Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hunden, einschließlich des Golden Retrievers. Ungefähr 1% aller Hunde sind betroffen. Diese Erkrankung, die durch übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn ausgelöst wird, kann sich in verschiedenen Formen und Schweregraden manifestieren. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Epilepsie beim Golden Retriever, von den Ursachen und Diagnosemethoden bis hin zu Behandlungsmöglichkeiten und Zuchtaspekten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist definiert als eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine übermäßige, unkontrollierte elektrische Aktivität im Gehirn. Die Symptome, Dauer und Häufigkeit der Anfälle können stark variieren.
Formen von epileptischen Anfällen
Es gibt verschiedene Formen von Krampfanfällen, die sich in ihrer Ausprägung unterscheiden:
- Fokale Anfälle: Diese milde Form betrifft nur eine der beiden Hirnhälften. Symptome können Zucken des Mundwinkels oder sogenanntes Fliegenschnappen sein.
- Generalisierte Anfälle: Dies ist die schwerste Form, bei der das Tier in der Regel das Bewusstsein verliert und unter Krämpfen zu Boden fällt. Unkontrollierter Harn- und Kotabsatz sowie übermäßiges Speicheln können ebenfalls auftreten.
Ablauf von epileptischen Anfällen
Ein epileptischer Anfall verläuft typischerweise in drei Phasen:
- Vor dem Anfall (präiktal oder "Aura"): Verhaltensänderungen wie Unruhe, Verwirrtheit, Speicheln oder besondere Anhänglichkeit können auftreten.
- Während des Anfalls (iktal): Versteifung der Muskulatur, Fallen, Rudern, paddelnde Bewegungen, Speicheln, Zittern, Lautäußerungen, Verlust von Harn/Kot können beobachtet werden.
- Nach dem Anfall (postiktal): Verhaltensänderungen wie Unruhe, Drangwandern oder Blindheit können auftreten.
Dauer von epileptischen Anfällen
Epileptische Anfälle können unterschiedlich lange dauern, von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten oder sogar Stunden. Anfälle, die länger als 5 Minuten dauern (Status epilepticus) oder mehr als 2 Anfälle innerhalb von 24 Stunden (Clusteranfälle) sind medizinische Notfälle und erfordern sofortige tierärztliche Behandlung.
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Typen der Epilepsie
Man unterscheidet grob zwei Typen von Epilepsie, basierend auf ihrer Ursache:
- Idiopathische Epilepsie: Hierbei handelt es sich um die eigentliche Epilepsie, bei der keine zugrunde liegende Ursache gefunden werden kann. Es wird angenommen, dass es sich um eine genetische, oft vererbte Erkrankung handelt. Sie tritt meist im Alter von 1 bis 6 Jahren auf. Der Golden Retriever ist eine Rasse, die häufig betroffen ist.
- Strukturelle (symptomatische) Epilepsie: Diese Form wird durch eine andere Erkrankung verursacht, wie z.B. Nieren- oder Lebererkrankungen, angeborene Fehlbildungen, Infektionen, Gehirntumore oder Vergiftungen.
Diagnose der Epilepsie
Um die bestmögliche Behandlung für ein Tier zu gewährleisten, ist es wichtig, die Ursache und damit die Form der Epilepsie zu kennen. Wichtig ist das Gespräch mit dem Besitzer, gefolgt von einer gründlichen allgemeinen und neurologischen Untersuchung. Ein Anfallstagebuch, in dem Zeitpunkt, Dauer, Ablauf und Beobachtungen vor und nach den Anfällen dokumentiert werden, ist für den Tierarzt sehr hilfreich. Videoaufnahmen können ebenfalls nützlich sein.
Das weitere Vorgehen hängt von den Symptomen des Patienten ab. Zur Abklärung gehören Blutuntersuchungen (großes Blutbild, Organwerte, ggf. Funktionstests), Bildgebung (in der Regel CT oder MRT, ggf. auch Ultraschall) und eine Untersuchung des Hirnwassers. Erst wenn alle diese Untersuchungen abgeschlossen sind, kann die Diagnose einer idiopathischen Epilepsie gestellt werden (Ausschlussdiagnose).
