Die Ursachen von Parkinson: Was Ärzte übersehen könnten

Viele Menschen erleben Symptome, die auf Parkinson hindeuten könnten, bevor sie tatsächlich diagnostiziert werden. Oft werden diese Symptome fehlinterpretiert oder anderen Ursachen zugeschrieben. Dieser Artikel beleuchtet die Komplexität der Parkinson-Diagnose, die verschiedenen Ursachen und wie Betroffene ihren Weg zur richtigen Behandlung finden können.

Frühe Anzeichen und Fehldiagnosen

Gerhard Kroh, ein ehemaliger Straßenbauarbeiter, erinnert sich, wie er seine ersten Symptome - Rückenschmerzen und zitternde Hände - auf seine anstrengende Arbeit und familiäre Veranlagung zu psychischen Problemen zurückführte. "Man sucht immer eine vernünftige Erklärung", sagt er. Erst nachdem seine Frau ihn überzeugte, einen Arzt aufzusuchen, und nachdem er im Kuba-Urlaub Schwierigkeiten hatte, Getränke zu halten, wurde bei ihm Morbus Parkinson diagnostiziert.

Auch Susanne S. bemerkte Veränderungen bei ihrem Mann Norbert, der seinen Oberkörper beim Gehen nach vorne beugte. Norbert selbst nahm dies kaum wahr und führte es auf Rückenprobleme zurück. "Mir taten oft die Beine weh. Ich hatte fast ständig Nacken- und Schulterschmerzen, habe das aber nicht so ernst genommen", sagt Norbert S. Beide ahnten nicht, dass dies typische Anzeichen für Parkinson sein könnten.

Dr. Bernd Schade, Neurologe und Chefarzt der Hephata-Klinik in Treysa, erklärt: "Auf Parkinson kommen die wenigsten, weil das viele Menschen mit zitternden Händen und Beinen verbinden. Das können Zeichen sein, oft stehen zu Beginn aber unspezifische Symptome im Vordergrund, wie Schulter- und Rückenschmerzen, ein vornübergebeugter Gang, ein kleinschrittiges Gangbild, Schlafstörungen oder auch Geschmacks- und Geruchssinnprobleme."

Diese unspezifischen Symptome führen oft dazu, dass die richtige Diagnose erst nach etwa fünf Jahren gestellt wird.

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Die Parkinson-Krankheit: Symptome und Diagnose

Morbus Parkinson ist eine chronisch fortschreitende, neurodegenerative Erkrankung, die zu steifen Muskeln, verlangsamten Bewegungen und unkontrolliertem Zittern führt. In Deutschland sind schätzungsweise 400.000 Menschen betroffen, wobei die Diagnose meist zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr gestellt wird. Kathrin Wersing (44) aus Münster erhielt ihre Diagnose bereits mit 40 Jahren.

Die Diagnose wird in erster Linie klinisch gestellt, oft unter Zuhilfenahme eines Diagnosealgorithmus (United Kingdom Brain Bank-Kriterien). Weitere Untersuchungen wie pharmakologische Testungen (L-Dopa-Test; Apomorphin-Test), eine olfaktorische Testung oder auch die Durchführung einer Hirnparenchymsonographie können die Diagnose untermauern. Bei der Hirnparenchymsonographie wird transkraniell das Mittelhirn dargestellt, wobei typischerweise beim Morbus Parkinson die Substantia nigra hyperechogen zur Darstellung kommt.

Symptome im Überblick

  • Motorische Symptome:
    • Tremor (Zittern)
    • Rigor (Muskelsteifheit)
    • Akinese/Bradykinese (Bewegungsverlangsamung/-armut)
    • Posturale Instabilität (Gleichgewichtsstörungen)
    • Freezing (Bewegungsblockaden)
  • Nicht-motorische Symptome:
    • Depressionen
    • Schlafstörungen
    • Schmerzen
    • Verstopfung
    • Geruchsverlust
    • Kognitive Beeinträchtigungen

Der Parkinson-Selbsttest

Die Deutsche Parkinson Vereinigung bietet einen Selbsttest mit zwölf Fragen an, der helfen kann, erste Anzeichen zu erkennen:

  1. Haben Sie ein vermindertes Pendeln der Arme beim Gehen festgestellt?
  2. Ist Ihre Körperhaltung nach vorne geneigt?
  3. Schlurfen Sie beim Gehen oder ziehen ein Bein nach?
  4. Fühlen Sie sich in letzter Zeit erschöpft und antriebslos?
  5. Zittern die Hände/Beine manchmal, obwohl sie entspannt sind?
  6. Haben Sie häufig Schmerzen im Nacken-Schulter-Bereich?
  7. Hat sich Ihre Handschrift verändert, ist sie zum Beispiel kleiner und unleserlicher geworden?
  8. Ist Ihr Stimme leiser und monotoner als früher oder hört sie sich heiser an?
  9. Ziehen Sie sich von Freunden und Verwandten zurück?
  10. Meiden Sie Kontakte und haben zu nichts Lust?
  11. Haben Sie regelmäßig Schlafstörungen oder starke Bewegungen beim Schlafen?
  12. Haben Sie bemerkt, dass Ihr Geruchssinn schlechter geworden ist?

Wer drei oder mehr Fragen mit Ja beantwortet, sollte einen Arzt aufsuchen.

Ursachenforschung: Was verursacht Parkinson?

Bis heute gibt es keine einheitliche, konkrete Ursache für die Parkinson-Erkrankung. Es besteht die Möglichkeit, dass es mehrere Auslöser gibt.

