Die Diskussion um mögliche neurologische Nebenwirkungen im Zusammenhang mit COVID-19-Impfstoffen, insbesondere Comirnaty von BioNTech/Pfizer, ist ein wichtiges Thema im öffentlichen Gesundheitswesen. Es ist entscheidend, verfügbare Daten sorgfältig zu prüfen, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschungslage, indem er die Daten aus verschiedenen Studien und Berichten zusammenführt.
Einführung
Seit Beginn der COVID-19-Impfprogramme wurden immunvermittelte neurologische Erkrankungen von den Zulassungsbehörden als Nebenwirkungen von besonderem Interesse eingestuft. Dies führte zu einem engmaschigen Monitoring und zur Veröffentlichung zahlreicher Fallberichte weltweit, obwohl ein kausaler Zusammenhang nicht immer nachgewiesen werden konnte. Beobachtungsstudien lieferten gemischte Ergebnisse, was die Notwendigkeit einer umfassenden Analyse unterstreicht.
Vergleich von Impfstoffen und SARS-CoV-2-Infektionen
Eine im British Medical Journal (BMJ) veröffentlichte Studie untersuchte das Auftreten von immunvermittelten neurologischen Erkrankungen nach COVID-19-Impfung und SARS-CoV-2-Infektion. Die Studie umfasste mehr als 8.330.497 Menschen aus dem Vereinigten Königreich und Spanien, die mindestens eine Dosis der COVID-19-Vakzine von AstraZeneca, BioNTech/Pfizer, Moderna oder Johnson & Johnson erhalten hatten. Zusätzlich wurde eine Kohorte von 735.870 ungeimpften Personen mit SARS-CoV-2-Infektion sowie 14.330.080 Teilnehmende aus der Allgemeinbevölkerung berücksichtigt.
Inzidenzraten nach Impfung und Infektion
Die Inzidenzraten wurden 21 Tage nach der ersten COVID-19-Impfung, 90 Tage nach einem positiven PCR-Test auf SARS-CoV-2 und zwischen 2017 und 2019 für die Hintergrundraten in der Allgemeinbevölkerung ermittelt. Interessanterweise entsprachen die Inzidenzraten für Fazialisparese sowie Encephalomyelitis und das Guillain-Barré-Syndrom nach der COVID-19-Impfung den erwarteten Werten basierend auf den Hintergrundwerten in der Allgemeinbevölkerung.
Im Gegensatz dazu waren die Inzidenzraten bei den Teilnehmenden mit SARS-CoV-2-Infektion höher als erwartet. Beispielsweise betrug die standardisierte Inzidenzrate für Fazialisparese im Vereinigten Königreich 1,33 (95-%-KI 1,02-1,74), für Encephalomyelitis 6,89 (95-%-KI 3,82-12,44) und für Guillain-Barré-Syndrom 3,53 (95-%-KI 1,83-6,77). Transverse Myelitis trat mit weniger als fünf Ereignissen in allen geimpften Kohorten sehr selten auf und konnte daher nicht analysiert werden.
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Autoantikörper und Impfnebenwirkungen
Ein Bericht über einen älteren Mann, der nach einer SARS-CoV-2-Impfung eine Enzephalitis entwickelte, verdeutlicht die Möglichkeit von Autoimmunreaktionen. Harald Prüß, Neurologe an der Berliner Charité, fand bei dem Patienten Entzündungszellen und Antikörper im Nervenwasser. Diese Antikörper koppelten an Strukturen des Mausgehirns, was darauf hindeutet, dass sie auch beim Menschen körpereigene Strukturen angreifen könnten.
Kreuzreaktionen und molekulare Mimikry
Antikörper können sowohl gegen das Virus als auch gegen körpereigene Strukturen reagieren und dadurch Schäden verursachen. Dieses Phänomen wird als Kreuzreaktion oder molekulare Mimikry bezeichnet. Obwohl solche Mechanismen bereits von anderen Impfungen bekannt sind, ist der Nachweis im Zusammenhang mit COVID-19-Impfstoffen komplex. Biomarker wie Auto-Antikörper, die sich gegen Hirnstrukturen richten, können jedoch helfen, den Zusammenhang zu belegen.
Die Bedeutung von Biomarkern
Forschergruppen weltweit arbeiten mit Hochdruck daran, Biomarker zu finden, die den Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer anschließenden Erkrankung belegen können. Ein Beispiel dafür ist die vakzineinduzierte immunogene Thrombozytopenie (VITT) nach der Impfung mit Vaxzevria von AstraZeneca, bei der Betroffene Antikörper gegen ein Protein auf der Oberfläche ihrer eigenen Blutplättchen bilden. Auch bei der Myokarditis wurden spezifische Antikörper gegen Proteine gefunden, die Entzündungen hemmen.
Das Post-Vac-Syndrom
Das Post-Vac-Syndrom (PVS) beschreibt anhaltende Beschwerden nach einer COVID-19-Impfung, dieLong-COVID ähneln. Typische Symptome sind Fatigue, kardiovaskuläre und neurologische Beschwerden. Eine diagnostische Herausforderung besteht darin, dass viele weitere unspezifische Symptome auftreten können. Es wird geschätzt, dass ein niedriger einstelliger Prozentsatz der Long-COVID-Patienten tatsächlich unter einem Post-Vac-Syndrom mit neuronalen Symptomen leidet.
