Die sexuellen Neurosen unserer Eltern: Eine Inhaltsanalyse des Theaterstücks von Lukas Bärfuss

Das Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ des Schweizer Autors Lukas Bärfuss, uraufgeführt am 19. Oktober 2006, thematisiert auf ironisch-humorvolle Weise Tabuzonen der aufgeklärten Gesellschaft. Bärfuss, einer der gefragtesten Dramatiker im deutschsprachigen Raum, behandelt in seinen Werken politische, gesellschaftliche und tabubesetzte Themen, die die alltäglichen Lebenswirklichkeiten unserer Gesellschaft widerspiegeln. Dabei werden Ambivalenzen, Widersprüche, innere Konflikte und menschliche Abgründe aufgedeckt.

Inhalt und Handlung

Im Zentrum des Stücks steht Dora, ein geistig behindertes Mädchen, das von ihren Eltern über alle Maßen geliebt wird. Dora ist still, reinlich und tut, was man ihr sagt. Sie füllt die Rolle der nur Bemitleidenswerten aus. Doch als ihre Medikamente abgesetzt werden, beginnt Dora zu leben. Sie entdeckt ihre Sexualität und genießt sexuelle Erfahrungen, was bei ihren Eltern, ihrem Chef und ihrem Arzt zu Verunsicherung und Angst führt.

Doras Erwachen: Nach dem Absetzen der Medikamente erwacht Dora aus ihrer Apathie. Sie macht Sex und geht mit einem fremden Mann aufs Hotelzimmer. Dieser Wandel stellt die liberale Fassade ihrer Umgebung in Frage.

Die Reaktionen der Eltern: Die Eltern sind mit Doras neu gewonnener Freiheit überfordert. Sie wünschen sich, dass die Lust an ihnen vorüberziehe und sie in Unschuld weiterträumen könnten. Die Mutter beschwört Dora, nicht mehr mit fremden Männern zu gehen, doch Dora, nun erwacht, geht wieder hin.

Gesellschaftliche Konfrontation: Dora wird zum Sand im Getriebe der liberalen Gesellschaft, insbesondere als sie eigene Ansprüche stellt und nicht länger als Projektionsfläche für Toleranz dient.

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Themen und Motive

Bärfuss' Stück behandelt eine Reihe von zentralen Themen:

Sexualität und Behinderung: Das Stück thematisiert die Sexualität von Menschen mit Behinderung, ein Thema, das oft tabuisiert wird. Doras sexuelles Erwachen konfrontiert die Zuschauer mit ihren eigenen Vorurteilen und Ängsten.

Liberale Fassade: Das Stück entlarvt die liberale Fassade der Gesellschaft, indem es zeigt, wie schnell Toleranz an ihre Grenzen stößt, wenn Menschen mit Behinderung eigene Ansprüche stellen.

Kontrolle und Freiheit: Die Medikamente, die Dora nimmt, symbolisieren die Kontrolle, die die Gesellschaft über Menschen mit Behinderung ausübt. Das Absetzen der Medikamente ermöglicht Dora, ihre Freiheit zu entdecken, führt aber auch zu Konflikten.

Identität und Selbstbestimmung: Dora entwickelt eine eigene Identität und drückt ihren Willen aus. Sie widersetzt sich der Unterordnung und stellt die Normalität in Frage.

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Inszenierung und Rezeption

Die Inszenierung des Stücks betont oft die Verfremdung, angelehnt an Brechts episches Theater. Durch den Einsatz von Chorpassagen und Szenenüberschriften wird ein Illusionstheater angekündigt. Die Dialoge sind karg und pointiert, was die Stärke des Textes ausmacht.

Die Meinungen über das Stück gehen weit auseinander. Einige Kritiker loben die künstlerische Brillanz und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. Andere bemängeln die dürftigen Dialoge und die fehlende psychologische Tiefe.

Bärfuss' Werk im Kontext

Lukas Bärfuss ist bekannt für seine provokativen und problematisierenden Stücke, die sich mit den „weißen Flecken der Moderne“ auseinandersetzen. Er untersucht, welchen fragwürdigen Anpassungsprozessen das Individuum ausgeliefert ist und welche Konsequenzen diese Mechanismen für die Gestaltung einer gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit haben.

Seine Werke zeichnen sich durch Subtilität, Witz und Offenheit im Denken aus. Bärfuss' Anspruch ist es, neue Denkräume zu schaffen, in denen die Zuschauer die Konfrontation mit dem Menschen und der eigenen Person aushalten müssen.

Verfilmung

2015 kam der Film „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ (Regie: Stina Werenfels) in die Kinos. Der Film greift die Thematik des Stücks auf und setzt sie visuell um.

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Zitate und Schlüsselszenen

Einige Schlüsselzitate aus dem Stück verdeutlichen die zentralen Konflikte:

  • Mutter: „Wir wünschten, die Lust zöge an uns vorüber, wir blieben lieber von ihr unberührt. Gerne schliefen wir in Unschuld und träumten in Anstand!“

  • Mutter: „Du bist so gänzlich schutzlos, sagt die Mutter, erwache nicht, träume weiter.“

  • Dora: „Nun, dann los, auf was warten wir.“

Diese Zitate zeigen die Angst der Eltern vor Doras Erwachen und Doras eigenen Wunsch nach Selbstbestimmung.

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