Die Chemotherapie ist eine wichtige Säule in der Behandlung von Krebserkrankungen, geht jedoch häufig mit belastenden Nebenwirkungen einher. Übelkeit und Erbrechen zählen zu den häufigsten und beeinträchtigendsten dieser Begleiterscheinungen. Um diese zu minimieren, werden begleitend zur Chemotherapie sogenannte Antiemetika eingesetzt. Die zusätzliche Gabe von Dopamin-Antagonisten kann die Wirksamkeit dieser Standardtherapien verbessern und so die Lebensqualität der Patienten deutlich steigern.
Antiemetische Therapie bei Chemotherapie: Eine notwendige Begleitmaßnahme
Eine Chemotherapie ist oft lebensrettend, verursacht jedoch in vielen Fällen unerwünschte Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen. Um diese zu verhindern oder bei ihrem Auftreten zu lindern, werden während der Chemotherapie supportiv, also unterstützend sogenannte antiemetisch wirkende Medikamente eingesetzt.
Mit einer Kombination verschiedener Wirkstoffe lassen sich Übelkeit und Erbrechen bei 70 bis 90 Prozent der Patienten trotz hoch emetogener Tumortherapie verhindern.
Die Rolle von Dopamin-Antagonisten in der Antiemetischen Therapie
Wenn diesen Standardwirkstoffen noch ein Dopaminantagonist hinzugefügt wird, lassen sich Übelkeit und Erbrechen noch besser unterdrücken. Zunächst war der Einsatz des Dopaminantagonisten bei Chemotherapieregimen getestet worden, die erfahrungsgemäß mit starker Übelkeit und Erbrechen einhergehen - um Krebskranken, die diese Regime erhalten müssen, die Folgen zu ersparen oder sie zu mäßigen. Doch nun testete eine Arbeitsgruppe die vorbeugende Wirkung des Dopaminantagonisten auch bei Regimen, die Übelkeit und Erbrechen in moderatem Maße verursachen, was für die Betroffenen dennoch eine Belastung darstellt. Hierzu gehören zum Beispiel bestimmte platinbasierte Chemotherapien. Auf die kombinierte Behandlung sprachen signifikant mehr Personen als auf die alleinige Standardbehandlung an. Vor allem die Übelkeit konnte besser unterdrückt werden, und es wurden weniger weitere Therapien notwendig.
Aktuelle Empfehlungen und Leitlinien zur Antiemetischen Therapie
Nach den Angaben der aktuellen Onkopedia-Leitlinie »Antiemese bei medikamentöser Tumortherapie« gehören zu den parenteralen Wirkstoffen mit hoch emetogenem Potenzial unter anderem Cisplatin, Carmustin, Dacarbazin, Mechlorethamin, Melphalan, Streptozotocin und die Kombination aus Anthrazyklin/Cyclophosphamid. Patienten, die mit diesen Wirkstoffen behandelt werden, sollten zur Prophylaxe von akuter Übelkeit/Erbrechen einen NK1-RA, einen 5-HT3-RA, Dexamethason und Olanzapin als optionale Ergänzung erhalten. Bei einer oralen Tumortherapie mit hohem/moderatem Risiko wird ein 5-HT3-RA an den Tagen 1 bis 7 mit Dexamethason an den Tagen 1 bis 3 kombiniert. Anschließend wird die Antiemese abgesetzt und bei Bedarf als Rescue-Therapie erneut gestartet. Je geringer das emetogene Potenzial einer Tumortherapie, desto mehr Abstufungen gibt es in der Kombination von Wirkstoffen und desto wahrscheinlicher ist der Einsatz von Monosubstanzen. Bei einer erhöhten Neigung zu Übelkeit und Erbrechen, beispielsweise ausgelöst durch Ängste, sollte von Beginn an eine Prophylaxe unter Aufklärung des Patienten eingeleitet werden. Auch Verhaltenstherapie und progressive Muskelrelaxation sind bei antizipatorischem Erbrechen empfehlenswert. Eine ergänzende Behandlungsoption stellen Akupunktur oder Akupressur am Perikard-Punkt P6 auf der Innenseite des Handgelenks dar. Laut Studien gibt es einen geringen Effekt auf die akute Übelkeit, ein Erbrechen kann aber nicht verhindert werden.
