Erinnerungen sind ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen und Prozesse. Sie sind nicht immer eine exakte Wiedergabe der Vergangenheit, sondern werden durch unsere Erfahrungen, Emotionen und Interpretationen geformt. Ein besonders interessantes Phänomen ist die sogenannte "Beobachter-Position", bei der man sich in der Erinnerung selbst von außen sieht, als wäre man ein Zuschauer des eigenen Lebens. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen des Gehirns, die an der Entstehung von Erinnerungen beteiligt sind, und untersucht die möglichen Ursachen und Auswirkungen der Beobachter-Position.
Die Beobachter-Position in Erinnerungen: Normalität und mögliche Ursachen
Ob es normal ist, dass man bei Erinnerungen die Beobachter-Stellung einnimmt, ist individuell verschieden. Während manche Menschen ihre Erinnerungen hauptsächlich aus der Ich-Perspektive erleben, sehen sich andere häufiger von außen.
Schutzmechanismus bei traumatischen Erlebnissen
Ein möglicher Grund für die Beobachter-Position könnte in traumatischen Erlebnissen liegen. Wenn ein Mensch schlimme Erfahrungen gemacht hat, an die er sich nur ungern erinnert, kann die Beobachter-Position unbewusst als Schutzmechanismus eingenommen werden. Frei nach dem Motto: Steckt man nicht mehr in sich selbst drin, wenn alte Bilder auftauchen, kann der Schmerz nicht so groß sein. Man ist ja schließlich dann nicht direkt betroffen, muss nichts erneut durchleben, weil man ja außen vor ist. Wenn sich das dann im weiteren Verlauf des Lebens auch auf die Erinnerungen an positive und/oder neutrale Erlebnisse ausweitet, könnte das an einem inzwischen entstandenen Automatismus liegen, den man sich eben wegen früherer negativer Erlebnisse zugelegt hat. Ich denke, diesen „Schutz“ der Beobachter-Stellung legt man erst ab, wenn diese massiven, negativen Erlebnisse irgendwann mal endgültig aufgearbeitet sind.
Reflexion und Aufarbeitung
Diese Beobachter-Stellung kann man allerdings auch gut für sich nutzen, wenn es gilt, Vergangenes zu reflektieren und aufzuarbeiten. Es ist in der Psychotherapie gängige Praxis, dem (Trauma-)Patienten genau diese Strategie nahezubringen, eben weil er Situationen durch das aktive Ausblenden starker Emotionen leichter an sich heranlassen und objektiver einschätzen kann.
Individuelle Unterschiede in der Erinnerung
Abgesehen von traumatischen Erfahrungen gibt es auch individuelle Unterschiede in der Art und Weise, wie Menschen Erinnerungen speichern und abrufen. Manche Menschen erinnern sich eher an Gefühle und Handlungsabläufe, während andere sich stärker auf visuelle Details konzentrieren. Wie ich mir diese Erinnerung vorstelle, ist wiederum eine andere Frage; da ist es gleich, ob ich mich selbst sehe oder aus meiner Sicht heraus handle.
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Falsche Erinnerungen
Es gibt auch das Phänomen, wo Menschen von Bekannten gewisse Geschichten eingeredet wurden, die sie als Kleinkind wohl gemacht haben (dazu ein Foto, was zur Geschichte passt). Viele davon haben diese 'Geschichte' übernommen und weiter ausgeschmückt und waren zum Schluss kaum dazu zu bringen, zu glauben, dass diese Geschichte nur eine Geschichte war, immerhin konnten sie sich doch genau daran erinnern! Die Gründe sind vielfältig.
