Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der insbesondere bei älteren Menschen im Zusammenhang mit Demenz auftreten kann, aber auch unabhängig davon entstehen kann. Es handelt sich um einen medizinischen Notfall, der umgehend behandelt werden muss, da er ohne angemessene Behandlung lebensbedrohlich verlaufen kann.
Was ist ein Delir?
Der Begriff Delir (lateinisch: delirare = wahnsinnig sein oder de lira ire = aus dem Gleis oder der Spur geraten) beschreibt einen Zustand der Verwirrtheit. Synonyme Begriffe sind:
- Akutes Hirnsyndrom
- Organisches Hirnsyndrom
- Akute zerebrale Insuffizienz
- Akuter Verwirrtheitszustand
- Bewusstseinsstörung
- Durchgangssyndrom
- Verwirrtheitssyndrom
Abgrenzung zu Demenz
Es ist wichtig, ein Delir von einer beginnenden Demenz zu unterscheiden. Wird ein Delir rechtzeitig und adäquat behandelt, klingen die Symptome in der Regel schnell wieder ab. Eine vorher noch nicht erkannte Demenz kann sich durch ein Delir verschlechtern. Ein Krankenhausaufenthalt kann eine Demenz verschlechtern oder/und ein Delir auslösen.
Formen des Delirs
Man unterscheidet zwischen:
- Hyperaktivem Delir: gekennzeichnet durch Unruhe, gesteigerte Motorik und auffälliges Verhalten.
- Hypoaktivem Delir: gekennzeichnet durch Verlangsamung, reduzierte Aktivität und Teilnahmslosigkeit. Diese Form wird oft übersehen, da die Patienten nicht "offensichtlich auffällig" sind.
- Mischformen: bei denen sich hypoaktives und hyperaktives Delir abwechseln. Die Mischform tritt bei circa 65 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Delir auf.
Symptome eines Delirs
Die Symptome eines Delirs können vielfältig sein und sich von Patient zu Patient unterscheiden. Zu den häufigsten Anzeichen gehören:
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- Desorientiertheit (örtlich und zeitlich)
- Verkehrter Tag-Nacht-Rhythmus
- Wahrnehmungsstörungen (z.B. Halluzinationen, Illusionen)
- Unruhe, Agitiertheit, Aggressivität
- Apathie, Schläfrigkeit
- Sprachstörungen
- Gedächtnisprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Stimmungsschwankungen
Die Symptome können im Tagesverlauf schwanken und sich plötzlich verschlimmern.
Ursachen und Risikofaktoren
Ein Delir kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Man unterscheidet zwischen prädisponierenden (vulnerabilitätssteigernden) und präzipitierenden (auslösenden) Faktoren.
Prädisponierende Faktoren
- Hohes Alter
- Demenz
- Schwere Erkrankungen
- Gebrechlichkeit
- Kognitive Einschränkungen
- Herzkreislaufstörungen
- Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes)
- Alkoholabhängigkeit
- Niereninsuffizienz
- Seh- und Hörstörungen
- Schlafstörungen
- Chronische Schmerzen
- Mangelernährung
- Dehydration
- Gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie)
Präzipitierende Faktoren
- Akute Erkrankungen (z.B. Infektionen)
- Operationen und Narkose
- Medikamente (insbesondere Tranquilizer und anticholinerge Medikamente)
- Entzug von Alkohol oder Medikamenten
- Metabolische Störungen (z.B. Hypoglykämie, Elektrolytstörungen)
- Schmerzen
- Flüssigkeitsmangel
- Harnverhalt
- Verstopfung
- Reizüberflutung
- Schlafentzug
- Psychosozialer Stress
- Fixierungen
- Raum- und Personalwechsel
- Postoperative Komplikationen
Diagnose
Die Diagnose eines Delirs erfolgt in erster Linie klinisch anhand der Symptomatik. Wichtig ist die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und eine körperliche Untersuchung. Die Diagnose des Delirs sollte zuerst über die Symptomatik erfolgen. Dazu stehen eine Reihe von Instrumenten („Assessments“) zur Verfügung. Im deutschsprachigen Raum hat sich die „Confusion Assessment Method“ (CAM) eingebürgert. Für die Intensivmedizin eignet sich der CAM-ICU am besten. Die CAM besitzt eine hohe Sensitivität von 94-100 % und eine Spezifität von 90-95 %. Psychometrische Tests wie der Mini-Mental-Status (MMSE) und der Uhrentest haben zwar in der Diagnostik des Delirs keinen Stellenwert, erlauben ergänzend aber eine quantifizierende Aussage über die Schwere der kognitiven Ausfälle.