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Grundlagen von Übelkeit und Erbrechen bei Tumortherapie
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen nach medikamentöser Tumortherapie sind ein zusammenhängender Symptomkomplex. Nach dem Zeitpunkt des Auftretens der Symptomatik werden empirisch drei Formen unterschieden:
- Akut: Auftreten innerhalb von 24 Stunden nach Beginn der medikamentösen Tumortherapie
- Verzögert: Auftreten später als 24 Stunden nach Beginn der medikamentösen Tumortherapie und Dauer bis zu 5 Tage
- Antizipatorisch: Ausgelöst durch externe Faktoren wie Geruch, Geschmack und visuelle Eindrücke, oder psychische Faktoren wie Angst und Anspannung; geprägt durch Übelkeit und Erbrechen bei einer vorherigen medikamentösen Tumortherapie im Sinne einer klassischen Konditionierung.
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen treten auch während und nach Strahlentherapie auf. Die Prophylaxe von Strahlentherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen ist nicht Gegenstand dieser Empfehlungen.
Epidemiologie und Inzidenz
Übelkeit und Erbrechen sind häufige Nebenwirkungen der medikamentösen Tumortherapie. Besonders oft treten sie nach Anwendung von klassischen Zytostatika wie Cisplatin auf, aber auch bei anderen Formen der medikamentösen Tumortherapie wie monoklonalen Antikörpern oder gezielten Inhibitoren. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Übelkeit und Erbrechen wird vor allem durch die medikamentöse Tumortherapie selbst und die Bestrahlung beeinflusst. Eine weitere wichtige Rolle spielen patientenindividuelle Faktoren, die das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen fördern oder verringern können. Trotz leitliniengerechter Therapie treten bei ca. 20-30 % der Patienten nach wie vor Erbrechen während der Chemotherapie auf; die Inzidenz von Übelkeit ist mit ca. 40-50 % sogar deutlich höher.
Pathogenese
Erbrechen ist ein komplexer Vorgang. Dem motorischen Reflex des Erbrechens geht in der Regel eine unterschiedlich lange und unterschiedliche intensive Phase von Übelkeit und abdominellem Unwohlsein voraus. Bei der medikamentösen Tumortherapie kann Erbrechen pathophysiologisch durch unterschiedliche Mechanismen ausgelöst werden. Gut charakterisiert sind diese Signalwege:
- Peripher: Durch Freisetzung von Serotonin aus den enterochromaffinen Zellen des Dünndarms. Serotonin bindet an die 5-HT3 Rezeptoren der benachbarten afferenten Vagusnerven und leitet stimulierende Impulse an den „Central Pattern Generator“, früher Brechzentrum genannt, in der Medulla oblongata weiter. Der periphere Signalweg induziert vor allem das akute Erbrechen.
- Zentral: Durch Freisetzung von Substanz P, einem Peptid aus der Gruppe der Neurokinine, und Bindung an NK1 Rezeptoren im Gehirn. Die Substanz P/NK1 Rezeptor-Bindung spielt auch eine zentrale Rolle in der Schmerzwahrnehmung und ist vor allem für das verzögerte Erbrechen nach medikamentöser Tumortherapie verantwortlich.
Die Rolle und Interaktion anderer Signaltransduktionswege unter Beteiligung von Dopamin, Histamin oder Acetylcholin ist nicht vollständig geklärt.
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Risikofaktoren
Das Risiko, infolge einer medikamentösen Tumortherapie zu erbrechen, ist für jeden Patient*innen unterschiedlich stark ausgeprägt. Es hängt in erster Linie vom emetogenen Potential der Chemotherapie aber auch von individuellen Risikofaktoren ab.
Medikamentöse Tumortherapie
Dominierender Risikofaktor für das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen ist die Tumortherapie selbst. Die Intensität dieser Nebenwirkungen wird von mehreren Faktoren beeinflusst:
- Art der Therapie: Höher bei Zytostatika als bei antihormoneller Therapie, monoklonalen Antikörpern oder kleinen gezielten Molekülen.
- Dosierung: Höher bei steigenden Dosierungen
- Applikation: Höher bei intravenöser als bei oraler Applikation. Mögliche Ausnahme: Vinorelbin
- Therapieschema: Höher bei dosisdichten Therapieregimen
- Kombination: Höher bei Kombination mit anderen emetogenen Arzneimitteln und bei Kombination mit Strahlentherapie. Cave: Alleinige Strahlentherapie ist auch mit einem emetogenen Potential verbunden.
