Epilepsie-Notfallmaßnahmen: Erste Hilfe im Überblick

Viele Menschen sind unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn jemand einen epileptischen Anfall hat. Dabei ist das richtige Verhalten gar nicht so kompliziert. Einige wenige Regeln können helfen, Betroffenen bestmöglich zu unterstützen und vor Verletzungen zu schützen. Grundsätzlich ist es am wichtigsten, ruhig zu bleiben. Die meisten Anfälle sind nicht gefährlich und nach wenigen Minuten vorbei.

Anfallsformen und ihre Besonderheiten

Es gibt verschiedene Anfallsformen, und die Art der Ersten Hilfe hängt von der Stärke des Anfalls und der jeweiligen Situation ab.

  • Kleine Anfälle: Manche Menschen sind nur kurz abwesend oder haben Muskelzuckungen. Bei solchen kleinen Anfällen besteht in der Regel keine Gefahr. Dennoch können die Betroffenen hinterher sehr verunsichert oder ängstlich sein und sich schlecht fühlen. Dann kann es wichtig sein, ihnen beizustehen und Sicherheit zu geben. Gerade bei kurzen Anfällen wie Absencen, die nur wenige Sekunden anhalten, ist es wichtig, dass Sie die Betroffenen danach über ihren Anfall informieren, damit sie diesen in einem Anfallskalender festhalten und Angehörige oder Ärztinnen und Ärzte darüber informieren können.
  • Anfälle mit Bewusstseinsbeeinträchtigung: Bei manchen Anfällen ist das Bewusstsein eingeschränkt und das Verhalten besonders auffällig. Wer einen solchen Anfall hat, kann verwirrt oder orientierungslos wirken. In dieser Situation ist es wichtig, zu verhindern, dass die betroffene Person sich in Gefahr begibt und beispielsweise auf die Straße läuft. Wenn möglich, sollte man sie dennoch ruhig und ohne Gewalt aus der Situation herausführen. Hektik und zu hartes Anfassen könnten sie zu unerwarteten Reaktionen verleiten. Besser ist es, Halt und Nähe zu vermitteln, verständnisvoll zu bleiben und einfach da zu sein. Kommt es bei fokalen Anfällen zu Automatismen, so kann es sinnvoll sein, gefährliche Gegenstände aus der Hand der Betroffenen zu entfernen und sie aus Gefahrenzonen fernzuhalten. Auch dabei sollte man aber keinesfalls grob oder hektisch vorgehen.
  • Generalisierte Anfälle (Grand Mal): Die häufigste Form des generalisierten epileptischen Anfalls ist der sogenannte große Krampfanfall, auch „Grand Mal“ genannt. Der verläuft in zwei Phasen: Zuerst versteift sich der ganze Körper, die Betroffenen verlieren das Bewusstsein und atmen nur noch sehr flach. In Kombination mit der hohen Muskelanspannung kann das zu Sauerstoffmangel führen. Das erkennst du daran, dass sich die Haut oder die Lippen blau färben. Nach zehn bis 30 Sekunden setzt die zweite Phase mit unkontrollierten Zuckungen ein. Diese Phase dauert in der Regel nur ein bis zwei Minuten. In der Regel hört ein großer Anfall (Grand Mal, generalisiert tonisch-klonischer Anfall) nach ca. 2-4 Minuten von selbst auf; er ist trotz seines bedrohlichen Aussehens nicht lebensgefährlich.

Allgemeine Erste-Hilfe-Maßnahmen während eines Anfalls

Unabhängig von der Anfallsform gibt es einige grundlegende Maßnahmen, die immer wichtig sind:

