Die moderne Hirnforschung hat unser Verständnis von Kindern und Erziehung revolutioniert. Dank bildgebender Verfahren können wir nun beobachten, wie Erfahrungen die Struktur des Gehirns verändern und formen. Der renommierte Neurobiologe Gerald Hüther hat wichtige Erkenntnisse zu diesem Thema geliefert.
Wie Erfahrungen das Gehirn formen
Das Gehirn ähnelt einer Zwiebel, wobei der Hirnstamm im Inneren lebenswichtige körperliche Prozesse wie Atmung und Verdauung steuert. Das limbische System, die nächste Schicht, bündelt Informationen aus dem Hirnstamm und nimmt sie als Gefühle wahr. Die äußerste Schicht, der Kortex, beherbergt das Bewusstsein.
Beim Neugeborenen sind nur die unteren beiden Schichten vorhanden. Das Bewusstsein muss erst gebildet werden. Informationsbahnen entwickeln sich je nach Aktivierung von Trampelpfaden zu Autobahnen oder verschwinden, wenn sie nicht genutzt werden. Daher ist es entscheidend, ob ein Kind nachmittags fernsieht oder mit Gleichaltrigen spielt. Das Gehirn des Spielplatzkindes wird sich anders entwickeln als das des Fernsehkonsumenten, was zu einem anderen Menschen führt.
Die Auswirkungen von Technologie und Überforderung
Die Vielfalt und Komplexität der Nervenzellverknüpfungen im Sprachzentrum hat abgenommen, was möglicherweise dazu führt, dass sich Jugendliche mit einer einfacheren Sprache verständigen. Im Gegensatz dazu ist der für die Steuerung des Daumens zuständige Bereich im Gehirn von Kindern und Jugendlichen seit der Einführung von Gameboys und SMS-Technologie gewachsen.
Es ist wichtig zu überdenken, ob wir unseren Kindern nicht zu viel zumuten. Ballett, Frühenglisch und Musikschule - wo bleibt die Fähigkeit zum Entspannen und die Begeisterung für etwas? Studien zeigen, dass Kinder sich freuen, wenn sie etwas geschafft haben, aber es geht nicht um Höchstleistungen und Bestnoten. Fantasie, Selbstbewusstsein und Einfühlungsvermögen sind entscheidend für ein glückliches und zufriedenes Leben. Das Gehirn braucht Phasen der Anregung und der Ruhe. Veränderungen in den Gehirnen von überforderten, zappeligen Kindern erschweren diese Ruhephasen. Ähnliche Veränderungen werden bei Kindern beobachtet, die stundenlang vor dem Computer sitzen.
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Die Bedeutung von Herausforderungen und Bewältigung
Kinder, die in behüteten Kindheiten aufwachsen, haben es später oft schwer, weil sie wenig Vertrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln. Ihnen fehlen Verschaltungen, um Probleme zu lösen. Kinder brauchen vielfältige Aufgaben, um zu lernen, dass sie Schwierigkeiten überwinden können. Es ist wichtig, dass Kinder Probleme selbst lösen, anstatt dass Eltern sie ihnen abnehmen.
Wie sich die Panik der Mutter auf das Kind überträgt
Die Panik der Mutter kann sich auf das Kind übertragen und Angstbahnen im limbischen System verstärken. Es ist wichtig, dass Eltern klarstellen, wenn sie überreagiert haben, und dem Kind liebevolle Unterstützung bieten. Neue Lernerfahrungen werden unter liebevollen, respektierenden Umständen besonders gut mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft und besser im Gedächtnis verankert.
Es ist wichtig, Kinder von Anfang an als kleine Persönlichkeiten zu behandeln und ihnen zu helfen, Gefühle und Erfahrungen einzuordnen. Eltern sollten Orientierung geben, sich aber am Kind orientieren und es seinen Lernstoff selbst bestimmen lassen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und seine eigene Art, sich Dinge zuzutrauen und sich für Themen zu interessieren.
Tipps für ein flexibles und belastbares Gehirn
Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett gibt sieben Tipps, mit denen Kinder ein flexibles und belastbares Gehirn entwickeln können:
- Seien Sie ein Gärtner, kein Zimmermann: Fördern Sie das Wachstum des Kindes, anstatt es in eine bestimmte Form zu zwängen.