Für die Klassifikation des intrinsischen Risikos von intravenös applizierten Einzelmedikamenten bzw. von Kombinationstherapie hat sich eine Kategorisierung in 4 Risikoklassen durchgesetzt. Für orale Tumortherapeutika dagegen wurde in den 2020 veröffentlichten Leitlinien der ASCO und der NCCN eine Klassifizierung in nur noch zwei Risikoklassen „Moderat / Hoch“ und „Minimal / Gering“ vorgeschlagen, da die Studienlage bei oralen Tumortherapeutika eine weitere Klassifizierung oftmals nicht zulässt. Häufig fehlen Angaben zur Emesis, oder es wird nicht berichtet, ob eine antiemetische Prophylaxe erfolgt ist oder in welchem Umfang. Zudem unterscheiden sich die wenigen Angaben der Studien zur Inzidenz des Erbrechens. Als Beispiel: Sonidegib wurde in der Dosierung von 200 mg die Inzidenz des Erbrechens Grad 1-2 mit 5 % bzw.11 % angegeben - das entspräche einmal der minimalen bzw. einmal der geringen Risikoklassifikation. In der 2-Stufen Klassifizierung wird Sonidegib mit <30 % Emetogenität daher der minimal/geringen Stufe zugeordnet.
Patientenindividuelle Risikofaktoren
In zahlreichen, in der Mehrzahl retrospektiven Studien, wurde der Einfluss patientenindividueller Faktoren auf das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen untersucht:
- Geschlecht: Höher bei Frauen
- Alter: Höher bei jüngeren Patient*innen
- Reisekrankheit: Höher bei Patient*innen mit dieser Vorbelastung
- Vorgeschichte von Übelkeit und Erbrechen: Höher bei Patient*innen mit Vorbelastung, auch in einer vorherigen Chemotherapie
- Alkoholkonsum: Niedriger bei Patient*innen mit chronischem Alkoholkonsum
- Ängstlichkeit: Erhöht das Risiko
Die patientenindividuellen Risikofaktoren können in Scores zusammengefasst werden, die die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten vorhersagen. Ein patientenbezogenes, risikostratifiziertes Vorgehen unter Berücksichtigung der genannten individuellen Risikofaktoren ist bei der Festlegung der antiemetischen Prophylaxe in den aktuellen Leitlinien allerdings nicht vorgesehen. Eine Berücksichtigung der individuellen Risikofaktoren erscheint den Autoren bei der oralen Tumortherapie trotz fehlender klarer Evidenz allerdings sinnvoll.
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Klinisches Bild: Symptome von Übelkeit und Erbrechen
Zum Symptomkomplex gehören Übelkeit, Appetitlosigkeit und Erbrechen. Diese Symptomatik wird anamnestisch nach jedem Therapiezyklus, vor Beginn eines neuen Therapiezyklus und bei Dauertherapie in regelmäßigen Abständen erhoben.
Diagnose und Klassifikation
Die Intensität von Übelkeit und Erbrechen wird international nach den Common Terminology Criteria for Adverse Events (CTCAE) in 4 Schweregraden klassifiziert. In antiemetischen Therapiestudien wird häufig die „Complete Response“ (CR) als kein Erbrechen und kein Gebrauch antiemetischer Notfallmedikation verwendet.
