Wissenschaftliche Studien haben in den letzten Jahren einen Zusammenhang zwischen Diabetes und neurologischen Entwicklungsstörungen, einschließlich Epilepsie, aufgezeigt. Insbesondere gibt es Hinweise darauf, dass Typ-1-Diabetes mit einem erhöhten Risiko für Epilepsie verbunden sein könnte.
Neurologische Entwicklungsstörungen und Diabetes in der Schwangerschaft
Eine taiwanesische Studie hat einen Zusammenhang zwischen Diabetes der Mütter und einer Vielzahl neurologischer Entwicklungsstörungen ihrer Kinder hergestellt. Die Auswertung der Daten zeigt, dass Zuckererkrankungen von Frauen während der Schwangerschaft - unabhängig davon, ob es sich um Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes handelt - das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind erhöhen können. Zu diesen Störungen zählen Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Entwicklungsverzögerungen, geistige Behinderungen, Zerebralparesen und Epilepsie.
Grundlage für diese Daten ist die Auswertung von über 870.000 Kindern, die in den Jahren 2004 bis 2008 in Taiwan geboren wurden. 338 Mütter hatten Diabetes Typ 1, 8.749 litten unter Diabetes Typ 2 und über 90.000 entwickelten Schwangerschaftsdiabetes.
Die Studie ergab, dass Frauen mit Typ-1-Diabetes überdurchschnittlich häufig Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, geistigen Behinderungen und Epilepsie hatten. Typ-2-Diabetes war mit einem erhöhten Risiko für Autismus, ADHS, Entwicklungsverzögerungen, geistigen Behinderungen, zerebralen Lähmungen und Epilepsie assoziiert. Schwangerschaftsdiabetes war laut den vorliegenden Daten mit einem erhöhten Risiko für Autismus, ADHS und Entwicklungsverzögerungen verbunden. Insgesamt hatte Diabetes Typ 1 die gravierendsten Auswirkungen auf die Kinder, gefolgt von Typ-2-Diabetes und Schwangerschaftsdiabetes.
Erhöhtes Epilepsie-Risiko bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes
Einer taiwanesischen Studie zufolge haben Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zu ihren gesunden Altersgenossen ein um fast das Dreifache erhöhtes Risiko, an Epilepsie zu erkranken. Einzelne vergangene Untersuchungen legten bereits nahe, dass die Entwicklung einer Epilepsie zu den neurologischen Komplikationen bei Diabetes gehören könne.
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Dr. I-Ching Chou vom China Medical University Children's Hospital in Taichung, Taiwan, und seine Kollegen veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachblatt „Diabetologia“. Sein Team hatte bereits eine ähnliche Analyse auf der Basis der Daten von Versichungsansprüchen durchgeführt. In Folge wollten die Wissenschaftler die Verbindung von Diabetes mit Epilepsie anhand von medizinischen Akten mit eindeutigen Diagnosen und Codierungen überprüfen. Sie analysierten deshalb Daten von einem Zeitraum von mehr als 12 Jahren aus der Taiwan National Health Insurance Research Database (NHIRD), die praktisch alle Bewohner in Taiwan erfasste (23 Mio. im Jahr 1998). Sie identifizierten 2.568 Kinder und Jugendliche im Alter von 18 Jahren und jünger, die zwischen dem 1. Januar 2000 und dem 31.
Es gab 59 Fälle von neu aufgetretener Epilepsie bei Patienten mit Typ-1-Diabetes, und 181 Fälle von erstmaliger Epilepsie in der Vergleichsgruppe während des Beobachtungszeitraums. Nach Anpassung der Daten an Einflussfaktoren wie z.B.. Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass "Störungen des Stoffwechsels bei Typ-1-Diabetes, wie zu hoher oder zu niedriger Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie und Hypoglykämie), eine das zentrale Nervensystem schädigen können und längerfristig mit erhebliche neurologische Folgen verbunden sein können", schreiben Dr. Hypoglykämien können einen epileptischen Anfall auslösen. Möglicherweise haben Typ-1-Diabetiker zudem ein erhöhtes Risiko für genuine Epilepsien. Das vorläufige Ergebnis aus Kohortenstudien zeigte nun ein um das Dreifache erhöhtes Risiko.
Britische Kohortenstudie bestätigt erhöhtes Risiko
Die bislang größte Kohortenstudie zur Fragestellung bezog in Großbritannien 4922 Patienten ein, bei denen vor ihrem 41. Geburtstag ein Typ-1-Diabetes neu diagnostiziert wurde. Diese wurden mit insgesamt 19 688 Kontrollpersonen ohne Typ-1-Diabetes verglichen, passend nach Alter, Geschlecht und teilnehmender Allgemeinarztpraxis. Zielparameter war die Häufigkeit der in den Folgejahren neu diagnostizierten Epilepsien.
Wie bereits eine asiatische Studie, zeigte auch diese retrospektive Studie eine bei Typ-1-Diabetikern um etwa das Dreifache erhöhte Wahrscheinlichkeit (Hazard Ratio), dass bei ihnen eine Epilepsie diagnostiziert wurde. Dieses Ergebnis erwies sich nach Adjustierung für verschiedene potenzielle Kovariablen, wie sozioökonomischer Status, zerebrale Paresen, Kopfverletzungen und Lernbehinderungen, als konsistent.
Mögliche Ursachen für den Zusammenhang
Wie der postulierte Zusammenhang zwischen Typ-1-Diabetes und Epilepsie zustande kommen könnte, ist unklar. Diskutiert werden gemeinsame genetische und autoimmunologische Faktoren sowie metabolisch bedingte zerebrovaskuläre Noxen. Wünschenswert wäre, so die Autoren, eine Validierung der Ergebnisse in prospektiven Studien. Bis dahin sei es ratsam, in der Differenzialdiagnose von Krampfanfällen bei Typ-1-Diabetikern nicht nur die Hypoglykämie, sondern auch ein potenziell erhöhtes genuines Epilepsierisiko in Betracht zu ziehen.
