Dauerkatheter bei Multipler Sklerose: Komplikationen, Alternativen und Lebensqualität

Einführung

Blasenschwäche ist ein häufiges Symptom bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS). Etwa 80% der Betroffenen leiden zehn Jahre nach der MS-Diagnose unter Blasenentleerungsstörungen und/oder Inkontinenz. Viele Betroffene suchen sich erst spät Hilfe, aus Scham, obwohl die Ursache in der Krankheit und nicht in mangelnder Körperkontrolle liegt. Es gibt verschiedene Problemfelder: die überaktive Blase, die spastische Blase und die schlaffe Blase, bei der der Blasenmuskel nicht ausreichend Spannung aufbauen kann, um die Blase zu entleeren.

Die komplexe Steuerung der Blase

Die Steuerung der Blase ist ein komplexer Vorgang, der die Koordination von drei Muskeln erfordert. Der Blasenentleerungsmuskel (Detrusor) muss in der Füllphase entspannt bleiben, während sich der innere und äußere Schließmuskel (Sphinkter) anspannen, um den Urin in der Blase zu halten. Der äußere Schließmuskel entspricht der Beckenbodenmuskulatur. Nerven melden den Füllstand der Blase, wodurch ab einer bestimmten Urinmenge der Harndrang entsteht.

Arten von Blasenfunktionsstörungen bei MS

Bei MS treten verschiedene neurogene Blasenstörungen auf. Am häufigsten sind:

  • Überaktive Blase: Der Blasenmuskel spannt sich in der Füllphase ungewollt an, was zu häufigeren Toilettengängen und Dranginkontinenz führt.
  • Spastische Blase: Der Blasenmuskel spannt sich spastisch an, oft gleichzeitig mit dem Schließmuskel, was den Urinfluss behindert.
  • Schlaffe Blase: Der Blasenmuskel kann sich nicht mehr ausreichend anspannen, um den Urin vollständig abzugeben.

Eine überaktive oder spastische Blase tritt in über 80% der Fälle auf, während eine schlaffe Blase bei 10-15% der Betroffenen vorkommt.

Diagnose von Blasenfunktionsstörungen

Zur Diagnose von Blasenfunktionsstörungen werden verschiedene Methoden eingesetzt:

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  • Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten nach Problemen beim Wasserlassen.
  • Miktionsprotokoll: Der Patient dokumentiert über mindestens zwei Tage Uhrzeit und Urinvolumen aller Toilettengänge. Auffällig sind mehr als 10-15 Toilettengänge in 24 Stunden und geringe Urinmengen (50-150 ml).
  • Restharnsonographie: Nach dem Wasserlassen wird die Restharnmenge mittels Ultraschall gemessen.
  • Uroflowmetrie: Die Harnmenge pro Zeiteinheit beim Wasserlassen wird gemessen.
  • Urodynamik: Die Drücke in der Blase, im Mastdarm, in der Vagina und auf die Beckenbodenmuskulatur werden während der Blasenfüllung gemessen.

Ziel der Diagnostik ist es, die Ursache der Blasenstörung zu ermitteln und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Ziele der Behandlung

Die Behandlung von Blasenfunktionsstörungen zielt darauf ab:

  • Die Blase soll Urin druckarm speichern können.
  • Sie soll sich bei Bedarf vollständig entleeren lassen.
  • Die Anzahl der Toilettengänge soll sich normalisieren.
  • Die Kontinenz soll wieder erreicht werden.
  • Wiederkehrende Harnwegsinfekte sowie Nierenerkrankungen sollen vermieden werden.
  • Die Lebensqualität soll ansteigen.

Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt vielfältige Behandlungsoptionen für neurogene Blasenfunktionsstörungen infolge von MS. Federführend ist der Urologe oder Neurourologe, der jedoch im engen Austausch mit dem behandelnden Neurologen stehen sollte. Die Behandlungsoptionen reichen von Verhaltenstherapie und Physiotherapie über Hilfsmittel bis hin zu medikamentösen oder operativen Eingriffen.

Verhaltenstherapie und Physiotherapie

  • Beckenbodentraining: Kann mit oder ohne Elektrostimulation durchgeführt werden.
  • Entspannungstechniken: Können helfen, die Blasenmuskulatur zu entspannen.
  • Ausreichende Trinkmenge: Wichtig, um die Blase zu spülen und Harnwegsinfektionen vorzubeugen.

