Die COVID-19-Pandemie hat viele Aspekte des Lebens beeinflusst, einschliesslich der Gesundheit von Menschen mit Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen. Es gibt eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen über das Auftreten von Kopfschmerzen im Zusammenhang mit COVID-19-Erkrankungen und -Impfungen, die ein komplexes Bild der Zusammenhänge zwischen Coronavirus und Migräne zeichnen.
Veränderungen in der Migräneversorgung während der Pandemie
Die Pandemie hat die Art und Weise, wie Migränepatienten behandelt werden, verändert. Dr. Astrid Gendolla, eine Neurologin in Essen, berichtet, dass sie bis zu 70 Prozent ihrer Sprechstunde per Video abhält. Diese Videosprechstunden wurden aus Sicherheitsgründen eingeführt und haben sich als praktikabel erwiesen, um den Kontakt zu den Patienten aufrechtzuerhalten.
Ein interessanter Aspekt ist, dass die erwartete Verschlechterung der Kopfschmerzsymptome bei vielen Patienten nicht eingetreten ist. Kinder und Jugendliche mit Migräne profitierten teilweise vom Homeschooling, da es einen Stressfaktor reduzierte. Für Patienten mit schwerer Migräne, die eine medikamentöse Prophylaxe benötigen, erwies sich die Einführung von CGRP-Antikörpern vor dem Ausbruch der Pandemie als günstig.
Kopfschmerzen als Symptom von COVID-19
Kopfschmerzen sind ein häufiges neurologisches Symptom bei SARS-CoV-2-Infektionen. Die Prävalenzangaben in den Berichten variieren jedoch erheblich (6 bis 71 Prozent). Bei Patienten, die sich in der aktuellen Pandemie-Situation neu mit Kopfschmerzen vorstellen, empfiehlt Dr. Gendolla eine kranielle Magnetresonanztomografie, um schwere Ursachen auszuschließen.
Es gibt Hinweise darauf, dass das frühe Auftreten von Kopfschmerzen im Prodromalstadium einer SARS-CoV-2-Infektion mit einer besseren Prognose der COVID-Erkrankung korrelieren kann. Kopfschmerzen nach einer COVID-19-Impfung waren sogar mit einer robusteren Immunantwort assoziiert.
Lesen Sie auch: Ursachen von Durchfall und Krämpfen bei Coronavirus
Post-COVID-Kopfschmerzen: Eine Herausforderung
Kopfschmerzen können auch über die akute COVID-19-Erkrankung hinaus bestehen bleiben oder nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Bei Patientinnen und Patienten mit einer Kopfschmerzvorgeschichte wie Migräne treten Kopfschmerzen während und nach einer akuten COVID-19-Erkrankung intensiver und länger auf. Die Schmerzintensität während der akuten Erkrankung scheint der wichtigste Prädiktor für die Kopfschmerzdauer im folgenden Verlauf zu sein.
Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei der Entstehung von Post-COVID-Kopfschmerzen und Migräne entzündliche Prozesse und das angeborene Immunsystem eine Rolle spielen. Prof. Dr. med. Andreas Straube erklärt, dass das angeborene Immunsystem an der Entstehung und Chronifizierung der Migräne beteiligt ist und dass bei Migränepatienten bestimmte entzündungsfördernde Substanzen im Blut erhöht sind.
Therapie und Umgang mit Post-COVID-Kopfschmerzen
Menschen, die regelmäßig unter Kopfschmerzen leiden, berichten über eine stark eingeschränkte Lebensqualität. Es ist wichtig, dass Kopfschmerzpatienten ernst genommen werden und Zugang zu umfassenden Fortbildungsprogrammen haben. Der erste Kopfschmerzkongress der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) bot ein solches Fortbildungsprogramm, das neben dem Post-COVID-Kopfschmerz auch Themen wie Cannabis und Kopfschmerz, neue Impulse aus der Forschung und den aktuellen Stand der Kopfschmerzversorgung in Deutschland umfasste.