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Dopaminmangel im Gehirn

Charakteristisch für die Parkinson-Krankheit ist der Abbau von Dopamin-produzierenden Zellen im Hirnstamm. Dopamin ist ein Botenstoff, der für die Signalübertragung in bestimmten Hirnregionen verantwortlich ist, welche vor allem bei der Optimierung von Bewegungsabläufen eine wichtige Rolle spielen.

Genetische Faktoren

Rein erbliche Formen machen nur etwa 5-10 % der Fälle aus. Es gibt allerdings genetische Faktoren, die zum Krankheitsausbruch beitragen können. Eines der identifizierten „Parkinson-Gene“ (PARK1) ist für die Herstellung von Alpha-Synuclein verantwortlich. Liegt z. B. eine Genmutation vor, ist auch das Alpha-Synuclein defekt. Das „unbrauchbare“ Protein lagert sich als sogenannte „Lewy-Körperchen” in den Zellen ab, wodurch diese nicht mehr richtig arbeiten können und schließlich absterben.

Die Darm-Hirn-Achse

Eine gestörte Darmflora könnte eine weitere Ursache der Parkinson-Erkrankung sein. Bei Betroffenen finden sich in der Darmflora vermehrt Bakterien, die Entzündungen verursachen. Zudem haben sie oft eine durchlässigere Darmschleimhaut, was zusätzlich das Risiko für eine Darmentzündung erhöht. Auch das bereits bekannte Alpha-Synuclein, das eine Schlüsselrolle bei der Krankheitsentstehung einnimmt, wurde im Darm und im Nervus vagus (Verbindung zwischen Gehirn und Darm) nachgewiesen.

Die Aszensionshypothese besagt, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt und sich über Nervenbahnen ins Gehirn ausbreitet. Ältere Untersuchungen an Mäusen zeigten bereits, dass Parkinson verlangsamt werden kann, wenn der Vagusnerv gekappt wird.

Oxidativer Stress

Wie so viele Krankheiten könnte auch Parkinson auf oxidativen Stress zurückzuführen sein. Hierbei entsteht ein Ungleichgewicht aus Oxidantien und Antioxidantien, wodurch vermehrt und unkontrolliert toxische, sauerstoffhaltige Moleküle produziert werden. Diese greifen Mitochondrien (Energieversorgung der Zellen) und Lysosomen (Abbau von Stoffen) an, die überlebenswichtig für die Zellen sind.

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Medikamente und andere Erkrankungen

Die Parkinson-Symptome können auch durch bestimmte Medikamente oder andere Erkrankungen, wie z. B. Durchblutungsstörungen oder Verletzungen des Gehirns, ausgelöst werden.

Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

Parkinson ist zwar nicht heilbar, aber eine frühe Diagnose kann wertvolle Jahre schenken, und die richtige Medikation kann den Verlauf zumindest verlangsamen.

Medikamentöse Therapie

In der Regel bekommen die Patienten L-Dopa, eine Vorläufersubstanz des Nervenbotenstoffs Dopamin. Daneben werden auch andere Medikamente, wie Dopamin-Agonisten, MAO B-Hemmer und COMT-Hemmer, einzeln oder in Kombination, eingesetzt. Ziel ist eine möglichst lange und gute Wirksamkeit mit wenig Nebenwirkungen.

Nicht-medikamentöse Therapie

Neben der Behandlung mit Medikamenten spielen nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle in der Therapie des Morbus Parkinson. Dabei können, abhängig von den Symptomen und Wünschen des Einzelnen, verschiedene Behandlungsformen zum Einsatz kommen. Zu diesen Maßnahmen zählen unter anderem:

  • Krankengymnastik (Physiotherapie)
  • Ergotherapie
  • Sprach-/Schlucktraining (Logopädie)
  • Sport-, Kunst-, Musik- und Tanz-Therapie

Tiefe Hirnstimulation

Treten im Verlauf der Erkrankung unter der oralen Therapie zunehmende motorische Komplikationen auf (On-Off-Wirkfluktuationen, verlängerte Off-Phasen, On-Dyskinesien, Off-Dystonien), steht die Tiefe Hirnstimulation (deep brain stimulation: DBS) als weitere Therapieoption zur Verfügung.

Leben mit Parkinson: Erfahrungen und Perspektiven

Norbert S. lebt seit 15 Jahren mit Parkinson und hat gelernt, mit den Einschränkungen umzugehen. "Ich war zuerst geschockt. Ich dachte, das ist das Ende. Für mich war klar, dass ich die Kontrolle über meinen Körper und meinen Geist verlieren und nicht mehr lange leben würde", sagt er. Heute benötigt er einen Rollator und Rollstuhl, kann aber weiterhin zu Hause leben, sich selbst versorgen und Zeit mit seinen Enkeln verbringen. "Ich muss diese Einschränkungen hinnehmen, aber ich lebe mein Leben."

Kathrin Wersing hat einen Podcast gestartet, um ihre Erfahrungen zu teilen und anderen Betroffenen Mut zu machen. "Ich möchte gern noch ein bisschen Energie reinstecken, um diese Botschaft weiterzutragen. Und dann habe ich mir vorgenommen, dass ich es noch erlebe, dass Parkinson besser behandelbar wird, oder sogar geheilt werden kann. Vorher trete ich nicht ab. Vielleicht profitiere ich selbst nicht mehr davon, aber ich möchte noch sehen, dass es möglich ist für andere."

Forschung und Ausblick

Die Parkinson-Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Moderne Therapien haben die Lebensqualität der Patienten verbessert und die Mortalität vermindert. Die Erkenntnisse aus der Molekulargenetik haben gezeigt, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Prof. Dr. Kurt Jellinger erwartet, dass die in Erprobung befindliche Impfung erfolgreich sein wird. Zudem erhofft er sich eine Optimierung der medikamentösen Therapie und eine personalisierte Behandlung, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten ist.

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