  1. Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall kann beängstigend wirken, aber es ist wichtig, ruhig zu bleiben, da die meisten Anfälle von selbst aufhören. Ruhig bleiben: Ein epileptischer Anfall sieht für jeden Menschen beunruhigend aus, ist aber meist harmlos und nach wenigen Sekunden, aber meist nach höchstens zwei Minuten wieder vorbei. Es drohen dabei keine langfristigen Hirnschäden und es sterben keine Nervenzellen ab.
  2. Vor Verletzungen schützen: Wichtig ist vor allem, auf den Kopf zu achten. Man kann zum Beispiel eine Jacke oder ein Kissen unter den Kopf legen, die Brille abnehmen und gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen. Patient*in aus einer möglichen Gefahrenzone entfernen (z. B.
  3. Atemwege freihalten: Sitzt die Kleidung am Hals eng, sollte man sie lockern. Es kann passieren, dass sich der Betroffene auf die Zunge beißt. Dennoch sollte man während des Anfalls nicht den Mund öffnen oder einen Gegenstand zwischen die Zähne schieben. Nach dem Anfall ist es wichtig zu kontrollieren, ob die Atemwege frei sind. Niemals etwas zwischen die Zähne schieben, um das Beißen auf die Zunge zu verhindern.
  4. Dem Anfall seinen Lauf lassen: Auf keinen Fall sollte die oder der Betroffene während des Anfalls festgehalten oder zu Boden gedrückt werden. Dem Anfall sollte man soweit es geht seinen Lauf lassen. Die krampfenden Arme und Beine nicht festhalten. Jeglicher Versuch, die Muskulatur gegen Widerstand in eine Richtung zu bewegen, ist entweder nutzlos oder gefährdet den Patienten. Durch Festhalten mit grober Gewalt könnten Knochen brechen.
  5. Beobachten und Dokumentieren: Beobachten und möglichst Notizen oder ein Handyvideo machen, denn sorgfältige Angaben über das Bild und die Dauer des Anfalls sind später für Ärztinnen und Ärzte von großer Wichtigkeit. Es kann hilfreich sein, sich zu merken, wie genau der Anfall abgelaufen ist. Genaue Beobachtungen können Ärztinnen und Ärzten später bei der Diagnose helfen. Wenn möglich, eine Videoaufnahme mit dem Handy erstellen. Ist keine Videoaufnahme möglich, dokumentieren Sie die Dauer, die prägnantesten Symptome und den Ablauf des epileptischen Anfalls (Kaubewegungen oder andere Automatismen, welche Muskelgruppen zucken oder Krampfen, ging dem großen Anfall eine Aura voraus, z. B.
  6. Zeit im Auge behalten: Auf die Uhr schauen, wie lange der Anfall dauert: Meist beginnt ein Anfall plötzlich und ist nach 1 oder 2 Minuten wieder vorbei. Selten dauert ein Anfall länger als fünf Minuten. Wenn doch, ist dies ein Notfall. Auf die Uhr schauen und Beginn des Anfalls merken, ebenso wie das Ende.

Verhalten nach dem Anfall

Nach dem Anfall ist es wichtig, weiterhin unterstützend zur Seite zu stehen:

  1. Dableiben und helfen: Den Betroffenen nicht allein lassen; auch nicht, um Hilfe zu holen - außer es wird unbedingt nötig, weil der Anfall nicht aufhört. Betroffene nicht allein lassen, bis die Verwirrtheit nachgelassen hat und sie sich wieder orientieren können.
  2. Orientierung geben: Eine Person, die einen Anfall hinter sich hat, kann einige Zeit benötigen, um wieder zu sich zu kommen. Vielleicht hat sie einen Wunsch oder braucht Orientierung. Bieten Sie Ihre Hilfe fortlaufend an, bis die Betroffenen sich erholt haben, aber drängen Sie nicht. Bieten Sie zum Beispiel Begleitung, Sitzmöglichkeiten oder den Anruf eines Arztes oder eines Notfallkontaktes der Patientinnen und Patienten an.
  3. Stabile Seitenlage: Manche Menschen sind sehr müde und möchten sofort schlafen. Sie werden am besten in die stabile Seitenlage gebracht. Nach dem „Anfall" bei andauernder Bewusstlosigkeit und vorhandener Atmung lagern Sie ihn in der stabilen Seitenlage. Bleiben die Patientinnen und Patienten auch nach dem Anfall zunächst bewusstlos, dann Atemwege auf Erbrochenes und Speichel prüfen und davon befreien und Person spätestens jetzt in die stabile Seitenlage bringen.
  4. Schamgefühle beachten: Wichtig ist außerdem, Schamgefühle zu beachten und zu vermeiden, dass sich etwa bei einem Anfall in der Öffentlichkeit viele Menschen ansammeln. Es kann auch passieren, dass während eines Anfalls ungewollt Urin abgeht.
  5. Informationen weitergeben: Gerade bei kurzen Anfällen wie Absencen, die nur wenige Sekunden anhalten, ist es wichtig, dass Sie die Betroffenen danach über ihren Anfall informieren, damit sie diesen in einem Anfallskalender festhalten und Angehörige oder Ärztinnen und Ärzte darüber informieren können.

Wann muss der Rettungsdienst gerufen werden?