Differenzialdiagnose
Zahlreiche Ursachen können bei Tumorpatientinnen zu Übelkeit und Erbrechen führen, vor allem bei Patientinnen mit fortgeschrittener Erkrankung. Andere Ursachen als die Tumortherapie sind insbesondere dann zu bedenken, wenn kein klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen Tumortherapie und dem Auftreten von Übelkeit und Erbrechen besteht, oder wenn bei länger andauernder Tumortherapie Übelkeit und Erbrechen als neue Symptome auftreten. Andere Ursachen für Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sind:
- Intraabdominell: Obstruktiv (Pylorusobstruktion, Dünndarmobstruktion, Dickdarmobstruktion, A. mesenterica - Superior-Syndrom), Infektion, Entzündliche Erkrankung (Gastrointestinale GvHD, Cholezytsitis, Pankreatitis, Appendizitis, Hepatitis), Gestörte Motorik (Gastroparese, Intestinale Pseudoobstruktion, Funktionelle Dyspepsie, Gastroösophagealer Reflux, Gallenkolik), Abdominelle Bestrahlung, Sonstiges (Schwangerschaft)
- Extraabdominell: Kardiopulmonal (Hypertensive Krise, Myokardinfarkt, Kardiomyopathie, Labyrintherkrankungen, Reisekrankheit, Labyrinthitis, Malignom, Zyklisches Erbrechen), ZNS (Hirndruck, Malignom, Abszess, Blutung, Hydrozephalus, Migräne, Psychiatrische Erkrankungen, Antizipatorisches Erbrechen, Anorexia/ Bulimia nervosa, Depression, Postoperatives Erbrechen (PONV))
- Medikamente/ Metabolische Störung: Pharmaka (Antibiotika, Antiarrhythmika, Digitalis, Eisenpräparate, Levodopa, NSAID, Orale Antidiabetika, Orale Kontrazeptiva, Opiate), Endokrine Ursachen/ Metabolische Erkrankung (Hypoglykämie, Hyperkalzämie, Urämie, Ketoazidose, Erkrankungen der Schilddrüse/ Nebenschilddrüse), Fehlbesiedlung des Dünndarms, Dysbiose, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Intoleranzen (z.B. Lactose oder Fructose), Toxine (Leberversagen, Alkohol, Infektion mit Noro- oder Rotaviren, Infektion mit Salmonellen, Campylobacter, Staphylokokken oder Escherichia coli)
Prophylaxe und Therapie von Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen
Standard ist die Prophylaxe, basierend auf der Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Übelkeit und Erbrechen der geplanten, medikamentösen Tumortherapie. Eine wichtige Maßnahme ist die ausführliche und umfassende Aufklärung. Interventionelle Maßnahmen sind beim Versagen der Prophylaxe erforderlich. Vor jedem neuen Therapiezyklus muss die Wirksamkeit der bisherigen Prophylaxe evaluiert und ggf. angepasst werden.
Erstlinienprophylaxe bei intravenösen Tumortherapeutika
Die Erstlinienprophylaxe richtet sich nach dem emetogenen Potenzial der geplanten intravenösen Tumortherapie. Ein Algorithmus orientiert sich an den aktualisierten MASCC/ESMO Leitlinien.
Hohes Risiko für Übelkeit und Erbrechen
In diese Gruppe fallen vor allem intravenös applizierte Substanzen wie Cisplatin, Carmustin, Dacarbazin, Mechlorethamin, Melphalan, Streptozotocin und die Kombination aus Anthrazyklin/Cyclophosphamid.
Olanzapin: Ein Atypisches Neuroleptikum in der Antiemetischen Therapie
Die zusätzliche Gabe von Olanzapin, einem zur Behandlung der Schizophrenie zugelassenen atypischen Neuroleptikum, hat in einer randomisierten klinischen Studie die Wirkung einer antiemetischen Therapie der Zytostatika-induzierten Übelkeit verbessert. Olanzapin ist aus pharmakologischer Sicht ein unpräziser Wirkstoff. Zu den Angriffspunkten gehören neben zahlreichen Dopamin-Rezeptoren (D1, D2, D3 und D4) auch die Serotonin-Rezeptoren 5-HT 2c, 3 und 6, der alpha1-adrenerge Rezeptor, der muskarinische Acetylcholinrezeptor und der Histamin 1-Rezeptor. Einige dieser Rezeptoren (insbesondere D2 , 5-HT2c und 3) sind auch an der Pathogenese von Übelkeit und Erbrechen beteiligt, unter der viele Krebspatienten während einer Chemotherapie leiden.
Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Olanzapin
Eine vom US-National Cancer Institute finanzierte Studie hat jetzt untersucht, ob eine zusätzliche Gabe von Olanzepin die Ergebnisse verbessern kann. An der Studie beteiligten sich an 46 US-Zentren insgesamt 380 Patienten, die aufgrund einer Krebserkrankung eine hoch-ematogene Chemotherapie erhalten sollten. Alle Patienten wurden vorsorglich mit einer Kombination aus einem NK1-Rezeptor-Antagonisten, 5-HT3-Antagonisten und Dexamethason behandelt. Die Hälfte der Patienten wurde zusätzlich mit Olanzapin (10 mg/die an den ersten vier Tagen des Chemotherapie-Zyklus) behandelt. Primärer Endpunkt der Studie war die Vermeidung einer Nausea.
