In unserer heutigen Gesellschaft, die von ständiger Aktivität und Selbstoptimierung geprägt ist, scheint die innere Leere ein Zustand zu sein, den wir um jeden Preis vermeiden wollen. Doch der renommierte Hirnforscher Niels Birbaumer und der Journalist Jörg Zittlau zeigen in ihrem Buch "Denken wird überschätzt", dass unser Gehirn die Leere nicht nur mag, sondern sie sogar braucht, um glücklich und kreativ zu sein.
Die Angst vor der Leere
Kaum etwas macht uns mehr Angst als die innere Leere. Wir fürchten uns vor dem Zustand, in dem keine Gedanken kreisen, keine Ziele verfolgt werden und keine äußeren Reize uns ablenken. Jugendliche würden sogar eher eine Woche auf Sex verzichten als auf ihr Smartphone, so eine jüngste Studie. Diese Angst vor der Leere ist tief in unserer Kultur verwurzelt, in der jede Minute, die nicht mit nützlichen oder interessanten Dingen gefüllt ist, als vertan gilt.
Die produktive Leere
Doch es gibt auch eine andere Seite der Leere, eine produktive und heilsame Leere, die unser Gehirn liebt. Durch Meditation, Konzentration, Musik oder auch beim Sex können wir diesen Zustand erreichen, in dem sich unsere Hirnströme verlangsamen, bewertende Areale sich entkoppeln und die Aktivität von Netzwerken, die potenziell bedrohliche Reize erkennen, heruntergefahren wird.
Neuronale Reaktionsmuster
Als gemeinsamen Nenner der durch die Leere evozierten Hirnzustände macht Birbaumer ein typisches neuronales Reaktionsmuster aus: Die Hirnströme verlangsamen sich. Präfrontale, also bewertende und handlungssteuernde Areale entkoppeln sich von der sensorischen Verarbeitung, die vor allem im hinteren Teil des Großhirns stattfindet. Auch wird die Aktivität von Netzwerken, die potenziell bedrohliche Reize erkennen, in Momenten der Leere heruntergefahren. Durch Studien mit Hilfe von Neurofeedback erkannte Birbaumer zudem, dass reduzierte Eigenwahrnehmung mit einer Hemmung der Inselrinde einhergeht, begleitet von einer sonderbaren "Entleerung" des Ichs.
Wege in die Leere
Es gibt viele Wege, um in die Leere zu gelangen. Einige davon sind:
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- Meditation: Meditation ermöglicht es uns, unsere Gedanken zur Ruhe zu bringen und uns auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren.
- Musik: Musik kann uns in einen Zustand der Entspannung und Kontemplation versetzen, in dem wir uns von unseren Sorgen und Ängsten befreien können. Vor allem Rhythmus ist ein Weg, um alle Assoziationsbereiche des Gehirns zu erfassen.
- Sex: Orgasmen können ebenfalls einen Zustand der Leere hervorrufen, da sie alle Sinne erfassen und die Hirnströme rhythmisch zusammenarbeiten lassen.
- Floating: Das entspannte Schweben in dunklen Isolationstanks, in denen man von allen äußeren Reizen abgeschirmt ist, kann ebenfalls einen tiefen Zustand der Leere erzeugen.
- Sport: Sportler berichten oft davon, dass sie beim Bergsteigen, Rudern oder Marathonlauf in einen "Leere-Flow" geraten.
- Alltägliche Tätigkeiten: Für manche Menschen reicht auch das Bügeln, um in einen Zustand der Leere zu gelangen.
Die Rolle des Thalamus
Der Schlüssel zur Leere liegt im Thalamus, den die Hirnforscher als "Tor zum Bewusstsein" bezeichnen, weil er darüber entscheidet, was bewusst wahrgenommen wird.
Die Vorteile der Leere
Die Leere hat viele Vorteile für unser Gehirn und unser Wohlbefinden. Sie kann uns helfen, Stress abzubauen, unsere Kreativität zu fördern, unsere Konzentration zu verbessern und unsere Lebensqualität zu steigern.