Bei einem großen Anfall muss nicht immer der Rettungsdienst gerufen werden: Geht er schnell vorüber und kommt die Person schnell wieder zu sich, kann man besprechen, ob eine Notärztin oder ein Notarzt gerufen werden soll. In folgenden Situationen ist es jedoch unerlässlich, den Notruf 112 zu wählen:

Lesen Sie auch: Was ist das West-Syndrom?

  • Der Anfall dauert länger als fünf Minuten.
  • Es kommt zu mehreren Anfällen hintereinander. Wenn auf den ersten Anfall direkt ein zweiter Anfall folgt, ohne dass der/die Patient*in zwischendurch wieder zu Bewusstsein gelangt ist.
  • Es gibt Atemprobleme.
  • Es kam zu Verletzungen. Wenn es durch den Anfall zu Verletzungen gekommen ist, z. B.
  • Man weiß, dass es der erste Anfall war. Beim erstmaligen Anfall sollen Betroffene ins Krankenhaus eingewiesen werden. Wenn es sich um den ersten epileptischen Anfall des/der Betroffenen handelt.
  • Die Person kommt nicht wieder zu sich. Gleiches gilt bei wiederholten Anfällen und bei einer anhaltenden Ohnmacht oder Benommenheit nach dem Anfall.
  • Nur dann, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, müssen Sie aktiv werden, eventuell ein Notfellmedikament verabreichen (meist über den Mund oder als Zäpfchen) und einen Notarzt rufen.

Notfallausweis und Notfallmedikation

Einige Betroffene haben einen Epilepsie-Notfallausweis dabei, der Informationen über die Erkrankung, benötigte Medikamente und Kontaktpersonen enthält. Menschen mit Epilepsie wird zudem geraten, ständig einen Notfallausweis mit sich zu führen, auf dem Kontaktpersonen, eventuell einzunehmende Notfallmedikamente und weitere Informationen hinterlegt sind. Manche Menschen mit Epilepsie tragen ständig ein Notfallmedikament bei sich, damit Personen, die einen Anfall miterleben, es einsetzen können. Dauert ein Anfall länger an, kann das Medikament als Tablette in die Wangentasche gelegt oder als Creme über eine kleine Tube in den After gespritzt werden, um den Anfall zu beenden. Die Notärztin oder der Notarzt kann Medikamente in die Vene spritzen. Falls bei der betroffenen Person eine Epilepsie bekannt ist und Sie damit vertraut sind, können Sie eine vorhandene Notfall-Medikation verabreichen.

Für die Erstversorgung im Notfall durch Angehörige, Lehrer und Pflegepersonal werden andere Darreichungsformen angeboten. Clevere Lösungen sind hier wichtig, weil viele Epilepsie-Patientinnen und Patienten während eines Anfalls nicht einfach eine Tablette schlucken können: Für Kinder und Jugendliche wird häufig Midazolam in flüssiger Form eingesetzt, da es während eines Anfalls einfach mit vorgefüllten Applikationsspritzen in die Wangentasche gegeben werden kann. Der Wirkstoff wird dann über die Wangenschleimhaut aufgenommen, ohne dass der/die Betroffene diesen schlucken muss. Für Kinder und auch Erwachsene ist Diazepam in sogenannten Rektaltuben erhältlich und wird über den After angewendet, um gefährliche Anfälle schnell zu unterbrechen.

Epilepsie: Mehr als nur ein Anfall

Epilepsie beeinflusst, wie andere chronische Erkrankungen auch, den Lebensalltag auf lange Sicht. Deshalb muss der Umgang damit weitaus mehr umfassen als nur Diagnostik und die Verordnung von Therapien. Aus diesem Grund wurden verschiedene Epilepsie-Schulungsprogramme speziell für betroffene Kinder/Jugendliche und deren Familien entwickelt, die bundesweit u. a. Hilfreiche und gute Informationen stellt auch der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. In den letzten Jahren sind Beratungsstellen für Menschen mit Epilepsien entstanden. Für erwachsene Betroffene, für Kinder mit Epilepsie und für deren Eltern gibt es auch Schulungsprogramme zum Umgang mit Epilepsie, die darüber hinaus auch den Austausch fördern.

