen Distanz. Auch die Anzahl der sympathischen Neurone im Rückenmark nimmt pro Dekade ab. Diese altersassoziierten Veränderungen des PNS können auch bei gesunden alten Menschen zu Symptomen und Zeichen führen, die denen einer Neuropathie entsprechen.

Genetische Faktoren

Hereditäre Neuropathien sind eine Gruppe klinisch und genetisch heterogener Erkrankungen des peripheren Nerven. Die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) ist die häufigste Form der hereditären Neuropathien. Seit Beschreibung des ersten Neuropathie-Gens 1991 sind mittlerweile mehr als 130 Gene bekannt, die mit einer Neuropathie assoziiert sein können.

Lesen Sie auch: Chronische Meningitis: Ein umfassender Überblick

Symptome der Chronischen Degenerativen Neuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Typische Symptome sind Kribbeln, Brennen und Taubheit, die anfangs an beiden Füßen und Beinen auftreten. Diese Gefühlsstörungen haben ihren Ursprung in den langen Nerven, die Muskeln, Haut und Organe mit dem Gehirn verbinden.

Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen:

  • Sensible Beschwerden: Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühl, Juckreiz, Brennen oder Stechen. Betroffene berichten oft von schmerzlosen Wunden oder dem Gefühl, auf Watte zu gehen. Temperaturen werden häufig verfälscht wahrgenommen, und selbst leichte Berührungen können extreme Schmerzen auslösen.
  • Motorische Beschwerden: Muskelzuckungen, -krämpfe und Schmerzen. Die betroffenen Muskeln können im Verlauf der Erkrankung erlahmen, und die körperliche Ausdauer lässt nach.
  • Autonome Beschwerden: Übermäßiges oder vermindertes Schwitzen, Ohnmachts- und Schwindelanfälle, Herzrasen oder zu langsamer Herzschlag, Schluckbeschwerden, Völlegefühl, Verstopfung und Durchfall, erschwertes oder ungewolltes Wasserlassen, Wassereinlagerungen und Hautveränderungen an den Füßen, Erektionsstörungen und fehlende Pupillenbewegungen.

Diagnose der Chronischen Degenerativen Neuropathie

Um eine Polyneuropathie zu diagnostizieren, führt der Arzt verschiedene Untersuchungen durch:

  • Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine neurologische Untersuchung durch, um die Funktion der Nerven zu überprüfen. Dabei werden Reflexe, Pupillenreaktion und mögliche Fehlbildungen des Skeletts untersucht.
  • Elektroneurografie (ENG): Hierbei wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen, um festzustellen, ob die Nerven geschädigt sind.
  • Elektromyografie (EMG): Diese Untersuchung prüft die elektrische Muskelaktivität, um festzustellen, ob das Problem beim Muskel selbst oder bei den ihn versorgenden Nerven liegt.
  • Quantitative sensorische Untersuchung: Hier wird geprüft, wie ein Nerv auf bestimmte Reize wie Druck oder Temperatur reagiert.
  • Blutuntersuchungen: Diese dienen dazu, häufige und behandelbare Ursachen der Nervenschädigung zu erkennen. Dabei werden Entzündungswerte, Blutzuckerwerte, Vitamin-B12-Status, Leber- und Nierenwerte sowie gegebenenfalls spezielle Tests auf Infektionskrankheiten durchgeführt.
  • Nervenbiopsie: In bestimmten Fällen wird eine Gewebeprobe des Nervengewebes entnommen und unter dem Mikroskop untersucht.
  • Hautbiopsie: Hierbei wird ein kleines Stück Haut entnommen und untersucht, um die kleinen Nervenfasern der Haut zu beurteilen.
  • Weitere Untersuchungen: Je nach Bedarf können weitere Untersuchungsmethoden wie Elektrokardiografie (EKG), Ultraschall-Untersuchung der Harnblase, genetische Untersuchung oder Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt werden.

Behandlung der Chronischen Degenerativen Neuropathie

Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache der Erkrankung zu behandeln und die Symptome zu lindern.