- Sprechen und lesen Sie möglichst viel mit Ihrem Kind: Dies fördert die neuronale Grundlage für das spätere Lernen.
- Erklären Sie die Gründe für Regeln: Kinder, die die Gründe für ein bestimmtes Verhalten verstehen, können ihre Handlungen effektiver regulieren.
- Beschreiben Sie die Aktivität, nicht die Person: Dies hilft dem Gehirn, nützlichere Konzepte über Handlungen und sich selbst zu entwickeln.
- Helfen Sie Ihrem Kind, Sie nachzuahmen: Kinder lernen auf natürliche Weise durch Zuschauen und Nachahmen von Erwachsenen.
- Setzen Sie Kinder (auf sichere Weise) vielen Menschen aus: Dies kann die Gehirnvernetzung fördern und beim Erlernen anderer Sprachen helfen.
- Erlauben Sie Kindern, Fehler zu machen: Sogar Handlungen, die wie Fehlverhalten aussehen, können der Versuch eines Kindes sein, seine Auswirkungen auf die Welt zu verstehen.
Die Entwicklung des Geistes und des Gehirns
Der Geist umfasst subjektive Erfahrungen, das Bewusstsein und die Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten. Das Gehirn ist ein Organ, das daran beteiligt ist, aber nur ein kleiner Teil des Geistes. Die Entwicklung des Gehirns in der Kindheit wird von Genen und Erfahrungen beeinflusst. Die Art der Erfahrungen, für die die Eltern sorgen, formt unmittelbar die Art und Weise, wie sich das Gehirn die gesamte Lebenszeit über entwickeln wird.
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Das Ziel der Gehirnentwicklung ist die Integration, was die Grundlage der Regulation von Aufmerksamkeit, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Verhalten, Beziehungen und sogar Moral ist. Integration wird durch Integration in Beziehungen gefördert.
Neue Rs der Bildung
Statt sich nur auf Lesen, Schreiben und Rechnen zu konzentrieren, sollten wir auch Reflexion, Beziehungen und Resilienz berücksichtigen. Reflexion bedeutet, dass Kinder lernen, über ihr Innenleben nachzudenken. Beziehungen umfassen nicht nur Beziehungen zu anderen Menschen, sondern auch zur Erde. Resilienz bedeutet, dass Kinder lernen, ein Bewusstseinsgefäß in sich zu öffnen, das es ihnen erlaubt, Erlebnisse zu halten, ohne sich mit ihnen übermäßig zu identifizieren oder von ihnen umgehauen zu werden.
PART und das Ja-Gehirn
PART steht für Präsenz, Abstimmung, Residenz und Vertrauen. Es ist eine Technik, um gesunde und stabile Beziehungen zu schaffen. Das Ja-Gehirn ist ein aufnehmender Zustand, der offen und verbindend ist. Das Nein-Gehirn ist ein reaktiver Zustand, die Antwort auf eine Bedrohung. Eltern sollten sich in einem Ja-Gehirn-Zustand befinden, um ihre Kinder gut zu begleiten.
Veränderungen im Gehirn während der Pubertät
Während der Adoleszenz verändert das Gehirn seine Entwicklungsstrategie, indem es bestehende Verbindungen wieder kappt und die Wirkung, die Geschwindigkeit und den Takt der Kommunikation der verbliebenen Neurone erhöht. Die Gesamtstrategie der jugendlichen Gehirnentwicklung besteht darin, die Integration im Gehirn zu verstärken.
Jugendliche haben eine Neigung zu einer starken emotionalen Reaktion, besonders von Angst und Wut. Eltern sollten das Wissen haben, um Jugendliche in dieser Phase zu unterstützen.
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Integration in der Adoleszenz
Wenn Jugendliche lernen, ihrer selbst gewahr zu sein, können sie ein Bewusstseinsgefäß schaffen, auf das sie sich zurückziehen können, sobald starke Emotionen auftauchen.
Elternsprache prägt die Hirnstruktur von Babys und Kleinkindern
Viel mit dem Baby oder Kleinkind zu sprechen, prägt die Gehirnstruktur des Kindes. Kleinkinder, die in ihrer Alltagsumgebung mehr Sprache hören, haben auch mehr Myelin im Gehirn. Bei Babys zeigte sich ein umgekehrtes Ergebnis. Bei ihnen sei durch viel Erwachsenensprache weniger Myelin nachgewiesen worden.
