Das soziale Gehirn: Die Rolle der Amygdala in Funktion und Dysfunktion

Einführung

Menschen sind soziale Wesen. Das Verstehen und Interagieren mit anderen ist für unser soziales Leben unerlässlich. Das Gehirn spielt eine entscheidende Rolle bei der neuronalen Steuerung dieser Prozesse. Das soziale Gehirn ist ein Netzwerk von Hirnregionen, das für soziale Fähigkeiten verantwortlich ist. Störungen in diesem Netzwerk können zu Defiziten in sozialen Interaktionen und zu psychischen Erkrankungen führen. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, spielt eine wichtige Rolle in diesem neuronalen Netzwerk.

Die Amygdala: Ein Überblick

Die Amygdala ist eine mandelförmige Struktur tief im Temporallappen des Gehirns, die eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst, Furcht und Bedrohung, spielt. Sie ist Teil des limbischen Systems und arbeitet eng mit anderen Hirnregionen zusammen, um unser Verhalten in sozialen Situationen zu steuern. Die Amygdala ist nicht nur ein emotionales Kontrollzentrum, sondern auch entscheidend für das Erkennen und Verstehen von Emotionen bei anderen.

Anatomische Struktur und Funktionelle Unterteilung

Die Amygdala besteht aus verschiedenen Kernen, die sich funktionell unterscheiden. Der kortikomediale Kernkomplex erhält Informationen aus Sinneswahrnehmungen und leitet sie an andere Hirnregionen weiter. Diese funktionelle Unterteilung ermöglicht es der Amygdala, eine Vielzahl von Aufgaben im Zusammenhang mit Emotionen und sozialem Verhalten zu erfüllen.

Die Rolle der Amygdala bei der Vertrauensbildung

Vertrauen ist ein Grundbaustein für unsere Beziehungen zu anderen. Ein naives Vertrauen kann zu Ausbeutung führen, während extremes Misstrauen sich in psychischen Erkrankungen wie der paranoiden und der Borderline-Persönlichkeitsstörung manifestieren kann. Eine genaue Identifizierung der Bausteine des Gehirnnetzwerks, das die Vertrauensbildung reguliert, ist notwendig, um neue medizinische Behandlungen entwickeln zu können.

Die Urbach-Wiethe-Studie: Einblicke in die Funktion der basolateralen Amygdala

Eine Studie von Lisa Rosenberger und Jack van Honk untersuchte die Vertrauensbildung von Patientinnen mit dem seltenen Urbach-Wiethe-Syndrom, das durch Verkalkungen von Teilen des Gehirns gekennzeichnet ist, insbesondere der basolateralen Amygdala. Die Ergebnisse zeigten, dass eine intakte basolaterale Amygdala notwendig ist, um einer Person Vertrauen zu schenken. Patientinnen mit Schädigungen in diesem Bereich konnten nicht lernen, wem sie vertrauen können und wem nicht.

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Die Bedeutung der basolateralen Amygdala für soziales Lernen

Die Studie ergab, dass die basolaterale Amygdala eine entscheidende Rolle beim sozialen Lernen spielt. Sie leitet Informationen über die Vertrauenswürdigkeit anderer an die relevanten Regionen des Gehirnnetzwerks weiter, wodurch wir unser Vertrauen entsprechend anpassen können. Eine defekte basolaterale Amygdala führt dazu, dass diese Informationen nicht richtig verarbeitet werden, was zu Problemen bei der Vertrauensbildung führt.

Die Amygdala und prosoziales Verhalten

Prosoziales Verhalten, also die Unterstützung anderer, ist ein Eckpfeiler menschlicher Interaktion. Die neuronalen Mechanismen, die dieses Verhalten gegenüber verschiedenen sozialen Konstellationen bestimmen, sind noch nicht vollständig geklärt.

Die Rolle der Amygdala bei altruistischen Entscheidungen

Eine Studie in Südafrika untersuchte Patientinnen mit dem Urbach-Wiethe-Syndrom, bei denen selektiv die basolaterale Amygdala (BLA) geschädigt ist. Die Ergebnisse zeigten, dass die BLA nicht grundsätzlich notwendig ist, um altruistisch zu sein. Sie hilft jedoch, den Grad der Großzügigkeit abhängig von der sozialen Distanz einer Person zu regulieren. Fehlt diese Form der Kalibrierung, dominiert die natürliche Tendenz, das eigene Wohl über das Wohl anderer zu stellen, so dass die betroffenen Personen tendenziell egoistischer handeln.

Die Amygdala als Regulator von prosozialem Verhalten

Die Studie zeigt, dass die Amygdala nicht generell prosoziales Verhalten fördert oder hemmt. Vielmehr steuert sie, wann und in welchem Maß wir prosozial handeln. Diese Erkenntnisse klären die biologischen Grundlagen für menschliches Sozialverhalten.

Die Amygdala und die "Theory of Mind"

Die "Theory of Mind" ist die Fähigkeit, die Gedanken, Gefühle und Absichten anderer Menschen zu verstehen und sich in sie hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit ist entscheidend für soziale Interaktionen und ermöglicht es uns, das Verhalten anderer vorherzusagen und darauf zu reagieren.