Behandlung der Epilepsie
Bei struktureller Epilepsie wird die Grunderkrankung behandelt, die die Anfälle auslöst. Bei idiopathischer Epilepsie erfolgt die Therapie in der Regel mit antikonvulsiven Medikamenten.
Eine Behandlung ist indiziert, wenn das Tier mehr als 2 Anfälle in 6 Monaten hat oder ein Clusteranfall oder Status epilepticus aufgetreten ist. Epilepsie ist in der Regel nicht heilbar, und das Tier muss lebenslang behandelt werden. Die Lebenserwartung ist jedoch nicht eingeschränkt.
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Zur Verfügung stehen in Deutschland Phenobarbital, Imepitoin (Pexion) und Kaliumbromid. Sollten diese Medikamente nicht ausreichend wirksam sein, kann der Tierarzt Medikamente aus der Humanmedizin umwidmen, meist Levetirazetam.
Eine gute Überwachung des Epileptikers ist wichtig. Der Tierarzt ist auf die Mitarbeit des Besitzers angewiesen, der Anfälle im Anfallstagebuch dokumentiert, Medikamente genau nach Plan verabreicht und regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen kommt.
Leben mit Epilepsie
Das Leben mit einem Epileptiker kann eine Herausforderung sein, da es sich um eine unheilbare Erkrankung handelt, die lebenslang behandelt werden muss. Es ist wichtig, ruhig zu bleiben, wenn ein Anfall auftritt, da das Tier in der Regel nichts davon mitbekommt, da es nicht bei Bewusstsein ist.
Epilepsie und Zucht beim Golden Retriever
Der Golden Retriever ist eine Rasse, die prädisponiert für idiopathische Epilepsie ist. Dies bedeutet, dass die Erkrankung genetisch bedingt ist und durch Vererbung weitergegeben werden kann. Aus diesem Grund ist die Zucht von Golden Retrievern mit Epilepsie ein wichtiges Thema.
Gesundheitsfonds für Hunde mit Epilepsie
Es gibt Initiativen wie Gesundheitsfonds, die betroffenen Besitzern helfen sollen, die hohen Kosten für Untersuchungen und Behandlungen zu tragen. Diese Fonds werden oft von Rassevereinen wie dem Deutschen Retriever Club oder dem Golden Retriever Club eingerichtet.
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Zuchtauslese und Transparenz
Eine konsequente Zuchtauslese ist entscheidend, um die Verbreitung von Epilepsie in der Rasse zu reduzieren. Züchter sollten offen mit dem Thema umgehen und bekannte Fälle von Epilepsie in ihren Zuchtlinien dokumentieren. Es gibt PC-Programme, in denen Gesundheitswerte der Hunde eingetragen werden können.
Aufnahme von Markern in Stammbäume
Eine Anregung ist, in die Stammbäume wieder Marker aufzunehmen, die auf bestimmte Indikationen hinweisen und auf Tendenzen bei bekannten Verpaarungen hinweisen. Dies könnte helfen, Züchter und Käufer besser zu informieren.
Verantwortung der Züchter
Züchter, die wissentlich erbkranke Hunde zur Zucht einsetzen, handeln unverantwortlich. Es ist wichtig, dass Züchter ihre Verantwortung gegenüber der Rasse wahrnehmen und alles tun, um die Gesundheit ihrer Hunde zu gewährleisten.
Rechtliche Aspekte
In Deutschland gilt das Gewährleistungsrecht auch für Tiere. Wenn ein Hund trotz aller Vorsichtsmaßnahmen eine Erbkrankheit hat, ist dies Pech. Wenn jedoch wissentlich erbkranke Hunde über Generationen zur Zucht eingesetzt werden, kann dies als Betrug angesehen werden.
Fallbeispiele und Erfolgsgeschichten
Es gibt viele Beispiele von Golden Retrievern mit Epilepsie, die dank guter medizinischer Versorgung und liebevoller Betreuung ein erfülltes Leben führen können. Einige Hunde werden sogar zu ausgebildeten Epilepsiemeldehunden, die ihre Besitzer vor Anfällen warnen können.
Ein Beispiel ist Marlon, ein Junge mit dem Landau-Kleffner-Syndrom, einer seltenen Form der Epilepsie. Sein Hund Hope, ein Mischling aus Golden Retriever und Flatcoated Retriever, versteht ihn und warnt ihn vor Anfällen.