Die Alzheimer-Lüge: Eine kritische Rezension

Die Vorstellung, dass Alzheimer jeden ab einem bestimmten Alter trifft, ist weit verbreitet. Michael Nehls stellt diese Annahme in seinem Buch "Die Alzheimer-Lüge" in Frage und argumentiert, dass Alzheimer eine Frage der Lebensführung ist. Nehls, ein Molekulargenetiker, wurde 2015 für seine Ansätze mit dem Hanse-Preis für Psychiatrie ausgezeichnet.

Inhalt und These des Buches

In "Die Alzheimer-Lüge" fasst Michael Nehls Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammen und interpretiert sie neu. Er kommt zu dem Schluss, dass Alzheimer auf den Lebenswandel der modernen Gesellschaft zurückzuführen ist und daher ohne Medikamente heilbar ist. Nehls' These lautet, dass Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Alzheimer vor allem eine Folge unserer modernen Ernährungs- und Lebensweise sind. Er argumentiert, dass viele gesundheitliche Probleme vermeidbar wären, wenn wir uns wieder "artgerechter" ernähren und eine insgesamt "natürlichere" Lebensweise praktizieren würden.

Kritik an der These

Die These von Nehls ist jedoch nicht unumstritten. Prof. Dr. Dr. hc. Christian Haass, ein führender Demenzforscher in Deutschland, äußert sich kritisch zu Nehls' Schlussfolgerungen. Er weist darauf hin, dass das Alter der größte Risikofaktor für Demenz ist und dass es zwar Studien gibt, die einen positiven Effekt von Sport, gesunder Ernährung und Stressreduktion auf die Entwicklung einer Demenz zeigen, dies aber nicht bedeutet, dass sich die Krankheit allein durch eine Änderung des Lebenswandels verhindern lässt. Haass argumentiert, dass man die Krankheit zwar in gewisser Weise kaschieren oder den Krankheitsbeginn verzögern kann, die Veränderungen im Gehirn aber trotzdem fortschreiten und unfehlbar in der Demenz münden werden. Er warnt davor, falsche Hoffnungen zu wecken und betont, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben und dass es dringend gute und sichere Nachweisverfahren braucht, die uns eher erkennen lassen, wer ein erhöhtes Risiko hat, die Krankheit zu entwickeln, um dann gezielt entgegenzuwirken.

Nehls' "Anti-Alzheimer-Formel"

Nehls' "Anti-Alzheimer-Formel" umfasst fünf Bereiche:

  1. Gesunde Ernährung
  2. Körperliche Aktivität
  3. Schlaf
  4. Soziale Aktivität
  5. Lebenssinn

Er argumentiert, dass die Herausforderung darin besteht, genügend Zeit für alle fünf Bereiche aufzubringen, da Alzheimer zu einer "Krankheit aus Zeitmangel" wird, wenn wir keine Zeit für diese natürlichen Bedürfnisse finden. Nehls betont, dass chronischer Stress das Wachstum des Hippocampus behindert, jener Erinnerungszentrale unseres Gehirns, die er für den zentralen Ort der Alzheimerprophylaxe hält. Seine Ratschläge zielen darauf ab, einer Schrumpfung des Hippocampus entgegenzuwirken, und zwar bis ins hohe Alter.

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Kritik an Nehls' Vereinfachungen

Nehls' Sorglosigkeit beim Vereinfachen komplexer Zusammenhänge und seine mitunter ideologisch aufgeladenen Begrifflichkeiten werden kritisiert. Seine Hochrechnungen, wie z.B. die Behauptung, dass schon eine Stunde Fernsehen täglich die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, um etwa 30 Prozent erhöht, werden als gewagt und naiv bezeichnet. Auch seine Verweise auf die "altsteinzeitliche Ernährungsweise" als "artgerecht" werden als albern kritisiert, da die Ernährung der Menschen in der Steinzeit stark an den jeweiligen Lebensraum angepasst war und es keine einheitliche "artgerechte" Ernährung gab. Studien haben gezeigt, dass die Gesundheit der damaligen Wildbeuter erstaunlich schlecht war und sie unter einer Vielzahl von Krankheiten litten.

Die Rolle des Hippocampus

Nehls betont die Bedeutung des Hippocampus für die Alzheimerprophylaxe. Er argumentiert, dass Nervenverbindungen im Hippocampus lebenslang neu wachsen können, aber nur bei Impulsen von außen. Bleiben diese aus, schrumpft die Gehirnstruktur unerbittlich, bis der Niedergang der Nervenzellen auf das gesamte Gehirn übergreift. Nehls glaubt, dass eine medikamentöse Heilung nicht zu erwarten ist, weil Chemie kein Fehlverhalten korrigieren kann. Er betont den Wert einer umfassenden, als sinnvoll und erfüllend empfundenen Verankerung im Leben und argumentiert, dass Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel, übermäßiger Alkoholkonsum, Depressionen, Rauchen und Bildungsmangel die grauen Zellen in Richtung Demenz treiben.

Weitere Perspektiven auf Alzheimer

Es gibt auch andere Perspektiven auf Alzheimer, die nicht von Nehls abgedeckt werden. Einige Experten betonen die Bedeutung der Früherkennung und der Entwicklung von Medikamenten, die den Krankheitsverlauf verlangsamen oder aufhalten können. Andere konzentrieren sich auf die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihrer Familien durch nicht-pharmakologische Interventionen und eine bessere Versorgung.

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