Drogenkonsum, insbesondere der von Kokain, ist in Deutschland ein wachsendes Problem. Die Risiken, insbesondere für das Gehirn und das Nervensystem, werden oft unterschätzt. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen und gravierenden Auswirkungen verschiedener Drogen auf die Gehirnstruktur und -funktion, von kurzfristigen Veränderungen bis hin zu langfristigen Schäden.
Kokain: Eine unterschätzte Gefahr für das Gehirn
Die Auswirkungen von Kokain sind weniger im Bewusstsein, obwohl der Konsum in Europa in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Kokain birgt ein hohes Suchtpotenzial mit allen sozialen und psychischen Folgen und ist eine immense Gefahr für das Gehirn.
Erhöhtes Schlaganfallrisiko und Hirnblutungen
Eine systematische Metaanalyse von 36 Studien hat gezeigt, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und ischämische Schlaganfälle um das Fünffache erhöht. Kokain-bedingte Schlaganfälle enden öfter tödlich und gehen häufiger mit Komplikationen wie Gefäßkrämpfen und epileptischen Anfällen einher. Die Droge beeinträchtigt die vaskuläre Funktion, was zu Verengung und Entzündung der Blutgefäße führt (Vasokonstriktion und Vaskulitis). Dies verursacht nicht nur Kopfschmerzen, sondern scheint auch ein Grund für die erhöhte Schlaganfallrate bei Kokain-Abhängigen zu sein.
Beschleunigte Hirnalterung
Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es Abbauprozesse anstößt, die normalerweise bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer auftreten. Eine Studie aus dem Jahr 2023 verglich das Hirngewebe von Kokain-Abhängigen und Nicht-Konsumenten. Bei den Suchtkranken wurde eine ausgedehnte Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen festgestellt. Dieser Schwund an Nervenzellen ist ein typisches Zeichen für neurodegenerative Erkrankungen und führte auch bei Kokain-Abhängigen zu einem höheren "Gehirnalter".
Eine frühere Studie aus dem Jahr 2012 zeigte, dass die Abnahme der grauen Substanz bei Langzeit-Kokain-Abhängigen doppelt so schnell vonstattengeht wie bei gesunden Menschen. Dies führt zu Einschränkungen in Bezug auf Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit.
Lesen Sie auch: Nervensystem unter Drogen: Langzeitfolgen und Risiken
Kognitive Defizite und der trügerische Schein der Leistungssteigerung
Kokain wird oft von Menschen konsumiert, die ihre kognitive Leistungsfähigkeit steigern wollen. Die Droge hat hier zwar tatsächlich einen kurzfristigen Effekt, doch den zahlt man langfristig doppelt und dreifach in der gleichen Währung zurück: in Form kognitiver Leistungseinbußen. Sogar gelegentlicher Kokain-Konsum könnte bereits mit kognitiven Defiziten verbunden sein.
Weitere Schäden im Gehirn
Darüber hinaus richtet Kokain viele andere Schäden im Gehirn an. Halluzinationen, Agitiertheit, Psychosen und Paranoia sind bekannte Begleit- und Folgeerscheinungen.
Wie Drogen das Gehirn "manipulieren"
Drogen "manipulieren" das Gehirn, indem sie Botenstoffe freisetzen, die zunächst Wohlbefinden auslösen und so zur Sucht führen. Verschiedene Mechanismen im Gehirn sorgen dafür, dass das Verlangen immer größer wird, während gleichzeitig die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys oder Beruf abnimmt. Drogenkonsumbedingte Erhöhung von Botenstoffen im Gehirn, wie z. B. Dopamin, befeuern das "Belohnungszentrum". Das Gehirn gewöhnt sich an die hohen Konzentrationen und möchte immer mehr "Stoff" - damit beginnt die Sucht.