Neurobiologische Grundlagen der Erinnerung
Um die Mechanismen hinter der Beobachter-Position besser zu verstehen, ist es wichtig, die neurobiologischen Grundlagen der Erinnerung zu betrachten. Das Gehirn ist als Netzwerk organisiert. Nervenzellen (Neuronen) verbinden sich miteinander zu Synapsen und können auf diesem Wege Signale von einem Punkt zum nächsten senden. Das Gehirn verfügt über rund 80.000.000.000 (80 Milliarden) Nervenzellen und kann auf diesem Wege 100.000.000.000.000 Synapsen (100 Billionen) bilden. Stellt man sich diese Synapsen nun als Brücken vor, über die das Signal laufen kann und begibt sich in die Vogelperspektive, kann man zahlreiche kleine und größere Netzwerke sehen, die blitz- oder kreisartig geformt sind. Diese Netzwerke stellen die Speicherform von Informationen dar. Lernen wir ein neues Wort (z.B. Acetylcholinesteraseinhibitoren), wird dieses Wort in Form eines winzigen Netzwerkes gespeichert. Dabei wird das Wort mit zahlreichen anderen, bereits bestehenden Netzwerken verknüpft. Welche das sind, entscheidet sich, je nachdem, was wir über Acetylcholinesteraseinhibitoren erfahren haben und wie unser Vorwissen aussieht. Es könnte zum Beispiel mit dem Netzwerk verbunden werden, das Informationen über “Esterasen” enthält. Oder aber wir lernen vielleicht, dass es chemische Kampfstoffe gibt, bei denen die die Acetylcholinesterase gehemmt wird und es erfolgt eine Verknüpfung zu den Netzwerken, die mit “taktischen Einsatzlagen” zu tun haben.
Beteiligte Hirnstrukturen
Mehrere Hirnstrukturen spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und dem Abruf von Erinnerungen:
- Amygdala: Die Amygdala ist für die emotionale Bewertung von Ereignissen zuständig. Sie verknüpft Ereignisse mit bestimmten Emotionen und speichert diese im impliziten Gedächtnis ab. Bei traumatischen Erfahrungen kann die Amygdala überaktiviert sein, was zu intensiven emotionalen Reaktionen beim Abruf der Erinnerung führen kann.
- Hippocampus: Der Hippocampus ordnet Ereignisse zeitlich und räumlich ein und leitet diese Informationen an den Neokortex weiter. So werden Erinnerungen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt. Bei traumatischen Erfahrungen kann die Funktion des Hippocampus beeinträchtigt sein, was zu fragmentierten Erinnerungen und Schwierigkeiten bei der zeitlichen Einordnung des Erlebten führen kann.
- Neokortex: Der Neokortex ist der jüngste Teil des Gehirns und für höhere kognitive Funktionen wie Sprache, abstraktes Denken und die Einordnung von Erinnerungen in einen größeren Kontext zuständig. Im präfrontalen Kortex werden die Informationen aus dem limbischen System als Langzeiterinnerungen gespeichert und in unser biografisches Gedächtnis eingeordnet.
Die Rolle von Stress und Trauma
Traumatischer Stress, also unvollendete Stressreaktionen führen dazu, dass die Betroffenen die gleichen starken Emotionen und Körperempfindungen immer wieder erleben. Das fühlt sich dann an, als würde das Trauma hier und jetzt wieder stattfinden.
Während unser Nervensystem durchaus für kurzzeitigen Stress ausgelegt ist, kann chronischer oder traumatischer Stress erhebliche Folgen haben. Denn im Überforderungsmodus verändern sich die Verarbeitungsstrategien im Gehirn.
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Keine Lösung - was Daueralarm in Gehirn bewirkt: Bei chronischem Stress und Trauma bleiben wir länger in einem Gefühl der Ohnmacht und Überwältigung. Wenn wir die Situation nicht durch eigenes Handeln lösen können, wird auch die Stressenergie nicht entladen. Dann bleiben die Stresshormone weiter im Körper und überfluten das Gehirn. Solange wir uns nicht sicher fühlen, greift der Parasympathikus nicht, und die Stressreaktion wird nicht vollendet. Dann können wir nicht zur Ruhe kommen. Der Daueralarm führt dazu, dass das Gehirn die Informationen anders verarbeitet. Das beeinflusst sowohl das Gedächtnis als auch die Entwicklung des Gehirns. Ein traumatisiertes Gehirn sieht nicht nur anders aus, sondern funktioniert auch anders als ein gelassenes.
