Unser verrücktes Gehirn: Eine Reise durch die Irrgärten des Geistes

Dean Burnetts "Unser verrücktes Gehirn" nimmt den Leser mit auf eine faszinierende und aufschlussreiche Reise durch die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Das Buch zeichnet die schillernde Grenze zwischen Wissenschaft, Alltag und kollektiver Fantasie nach und entführt den Leser in eine Welt, in der Neuronen, Täuschungen und Irrgärten des Geistes erklärt werden, ohne dabei die Neugier am Staunen zu ersticken. Burnett, ein Neurologe und Wissenschaftsjournalist, liefert eine pointierte Mischung aus fachlicher Tiefe und menschlicher Perspektive, die das Werk sowohl unterhaltsam als auch informativ macht (ISBN: 9783570102947).

Die Streiche unseres Gehirns

Das Buch beleuchtet, wie unser Gehirn uns ständig Tricks spielt und warum unsere Wahrnehmung oft mehr über unsere eigenen Fehler als über die objektive Wirklichkeit verrät. Burnett nimmt die gewöhnlichen Phänomene des Denkens - von Vergesslichkeit über Schlaf bis hin zu Selbsterkenntnis - unter die Lupe und bietet dabei eine Mischung aus respektvoller Wissenschaft, schrägem Humor und zugänglicher Vermittlung.

Ein zentrales Thema ist die Erkenntnis, dass unser Gehirn uns fortwährend Streiche spielt. Es versetzt uns in Angstzustände, als verfolge uns der Säbelzahntiger, quält uns an Bord eines Schiffes mit Übelkeit oder entwirft ein völlig überzogenes Bild von uns selbst. Die Gründe dafür werden im unausgeglichenen Verhältnis sehr alter primitiver Hirnteile und neuerer Regionen vermutet. So dominiert uns oft das sogenannte Reptilgehirn, und die uralte Amygdala lässt uns weiterhin Ausschau nach Gefahren halten, die es längst nicht mehr gibt - mit entsprechenden unpassenden, lästigen Reaktionsmustern.

Burnett erklärt, warum unser Gehirn uns manchmal täuscht, wie kognitive Verzerrungen entstehen und welchen Einfluss einfache Ablenkungen, soziale Dynamiken und biologische Mechanismen auf unsere Entscheidungen haben. Er beschreibt, wie das Gehirn unseren Körper steuert, dabei aber immer wieder auch überfordert ist, etwa bei Seekrankheit. Das menschliche Erinnerungssystem hat ganz offensichtlich ebenfalls Schwächen, wir bekommen unnötig Angstzustände und wenn wir erregt sind, bringt uns unser Gehirn dazu, unvernünftige Dinge zu tun.

Alltagsprobleme und neurologische Erklärungen

Burnett geht den sonderbaren und eigentümlichen Abläufen im Gehirn und den von ihnen hervorgerufenen unlogischen Verhaltensweisen nach. Er wählt anschauliche Beispiele und Bilder aus dem Alltagsleben, schreibt witzig, salopp, eloquent und mit (Selbst-)Ironie, ohne dass die wissenschaftliche Seriosität darunter Schaden nähme.

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Das Buch greift Phänomene wie Blackouts, Aberglaube und Seekrankheit auf und erklärt sie aus neurologischer Sicht. Es enthüllt, wie unser Denken beeinflusst wird, warum Irrtümer menschlich sind und wie mehr Verständnis für unsere kognitiven Muster zu einer neugierigeren, kritischeren Perspektive auf das eigene Denken führt.

Burnett geht abschließend auf seine ebenso unterhaltsame wie informative Weise auch auf das ein, was den Menschen ereilen kann, wenn es zu einer neurologischen oder geistigen Störung kommt. Er verdeutlicht sowohl das phantastische Leistungsvermögen als auch die vielen Unvollkommenheiten des Gehirns in der Art und Weise, wie es die Welt um sich herum wahrnimmt und was davon es für wichtig genug erachtet, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

Wahrnehmung und Realität

Unsere Umwelt ist heutzutage derart komplex, dass wir sie niemals komplett erfassen könnten, erst recht nicht bewusst. Bewusst kommen im Gehirn Bruchteile dessen an, was wir über unsere fünf (+) Sinne aufnehmen. Doch alle diese Filtermechanismen führen dann zu einem Datenstrom, aus dem unser verrücktes Gehirn unsere individuelle Realität der Welt kreiert.

Burnett zeigt, wie unser Gehirn vermeintlich einfaches dramatisch verkomplizieren kann, in dem wir uns Regelgebäude erschaffen, Theorien bilden darüber, wie wir meinen, die Welt funktionieren würde. Er beleuchtet die Filtermechanismen unseres Gehirns und wie diese unsere individuelle Realität formen.

Ernährung und Sucht

Burnett thematisiert auch die Komplexität des Essverhaltens und die Rolle des Gehirns bei der Entstehung von Suchtsystemen. Er erklärt, wie unser Gehirn uns mit diversesten Suchtsystemen beschenken kann (bspw. Magersucht, Bulimie, Sucht nach gesundem Essen Orthorexie), die über die Hirnphysiologie (Neurotransmitter, Serotonin, Dopamin…) und allerlei andere psychische Probleme getriggert werden.

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Er betont, dass es für eine Veränderung im Essverhalten eine bewusste Entscheidung und eine Veränderung im Denken und Verhalten braucht. Als Motor hierfür kann Liebe und bestenfalls Selbstliebe (wenn es dafür noch nicht reichen sollte, Selbstfürsorge) dienen.

Kritik und Rezeption

Einige Leser bemängelten, dass das Buch trotz des Comedian-Hintergrunds des Autors eher trockene wissenschaftliche Fakten präsentiert und wenig Neues bietet. Andere lobten jedoch die unterhaltsame und informative Art, wie Burnett die komplexen Themen aufbereitet und mit Beispielen aus dem Alltagsleben veranschaulicht.

Kritisiert wurde auch, dass der Text stellenweise zu wissenschaftlich konzentriert ist und es an Abwechslung in der Darstellungsform mangelt. Gelobt wurde hingegen die lockere Ausdrucksweise, die alltagsnahen Beispiele und der Humor des Autors, die das Buch durchgehend sympathisch machen.

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