Die Rolle des Belohnungssystems und Dopamin
Lernen, sich anstrengen, arbeiten - was uns antreibt, ist unser ständiges Verlangen nach Belohnung: Durch eine gute Note, ein höheres Gehalt oder mehr Anerkennung. Auslöser dafür ist unser Belohnungssystem. Entwickelt hat es sich, um uns zur Selbsterhaltung und zur Erhaltung der Art zu motivieren, indem wir Nahrung suchen und uns fortpflanzen. Doch uns moderne Menschen führt das Belohnungssystem auch dazu, dass wir von manchen Dingen gar nicht genug bekommen können. Besonders gefährlich wird es, wenn Menschen eine Art Abkürzung auf dem Weg zur neuronalen Belohnung nehmen: über Zigaretten, Alkohol oder eine Dosis Kokain - also jegliche Art von Drogen.
Drogen wirken durch unterschiedliche Mechanismen und auf verschiedene Rezeptoren im Gehirn. Gemein ist aber allen, dass sie das Belohnungssystem mithilfe des Botenstoffs Dopamin aktivieren. Und das deutlich stärker, als alle natürlichen Belohnungen, die wir kennen. Amphetamine beispielsweise setzen bei Versuchstieren zehnmal mehr Dopamin frei als Nahrungsaufnahme oder Sex. Doch das Schlimme: Das Gehirn merkt sich, welche Stoffe zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen nach den belohnenden Substanzen wird dadurch stärker, komplexe neuronale Anpassungsprozesse setzen ein und diese Adaptation verändert das Gehirn nachhaltig. Die enge Interaktion von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion bedingen so ein Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird und schließlich in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster mündet.
Lesen Sie auch: Drogeninduzierte Epilepsie: Risiken und Behandlung
Die Schritte zur Sucht: Habituation, Sensitivierung und Toleranzentwicklung
Auf dem Weg zur Sucht sind mehrere Schritte besonders bedeutsam. Zunächst kommt es zu einer Gewöhnung an das durch die Substanzen ausgelöste Gefühl der Leichtigkeit und Euphorie. Diese Gewöhnung wird im Fachjargon als Habituation bezeichnet. Gleichzeitig wird der Suchtkranke immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme des Suchtstoffes in Verbindung stehen, zum Beispiel der Anblick eines Bierglases. Immer wird er an das schöne Gefühl bei Konsum der Droge erinnert und möchte dem Verlangen nach der Substanz nachgeben, was als Sensitivierung (Habit-Bildung) bezeichnet wird. Da gleichzeitig eine Toleranzentwicklung einsetzt, reicht dem Suchtkranken die letztmalige Dosis nicht mehr aus, um das gleiche Gefühl zu entwickeln - und er muss immer mehr konsumieren.
Die Rolle des präfrontalen Cortex und des mesolimbischen Systems
Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems. Während Teile des präfrontalen Cortex dafür verantwortlich sind, dass wir in unterschiedlichen Situationen zielgerichtet handeln können, entstehen unsere Emotionen, insbesondere Freude, vor allem im mesolimbischen System. Auch das Belohnungssystem ist hier lokalisiert. Der präfrontale Cortex interagiert intensiv mit diesen Netzwerken. Bei Personen, die zu Abhängigkeit neigen, kann der präfrontale Cortex von vornherein eine Dysfunktion aufweisen. Durch den anhaltenden Substanzkonsum wird dies noch verstärkt. Die kognitive Kontrolle nimmt dann ab!