Eltern sollten sich möglichst oft direkt mit dem Kind zu "unterhalten", die Objekte benennen, mit denen das Kind spielt, auf das Baby oder Kleinkind reagieren und in Interaktion treten, die Farben und Formen in der Umgebung benennen und lustige Laute machen und mit Wörtern und Silben spielen.
Das Gehirn beim Lernen
Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) mit anderen Neuronen kommunizieren. Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern bzw. von Ionen in den Synapsen.
Beim Fötus entwickelt sich im Gehirn zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen, die aber noch klein und wenig vernetzt sind. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu. Die doppelt so hohe Zahl von Synapsen erklärt auch, wieso das Gehirn eines Dreijährigen mehr als doppelt so aktiv ist wie das eines Erwachsenen.
Die Überproduktion von Synapsen in den ersten wenigen Lebensjahren ermöglicht das schnelle Erlernen ganz unterschiedlicher Verhaltensweisen, Sprachen, Lebensstile usw. Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht dann darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren.
Entwicklungsfenster
In "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" ist das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere.
Infantile Amnesie
Es gibt keine Erinnerungen an die ersten drei, vier Lebensjahre (infantile Amnesie) und nur wenige an das 5. und 6. Etwa ab vier Jahren verbessert sich allmählich die Kommunikation zwischen linker und rechter Hemisphäre. Mit sechs Jahren beginnt eine neue Phase intellektueller Reife: Da sich das Kind zunehmend selbst beherrschen, die eigenen Gefühle kontrollieren und die Bedürfnisbefriedigung herausschieben kann, kann es sich besser konzentrieren und zielgerichtet lernen.
Ab dem 10. Lebensjahr gewinnt dann das Prinzip des "Use it or loose it" (Benutze es oder verliere es) eine überragende Bedeutung: Das Gehirn wird optimiert, d.h. diejenigen Synapsen, die häufig gebraucht werden, bleiben erhalten; die anderen werden eliminiert.
Wie das Gehirn lernt
Eindrücke und Informationen werden leichter behalten, wenn sie mit Emotionen verknüpft sind, wenn sie neuartig, ungewöhnlich und besonders interessant wirken, wenn sie leicht in die vorhandenen Gedächtnisinhalte integriert werden können und wenn ein Lebens- bzw. Alltagsbezug gegeben ist. Sind Informationen, Lernprozesse, Erinnerungen emotional bedeutsam, reizvoll und spannend, werden Botenstoffe wie Dopamin und Acetylcholin ausgeschüttet, verstärken die Aufmerksamkeit und intensivieren die Gedächtnisleistung.
Im Gehirn schlagen sich Denken und Lernen auf verschiedene Weise nieder: Bei jeder Interaktion zwischen Säugling bzw. Kleinkind und Umwelt reagieren zunächst Tausende von Gehirnzellen. Bestehende Verbindungen zwischen ihnen werden intensiviert, neue ausgebildet. Treten nun wiederholt ähnliche Eindrücke, Wahrnehmungen und Erfahrungen auf, schleifen sich bestimmte Bahnen ein.
Individuelle Unterschiede
Rund 60% aller menschlichen Gene wirken auf die Gehirnentwicklung ein. Der IQ ist aber nur zu etwa 50% genetisch bedingt, der Schulerfolg sogar nur zu 20%. Die Umgebung wirkt schon vor der Geburt auf die Gehirnentwicklung ein. Nach der Geburt wird die Gehirnentwicklung z.B. gehemmt durch längere Krankenhausaufenthalte oder Heimunterbringung, da dann Säuglinge bzw. Kleinkinder zu wenig Stimulierung erfahren. Dasselbe gilt für den Fall, dass die Mutter depressiv ist oder die Eltern ihr Kind vernachlässigen. Einen negativen Effekt können ferner frühkindliche Traumata oder Misshandlungen haben.