Medikamentöse Therapie

  • Orale Medikamente: Es gibt verschiedene Medikamente, die bei überaktiver Blase oder spastischer Blase helfen können.
  • Medikamente zur direkten Verabreichung in die Blase: Einige Medikamente werden direkt in die Blase verabreicht, um ihre Wirkung zu entfalten.

Hilfsmittel

  • Inkontinenzhilfsmittel: Vorlagen, spezielle Slips oder Tropfenfänger können Urin auffangen und speichern.
  • Ableitende Inkontinenzprodukte: Kondom-Urinale oder Einmal- sowie Dauer-Katheter.

Operative Eingriffe

  • Blasenschrittmacher: Können bei überaktiver Blase eingesetzt werden.

Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)

Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) ist ein Eckpfeiler der neuro-urologischen Versorgung von MS-Patienten. Er wird eingesetzt, um die Blase regelmäßig und vollständig zu entleeren und Restharn zu vermeiden. Der ISK ist oft die erste Wahl für das Ablassen von Restharn.

Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) im Detail

Beim intermittierenden Katheterismus wird in regelmäßigen Zeitintervallen ein dünner Schlauch (Katheter) in die Blase eingeführt, über den der Urin abfließen kann. Unmittelbar nach Entleerung der Blase wird der Katheter sofort wieder entfernt. In der Regel wird der Vorgang ca. 4 bis 6 mal täglich durchgeführt.

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Vorteile des ISK

  • Vermeidung von Restharn und Harnwegsinfektionen
  • Erhöhung der Lebensqualität und Selbstständigkeit
  • Verbesserung des Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls
  • Ermöglichung körperlicher Aktivitäten und sexueller Aktivität
  • Besserer Schlaf
  • Weniger Schmerzen und Beschwerden

Durchführung des ISK

Die Durchführung des ISK ist nicht kompliziert und lässt sich zügig erlernen. Wichtig ist eine gute Anleitung durch eine Fachkraft. Es gibt verschiedene Kathetermodelle, die auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sind. Bereits vorbeschichtete, hydrophile Katheter schonen die Harnröhre durch ihre wasserbindende Oberfläche.

ISK bei Frauen

Der ISK bei der Frau läuft wie folgt ab:

  1. Nach dem Händewaschen entfernt die Frau ihre Kleidung, wie zum Toilettengang.
  2. Nachdem man auf der Toilette platzgenommen hat, befestigt man einen Beinspiegel am Oberschenkel oder bringt einen Kosmetikspiegel an der Toilettenbrille an.
  3. Die Umverpackung des Katheters wird geöffnet, ohne den Katheter schon zu entnehmen.
  4. Jetzt desinfiziert man sich die Hände und lässt das Desinfektionsmittel einwirken.
  5. Danach sollte die Frau mit einer Hand ihre Schamlippen spreizen, während sie mit der anderen Hand den Harnröhrenbereich und die Scham desinfiziert. Wichtig ist das die Hand, die die Schamlippen spreizt, nicht wieder gelöst wird sondern so verbleibt.
  6. Anschließend kann die Frau den Katheter der Umverpackung entnehmen und in ihre Harnröhre einführen. Ein leichtes Ausatmen erleichtert oft das Einführen.
  7. Der Katheter wird eingeführt bis Urin aus der Blase zu fließen beginnt.
  8. Wenn der Urinfluss aufhört, zieht man den Katheter unter leichter Drehung zurück damit auch der letzte Urin abfließen kann.
  9. Zum Abschluss reinigt man das Genital und wäscht sich die Hände!

Diskretion und Mobilität

Moderne Katheter sind diskret designt und können unauffällig mitgenommen werden. Für unterwegs gibt es spezielle Sets, die die Durchführung des ISK auch ohne Toilette ermöglichen.

Produkte von Coloplast

Die Firma Coloplast bietet verschiedene Katheter für den ISK an, darunter SpeediCath® Katheter. Die PVC-freien Einmalkatheter sind sofort einsatzfähig, da sie dank innovativer Beschichtung bereits befeuchtet sind für eine optimale Gleitfähigkeit. Das diskrete und kompakte Design ermöglicht eine diskrete Nutzung.