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Neuronale Schaltkreise für Empathie und soziales Verständnis

Die Forschung hat gezeigt, dass mehrere Hirnregionen an der "Theory of Mind" beteiligt sind, darunter die Amygdala, die rechte temporo-parietale Übergangsregion (rTPJ) und der präfrontale Kortex. Diese Regionen arbeiten zusammen, um uns zu ermöglichen, die Perspektive anderer einzunehmen und ihre Handlungen zu interpretieren.

Die Rolle der Amygdala bei der Interpretation von Emotionen

Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Interpretation von Emotionen in der Mimik anderer Menschen. Sie ermöglicht es uns, Bedrohungen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer geschädigten Amygdala Schwierigkeiten haben, Angst in den Gesichtern anderer zu erkennen.

Die Amygdala und das Gedächtnis

Die Amygdala spielt auch eine wichtige Rolle bei der Speicherung emotionaler Erinnerungen. Emotionale Ereignisse werden durch die Amygdala besonders intensiv im Gedächtnis verankert. Dies erklärt, warum wir uns oft besser an Ereignisse erinnern, die mit starken Emotionen verbunden sind.

Die Amygdala als emotionaler Verstärker

Der Mandelkern wirkt vor allem als emotionaler Verstärker. Zu welcher Reaktion eine Stimulierung führt, hängt daher beim Menschen auch davon ab, in welcher Stimmung die Versuchsperson sich zum jeweiligen Zeitpunkt gerade befindet. Probanden berichten außerdem, beim Reizen der Amygdala erinnerungsähnliche Halluzinationen gehabt zu haben, oder auch eine Déjà-vu-Erfahrung, also das Gefühl, eine Situation schon mal erlebt zu haben.

Störungen der Amygdala-Funktion

Schädigungen der Amygdala können zu Problemen bei der emotionalen Bewertung von Situationen und zu Schwierigkeiten im sozialen Umgang führen.

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Das Urbach-Wiethe-Syndrom: Ein Beispiel für Amygdala-Dysfunktion

Das Urbach-Wiethe-Syndrom ist eine seltene Erbkrankheit, die zu einer Verkalkung der Amygdala führt. Betroffene haben Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen und den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers richtig zu deuten. Dadurch ist auch das Sozialverhalten der Betroffenen stark gestört.

Amygdala und psychische Erkrankungen

Eine hyperaktive Amygdala kann zu übermäßigen emotionalen Reaktionen und einer gestörten Gefühlskontrolle führen, was bei Angstzuständen und Depressionen beobachtet wird. Die neu identifizierten Hirnareale, die beim Hineindenken mit der Amygdala verbunden sind, liegen hingegen in der Hirnrinde, näher am Schädel und sind leichter zu erreichen. Die Amygdala könnte daher künftig indirekt über diese Partnerareale und über ein weniger invasives Verfahren, die transkranielle Magnetstimulation (TMS), stimuliert werden, um psychische Erkrankungen zu lindern.

Die Amygdala und der Energiehaushalt

Die Amygdala ist Teil mehrerer neuronaler Netzwerke, die Energiehaushalt, Gefühlslage und Belohnung koordinieren. Verschiedene Nervenzelltypen der Amygdala übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben.

"Genuss-Neurone" in der Amygdala

Kürzlich beschriebene „Genuss-Neurone“ der Amygdala verbinden die Nahrungsaufnahme mit positiven Empfindungen. Eine künstliche Aktivierung dieser Nervenzellen fördert bei Mäusen die Nahrungsaufnahme, auch wenn die Tiere nicht hungrig sind.

Die Rolle von Serotonin bei der Regulierung der Nahrungsaufnahme

Die Erforschung der HTR2a-Zellen erweitert unser Wissen über die Rolle der Amygdala bei der Regulierung der Nahrungsaufnahme. Die Arbeiten werfen aber auch weitere Fragen auf. Funktionieren diese Zellen als Spezialisten bei der Nahrungsaufnahme oder eher als Generalisten bei anderen Konsumverhalten, wie Trinken und Paarung, oder sogar bei Belohnungsverhalten, wie Aufzucht von Babys oder Altruismus gegenüber Artgenossen? Welche Rolle spielt bei all diesen Funktionen der Botenstoff Serotonin, für den die HTR2a-Zellen einen spezifischen Rezeptor haben?

Die Amygdala und soziale Kognition

Soziale Kognition umfasst die Fähigkeit, die eigenen mentalen Zustände von denen anderer Menschen unterscheiden zu können. Bei Störungen in diesem Bereich kommt es häufig zu emotionaler Labilität und Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, zielgerichtetem Verhalten und Organisation.

Die Bedeutung der Amygdala für soziale Interaktionen

Zieht man nun alle oben genannten Gehirnbereiche und Funktionen in Betracht, wird klar, warum eine gesunde Gehirnentwicklung für ein gesundes Miteinander unerlässlich ist. Wie vielfältig die Funktionen der Amygdala sind, zeigt sich im Experiment: Reizt man bei Versuchstieren mit einer Elektrode den Mandelkernkomplex, ist die Reaktion davon abhängig, auf welches Gebiet man trifft.

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