Dieses Ziel wurde, wie Rudolph Navari von der Indiana University School of Medicine in South Bend und Mitarbeiter mitteilen, bei einer zusätzlichen Gabe von Olanzapin in den ersten 24 Stunden nach Chemotherapiebeginn von 74 Prozent der Patienten erreicht gegenüber 45 Prozent in der Vergleichsgruppe ohne Olanzapin. Auch im Zeitraum von 25 bis 120 Stunden erhöhte Olanzapin (auf 42 Prozent versus 25 Prozent) die Zahl der Patienten, die nicht unter Übelkeit litten. Im gesamten Untersuchungszeitraum von 120 Stunden waren 37 Prozent versus 22 Prozent frei von Übelkeit. Auch im sekundären Endpunkt (keine Emesis und keine Verwendung von Notfallmedikation) war in den drei Zeitspannen ein klarer Vorteil durch Olanzapin erkennbar: 86 versus 65 Prozent, 67 versus 52 Prozent und 64 versus 41 Prozent der Patienten blieben ohne Erbrechen und sie benötigten keine Notfallmedikamente.
Der einzige Nachteil von Olanzapin scheint eine Sedierung zu sein. Etwa 5 Prozent waren am Tag 2 der Chemotherapie stark benommen. Die anderen bekannten Nebenwirkungen von Olanzapin wie eine Gewichtszunahme und ein Typ 2-Diabetes dürften bei der geringen Behandlungszeit keine Rolle spielen.
Bedeutung für Brustkrebspatientinnen
An der Studie nahmen Brustkrebspatientinnen teil, die im Rahmen einer Chemotherapie gegen den Brustkrebs auch eine sogenannte antiemetische Therapie erhielten, um Übelkeit und Erbrechen vorzubeugen. Eine Gruppe von ihnen erhielt neben dieser Standardtherapie ein atypisches Neuroleptikum, eine zweite Gruppe erhielt zusätzlich zur antiemetischen Standardtherapie einen Dopamin-Rezeptor-Antagonist, und eine dritte Gruppe erhielt die Standardtherapie und ein Scheinmedikament (Placebo). Sowohl das atypische Neuroleptikum als auch der Dopamin-Rezeptor-Antagonist konnten als Zusatz zur standardisierten antiemetischen Therapie im Vergleich zum Placebo die durchschnittliche und die maximale Übelkeit reduzieren. In allen drei Behandlungsgruppen ging die Lebensqualität während der Chemotherapie zurück. In der Gruppe, die zusätzlich das atypische Neuroleptikum erhielt, geschah dies jedoch signifikant weniger stark als in der Placebogruppe, während sich die beiden anderen Gruppen darin nicht unterschieden.
Weitere Antiemetische Medikamente und Strategien
Neben Dopamin-Antagonisten und atypischen Neuroleptika gibt es eine Reihe weiterer Medikamente und Strategien zur Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Chemotherapie:
- Serotonin-Rezeptor-Hemmer (5-HT3-Rezeptor-Antagonisten): Wirken über die Blockade der peripheren und zentralen Serotonin-Rezeptoren. Verfügbare Substanzen: Granisetron, Ondansetron, Palonosetron und Tropisetron jeweils i.v. und oral.
- Neurokinin-1- (Nk1-)-Rezeptor-Hemmer: Wirken über die Blockade der Neurokinin-Rezeptoren.
- Kortikosteroide
- Metoclopramid (MCP)
- Benzodiazepine (z. B. Diazepam, Lorazepam): Keine primäre antiemetische Wirkung, können jedoch durch ihre angstlösende (anxiolytische) Wirkung und ihren beruhigenden (sedierenden) Effekt insbesondere beim antizipatorischen und unstillbaren Erbrechen wirkungsvoll sein.
Ergänzende Maßnahmen zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen
- Verhaltenstherapie und progressive Muskelrelaxation: Bei antizipatorischem Erbrechen empfehlenswert.
- Akupunktur oder Akupressur am Perikard-Punkt P6: Laut Studien gibt es einen geringen Effekt auf die akute Übelkeit, ein Erbrechen kann aber nicht verhindert werden.