Ursachenspezifische Therapie

  • Diabetes Mellitus: Eine optimale Blutzuckereinstellung ist entscheidend, um die Nervenschädigung zu stoppen.
  • Alkoholsucht: Ein dauerhafter Alkoholentzug ist notwendig, um weitere Nervenschäden zu verhindern.
  • Medikamente: In vielen Fällen kann die Therapie umgestellt werden, um die Nervenschädigung zu reduzieren.
  • Umweltgifte: Der Kontakt mit Umweltgiften sollte vollständig vermieden werden.
  • Genetische Veranlagung: Bei erblich bedingten Neuropathien konzentriert sich die Behandlung momentan auf physiotherapeutische Maßnahmen.
  • Fehlgeleitetes Immunsystem: Erkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) oder die chronisch-inflammatorische Polyradikuloneuropathie (CIDP) bedürfen meist einer stationären Behandlung.

Symptomatische Therapie

  • Medikamentöse Schmerztherapie: Verschiedene Antikonvulsiva, Antidepressiva und Opioide können die Schmerzen einer PNP lindern. Auch Capsaicin-Pflaster auf der Haut haben sich als erfolgversprechend erwiesen.
  • Physio- und Ergotherapie: Physiotherapie hilft, geschwächte Muskelgruppen zu stärken, während Ergotherapie bei alltäglichen Handgriffen unterstützt.
  • Medizinische Fußpflege: Regelmäßige medizinische Fußpflege ist wichtig, um kleine Wunden an den Füßen zu erkennen und zu behandeln.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Hierbei werden Elektroden auf den schmerzenden Hautarealen angebracht, um die Nerven zu stimulieren und die Schmerzweiterleitung zum Gehirn zu blockieren.
  • Rotlicht-Therapie: Die Rotlicht-Therapie kann bei vielen Beschwerden hilfreich sein, insbesondere bei der Linderung von Nervenschmerzen.
  • Uridinmonophosphat (UMP): UMP ist ein wichtiger Baustein für Nervenzellen und kann die Regeneration geschädigter Nerven unterstützen. In Kombination mit Folsäure und Vitamin B12 konnte UMP in einer Studie mit über 200 PNP-Patienten die Nervenschmerzen signifikant reduzieren.
  • Alpha-Liponsäure: Die Alpha-Liponsäure ist ein starkes Antioxidans, das bevorzugt zur Behandlung der diabetischen Polyneuropathie verwendet wird.
  • Magnesium: Magnesium beruhigt das Nervensystem und kann bei der Linderung von Nervenschmerzen helfen.
  • Vitamin D: Vitamin D gilt als eine wirksame Substanz für die Behandlung neuropathischer Symptome.
  • Heilpflanzen: Diverse Heilpflanzen wie Kalmus, Estragon, Salbei oder Kurkuma können bei Polyneuropathie hilfreich sein. Auch Helmkraut beruhigt das gesamte Nervensystem.
  • Äußerliche Anwendungen: Nachtkerzenöl kann wirkungsvoll bei der Vorbeugung von Nervenschäden und möglicherweise bei milden Formen der diabetischen Polyneuropathie hilfreich sein. Die äußerliche Anwendung von Rizinusöl-Packungen kann bei manchen Menschen die Symptome der Polyneuropathie lindern.

Weitere Tipps

  • Achten Sie auf kleine, dafür häufigere Mahlzeiten, um Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen vorzubeugen.
  • Nehmen Sie viel Flüssigkeit und ballaststoffreiche Lebensmittel zu sich, um Verstopfungen entgegenzuwirken.
  • Wählen Sie eine Schlafposition mit erhobenem Oberkörper und tragen Sie auch nachts Stützstrümpfe, um Schwindelgefühle beim Aufstehen zu reduzieren.
  • Testen Sie warme, kalte oder Wechselbäder, um Schmerzen und Fehlempfindungen zu lindern. Auch warme oder kalte Umschläge können eine wohltuende Wirkung haben.
  • Gewöhnen Sie sich einen routinemäßigen Gang zur Toilette alle drei Stunden an, um einem veränderten Harndrang zu begegnen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden.
  • Lassen Sie sich bei Erektionsstörungen oder trockener Vaginalhaut ärztlich beraten. Eine Vakuumpumpe oder Gleitmittel können hier sehr hilfreich sein.
  • Entfernen Sie Stolperfallen und schaffen Sie eine barrierefreie Umgebung, um die Sturzgefahr zu mindern.
  • Gesunde Ernährung, ein gutes Stressmanagement, Bewegung sowie Entgiftung können ebenfalls hilfreich sein.

tags: #chronische #degenerative #neuropathie