Die Erinnerung wird fragmentiert: Besonders der Hippocampus, der Archivar, wird durch die Überflutung mit Stresshormonen beeinträchtigt. Er kann die Empfindungen aus dem Ereignis nicht mehr zeitlich und räumlich einordnen und an den präfrontalen Kortex weiterleiten. Dadurch ist es nicht mehr möglich, zwischen heute und damals zu unterscheiden. Das Erlebte kann dann nicht ins episodische Gedächtnis (Langzeitgedächtnis) überführt werden. Dies führt zu Erinnerungslücken oder Gedächtnisverlust. Daher kann nach einem Trauma eine sogenannte Amnesie entstehen. Die Aktivität des präfrontalen Kortex lässt nach, weil er weniger aktuelle Informationen erhält. Darunter leidet auch die Fähigkeit, das Erlebte zeitlich einzuordnen und zu relativieren. Somit können wir in diesem Zustand keine Realitätsprüfung mehr vornehmen, also Vergangenes nicht mehr von Aktuellem unterscheiden. Auch das Übersetzen der Empfindungen in Sprache wird gehemmt. Es entsteht möglicherweise Sprachlosigkeit.
Über die Amygdala werden die sensorischen Eindrücke als Fragmente im Körpergedächtnis abgespeichert. Dann kann es Empfindungen geben, die wir nicht mit aktuellen Erlebnissen in Zusammenhang bringen können. Da es sich um hochgeladene Zustände handelt, ist die Amygdala in ständiger Wachsamkeit und meldet auch bei kleinen Gelegenheiten Alarm. Diese Empfindungszustände können also leicht getriggert werden. Weil die fragmentierten Empfindungen nicht in Zeit und Raum eingeordnet werden können, fühlt es sich dann so an, als würden wir das alles heute erleben. Wir können nicht zwischen „hier und jetzt“ und „dort und damals“ unterscheiden. Auch der Thalamus, der Wahrnehmungsfilter, wird beim Trauma beeinträchtigt, was zu ständiger Reizüberflutung führen kann.
Durch unverarbeitetes Trauma entsteht also ein massives Ungleichgewicht zwischen eingeschränktem episodischen Gedächtnis und hochgeladenem Körpergedächtnis. Um uns vor dieser inneren Dissonanz zu schützen, entwickeln wir dann allerlei Abwehrmechanismen. Das autonome Nervensystem bleibt dysreguliert, also aus dem Gleichgewicht, und kann nicht zur Ruhe kommen.
Soziale Intelligenz und Verhalten in Gruppen
Ein weiterer Aspekt, der bei der Betrachtung von Erinnerungen und Verhalten eine Rolle spielt, ist die soziale Intelligenz. Wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, läuft das meist problemlos ab. Wir wechseln uns beim Sprechen ab, fallen einander nicht zu oft ins Wort und imitieren unser Gegenüber, um eine Verbindung zu schaffen. Vieles von dem, was zum Gelingen von zwischenmenschlicher Interaktion nötig ist und was wir soziale Intelligenz nennen, läuft relativ unbewusst ab. Wir müssen zum Beispiel nicht lange darüber nachdenken, wie lange wir einer Person in die Augen schauen können, ohne dass es unangenehm wird. Die optimale Dauer erschließt sich uns intuitiv.
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Ein großer Teil unserer sozialen Intelligenz funktioniert also wie eine Art Autopilot, ein optimiertes Programm, das bei Bedarf einspringt. Im Rahmen meiner Forschung versuche ich die hochkomplexen Prozesse besser zu verstehen, die dem Sozialverhalten zugrunde liegen. Zu diesem Zweck entwickle ich Verhaltensexperimente und beobachte Hirnprozesse mit neurowissenschaftlichen Methoden.