- Regelmäßige und konsequente Mund- und Zahnpflege: Um die Mundschleimhaut zu schützen.
- Direkt auf der Schleimhaut wirkende Schmerzmittel: Bei leichten Beschwerden einer Mundschleimhautentzündung in Form von Lösungen oder Sprays.
- Antimykotika: Bei Bedarf als Lutschtabletten, Lösungen, Kapseln oder Tabletten. Dabei haben sich Medikamente zum Einnehmen als wirksamer erwiesen als solche, die örtlich aufgetragen werden.
- Loperamid: Zur Behandlung von unkompliziertem Verlauf von Durchfall unter Chemotherapie oder Bestrahlung als Standardtherapie empfohlen.
- Pflanzliche Mittel gegen Durchfall: Blutwurz, Heidelbeere, Schwarze Johannisbeere und der Schwarzmohn (Opium).
Weitere Nebenwirkungen der Chemotherapie und deren Management
Eine Chemotherapie beeinträchtigt nicht nur Tumorzellen, sondern auch andere Gewebe. Infolgedessen kann während einer Chemotherapie eine Verminderung von Blutzellen auftreten. Dies wird Knochenmarksuppression genannt.
- Mangel an weißen Blutkörperchen (Leukozyten): Um diesen Mangel an weißen Blutkörperchen, insbesondere den der neutrophilen Granulozyten (Neutropenie) zu verhindern, können vorbeugend Granulozyten-Wachstumsfaktoren (kurz: G-CSF) gegeben werden.
- Mangel an roten Blutkörperchen (Erythrozyten): Sind diese Symptome stark ausgeprägt, können Bluttransfusionen mit Erythrozyten-Konzentraten notwendig sein oder Betroffene erhalten Erythropoese-stimulierende Agenzien (ESA), die die Bildung von Wachstumsfaktoren anregen.
- Akute Infusionsreaktionen: Um dies zu verhindern, können die Patient:innen zur Vorbeugung vor der Infusion meist eine Prophylaxe mit Paracetamol, Antihistaminika und Kortison erhalten.
- Haut- und Nagelveränderungen: Als Nebenwirkung von Krebsmedikamenten kann ein akneähnlicher (akneiformer) Hautausschlag mit Rötung und Schuppung, Knötchenbildung und juckenden Pusteln auftreten. Das ist besonders häufig der Fall bei zielgerichteten Medikamenten, die sich gegen den epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor (EGFR) richten. Zur Vorbeugung und Behandlung der Hautreaktionen sind je nach Bedarf verschiedene Medikamente verfügbar. Zudem ist ein sorgfältiger Schutz der Haut vor Druck, Hitze, Feuchtigkeit und Verletzungen durch die Patient:innen selbst wichtig.
- Hand-Fuß-Syndrom (HFS): Bezeichnet eine schmerzhafte Rötung und Schwellung an den Handinnenflächen und Fußsohlen. Als vorbeugende Maßnahmen empfehlen die Leitlinien: Reibungen, Hitze und Druck auf Händen und Füßen vermeiden. Zur Behandlung des HFS können je nach Bedarf und Schweregrad verschiedene Medikamente angeboten werden.
- Fatigue: Eine besonders starke, krankhafte Müdigkeit und Erschöpfung.
Antiemetika: Wirkstoffe und Nebenwirkungen im Überblick
Antiemetika sind Arzneimittel, die zur Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden.
Wirkstoffgruppen und Wirkmechanismen:
- 5-Hydroxytryptamin (5-HT3)-Rezeptorantagonisten: Blockieren die 5-HT3-Rezeptoren im Gehirn und auf bestimmten Zellen im Magen-Darm-Trakt.
- Neurokinin-1 (NK1)-Rezeptorantagonisten: Blockieren den NK1-Rezeptor im Gehirn, wodurch die Wirkung von Substanz P reduziert wird.
- Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten: Blockieren die Dopamin-D2-Rezeptoren im Gehirn.
- Antihistaminika: Blockieren die H1-Histaminrezeptoren im Gehirn.