Da Kopfschmerzen ein häufiges Symptom einer akuten Covid-19-Erkrankung sind, leiden diese Patienten im Durchschnitt kürzer an der Viruserkrankung. Allerdings leiden Patienten mit primären Kopfschmerzen in der Vorgeschichte, vor allem Migräne, häufiger und heftiger unter Kopfschmerzen bei einer akuten Covid-19-Erkrankung. Neu auftretender Dauerkopfschmerz kann bei etwa 10 Prozent aller Covid-19-Patienten zum Problem werden.
Die Rolle des Immunsystems und Entzündungen
Bei chronischen Kopfschmerzen wird eine Beteiligung des Inflammasoms diskutiert. Das Inflammasom ist ein Eiweißkomplex, der sich innerhalb von Zellen befindet und als Reaktion auf Krankheitserreger oder zellulären Stress aktiviert wird. Es ist Teil der angeborenen Immunabwehr und kann die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen veranlassen. Dieser Mechanismus könnte auch bei der Chronifizierung von primären Kopfschmerzen wie Migräne eine Rolle spielen.
Lesen Sie auch: Parkinson-Erkrankung während der Pandemie
Es gibt Hinweise darauf, dass diese Kopfschmerzformen auf dieselben Mechanismen zurückzuführen sind. Studien haben gezeigt, dass HMGB1, NLRP3, IL-6 und ACE2-Spiegel bei COVID-19 mit Kopfschmerzen erhöht sind, was einen Einblick in den infektionsbedingten Kopfschmerzmechanismus gibt.
NDPH und COVID-19
SARS-CoV-2 kann die Entstehung von täglich auftretenden, andauernden Kopfschmerzen triggern. Experten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) warnen davor, dass die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln wiederum Kopfschmerzen auslösen und zu einer Chronifizierung führen kann.
Die IHS-Klassifikation (ICHD-3) hat diesen Kopfschmerztyp als Subtyp von sekundären Kopfschmerzen aufgenommen. Man spricht von „Kopfschmerz in Folge einer systemischen Virusinfektion“, wenn eine systemische Viruserkrankung vorliegt und eine Hirnhautentzündung (Meningitis) sowie Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) ausgeschlossen wurden. SARS-CoV-2 ist offensichtlich ein Trigger für sogenannte neue täglich auftretende, andauernde Kopfschmerzen („new daily persistent headache“/NDPH), ein Phänomen, das wir bisher vor allem von Viren der Herpes-Familie kennen.
Kopfschmerzen, die bei einer akuten Covid-19-Erkrankung auftreten, zählen ebenfalls zu diesem Krankheitsbild. Im Gegensatz zu anderen viralen Infektionen persistieren die Kopfschmerzen bei bis zu 45% der Menschen auch nach der Covid-19-Akuterkrankung.
Risikofaktoren für NDPH in Folge einer Covid-19-Erkrankung scheinen weibliches Geschlecht, Kopfschmerzen als erstes Covid-19-Symptom, ein eher schlechtes Ansprechen auf die Schmerzmedikation und vorbestehende Kopfschmerzkrankheiten zu sein.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Herausforderungen in der Therapie
Eine gewisse Herausforderung stellt die Therapie dar. Zwar wirken herkömmliche, frei verkäufliche Kopfschmerzmittel relativ gut bei Covid-19-assoziierten Kopfschmerzen, zumindest wurde das für die Akutphase der Viruserkrankungen beschrieben, sie sind aber aus zwei Gründen problematisch: Zum einen ist bekannt, dass SARS-CoV-2 auch direkt die Nieren angreift, weshalb man zumindest mit der Substanzklasse der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), zu ihr gehört z.B. Ibuprofen, vorsichtig sein sollte, da diese Präparate bei längerer Einnahme in seltenen Fällen die Nieren schädigen können.