Im Exzellenzcluster "Science of Intelligence" untersuche ich, wie sich Verhalten in Gruppen entwickelt und ausbreiten kann. Solomon Asch hat in den 1950er Jahren bereits gezeigt, dass Menschen in Gruppen häufig dazu tendieren, sich dem Urteil der Mehrheit anzupassen. Das geschieht auch auf der konkreten Handlungsebene: Wenn bei einem Fußballspiel viele Leute klatschen, hat auch der Einzelne eine starke Tendenz dazu. Es gibt also eine Art sozialer Ansteckung, die Gruppenverhalten prägt. In der Biologie wird das als Schwarmverhalten mit mathematischen Modellen aus der Vogelperspektive untersucht. In der Psychologie betrachten wir, wie sich das Individuum in der Gruppe verhält. Wir fragen: Wie verändert sich die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten in Abhängigkeit des Verhaltens der Gruppe?
Strategien zur Verarbeitung traumatischer Erinnerungen
Für Menschen, die unter traumatischen Erinnerungen leiden, gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten, die darauf abzielen, die Erinnerungen zu verarbeiten und die damit verbundenen negativen Emotionen zu reduzieren.
Traumabearbeitung
Veränderung des Trauma-Gedächtnisses zur Verringerung des intrusiven Wiedererlebens bzw. Konfrontation mit dem traumatischen Ereignis unter geschützten therapeutischen Bedingungen durch imaginatives Nacherleben. In der Vorstellung wird das Ereignis von Beginn bis Ende nacherlebt bzw. rekonstruiert, damit daraus schließlich eine bewusst zugängliche, „erzählbare Geschichte“ wird , die in andere autobiographische Erinnerungen eingebettet ist. Um die Belastung in der Therapiesituation erträglich zu halten, erlernen die Patienten zuvor Methoden, mit denen sie das Geschehen aus der „Vogelperspektive“ betrachten oder auf einen „Bildschirm“ projizieren können und nach der Therapiestunde z.B. in einen „Tresor“ einschließen.
Kognitive Methoden
Mit kognitiven Methoden werden die belastenden Interpretationen des Traumageschehens und seiner Konsequenzen bearbeitet, um Ängste, Schuld- und Schamgefühle zu reduzieren. In diesem Zusammenhang spielen auch Erklärungen zu den neurobiologischen Notfallmechanismen unseres Körpers und zu den Besonderheiten des Trauma-Gedächtnisses eine Rolle. Wer z.B. Dem Abbau der Vermeidung auf gedanklicher Ebene dient z.B. das imaginative Nacherleben des traumatischen Ereignisses. Auf Verhaltensebene ist dies das gezielte Aufsuchen und Einüben der gemiedenen Alltagssituationen, um eine korrigierende Lernerfahrung machen zu können. Vorbereitet werden diese Übungen z.B. durch bewusste Differenzierung zwischen „Hier & Jetzt“ und „Dort & Damals“ oder durch „Probehandeln“ in der Phantasie, ggf.
Stabilisierung
Voraussetzungen für die Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen sind sowohl eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung als auch eine hinreichende Alltagsstabilität des Patienten. Diese beiden Ziele stehen im Zentrum der Therapieeingangsphase, deren Dauer individuell sehr unterschiedlich ist (manchmal genügen einige Therapiestunden, manche Therapien dienen nahezu ausschließlich der Stabilisierung). Nach der Traumabearbeitung stehen die Auseinandersetzung mit traumaspezifischen Verlusten und eine Neuorientierung im Sinne der Entwicklung von Zukunftsperspektiven und der Anknüpfung an frühere Aktivitäten und Kontakte im Mittelpunkt („Das Leben zurück erobern“).
Lernen und Gedächtnis: Spaced Repetition
Neben der Verarbeitung traumatischer Erinnerungen spielt das Verständnis der Mechanismen des Lernens und Gedächtnisses auch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. Ein besonders effektives Lernprinzip ist die "Spaced Repetition", bei der Lerninhalte in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.