Veränderungen im Gehirn von Eltern
Gehirne von Eltern verändern sich tatsächlich schon während der Schwangerschaft. Die Veränderungen im Gehirn, die mit der Elternschaft einhergehen, sind die bedeutendsten im gesamten Erwachsenenleben und können mit den Veränderungen während der Pubertät verglichen werden. Die Natur baut unser Gehirn buchstäblich um, um uns auf unsere Rolle als Fürsorgende für ein schutzbedürftiges Wesen vorzubereiten. Schon in der Schwangerschaft sehen wir zum Beispiel, dass die graue Hirnsubstanz in bestimmten Arealen ab- und in anderen Arealen zunimmt, was sich nach der Geburt weiter fortsetzt.
Eltern haben im Vergleich zu Nicht-Eltern stärkere neuronale Netzwerke, die zum Beispiel mit einer erhöhten Wachsamkeit für Bedrohungen verbunden sind. Diese Veränderungen im Gehirn sind so deutlich, dass ein Computeralgorithmus anhand der neuroanatomischen Veränderungen sogar treffsicher voraussagen kann, ob eine Frau Mutter ist oder nicht.
Synchronisation zwischen Eltern und Kind
Studien zeigen, dass sich in Momenten der Nähe zwischen Babys und ihren Eltern ihre körperlichen Funktionen synchronisieren. Diese Synchronisation unterstützt nicht nur die Entwicklung des Gehirns, sondern lässt auch die körperlichen Funktionen reifen. Zwischen Eltern und Kind existieren verschiedene Ebenen der Koordination: Die Herzrhythmen von Mutter oder Vater und Kind passen sich zum Beispiel in Millisekunden an, was auf eine tiefe körperliche Verbundenheit hinweist und die Entwicklung des Organismus des Kindes sowie seiner körperlichen Funktionen unterstützt.
In diesen Momenten schlagen die Herzen wahrhaftig „im gleichen Takt“. Eltern und Babys weisen einen ähnlichen Spiegel von Oxytocin, dem „Liebeshormon“, auf, was ihre Bindung weiter stärkt. Sogar die Gehirnwellen scheinen sich in diesen Momenten der Nähe anzugleichen.
Die Rolle der Väter
Der Einfluss des Vaters ist größer, als viele denken. Kinder, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, brechen deutlich seltener die Schule ab oder landen im Gefängnis als Kinder, deren Vater abwesend ist und die kein anderes männliches Vorbild haben. Wenn Kinder enge Beziehungen zu Vaterfiguren haben, sind sie seltener in riskante Verhaltensweisen involviert und in der Pubertät deutlich weniger aggressiv oder kriminell. Als Erwachsene haben sie deutlich häufiger gut bezahlte Jobs und gesunde, stabile Beziehungen. Außerdem haben sie schon im Alter von drei Jahren tendenziell höhere IQ-Testergebnisse und leiden im Laufe ihres Lebens weniger an psychischen Problemen.
Ein zurückweisender Vater hat einen viel größeren negativen Einfluss als eine zurückweisende Mutter.
Kinderschlaf und Gehirnentwicklung
Während unser Nachwuchs friedlich träumt, sind die Köpfchen fleißig dabei, Erlebnisse und Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Kinderschlaf ist nicht nur eine Phase der Ruhe, er ist auch eine Zeit, in der die kleinen Köpfchen besonders aktiv sind. Nervenzellen werden neu verschaltet, Bindungen gelöst oder verstärkt, beschädigte Zellen und Stoffwechselabfall ausgemistet. Es wird sortiert, Erlebnisse werden bearbeitet, Vorgänge strukturiert und Regeln erkannt, alles völlig unbewusst.
Neuronale Synchronie zwischen Eltern und Kind
Nicht immer scheint ein neuronaler Gleichklang zwischen Eltern und Kindern ein positives Zeichen zu sein. Wie wir persönlich mit Beziehungen und Bindung umgehen, wird sowohl von unseren eigenen Fürsorgeerfahrungen geprägt als auch von der Art, wie wir diese Erfahrungen verarbeiten. Es zeigte sich, dass zwar sowohl unsicher als auch sicher gebundene Personen ihr Verhalten beim Lösen der Aufgabe vergleichbar gut aufeinander abstimmten. Die Synchronie der Gehirnwellen unterschied sich jedoch abhängig von kindlichen und elterlichen Bindungsrepräsentationen. Überraschend war für die Wissenschaftler/-innen, dass sich gerade bei Paaren mit unsicher gebunden Müttern eine erhöhte Synchronie zeigte.