Die zweite Gefahr ist, dass bei täglichen Kopfschmerzen über einen längeren Zeitraum, so wie sie bei vielen Long-/Post-Covid-Betroffenen auftreten, die tägliche Einnahme von Schmerztabletten zur Normalität wird. Doch Kopfschmerztabletten können, wenn sie zu häufig eingenommen werden, Kopfschmerzen auslösen - und so entsteht ein Teufelskreis, der zur Chronifizierung führt. Von einem „Medication Overuse Headache“/MOH ist bereits auszugehen, wenn an über 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen auftreten und diese über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten mit einem oder mehreren Schmerzmedikamenten behandelt werden.
Professor Peter Berlit, DGN-Generalsekretär, rät Menschen mit Wochen oder gar Monate andauernden Kopfschmerzen nach einer Covid-19-Erkrankung, sparsam mit Kopfschmerztabletten umzugehen, um nicht in das ‚Hamsterrad´ des medikamenteninduzierten Kopfschmerzes zu geraten. Er empfiehlt, auch nichtmedikamentöse Strategien auszuprobieren, wie Bewegung an der frischen Luft, Entspannungstechniken und Stressreduktion.
Migräne und COVID-19-Impfung: Nocebo-Effekt?
Es gibt Berichte von Patienten über eine Verschlechterung der Migräne als Folge einer COVID-19-Impfung oder nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Eine Studie analysierte die Daten von 550 Erwachsenen, die wegen dauerhafter Migräne-Probleme in einer spanischen Klinik behandelt wurden. Die vorläufigen Daten deuten darauf hin, dass sowohl eine SARS-CoV-2-Infektion als auch eine COVID-19-Impfung eine vernachlässigbare Rolle bei der Verschlechterung der Migräne spielen. Bei den an Corona Erkrankten zeigte sich zudem eine größere Sorge, unter stärkeren Migräne-Symptomen zu leiden als bei jenen, die noch kein Covid-19 hatten. Noch stärker war diese Sorge bei den Geimpften. Die Wissenschaftler resümieren, dass eine Corona-Erkrankung in Einzelfällen eine Migräne verschlimmern kann, dies aber eher die Ausnahme ist.
Long-COVID und Kopfschmerzen
Long-Covid beschreibt die Auswirkungen und Langzeitsymptome von Covid-19, die über Wochen oder Monate nach der Erkrankung anhalten. Mehr als vier von zehn (42 Prozent) Personen litten mehr als ein Jahr nach ihrer Corona Infektion unter Long-Covid-Symptomen. Long-Covid kann langanhaltend oder periodisch in Zyklen auftreten.
Viele Studien haben gezeigt, dass Covid-19 Kopfschmerzen verursachen kann. Manche Menschen bekommen sogar Kopfschmerzen, bevor sie Atemprobleme bemerken. Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Symptomen von Covid-19. Virusinfektionen können eine vorbestehende Migräne verschlimmern; die Anfälle können häufiger auftreten oder die Schmerzen können länger als gewöhnlich anhalten.
Die Entstehungsmechanismen der akuten SARS-CoV2-Infektion sind umfangreich untersucht und identifiziert worden. Die genauen Gründe, die zur Persistenz der Symptome und zu Long-Covid führen, sind noch nicht bekannt. Die Diagnose von Long-Covid wird aufgrund der klinischen Symptome und des Verlaufes gestellt.
Multidisziplinäre Betreuung bei Long-COVID
Risikofaktoren, die zu einer Persistenz der Symptome nach einer akuten Infektion führen können, sind u.a. höheres Alter, Schwere der akuten Phase, Übergewicht, weibliches Geschlecht, Komorbiditäten, Asthma und mehr als fünf Symptome in der akuten Phase. Aber auch Personen ohne diese Risikofaktoren können Long-Covid entwickeln.
Long-Covid und die Art der Symptome erfordern eine fachübergreifende diagnostische Beurteilung und eine komplexe interdisziplinäre multimodale Therapie. Ein fachübergreifendes Team muss dabei einen individuellen Therapieplan für den jeweiligen Patienten entwickeln. Dabei sind die neurologischen und psychologischen Aspekte wesentlicher Bestandteil.
tags: #coronavirus #und #migrane