Im letzten Artikel hatten wir über die Notwendigkeit regelmäßiger Wiederholungen der Lerninhalte berichtet. Das Aufteilen und Wiederholen von Lernstoff in einem bestimmten System wird als “Spaced Repetition” bezeichnet. Das Prinzip wird oft beim Lernen von Vokabeln angewendet, ist aber viel universeller einsetzbar. Ein eher klassisches Beispiel ist der Karteikasten, bei dem eine Karteikarte, wenn sie gelernt wurde, in ein bestimmtes Fach eingeordnet wird, um sie nach einiger Zeit zu wiederholen. Wird ihr Inhalt immer noch richtig erinnert, rutscht sie in ein neues Fach, das etwas später wiederholt wird. Das wiederholt man bis die Karte irgendwann nur noch sehr selten wiederholt werden muss. Erinnert man den Karteninhalt nicht korrekt, wird die Karte in eines der vorangegangenen Fächer eingeordnet und dementsprechend schneller wiederholt. Der Reiz eines Spaced-Repetition-Systems ist folgender: Man lernt nur die Dinge, die man auch wirklich wiederholen sollte.
Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus
Im Artikel zum Verstärkungslernen wurde bereits auf die Vergessenskurve nach Ebbinghaus eingegangen. Menschen vergessen gelernte Inhalte, insbesondere dann, wenn sie kontextlos sind (Ebbinghaus hatte in seinen Versuchen, unzusammenhängende Silben gelernt) nach einem relativ festen Muster. Nach 20 Minuten fehlen schon 40%, nach 60 Minuten 55%, nach einem Tag 76% und so weiter. Würde die These von Ebbinghaus vollkommen zutreffen, dürfte ein Effekt, wie bei “Danke” und “Acetylcholinesteraseinhibitoren” eigentlich nicht auftreten. Beide Wörter würde man bei gleicher Wiederholungszahl gleich gut erinnern. Zwar benutzt man “Danke” im Alltag viel öfter, allerdings erinnert man es auch dann besser, wenn man es eine Weile nicht in der Zielsprache benutzt hat. Die Antwort darauf ist wichtig, denn wenn wir sie verstehen, können wir Lernprozesse viel effektiver machen.
Biologische Prinzipien des Lernens
Dazu müssen wir einen Blick in drei fundamentale biologische Prinzipien des Lernens werfen:
- Das Gehirn ist als Netzwerk organisiert.
- Alle Lebensvorgänge kosten Energie.
- Synapsen brauchen einen stabilisierenden Mechanismus (Langzeitpotenzierung).
Da der Organismus und damit auch das Gehirn eine Tendenz zum Energiesparen haben, werden nur die Netzwerke dauerhaft aufgebaut, die als “wichtig” oder “relevant” markiert werden. Ziel ist es ja immerhin, möglichst viel für das eigene Überleben zu lernen ohne dabei eine negative Energiebilanz zu erhalten. Das Gehirn filtert also im großen Stil. DAS HIER ist relevantes Wissen! Der Energieeinsatz lohnt sich! Baue dafür ein Netzwerk und stabilisiere es durch Langzeitpotenzierung. Mache es jetzt! Wissen kann auf verschiedene Weisen als relevant markiert werden. Zwei Möglichkeiten sind starke Emotionen oder soziale Bedeutungen. Eine andere ist das Wiederholen wie wir es ja bereits besprochen haben.
Tipps für effektives Lernen
- Teile den Lernstoff in logische Häppchen
- Verteile den Lernstoff so, dass die Wiederholungen am Anfang häufig sind und zunehmend seltener werden
- Gehe nicht davon aus, dass neuer Lernstoff, der nicht wiederholt wurde, für die Teilnehmer:innen abrufbar ist.
- Motiviere die Teilnehmer:innen Unterrichtseinheiten zuhause vor- und nachzubereiten. Dazu kannst Du auch Material zur Verfügung stellen oder Tests durchführen.
- Ermittle regelmäßig, was Teilnehmer schlechter erinnern und erhöhe gezielt die Anzahl der Wiederholungen dieses Lerninhaltes.