Forschung und Therapieansätze
Die Forschung zur Pathogenese von PVS ist im Gange, und es werden verschiedene Theorien diskutiert. Therapieansätze, die teilweise denen von Long-COVID entsprechen, umfassen Statine, AT1-Antagonisten, Triple-Antikoagulation und extrakorporale Blutwäscheverfahren. Ein personalisiertes Energiemanagement und Diäten können die Therapien ergänzen. Es gibt auch eine rege Diskussion in sozialen Medien, wobei Behandler gezielt nach Nahrungsergänzungen und eigenen Therapieversuchen fragen sollten, um Wechsel- und Nebenwirkungen zu überblicken.
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Sicherheitsdaten aus großen Studien
Eine groß angelegte Studie wertete die Daten von über 99 Millionen geimpften Personen aus zehn Standorten aus und konzentrierte sich auf die am häufigsten verabreichten Impfstoffe Comirnaty, Spikevax und Vaxzevria. Die Forschenden kontrollierten, ob in einem Risiko-Intervall von null bis 42 Tage nach einer Corona-Impfung bestimmte „unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse“ (Adverse Events of Special Interest, AESI) auftraten.
Neurologische Beschwerden
Bei den neurologischen Erkrankungen wurde insbesondere nach einer AstraZeneca-Impfung eine erhöhte OE-Ratio für das Guillain-Barré-Syndrom (2,49), akute disseminierte Enzephalomyelitis (2,23) und transversale Myelitis (1,91) festgestellt. Auch nach einer Dosis mit dem Moderna-Impfstoff wurden mehr Fälle von akuter disseminierten Enzephalomyelitis (3,78) und transversale Myelitis (1,50) festgestellt.
Hämatologische Beschwerden
Bei den hämatologischen Erkrankungen wurde insbesondere die zerebrale Venensinusthrombose gehäuft nach einer Impfung mit AstraZeneca (3,23) festgestellt. Auch bei den Impfungen mit BioNTech/Pfizer (1,49) bzw. Moderna (1,48) sind die OE-Verhältnisse für zerebrale Venensinusthrombose erhöht, liegen jedoch knapp unter der definierten 1,5-Grenze.
Herz-Kreislauf-Beschwerden
Insbesondere bei den mRNA-Impfstoffen (BioNTech/Pfizer und Moderna) wurden vermehrt Fälle von Myokarditis gemeldet. Die OE-Ratio lag nach der ersten, zweiten, dritten und vierten Dosis über dem Schwellenwert für ein prioritäres Sicherheitssignal von 1,5. Auch bei Perikarditis wurde ein prioritäres Sicherheitssignal nach einer Moderna- (1,74, zweite Dosis 1,67) und BioNTech/Pfizer-Impfung (1,54) festgestellt.
Die Rolle des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI)
In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für die Beurteilung und Überwachung der Impfstoffe verantwortlich. Nach 192.208.062 Impfungen wurden 340.282 Meldungen über den Verdacht einer Nebenwirkung bzw. Impfkomplikation gemacht. Das entspricht 1,77 Verdachtsfallmeldungen auf 1000 Impfungen. Das PEI bewertete 127 von 3315 gemeldeten Todesfällen als konsistent mit einem ursächlichen Zusammenhang mit der jeweiligen COVID-19-Impfung.
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Verdachtsfälle von Krampfanfällen
Nach einer Impfung mit einem COVID-19-Impfstoff gingen beim Paul-Ehrlich-Institut bis zum 30. Juni 2022 insgesamt 1169 Verdachtsfallmeldungen eines Krampfanfalls ein. Die Melderate lag bei 0,5 Fällen pro 100.000 Comirnaty-Impfungen und 0,4 Fällen pro 100.000 Spikevax-Impfungen.
Neurologische Komplikationen nach SARS-CoV-2-Infektion
Eine Auswertung der Gesundheitsdaten von über 32 Millionen Engländern liefert wichtige Informationen zur Häufigkeit von neurologischen Komplikationen im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. mit Impfungen gegen diesen Erreger. Bis auf die hämorrhagischen Insulte fand sich innerhalb eines Monats nach einem positiven SARS-CoV-2-Test ein signifikanter Anstieg bei allen untersuchten neurologischen Erkrankungen, um den Faktor 1,2-5,2.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Die Autoren schätzen, dass nach einer Impfung mit ChAdOx1 nCoV-19 mit 38 zusätzlichen GBS-Erkrankungen pro 10 Millionen Exponierten zu rechnen ist. Da aber auch bei einer natürlichen SARS-CoV-2-Infektion mit deutlich mehr zusätzlichen GBS-Fällen zu rechnen ist (145 pro 10 Millionen Infizierten), ist das Risiko einer neurologischen Komplikation durch die Infektion deutlich höher.
Hämorrhagische Schlaganfälle
Eine Impfung mit BNT162b2 führt nach Berechnungen der Autoren zu 60 zusätzlichen hämorrhagischen Schlaganfällen pro 10 Millionen Exponierte. Die natürliche SARS-CoV2-Infektion führt nicht zu einer signifikanten Zunahme von hämorrhagischen Schlaganfällen.
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