Auch Kinder und Jugendliche leiden immer häufiger an Migräne-Anfällen. Bereits im Vorschulalter sind 20 % der Kinder betroffen, bis zum Ende der Grundschulzeit mehr als die Hälfte. Eine Untersuchung mit fast 7000 Schülern belegt, dass bis zum 12. Lebensjahr rund 90 % der Kinder Kopfschmerzerfahrung haben. In etwa 12 % der Fälle handelt es sich hierbei um Migräne. In der Pubertät erhöht sich der Anteil auf 20 % und im Erwachsenenalter auf 24 %.
Symptome und Besonderheiten der Migräne bei Kindern
Bestimmte Migräne-Symptome einer Migräne bei Kindern sind ähnlich zu denen Erwachsener. Dennoch ergeben sich einige Besonderheiten. So wirken Kinder während einer Migräneattacke oft abwesend, sie erscheinen blass oder weisen Hautrötungen auf. Weitere typische Symptome einer Migräne bei Kindern sind:
- Der Schmerz betrifft meistens beide Kopfseiten und die Stirn.
- Eine Kindermigräne dauert häufig ein bis zwei Stunden.
- Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen sind Begleiterscheinungen, die auch ohne Kopfschmerzen auftreten können.
- Schwindelattacken sind möglich.
Zusätzlich können bei Kindern mit Migräne neurologische Ausfälle in Form einer Aura auftreten, bekannt als das Alice-im-Wunderland-Syndrom.
Migräne bei Kleinkindern
Schon in der Kleinkindzeit können Migräne-Attacken auftreten, die meist mit heftigem Schreien gekennzeichnet sind und oft mit Erbrechen einhergehen. Ob auch schon Babys unter Migräne leiden können, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt, da die Kleinsten ihre Schmerzen noch nicht äußern können.
Bauchmigräne (abdominelle Migräne)
Als Bauchmigräne, auch abdominelle Migräne genannt, bezeichnen Ärzte Bauchschmerzen, die in regelmäßigen Abständen und anfallsartig auftreten. Eine solche Migräne-Attacke kann sich von einer Stunde bis zu drei Tagen erstrecken. Zwischen den Attacken herrscht eine völlige Beschwerdefreiheit. Etwa ein bis vier Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von einer Bauchmigräne betroffen - wobei sie meist im Grundschulalter sind. Häufig klingt die Bauchmigräne mit der Pubertät ab und geht in eine Kopfmigräne über.
Lesen Sie auch: Symptome und Sprachstörungen bei Migräne
Eine abdominelle Migräne geht typischerweise mit plötzlich auftretenden Bauchschmerzen einher. Doch auch weitere Symptome begleiten eine Bauchmigräne, zum Beispiel:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Appetitlosigkeit
- Blässe (manchmal auch Gesichtsröte)
- dunkle Augenringe
- Lichtscheue
Kinder lokalisieren die Magenschmerzen meist im Bereich des Bauchnabels sowie entlang der Mittellinie des Bauches.
Ursachen und Auslöser von Migräne bei Kindern
Wie eine Migräne genau entsteht, ist noch nicht vollständig erforscht. Indes sind sich die Wissenschaftler einig, dass eine Migräneneigung vererbt werden kann: Leiden also Mutter oder Vater unter der Kopfschmerzkrankheit, besteht auch für Kinder ein erhöhtes Risiko für Migräne. Meist findet sich noch mindestens ein weiteres Familienmitglied mit Migräne-Neigung, daher werden genetische Faktoren als eine Teil-Ursache für das Auftreten von Migräne vermutet.
Für das Auftreten von Schmerzattacken gibt es verschiedene Migräne-Auslöser, die sogenannten Trigger. Diese sind von Kind zu Kind unterschiedlich und müssen individuell herausgefunden werden. Häufige Trigger für Migräne bei Kindern und Jugendlichen sind:
- Stress: Schon die Kleinsten sind dem engen Takt des Lebens unterworfen: Leistungsdruck in der Schule, lange Betreuungszeiten in der KITA, Kurse und Programme am Nachmittag - Kinder mit Neigung zu Migräne verkraften solche Tage oftmals schlecht. Auch Fernsehen und Computerspiele gönnen dem Kopf keine Pause, sondern reizen die Nerven übermäßig.