Zusätzlich können folgende Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ursache des Delirs zu finden:
- Blutuntersuchungen (z.B. Elektrolyte, Entzündungswerte, Leber- und Nierenwerte, Blutzucker)
- Urinuntersuchung
- EKG
- EEG (insbesondere bei Verdacht auf einen nicht-konvulsiven Status epilepticus)
- Bildgebende Verfahren (z.B. CT oder MRT des Gehirns)
Behandlung
Die Behandlung eines Delirs zielt darauf ab, die Ursache zu beseitigen und die Symptome zu lindern. Die wichtigste Maßnahme ist die Behandlung der Ursache. Nicht unbedingt notwendige Dauermedikamente werden im Krankenhaus abgesetzt, falls diese das Delir verursachen könnten. So können mögliche negative Auswirkungen des Entzugs der Medikamente überwacht werden. Hat der Betroffene lange Zeit nicht gegessen, getrunken oder Wasser gelassen, so wird dies behandelt. Auch mögliche neue Medikamente können notwendig werden.
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Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung und Prävention eines Delirs. Dazu gehören:
- Schaffung einer ruhigen und reizarmen Umgebung: Fenster, Uhren und Kalender im Zimmer, ein ruhiger Raum ohne nächtliche Störungen und der regelmäßige Kontakt zu vertrauten Personen haben bereits einen schützenden und sehr positiven Effekt.
- Strukturierung des Tagesablaufs: Feste Zeiten für Mahlzeiten, Aktivitäten und Schlaf helfen dem Patienten, sich zu orientieren.
- Förderung der Orientierung: Informationen über Ort, Zeit und Situation geben.
- Sicherstellung einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr und Ernährung: Ältere Menschen sollten täglich etwa 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Trinken Sie am besten regelmäßig über den Tag verteilt, beispielsweise ein Glas Wasser (ca.
- Mobilisierung: Frühmobilisation wirkt einem Delir entgegen.
- Vermeidung von unnötigen Medikamenten: Etwa alle sechs Monate sollten Sie Ihre Medikamentenliste in Ihrer Hausarztpraxis oder Apotheke überprüfen lassen.
- Einbeziehung von Angehörigen: Angehörige können bei der Re-Orientierung helfen, sie können viel eher als das Pflegepersonal an Erinnerungen anknüpfen und diese aktiv halten. In einem gewissen Rahmen können gegebenenfalls auch Rituale von zu Hause in der Klinik umgesetzt werden. Beispielsweise das Ritual mit der Ehefrau zu Hause Kaffee trinken und über das Welt Geschehen sprechen. „Alles was der Re-Orientierung dient, ist auch gleichzeitig eine Delir-Prophylaxe“, sagt Schmilinsky. Gewohnte Gesichter schaffen Orientierung in einer ungewohnten Umgebung. Besuchen Sie Ihren Angehörigen daher so oft wie möglich. Wenn Ihnen neu auftretende Veränderungen im Verhalten Ihres Angehörigen auffallen, teilen Sie dies bitte dem Fachpersonal der Station mit. Sprechen Sie in einfachen Sätzen. Formulieren Sie Fragen so, dass sie mit Ja/Nein beantwortet werden können. Informieren Sie bei Bedarf über Ort, Tag und Uhrzeit. Sorgen Sie für aktivierende Beschäftigung, beispielsweise durch Gespräche, Vorlesen von Zeitungen oder gemeinsame Kartenspiele. Schaffen Sie eine angenehme Umgebung mit vertrauten Gegenständen wie Fotos, Lieblingskissen, Kalender o.ä. Bringen Sie Lieblingslektüre oder Musik mit. Nehmen Sie verletzende Aussagen oder Aggressionen nicht persönlich. Bleiben Sie nach Möglichkeit an der Seite Ihres Angehörigen.
- Hilfsmittel: An Hilfsmittel wie Brille und Hörgeräte zu denken hört sich so banal an, ist aber essentiell in der Delir Prophylaxe und auch in der Therapie
Medikamentöse Behandlung
Bei sehr starken Symptomen wie Panikreaktionen, starker Unruhe oder Aggressivität können zudem vorübergehend zum Beispiel beruhigende Medikamente eingesetzt werden. In der Delirbehandlung ist neben den nicht-pharmakologischen Maßnahmen meist ergänzend auch eine pharmakologische Therapie (Medikamente) zu berücksichtigen.
Prävention
Ein Delir kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und weitreichende Folgen haben. Zum Glück gibt es einige vorbeugende Maßnahmen, die das Risiko verringern.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Eine angemessene Flüssigkeitszufuhr verhindert Dehydratation und damit verbundene Elektrolytstörungen.
- Gesunde Ernährung: Eine Ernährung, die reich an Vitaminen und Mineralien ist, unterstützt Ihre allgemeine Gesundheit und kann das Risiko eines Delirs reduzieren. Besonders wichtig sind Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und B-Vitamine.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung und kann so einem Delir vorbeugen. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche, verteilt auf mehrere Tage.