  • SpeediCath Compact Eve: Besondere dreieckige Form, die die Öffnung erleichtert, besonders bei Sensitivitätsstörungen oder schlechter Fingerkraft. Die hydrophile Beschichtung ist jederzeit gleitfähig. Ein Ablaufbeutel kann adaptiert werden.
  • SpeediCath Compact und SpeediCath Compact Plus: Sofort gebrauchsfertige Einmalkatheter in zwei Längen: 7 und 9 Zentimeter.
  • Speedicath compact Set: Für unterwegs, wenn keine Toilette vorhanden ist.

Komplikationen des Dauerkatheters

Von der transurethralen Anwendung eines Dauerkatheters ist abzusehen, wenn Folgendes vorliegt:

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  • Latexallergie
  • Unüberwindbare Obstruktionen der Harnröhre
  • Ausgedehnte Harnröhrenstriktur
  • Via falsa

Mögliche Komplikationen eines transurethralen Dauerkatheters sind:

  • Katheter-assoziierte Harnwegsinfektionen
  • Harndrang und Tenesmus
  • Reizungen der Harnröhrenschleimhaut
  • Blockade des Katheters durch Inkrustation
  • Falsch positionierte Katheter können zu Verletzungen der Harnröhre führen, wenn der Ballon innerhalb der Harnröhre befüllt wird.

Harnwegsinfektionen

Harnwegsinfektionen werden am besten multimodal behandelt. Das reicht von einer hohen Trinkmenge, um die Bakterien auszuspülen, über eine Kurz- oder auch Langzeitantibiotikabehandlung, bis zu Impfungen, dem Vermeiden von Kälte, dem Ansäuern des Urins mit Methionin- oder Vitamin-C-Präparaten und natürlich dem Restharnmanagement durch die Nutzung von Einmalkathetern.

Unterstützung und Lebensqualität

Inkontinenz kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu Scham, Isolation und Depressionen führen. Es ist wichtig, sich Hilfe zu suchen und das Problem beim Neurologen, der MS-Schwester oder direkt beim Facharzt für Neurourologie bzw. Urologie anzusprechen. Sobald bestimmte neurogene Harnblasenstörungen auftreten, kann man vom ISK profitieren.

Wo bekommt man Hilfe?

  • Neurologe
  • MS-Schwester
  • Facharzt für Neurourologie bzw. Urologie
  • Neuro-urologisch spezialisierte Ärzte
  • MS-Nurses
  • Kontinenzexperten

Wie bekommt man eine Verordnung für intermittierende Katheter?

Sobald der Arzt die Diagnose „Neurogene Dysfunktion des unteren Harntraktes“ stellt und es zur Restharnbildung kommt, ist der Intermittierende Katheterismus Mittel der Wahl.

Wichtige Hinweise zur Durchführung des ISK

  • Aseptische Durchführung (Hände- und Schleimhautdesinfektion) zur Vermeidung von Harnwegsinfektionen
  • Passender Katheter zur Vermeidung von Schleimhautverletzungen
  • Individuelle Häufigkeit des Katheterisierens (abhängig von Trinkmenge und Blasenkapazität)
  • Gute Anleitung durch eine Fachkraft

Erfahrungsberichte

Cécilia Rousseau, bei der vor über 20 Jahren Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde, berichtet über ihre Erfahrungen mit dem ISK:

"Intermittierende Einmalkatheter haben mir so viel Freiheit gegeben. Niemand weiß, was es damit auf sich hat! Ich kann einfach einen in meine Handtasche oder in meine Hosentasche stecken - es könnte eine Wimpertusche sein, es könnte alles sein. Schluss mit dem Unbehagen. Mit ISK kann ich meine sozialen Kontakte pflegen und tun, was ich will. Alles ist so viel einfacher."

Fazit

Blasenfunktionsstörungen sind ein häufiges Problem bei Multipler Sklerose, das die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Es gibt jedoch vielfältige Behandlungsmöglichkeiten, darunter der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK), der vielen Betroffenen zu mehr Freiheit und Selbstständigkeit verhelfen kann. Wichtig ist, sich frühzeitig Hilfe zu suchen und das Problem offen mit dem Arzt zu besprechen.

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