- Unregelmäßiger Tagesablauf: Bei abweichenden Essenszeiten und zu wenig Schlaf reagieren viele Kinder mit Kopfschmerzen. Grund sind ein schwankender Blutzuckerspiegel und Übermüdung.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel, insbesondere tyraminhaltige (entsteht bei der Zersetzung von Eiweißen und ist häufig natürlicher Begleitstoff von Nahrungsmitteln, zu deren Fertigung Schritte wie Gärung oder Fermentation gehören, so z. B. viele Käsesorten oder Schokolade), können Migräne auslösen. Dazu gehört in erste Linie Koffein, das beispielsweise in Cola enthalten ist. Aber auch fermentierte Kuhmilchprodukte (zum Beispiel Käse, Butter oder Sahne), Schokolade oder Glutamat können als Auslöser infrage kommen.
- Wetter: Wie auch bei Erwachsenen besteht bei einigen Kindern eine Wetterfühligkeit. Besonders auf Umschwünge und schwül-heißes Klima können die Kleinen reagieren.
- Physikalische und chemische Reize: Laute Geräusche, etwa von einer Baustelle, oder helles Licht können ebenso Trigger für Migräne sein wie starke Gerüche von Zigaretten, Klebstoffen oder Benzin.
Diagnose von Migräne bei Kindern
Ärzten fällt es oft schwer, eine Migräne bei Kindern zu erkennen. Hauptsächlich liegt das an den Symptomen, die sich - abhängig vom Alter - deutlich unterscheiden können. Zur Migräne-Diagnose benötigt der Arzt viele Informationen: Wie lange, wie oft und wann tauchen die Beschwerden auf? Gibt es neben den Kopfschmerzen weitere Symptome? Eine Untersuchung der geistigen und motorischen Entwicklung steht ebenso auf dem Plan wie der Ausschluss von körperlichen Erkrankungen.
Lesen Sie auch: Erfahrungen: Globuli gegen Migräne
EEG (Elektroenzephalogramm)
Durch medizinische Untersuchungen (wie EEG, Computertomografie und Kernspintomografie) können lediglich andere körperliche Ursachen für das regelmäßige Auftreten von Kopfschmerzen ausgeschlossen werden.
Das EEG ist die Abkürzung für Elektroenzephalogramm. Damit wird die Ableitung von Hirnströmen bezeichnet. Außen am Kopf lassen sich die im Gehirn entstehenden geringfügigen Ströme messen: Im Wachen, im Schlafen, sogar bei Bewusstlosigkeit. Je nach dem, in welchem Bewusstseinszustand sich ein Mensch befindet, ergibt sich ein charakteristisches Kurvenbild. Diese Hirnströme können aufgezeichnet werden und erlauben so einen Einblick in den Funktionszustand des Gehirnes. Ganz besonders nützlich ist das EEG in der Diagnostik und Behandlung von Anfällen und Epilepsien. Auch bei Bewusstseinsstörungen anderer Ursache und bei einigen anderen Erkrankungen kann ein EEG sinnvoll sein.
Hierzu werden kleine Elektroden mit Gurten oder einer Haube am behaarten Kopf befestigt. Diese Elektroden werden mit Kabeln verbunden, die die schwachen Ströme des Gehirnes zu einem Verstärker leiten. Durch entsprechende Verstärkung können die Hirnströme durch Kurven auf Papier oder auf einem Computerbildschirm sichtbar gemacht werden. Voraussetzung für eine aussagekräftige EEG-Kurve ist leider, daß das Kind still hält. Deswegen wird manchen eher unruhigen Kindern ein Saft zum Schlafen gegeben.
Es gibt verschiedene Arten von EEGs:
- Wach-EEG: Das EEG wird in der Regel im Wachen abgeleitet. Sofern die Kindern alt genug sind, wird auch eine Hyperventilation durchgeführt. Dabei muss das Kind drei Minuten lang verstärkt atmen. Gewisse Veränderungen, z.B. bei Absencen, können so besser erfasst werden. Nach der Hyperventilation werden die Kinder oft müde. Das gibt die Gelegenheit, ein Stück Schlaf aufzuzeichnen. Bei einem Teil der Kinder wird zusätzlich noch eine Photostimulation durchgeführt. Das bedeutet, dass ähnlich dem Stroboskop in den Diskotheken, ein Flickerlicht eingeschaltet wird. Die Kinder sollen sich dabei mit geschlossenen Augen der Lichtquelle zuwenden.
- Schlaf-EEG: Das Schlaf-EEG umfasst idealerweise Einschlafphase, Schlaf und die Aufwachphase. Es ist besonders dann sinnvoll, wenn das Wach-EEG keinen eindeutigen Befund ergeben hat. Auch gibt es besondere EEG-Veränderungen, die ausschließlich oder zumindest verstärkt in Schlaf zu finden sind. Das Schlaf-EEG ist besonders dann ergiebig, wenn die Kinder zuvor lange wachgehalten wurden. Man spricht dann auch von einem Schlafentzugs-EEG.