Nahtoderfahrungen
Manche Menschen waren klinisch tot und konnten reanimiert werden. Einige von ihnen - darunter auch Kinder - berichten von so genannten Nahtoderfahrungen. Doch wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Während die Ärzte versuchen, sie wiederzubeleben, erlebt die junge Frau etwas Ungewöhnliches: Sie hat das Gefühl, in den Himmel zu kommen. „Ich habe eine unwahrscheinliche Wärme gespürt. In diesem Himmel, oder eben an dem Ort, wo ich mich zu diesem Zeitpunkt befand, traf ich auf meine Großeltern, die schon verstorben waren, und die beiden haben mich ganz herzlich begrüßt. Vor allem das Gefühl, außerhalb des eigenen Körpers zu schweben, ist ein immer wiederkehrendes Element in Berichten von Nahtoderfahrungen. Die meisten Patienten berichten, dass sie sich durch einen Tunnel auf ein helles Licht zubewegten. Einige konnten im Moment des Herzstillstands ihren eigenen Körper von oben betrachten - eine sogenannte „außerkörperliche Erfahrung“. Bei anderen wiederum spult sich das Leben wie ein Film vor dem geistigen Auge ab. Interessant ist, dass fast alle Nahtodpatienten von euphorischen und friedlichen Gefühlen berichten. Sie hörten harmonische Melodien, schöne Klänge oder Stimmen. Und einige begegneten sogar Lichtwesen oder verstorbenen Verwandten, die sie aufforderten, wieder in ihren Körper zurückzukehren.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass körpereigene Stoffe, die wie Drogen wirken, für die Nahtoderlebnisse verantwortlich sind. Das Gehirn scheint uns sowohl bei einem Nahtoderlebnis als auch unter Drogeneinfluss etwas vorzuspielen. Auf LSD etwa entsteht beim Konsumenten das Gefühl, dass die Zeit stillsteht. Farben sind bunter, Geräusche intensiver. Es kommt zu Visionen von strahlendem Licht - viele Elemente also, die wir auch aus Nahtodberichten kennen. Diese LSD-Visionen entstehen im rechten Schläfenlappen des Gehirns, derselben Region, die auch bei Nahtoderfahrungen erregt wird. Somit liegt die Vermutung nahe, dass körpereigene Drogen, die beim Sterben ausgeschüttet werden, für die Nahtoderlebnisse verantwortlich sind. Doch Wissenschaftler glauben nicht daran: „Drogen lösen in der Regel wilde Halluzinationen, Horrortrips oder auch Schizophrenien aus“, sagt der Neurologe Dr. Der Neurologe Michael Schröter-Kunhardt kennt solche Berichte. „Nahtoderfahrungen finden wir seit Jahrtausenden in allen Kulturen“, erklärt er. In seinen Studien hat der Wissenschaftler über 300 Fälle analysiert. Weil Erwachsene von religiösen Vorstellungen beeinflusst sein könnten, schenken Wissenschaftler den Nahtoderlebnissen von Kindern besondere Aufmerksamkeit. Sie haben meist noch keine konkreten Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Der heute 70-jährige Robert Bartscher zum Beispiel hatte als Kind ein Nahtoderlebnis. Damals ließ sein Bruder aus Versehen einen Föhn in die Badewanne fallen, in der er saß. Für einige Sekunden stand er vor dem Tod. „Es hat sich angefühlt wie ein Taucher unter einer Eisdecke", beschreibt Robert Bartscher die Erfahrung. „Es war so angenehm, ich wollte gar nicht mehr zurück. Und dann kam eine Art Diskussion mit einem Licht.
Der Nahtodforscher Peter Fenwick ist bekannt für seine Nahtod-Studie: In mehreren Kliniken ließ er Koma-Patienten dauerhaft filmen und über ihren Betten Laptops installieren. Diese sind nur von der Zimmerdecke aus zu sehen. Schweben die Patienten also tatsächlich über ihrem eigenen Körper, müssten sie auch die Monitore sehen können. Mithilfe der Kamera wollen die Wissenschaftler den Vorgang dokumentieren. Solche „Out-of-Body“-Erfahrungen haben Neurologen am Polytechnikum Lausanne untersucht. Den Forschern gelang es, bei Versuchspersonen das Gefühl zu erzeugen, den eigenen Körper zu verlassen. Bei einem Versuch wurden eine Testperson und eine Puppe gleichzeitig mit einem Stab am Rücken berührt. Die Puppe wurde dabei von hinten gefilmt. Die Probanden sahen die Berührung der Puppe durch eine Videobrille - und glaubten daraufhin, die Berührungen an der Figur zu spüren. Sie hatten das Gefühl, sich aus dem eigenen Körper heraus in den Körper der Puppe zu bewegen. Unser Gehirn verändert durch optische Reize die körperliche Wahrnehmung. Verantwortlich dafür ist der hintere Schläfenlappen im Gehirn. Dort werden optische Eindrücke mit der Vorstellung des Raumes verknüpft.