Das "Kidnapping" des präfrontalen Cortex durch das mesolimbische System
Bei Suchtpatienten kann das mesolimbische System durch Bottom-Up-Prozesse den präfrontalen Cortex sozusagen "kidnappen". Durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (MRT) konnten in den letzten Jahren die neurobiologischen Adaptationsmechanismen im Rahmen von Abhängigkeitserkrankungen immer genauer verstanden werden. Ein besonders bedeutendes Kerngebiet im mesolimbischen System ist dabei das Striatum. Es wird in einen ventralen (nach vorne gerichteten) Teil und einen dorsalen (zum Rücken gerichteten) Teil unterschieden. Im ventralen Striatum ist auch der Nucleus accumbens lokalisiert, der als das "Lustzentrum" im Gehirn gilt. In bildgebenden Studien lässt sich beobachten, dass bei zunehmender Abhängigkeit die Aktivierung vom ventralen Striatum in das dorsale Striatum wandert. Dieser Shift von ventral nach dorsal könnte damit im Zusammenhang stehen, dass sich auch das Verhalten von Suchtkranken in Bezug auf Drogen im Verlauf ändert. Während die Abhängigen anfangs noch freiwillig und zum Vergnügen konsumieren, verlieren sie zunehmend die Kontrolle über ihr Verhalten und sehen sich immer stärker gezwungen, Drogen zu nehmen.
Das Suchtgedächtnis und die Schwierigkeit der Umkehr
Umkehren lassen sich diese Mechanismen kaum. Das Gehirn hat keine Löschfunktion. Aber man kann neue Dinge lernen, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen. Anfangs müsse das Erlernen neuer Verhaltensweisen allerdings sehr bewusst erfolgen, später werde es dann mehr und mehr selbstverständlich. Doch auch nach längerer Abstinenzzeit wird es immer wieder Situationen geben, die das Suchtverhalten reaktivieren können.
Weitere Drogen und ihre spezifischen Auswirkungen
Neben Kokain haben auch andere Drogen spezifische Auswirkungen auf das Gehirn:
Lesen Sie auch: Demenz Behandlung
Alkohol: Ein Zellgift mit weitreichenden Folgen
Alkohol ist ein Zellgift, weshalb es auch als Desinfektionsmittel Verwendung findet. Reiner Ethylalkohol, also Trinkalkohol, ist deshalb nur in geringen Mengen genießbar. Ein schwerer Rausch führt zum Absterben von Gehirnzellen und kann tödlich sein. Auch der regelmäßige Konsum kleiner Mengen kann weit reichende Hirnschädigungen nach sich ziehen. Eine der schwersten Erkrankungen ist das so genannte Korsakow-Syndrom, bei dem es zum Absterben ganzer Hirnregionen kommt: Die Betroffenen können sich nichts merken, sind schwer dement (intellektueller Verfall) und desorientiert. Dies ist aber nur das Endstadium. Bei regelmäßigem Konsum nicht mehr risikoarmer Mengen ist der geistige Verfall schleichend.
Ecstasy: Schädigung der Serotoninkonzentration und der Blut-Hirn-Schranke
Ecstasy beeinflusst die Konzentration von Serotonin, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn. In den jüngsten Forschungsarbeiten dazu verdichten sich die Hinweise, dass es dabei zu gravierenden Hirnschäden kommen kann. Diese sind sehr wahrscheinlich dosisabhängig: Je mehr konsumiert wird, desto größer sind die Schäden. Bemerkbar machen sich die Schäden in erster Linie als Gedächtnisprobleme. Einer aktuellen tierexperimentellen Untersuchung zufolge schädigt Ecstasy auch die Blut-Hirn-Schranke. Dies ist der Schutzwall des Gehirns, der normalerweise das Eindringen von Schadstoffen und Erregern ins Gehirn verhindert. Wie dauerhaft die durch Ecstasykonsum verursachten Hirnschäden sind, ist noch nicht bekannt.
Cannabis: Beeinträchtigung der Hirnleistung
Der Konsum von Cannabis, vor allem der regelmäßige und dauerhafte Gebrauch, hat negative Effekte auf die Hirnleistung. So wurden Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses festgestellt und Einbußen beim logischen Denken und Urteilen nachgewiesen. Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen hier zwar keine bleibenden Gehirnschäden zugrunde zu liegen, da sich das Gehirn nach Beendigung des Konsums wieder erholt.