- Langzeit-EEG: In seltenen Fällen ist eine EEG-Ableitung über 24 Stunden indiziert.
Migräne und Epilepsie
Zusammenhänge zwischen Epilepsie und Migräne wurden lange Zeit eher als zufällig angesehen. Forschungsergebnisse lassen jedoch erkennen, dass Migräne- und Epilepsiesyndrome in vielen Fällen interagieren. Migräneattacken können epileptische Anfälle auslösen und umgekehrt - dies vor allem bei Basilarismigräne. Epilepsien finden sich bei Migränepatienten häufiger als in der übrigen Bevölkerung.
Lesen Sie auch: Secale Cornutum und Kinder-Migräne
Behandlung von Migräne bei Kindern
Eine komplette Heilung ist nicht möglich. Doch was hilft gegen Migräne bei Kindern? Die Attacken können reduziert werden. Gerade bei Kindern sind die Auslöser der Migräne meist alltägliche Dinge wie ein unregelmäßiger Tagesablauf oder Bewegungsmangel. Um den Trigger der Kindermigräne herauszufinden, hat sich das Ausfüllen eines Migränetagebuchs als sinnvoll erwiesen.
Akutbehandlung
Bei akuten Attacken dürfen auch Kinder auf Schmerzmittel zurückgreifen, um die Kopfschmerzen und Begleiterscheinungen zu verbessern. Allerdings sollte man vorher mit einem Arzt darüber sprechen, denn sowohl die Dosis als auch die Darreichungsform ist entscheidend. Beispielsweise wirken Zäpfchen viel schneller aufgrund der kürzeren Aufnahmezeit der Wirkstoffe im Vergleich zu oralen Mitteln.
Geeignete Medikamente zur Akutbehandlung sind:
- Azetylsalizylsäure (ASS) als Kau- oder Brausetablette bzw. (Schmelz-)Tablette
- Bei Erbrechen: Domperidon-Tropfen
- In besonderen Fällen: Metamizol (Novamin)
- Heutzutage: Triptane (Nasenspray ab 12 Jahren zugelassen)
Prophylaktische Behandlung
Eine prophylaktische Behandlung ist in Betracht zu ziehen, wenn:
- Mehr als 3 Migräne-Anfälle pro Monat auftreten
- Hoher Leidensdruck besteht
- Die Anfälle sehr lange (>48h) dauern
- Die Akutmedikamente nicht angeschlagen haben
Geeignete Medikamente zur Prophylaxe sind:
- Propranolol und Metoprolol
- Flurirtin (Katadolon )
- Topiramat (Alternative)
Nicht-medikamentöse Therapien
- Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung bei Migräne oder autogenes Training
- Biofeedback: Durch Biofeedback können Kinder lernen, ihre Muskeln selbst zu entspannen.
- Neurostimulation: Bei diesem Verfahren stimuliert das Kind selbst (ab dem 6. Lebensjahr) mit selbstklebenden Plättchen im Nacken.
- Ernährungsumstellung: Eine Ernährungsumstellung kann bei ca. 90% der Kinder zum Erfolg führen.
Alternative Behandlungsmethoden
Entgegen dem jetzigen Kenntnisstand in der Schulmedizin gibt es unserer Erfahrung nach durch die Kombination wirksamer psychotherapeutischer und ganzheitlicher Behandlungsmethoden in den allermeisten Fällen für Migräne-Patienten die Möglichkeit, ohne Schmerzmittel dauerhaft anfallsfrei und damit schmerzfrei zu leben. Typische auslösende Faktoren sind neben einer Laktose-Unverträglichkeit oft Fehlstellungen der Halswirbelsäule und eine psychische Belastung. Die Neigung zu Migräne-Anfällen ist unserer Erfahrung nach zwar als Veranlagung zu sehen, ein schmerzfreies Leben ist jedoch meist auch ohne Schmerzmittel möglich.
Kliniken und Spezialisten für Migräne bei Kindern
Es gibt spezialisierte Kliniken und Ambulanzen, die sich auf die Behandlung von Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen konzentrieren. Diese bieten eine umfassende Diagnostik und Therapie an und arbeiten oft interdisziplinär mit anderen Fachbereichen zusammen.
Einige Beispiele sind:
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
- Vodafone Schmerzinstitut für Kinder und Jugendliche
- Abteilung für Neuropädiatrie der Kinderklinik Datteln