Robert Bartscher trägt von dem Unfall keine bleibenden Schäden davon. Seine Erlebnisse allerdings behält er für sich. „Ich hab es niemandem mitgeteilt“, sagt er. „Sonst wird man doch für bekloppt gehalten.“ Viele Kinder haben nach einem Nahtod-Erlebnis das Gefühl, dumm, verrückt oder anders zu sein, so das Ergebnis einer amerikanischen Langzeitstudie. Das Erschreckende: Zehn Jahre nach der Erfahrung hat ein Drittel der Kinder Drogen- und Alkoholprobleme. Eine von ihnen ist Christine Stein: Im März 2000 hat die damals 19-Jährige einen schlimmen Autounfall. Eingeklemmt liegt sie unter den Metalltrümmern ihres Unfallwagens. Hirnquetschungen, eine gerissene Lunge, etliche Brüche, eine gerissene Aorta - Christine schwebt in Lebensgefahr. Bei der Notoperation bleibt plötzlich ihr Herz stehen. Christine Stein atmet nicht mehr.
Himmel und Hölle, Licht und Horror - die Erlebnisse von Menschen, die an der Schwelle zum Tod standen, hatten vermutlich einen starken Einfluss auf die religiösen Vorstellungen vom Jenseits. „Man kann sagen, dass Nahtoderfahrungen die Grundlage aller Religionen in ihrem Glauben an ein Leben nach dem Tod sind“, glaubt der Neurologe Dr. Michael Schröter-Kunhardt. Doch was genau passiert an der Schwelle zum Tod in unserem Gehirn? Manche Wissenschaftler vermuten, dass Sauerstoffmangel zu den Nahtoderlebnissen führt. Um dies genauer zu untersuchen, wurde bei Experimenten der US-Air-Force Versuchspersonen künstlich Sauerstoff entzogen. Dazu beschleunigten die Forscher eine Testperson in einer Zentrifuge so sehr, dass diese bewusstlos wurde. Tunnelblick durch Sauerstoffmangel? Die Forscher stellten bei ihrem Versuch fest, dass das Blut durch die Fliehkraft so schwer wurde, dass das Herz nicht mehr genügend Sauerstoff ins Hirn pumpen konnte. Dadurch verengte sich das Sichtfeld der Versuchsperson, das Bild eines Tunnels entstand. Doch kann das ein Beweis dafür sein, dass Nahtod-Erlebnisse auf Sauerstoffmangel zurückzuführen sind? Der Neurologe Michael Schröter-Kunhardt ist skeptisch: „Ich glaube nicht, dass Sterbeerfahrungen auf Sauerstoffmangel zurückzuführen sind. Alles nur ein Traum? Sind Nahtoderfahrungen dann nur traumähnliche Zustände, in denen das Sterben verarbeitet wird? Immerhin kommt es auch im Traum zu den Fall-, Flug- und Schwebeempfindungen, von denen viele Nahtodpatienten berichten. Doch im Gegensatz zu Träumen können Sterbeerfahrungen keiner Schlafphase zugeordnet werden. Sie sind nicht individuell, sondern folgen einem Muster mit wiederkehrenden Elementen. Außerdem können sich Nahtod-Patienten sehr genau an das Erlebte erinnern. Ist der Tod Programm? Nach dem jetzigen Stand der Forschung gehen Wissenschaftler davon aus, dass das Sterben als einmalige Erfahrung in uns angelegt ist. Im Notfall wird dann ein biochemischer Mechanismus in unserem Gehirn ausgelöst. „Nahtoderfahrungen sind meiner Ansicht nach ein neurobiologisch genetisch angelegtes Programm des Gehirns“, sagt Dr. Michael Schröter-Kunhardt.
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