Ursachen und Diagnose von Epilepsie

Das menschliche Gehirn besteht aus vielen Millionen miteinander verbundener Nervenzellen, die untereinander nach einem fein ausbalancierten System funktionieren. Jede Nervenzelle erzeugt kurze Spannungsimpulse, um "Informationen" zwischen Zellen weiterzugeben. Lange Spannungsimpulse sind ein Zeichen epileptischer Aktivität. Entsteht ein Anfall in einem umschriebenen Ort im Gehirn, wird dies als "fokaler" Anfall bezeichnet. Umfasst die epileptische Aktivität von Anfang an beide Gehirnhälften, so spricht man von einem "generalisierten" Anfall.

Die Ursachen für eine Epilepsie können vielfaltig sein:

Lesen Sie auch: Leben mit Absence-Epilepsie

  • Hirnverletzung durch Unfälle oder Tumore
  • Schädigungen durch Alkohol
  • Hirnentzündungen
  • Hirnblutungen
  • Sauerstoffmangel während der Geburt
  • Fehlbildungen in der Hirnentwicklung, Durchblutungsstörungen

Die Erfassung des Anfallserlebens des Betroffenen ist wichtig, insbesondere ob dem Anfall ein bestimmtes Gefühl bzw. eine möglichst detaillierte Beschreibung des Anfallablaufes vorausgeht. Ein EEG (Elektroenzephalogramm) misst die elektrische Aktivität des Gehirns. Dabei versucht man, „epilepsietypische Potenziale“ zu finden. Das MRT (Magnetresonanztomogramm) erstellt Schichtbilder vom Gehirn. Man sucht nach Veränderungen der Struktur, z.B. Narben. Ein normales EEG oder MRT schließt eine Epilepsie nicht aus. Vermutet man als Ursache epileptischer Anfälle eine Entzündung des Gehirns, wird eine Lumbalpunktion durchgeführt, bei der eine kleine Menge Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnommen wird.

Therapie von Epilepsie

Die wichtigste und häufigste Therapie ist die Behandlung mit Medikamenten, die das Gehirn vor epileptischer Aktivität abschirmen („anfallssuppressive Medikation“). Ziel ist ein vollständiges Ausbleiben der Anfälle, ohne dass nennenswerte Beeinträchtigungen durch Nebenwirkungen auftreten. Man weiß, welche Medikamente bei welcher Epilepsieform am besten wirken. Dennoch kann die Wirkung beim einzelnen Menschen mit Epilepsie nicht genau abgeschätzt werden. Die Behandlung erfolgt über Jahre, manchmal lebenslang. Es gibt im Kindesalter Epilepsieformen, die von selbst aufhören.

Eine operative Epilepsiebehandlung wird empfohlen, wenn verschiedene Medikamente keine Besserung bringen, wenn der Anfallsursprung eine umschriebene Veränderung im Gehirn ist und wenn die Entfernung dieses "Anfallherds" ohne größere Verletzung anderer wichtiger Hirnfunktionen möglich ist.

Nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren können in Einzelfällen ergänzend eingesetzt werden, z.B. Anpassung von Tagesstruktur und Schlaf-Rhythmus, Vermeidung spezieller Auslösefaktoren wie Flackerlicht. Manche Menschen können lernen, ihre Anfälle mittels verhaltenstherapeutischer Verfahren zu unterbrechen. Bei der "Ketogenen Diät" (meist bei jüngeren Kindern eingesetzt) wird die Nahrung auf einen sehr hohen Fettanteil ausgerichtet.

Der Status epilepticus

Der „Status epilepticus“ ist ein potentiell lebensbedrohlicher Notfall. Er beschreibt einen langanhaltenden epileptischen Anfall, der sich aus allen Anfallsformen heraus entwickeln kann. Im klinischen Alltag wird ein konvulsiver Anfall (Krampfanfall, i.d.R. generalisiert-tonisch-klonischer Anfall), der länger als 5 Minuten anhält, als Status epilepticus bezeichnet. Ein Status epilepticus birgt die Gefahr, dass es während dieses lange andauernden Anfalls zu einer erheblichen Schädigung des Gehirns bzw.

Lesen Sie auch: Diagnose Gelastischer Anfälle

Der non-konvulsive Status epilepticus ist ein anhaltender fokaler Anfall ohne motorische Symptome, oder eine lang anhaltende Absence (Absence-Status). Ab einer Dauer von 15 bis 20 Minuten spricht man von einem non-konvulsiven Status epilepticus. Die Betroffenen sind in der Regel ansprechbar, jedoch ist das Bewusstsein gestört.

tags: #epilepsi #nobetinde #ilk #mudahale