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Akut symptomatische Anfälle (ASA) und Diabetes
Unter akut symptomatischen Anfällen (ASA) versteht man epileptische Anfälle, die zeitnah zu einem auslösenden Ereignis auftreten. ASA sind also situations- und zeitgebunden [1]. Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Anfall und dem zugrunde liegenden Ereignis variiert entsprechend der Genese [1]. Die Ursachen der ASA sind mannigfaltig und reichen von vaskulären Ereignissen über Infektionen bis zu metabolisch/toxischen Ursachen [2]. Bei metabolischen/toxischen Ursachen liegt die Latenzzeit meist innerhalb der ersten 24-48 h nach dem Ereignis [1, 2]. Die Inzidenz von ASA liegt bei 29-39 %/100.000 Personen pro Jahr mit einem kumulativen Risiko von 3,6 % [4].
Ein Diabetes mellitus (DM), unabhängig ob Typ I oder II, ist mit dem Auftreten von epileptischen Anfällen und mit Epilepsien assoziiert. Eine italienische Studie konnte zeigen, dass bei älteren Patienten (> 64 Jahre) mit DM eine höhere kumulative zeitabhängige Inzidenz von epileptischen Anfällen, im Vergleich zu einer gematchten Vergleichsgruppe ohne Diabetes (3,0 % zu 1,9 %) bestand [12]. Dadurch konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einem längeren Fortbestehen des Diabetes ein steigendes Risiko haben, Anfälle zu erleiden.
Die genaue Genese einer Epilepsie bei Patienten mit Diabetes ist momentan noch nicht geklärt, wobei ein multimodales Erkrankungsmodell angenommen wird. Hyperglykämien führen immer wieder zu akut symptomatischen Anfällen [1]. Eine nennenswerte Sonderform ist hierbei sicher die nichtketotische Hyperglykämie, die sich meist als fokal motorische Anfälle manifestiert [14]. Treten hierbei mehrere ASA oder sogar Anfallscluster auf, sollte in der Akutphase eine adäquate Therapie mit Insulin und ausreichender Flüssigkeitszufuhr eingeleitet werden. Antikonvulsive Therapien sprechen kaum an [15].
Hypoglykämien sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden, wobei hier die Gefahr der Entwicklung einer Epilepsie aufgrund von rezidivierenden neonatalen Hypoglykämien im Vordergrund steht [16, 17]. Wichtige Faktoren, die zu bleibenden Hirnschädigungen und im Weiteren zur Entwicklung einer Epilepsie führen, sind die Dauer der Hypoglykämie, die Häufigkeit der ASA und einhergehende hypoxische Hirnschädigungen [16]. Einzelne Fallberichte assoziieren auch das Auftreten von fokal motorischen Anfällen im Rahmen von Hypoglykämien [18, 19]. Ein richtungsweisender Grenzwert der Serumglukose liegt bei < 36 mg/dl [1].
Fallbeispiele und persönliche Erfahrungen
Es gibt Berichte von Menschen mit Typ-1-Diabetes, bei denen später auch Epilepsie diagnostiziert wurde. Diese Erfahrungen unterstreichen die Bedeutung, bei Krampfanfällen bei Diabetikern nicht nur an Hypoglykämie zu denken, sondern auch ein potenziell erhöhtes Epilepsierisiko in Betracht zu ziehen.
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Epilepsie: Eine häufige neurologische Erkrankung
Bis zu ein Prozent der Bevölkerung leidet an Epilepsie, das heißt an wiederkehrenden Krampfanfällen. Damit ist die Epilepsie, die in jedem Lebensalter auftreten und jeden treffen kann, keine seltene Erkrankung. Auslöser sind kurzzeitige Funktionsstörungen im Gehirn, bei denen die Nervenzellen unkontrollierte Impulse abfeuern: Es kommt zum fokalen (einzelne Gehirngebiete sind betroffen) oder generalisierten (das ganze Gehirn ist einbezogen) Krampfanfall. Entsprechend unterschiedlich können auch die Symptome sein. Typisch sind sekundenlange Bewusstlosigkeit und Zuckungen der Arme, Beine und des Gesichts.
Idiopathische generalisierte Epilepsie und Typ-1-Diabetes
Verschiedene wissenschaftliche Arbeiten aus der Vergangenheit liefern Hinweise, dass solche idiopathischen Epilepsien gehäuft bei Menschen mit Typ 1 Diabetes auftreten. Ein Forscherteam um Douglas McCorry vom Walton Center für Neurologie und Neurochirurgie in Liverpool hat sich mit diesem Thema näher beschäftigt: Die Wissenschaftler aus Großbritannien untersuchten 518 Personen zwischen 15 und 30 Jahren, bei denen eine idiopathische generalisierte Epilepsie diagnostiziert wurde. Hiervon hatten 7 Patienten einen Typ 1 Diabetes (1,4 %). In einem gleichaltrigen Vergleichskollektiv (allgemeiner Bevölkerungsquerschnitt) gab es unter 150.000 Probanden hingegen nur 465 Epilepsie-Fälle (0,3 %). In den meisten Fällen wurde zuerst der Diabetes diagnostiziert. Die Krampfanfälle - soweit nachvollziehbar - traten erst später auf. Dies könnte bedeuten, dass die Epilepsie durch eine Typ 1 Diabeteserkrankung ausgelöst wird. Möglich wäre natürlich auch, dass sich beide Erkrankungen nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten bemerkbar machen, ohne sich gegenseitig zu bedingen.