Stressabbau
Die Leere kann eine Pause schaffen und für Entlastung sorgen. Durch sie verlieren die Dinge an Bedeutung und damit auch ihre Problematik - und so gibt es keine Veranlassung, das Verteidigungssystem sofort wieder zu aktivieren.
Förderung der Kreativität
Sofern das Gehirn einen sanft wogenden Ozean niederfrequenter Wellen bildet, können aus ihm leichter hochfrequente Inseln der Achtsamkeit herausragen.
Steigerung der Lebensqualität
Wer öfter Leere erlebt, ist zufriedener. Denn Leere gibt uns einen freien Blick auf die Welt. So lautet meine Hypothese, die man wissenschaftlich belegen muss.
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Die Notwendigkeit des Vertrauens
Um die positive Wirkung der Leere erfahren zu können, ist es wichtig, dass wir uns ihr vorbehaltlos und vertrauensvoll hingeben. Wir dürfen keine Angst vor ihr haben, aber auch nichts von ihr erhoffen. Denn Leere lässt sich nicht wollen. Je energischer man nach ihr greift, umso mehr entgleitet sie uns. Räumen Sie ihr einfach etwas Zeit ein!
Niels Birbaumer und die Locked-in-Patienten
Niels Birbaumer hat sich intensiv mit dem Zustand der Leere bei Locked-in-Patienten beschäftigt. Diese Menschen sind vollständig gelähmt und können nicht einmal mehr sprechen. Dennoch haben Birbaumer und sein Team herausgefunden, dass diese Patienten, sobald sie sich der Hoffnungslosigkeit ergeben, eine hohe Lebensqualität haben können, die höher ist als wahrscheinlich die vieler anderer Menschen.
Neurofeedback-Kommunikation
Birbaumer und sein Team haben es geschafft, mit den verstummten Patienten über Neurofeedback auf ganz basale Weise zu kommunizieren. Man kann sagen, wir haben ihr Gehirn zum Sprechen gebracht. Und da hat sich gezeigt: Je weiter die Patienten in ihrem eingeschlossenen Zustand fortgeschritten sind, desto positiver reagieren sie auf Fragen zu ihrer Lebensqualität.
Gehirnaktivität
Die Gehirne dieser Menschen reagieren nachweislich stärker auf positive Reize - zum Beispiel lachende Säuglinge - und schwächer auf negative - zum Beispiel entstellte Kinder - als Gehirne der Kontrollprobanden.
Alpha- und Thetawellen
Wenn wir die Hirnströme der Patienten mit dem EEG aufzeichnen, finden wir einerseits im wachen Zustand die für den Zustand der Leere ganz typischen Alpha- und Thetawellen. Andererseits sehen wir im Gehirn der Locked-in-Patienten Aktivierungen, die auf eine Blockade des sogenannten Verteidigungssystems deuten.
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Kritik an Birbaumers Forschung
Es gab jedoch auch Kritik an Birbaumers Forschung. Eine Untersuchungskommission der Universität Tübingen kam zu dem Schluss, dass Birbaumer bei einer viel beachteten Studie mit Locked-In-Patienten Daten frisiert hat. Die Ergebnisse beziehen sich auf vier zentrale Punkte der Studie. Erstens: Bei der Auswahl der Ergebnisse für die Publikation in PLOS Biology gab es eine hochselektive Datenauswahl - zum Teil aufgrund persönlicher Entscheidung von Herrn Birbaumer, ob diese Daten geeignet sind für die Auswertung oder nicht. Letztendlich wurden in der Publikation Dinge angesprochen, für die uns keine Daten vorgelegt werden konnten. Also es fehlten beispielsweise Daten von Elektroenzephalogrammen, die sehr wichtig waren für die Feststellung, dass Kontakt zu den Patienten hergestellt werden konnte. Und vor allem ging es dann auch darum, dass Daten möglicherweise falsch analysiert wurden.
Konsequenzen
Die Universität Tübingen hat Konsequenzen aus den Vorwürfen gezogen und vorgeschlagen, die Publikation zurückzuziehen und die Zeitschrift PLOS Biology zu informieren. Darüberhinaus wird die Universität zu prüfen haben, wie sie sich dem Wissenschaftler gegenüber in Zukunft verhält.