- Cannabinoide
Mögliche Nebenwirkungen der Antiemetika:
- 5-HT3-Rezeptorantagonisten: Verstopfung, Durchfall, Kopfschmerzen, Schwindel, Schläfrigkeit, Herzklopfen, Selten: Herzrhythmusstörungen
- NK1-Rezeptorantagonisten: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Verstopfung, Durchfall, Appetitlosigkeit, Schläfrigkeit
- Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Bewegungsstörungen, Depressionen, Unruhe, Selten: Dyskinesien
- Antihistaminika: Schläfrigkeit, Verwirrung, Trockener Mund, Verstopfung, Verschwommenes Sehen
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten:
Die aufgeführten Wechselwirkungen der Antiemetika sind keine vollständige Liste und können je nach Wirkstoff variieren.
- 5-HT3-Rezeptorantagonisten: Die Plasmakonzentrationen von 5-HT3-Rezeptorantagonisten können durch CYP3A4-Inhibitoren erhöht werden. CYP3A4-Induktoren können hingegen die Plasmakonzentrationen senken.
- NK1-Rezeptorantagonisten: Aprepitant ist ein Substrat, ein moderater Inhibitor und ein Induktor von CYP3A4 und induziert auch CYP2C9. Aprepitant darf nicht gleichzeitig mit Pimozid, Terfenadin, Astemizol oder Cisaprid angewendet werden. Aprepitant beeinflusst die Pharmakokinetik von Dexamethason und Methylprednisolon
- Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten: Die Plasmakonzentrationen von Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten können durch CYP3A4-Inhibitoren erhöht werden. CYP2D6-Inhibitoren können ebenfalls die Plasmakonzentrationen erhöhen. Die gleichzeitige Verwendung von Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten und anderen Arzneimitteln, die die QTc-Zeit verlängern, sollte vermieden oder sorgfältig überwacht werden.
- Antihistaminika: Antihistaminika können die sedierenden Wirkungen von Benzodiazepinen, Opioiden und anderen zentral wirkenden Arzneimitteln verstärken. Die gleichzeitige Verwendung von Antihistaminika und anderen Arzneimitteln, die das QTc-Intervall verlängern, sollte vermieden oder sorgfältig überwacht werden.
- Cannabinoide: Cannabinoide können die sedierenden Wirkungen von Benzodiazepinen und anderen zentral wirkenden Arzneimitteln verstärken. Die gleichzeitige Verwendung von Cannabinoiden und Alkohol kann die Wirkung verstärken und das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen:
- 5-HT3-Rezeptorantagonisten: Vorsicht bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung; kann QT-Intervall verlängern.
- NK1-Rezeptorantagonisten: Vorsicht bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung; kann die Plasmakonzentration von Warfarin erhöhen.
- Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten: Nicht bei Darmverschluss anwenden; kann unerwünschte Bewegungsstörungen (Dyskinesien) hervorrufen.
- Antihistaminika: Nicht bei Engwinkelglaukom, Prostatahyperplasie und Harnverhalt anwenden; kann Schläfrigkeit verursachen.
Patienteninformation und Beratung
Vor einer Krebstherapie sollten Patienten dem Arzt folgende Fragen stellen:
- Wie wahrscheinlich ist es, dass mir durch die geplante Krebsbehandlung übel wird?
- Wann muss ich damit rechnen? Unmittelbar nach der Krebstherapie, oder erst einige Zeit später? Wie lange kann die Übelkeit nach dem Ende der Behandlung anhalten?
- Bekomme ich vorbeugende Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen? Helfen mir die als wirksam bekannten Standards? Oder ist bei mir eine davon abweichende Therapie notwendig?
- Welche Medikamente gegen Übelkeit bekomme ich? Wann und wie oft? Was hilft besser, Tablette, Kapsel, Tropfen? Wenn mir übel ist, gibt es dann auch Spritzen oder Infusionen über die Vene oder Zäpfchen?
- Können die Medikamente gegen Erbrechen und Übelkeit selbst Nebenwirkungen haben? Was kann ich selbst tun, um vorzubeugen? Sollte ich beim Essen und Trinken während der Behandlung etwas Besonderes beachten? Helfen Entspannungsübungen oder Ablenkung?
- Wie sieht es mit den üblichen Hausmitteln gegen Übelkeit aus?
- Wie soll ich mich verhalten, an wen kann ich mich wenden, wenn ich trotz der Medikamente unter Übelkeit und Erbrechen leide?
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