- Guter Schlaf: Ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus wirkt einem Delir entgegen. Zu einer guten Schlafhygiene gehören feste Schlafenszeiten und eine ruhige, dunkle Schlafumgebung.
- Kognitive Stimulation: Kognitive Stimulation kann das Gehirn aktiv und gesund halten. Wenn Sie lesen, rätseln, neue Fähigkeiten lernen oder ein Gedächtnistraining absolvieren, trainieren Sie Ihre geistige Leistungsfähigkeit.
- Soziale Kontakte: Regelmäßiger sozialer Kontakt ist auch gut für die kognitive Gesundheit. Treffen Sie sich mit Familie und Freunden, nehmen Sie an Gruppenaktivitäten teil oder engagieren Sie sich ehrenamtlich.
- Vermeidung von Alkohol: Alkohol hat das Potenzial, dem Körper in vielfältiger Weise zu schaden.
- Regelmäßige medizinische Check-ups: Gehen Sie regelmäßig zu medizinischen Check-ups, damit Erkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt werden können.
- Delir-Prophylaxe: Delir-Prophylaxe wie das Tragen der eigenen Kleidung, Mobilisation und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können wir einfach umsetzen. Wir brauchen kein spezielles medizinisches Equipment für die grundlegenden Maßnahmen, aber wir brauchen medizinische Kompetenz um ein Delir zu erkennen.“
Was passiert, wenn ein Delir nicht behandelt wird?
Wenn keine Maßnahmen gegen ein Delir getroffen werden, dann verschlechtert sich die Situation für die Betroffenen. Untersuchungen gehen davon aus, dass die Ein-Jahres-Überlebensrate je Delirtag um zehn Prozent sinkt. Wird ein Delir nicht umgehend behandelt, verschlechtert sich der Allgemeinzustand und die Gefahr von Komplikationen, zum Beispiel Sturz, steigt. Gegebenenfalls müssen Betroffene sogar in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung untergebracht werden, da sie sich zu Hause nicht mehr selbst versorgen können.
Delir im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen
Das Delir ist das dritthäufigste Symptom, an dem Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen leiden, gleich hinter Schmerzen und Kachexie. Die Zahlen von Patienten, die bei Aufnahme auf eine Palliativstation delirante Symptome zeigen, schwankt von 28-42 %. Ein terminales Delir entwickeln bis zu 90 % der sterbenden Patienten mit Tumoren. Delirante Patienten mit Tumorerkrankungen haben im Vergleich zu nichtdeliranten eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Häufige Ursachen für ein Delir bei Tumorpatienten sind metabolische Störungen wie eine Hyperkalzämie (bei Knochenmetastasen), …
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Kosten der Therapie des Delirs
Der Delirpatient ist ein entscheidender Kostenfaktor in der Krankenversorgung. Leslie und Mitarbeiter konnte zeigen, dass Delirpatienten pro Tag 295 US-Dollar mehr Kosten verursachten als Nicht-Delirpatienten. Zusammen mit der Annahme von Inouye, dass etwa 20 % der über 65-Jährigen während stationärer Aufenthalte delirante Zustände haben, bedeutet dies beispielsweise für die Vereinigten Staaten einen Gesamtjahreszusatzbetrag von 143-152 Millionen US-Dollar. Bei Delirpatienten unter spezieller medizinischer Versorgung entstanden insgesamt 39 % höhere Kosten auf der Intensivstation und 31 % höhere Krankheitskosten als bei Nicht-Delirpatienten. Delirpatienten zeigten über einen Zeitraum von drei Jahren deutlich höhere Gesamtkosten. Eine Untersuchung in Deutschland identifizierte aufgrund des Zeitaufwandes des Personals das Delir als einen eindeutigen Kostentreiber im Krankenhaus. Personal, Sachkosten und Verweildauer summieren sich hiernach bei einem Delirpatienten auf eine Summe von 947,55 Euro pro stationärem Aufenthalt.
Was tun im Notfall?
Sollten Sie Ihren Angehörigen oder Bekannten in einem deliranten Zustand vorfinden, so ist unverzüglich der Notarzt zu verständigen. Anschließend ist zu empfehlen, ruhig mit dem Betroffenen zu sprechen und eine möglichst stressfreie Atmosphäre zu schaffen, bis ein Arzt vor Ort ist. Dies kann schwerfallen, da es sich auch für Angehörige häufig um eine Schocksituation handelt. Eine ruhige Atmosphäre hilft sowohl Ihnen als auch dem Betroffenen, die Ruhe zu bewahren. Denken Sie daran, dass sich ein Delir mit der richtigen, zügigen Behandlung in der Regel innerhalb von Tagen oder Wochen vollständig zurückbildet.