Amphetamine: Neurotoxische Effekte und Verhaltensänderungen
Neurotoxische Effekte (Schädigungen von Nervenzellen) sind bei Amphetaminen gut nachgewiesen. Am giftigsten ist Methamphetamin, das auch als Crystal bekannt ist. Konzentrationsschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsdefizite sind noch die harmloseren Folgen. Schwerwiegender sind Hirnblutungen und Schlaganfälle mit plötzlichen Lähmungen. Die Folgen dauerhaften Amphetaminkonsum sind auch im Verhalten sichtbar.
Drogenkonsum im Jugendalter: Störung der Nervenfasernentwicklung
Studien zufolge stört Drogenkonsum im Jugendalter das Wachstum bestimmter Nervenfasern. Das Jugendalter ist eine wichtige Phase, in der neue Nervenverbindungen geknüpft werden. Ein Forschungsteam der McGill University in Kanada hat in Studien mit Mäusen aufzeigen können, dass Drogenkonsum in der Jugend die Entwicklung bestimmter Nervenverbindungen beeinflusst. Die fadenartigen Nervenfortsätze, so genannte Axone, verknüpfen sich unter dem Einfluss von Drogen anders. Das Wachstum dopaminerger Axone in Richtung des präfrontalen Cortex wird durch Drogen gestört, was die Impulskontrolle beeinträchtigen kann. Eine schlechte Impulskontrolle kann später zu Drogensucht und anderen psychischen Erkrankungen führen.
Die schnelle Lernwirkung von Kokain im Gehirn
Schon nach einmaliger Gabe von Kokain kommt es im Entscheidungszentrum des Frontalhirns zur Bildung neuer Dornfortsätze auf den Dendriten der Neurone. Die an Mäusen vorgenommenen Experimente veranschaulichen die schnelle Lern- sprich Suchtentwicklung der Droge. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Kokain den dorsomedialen präfrontalen Cortex verändert. Die Region des Stirnhirns gehört zu den Entscheidungszentren des Gehirns und steht in enger Verbindung zu den Basalganglien und anderen "tieferen" Hirnregionen, die das Verhalten steuern. Die Bildung neuer Dornfortsätze im Layer 5, einer oberen Schicht der Pyramidenzellen im besagten dorsomedialen präfrontalen Cortex, ist ein Hinweis auf eine funktionelle Veränderung in der Hardware des Gehirns. Die Experimente zeigen, dass Kokain ein rasche "Lernwirkung" in einer für das Verhalten zentralen Hirnregion erzielt.
Was tun bei Suchtproblemen?
Wer bei sich selbst feststellt, dass er zu viel trinkt oder von einer Droge loskommen möchte, der muss nicht sofort in die Klinik. Es gibt Suchthilfe und ambulante Angebote sowie Selbsthilfegruppen als gute Anlaufstellen. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, etwas zu unternehmen. Jedes Organ hüpft vor Freude, wenn man nicht mehr trinkt.
Therapieansätze und Hilfsangebote
Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen. Fällt das Ziel einer Abstinenz dem oder der Betroffenen dennoch zu schwer, wird zumindest versucht, den Konsum im Sinne einer Schadensminimierung zu verringern, beziehungsweise zu begrenzen. Bei der medizinischen Behandlung einer Drogenabhängigkeit kommen unter Umständen für einige Substanzen Ersatzstoffe, wie etwa Methadon für Heroin in Frage, was den Beginn einer Therapie erleichtern kann. Das detaillierte, gestufte Vorgehen bei Verhaltenssüchten ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:
- Beratung
- Entgiftung
- Entwöhnung
- Psychotherapie
- Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
- Medikamente
- Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung
Rückfall: Kein Versagen, sondern Teil des Prozesses
Eine Suchterkrankung, ob als Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen, ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht. Wichtig ist, jeden Rückfall zu bewerten und therapeutisch aufzuarbeiten. Das kann vor weiteren "Ausrutschern" schützen und dabei helfen, die Abstinenz langfristig zu stabilisieren.