Die Lyme-Borreliose ist eine Multisystemerkrankung, die durch Bakterien des Genus Borrelia verursacht wird. Insbesondere sind Haut, Zentrales Nervensystem, Gelenke und das Herz betroffen. Die Erkrankung wird hauptsächlich durch Zeckenstiche übertragen, wobei der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) in Europa der Hauptüberträger ist. Die Lyme-Borreliose manifestiert sich in verschiedenen Stadien und mit unterschiedlichen Symptomen. Ein charakteristisches Zeichen der frühen Infektion ist das Erythema migrans, eine sich ausbreitende Hautrötung an der Stichstelle. Im Verlauf der Behandlung mit Antibiotika kann es zu einer Herxheimer-Reaktion kommen, einer vorübergehenden Verschlechterung der Symptome.
Das Erythema Migrans: Ein Schlüsselzeichen der frühen Lyme-Borreliose
Das Erythema migrans (EM) ist oft das erste und auffälligste Symptom einer Lyme-Borreliose. Es entwickelt sich typischerweise drei bis 30 Tage (Median 7 bis 10 Tage) nach einem Zeckenstich.
Erscheinungsbild des Erythema Migrans
- Klassische Form: Eine rötlich-bläuliche Hautverfärbung an der Stichstelle, die sich ringförmig ausbreitet und einen Durchmesser von 5 bis zu 20 Zentimetern erreichen kann. In der Mitte der Rötung verblasst die Farbe meist, sodass ein ringförmiges Erscheinungsbild entsteht.
- Atypische Formen: Die Entzündungsreaktion kann sehr variabel sein. Atypische Varianten können zu Fehldiagnosen führen. Dazu gehören:
- Homogene, nicht migrierende starke Entzündung, die oft als hypererge Insektenstichreaktion fehldiagnostiziert wird.
- Erysipelartiges Erythema migrans mit diffuser Entzündung und Schwellung, das als "mitigiertes Erysipel" unterdosiert und zu kurz behandelt wird.
- Zentral vesikulöses Erythema migrans, das als Herpes simplex oder bullöse Insektenstichreaktion verkannt wird.
- Sehr diskret entzündliches, intermittierend auftretendes Erythema migrans, das vor allem bei Erwärmung der Haut sichtbar wird und als Urtikaria fehlinterpretiert wird.
- Multiple Erythemata Migrantia: Im Disseminierungsstadium der Frühinfektion können multiple Erythemata migrantia auftreten. Diese ovalären Erytheme unterschiedlicher Größe sind symptomlos und werden vor allem bei Kindern häufig übersehen.
Differentialdiagnosen des Erythema Migrans
Es ist wichtig, das Erythema migrans von anderen Hautveränderungen zu unterscheiden, die durch Zeckenstiche oder andere Ursachen hervorgerufen werden können.
- Primäre Stichreaktion: Unmittelbar nach dem Zeckenstich bildet sich eine gerötete Papel sowie ein Umgebungserythem, ausgelöst durch die Sekrete der Zecke. Diese Hauterscheinungen verschwinden jedoch nach einigen Tagen ("Decrescendo-Reaktion").
- Kriebelmückenstich: Kriebelmückenstiche können mit einer derben, plattenförmigen Infiltration der Haut und deutlicher lokaler Überwärmung einhergehen. Sie jucken oder schmerzen stark und klingen nach drei bis sieben Tagen ab.
Diagnose des Erythema Migrans
Das Erythema migrans ist in der Regel eine Blickdiagnose. Eine serologische Untersuchung ist bei typischem Erscheinungsbild nicht erforderlich. Bei atypischen Verlaufsformen oder unklarer Diagnose kann der Nachweis von Borrelien-DNA mittels PCR im Hautbiopsat oder der Nachweis von borrelienspezifischen IgM-Antikörpern im Serum weiterhelfen.
Therapie des Erythema Migrans
Liegt ein typisches Erythema migrans vor, soll laut der Leitlinie unmittelbar mit einer Antibiotika-Therapie begonnen werden. Erste Wahl bei Hautmanifestationen der Lyme-Borreliose ist eine orale Therapie mit Doxycyclin oder Amoxicillin; mögliche Alternativen sind Cefuroxim, Azithromycin und eventuell auch Clarithromycin. Die Therapiedauer richtet sich nach der Dauer und Schwere der Symptome. Bei solitärem Erythema migrans reichen laut Leitlinie zehn bis 14 Tage Doxycyclin oder 14 Tage Amoxicillin.
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Die Herxheimer-Reaktion: Eine vorübergehende Verschlechterung unter Antibiotikatherapie
Zu Beginn einer Antibiotikatherapie der Lyme-Borreliose kann es zu einer sogenannten Herxheimer-Reaktion kommen. Dies ist eine akute Entzündungsreaktion, die durch die Freisetzung von Toxinen (Endotoxinen) aus absterbenden Borrelien ausgelöst wird.
Symptome der Herxheimer-Reaktion
Die Symptome der Herxheimer-Reaktion können vielfältig sein und ähneln oft den Symptomen der Borreliose selbst. Dazu gehören:
- Fieber
- Schüttelfrost
- Kopfschmerzen
- Muskel- und Gelenkschmerzen
- Verschlimmerung der Hautsymptome (z.B. Wiederaufflammen des Erythema migrans)
- Allgemeines Krankheitsgefühl
Dauer der Herxheimer-Reaktion
Die Herxheimer-Reaktion ist in der Regel selbstlimitierend und klingt innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ab.
Behandlung der Herxheimer-Reaktion
Die Behandlung der Herxheimer-Reaktion zielt darauf ab, die Symptome zu lindern. Dazu können folgende Maßnahmen gehören:
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Schmerzmittel (z.B. Paracetamol oder Ibuprofen)
- Antihistaminika zur Linderung von Juckreiz
- In schweren Fällen kann eine kurzzeitige Behandlung mit Kortikosteroiden erforderlich sein.
Wichtiger Hinweis
Es ist wichtig, die Herxheimer-Reaktion nicht als Antibiotikaunverträglichkeit fehlzuinterpretieren. Die Reaktion zeigt lediglich, dass die Antibiotika wirken und die Borrelien absterben.
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Weitere Aspekte der Lyme-Borreliose
Stadien der Lyme-Borreliose
Die Lyme-Borreliose wird üblicherweise in drei Stadien eingeteilt:
- Stadium 1 (Lokalisierte Infektion): Charakterisiert durch das Erythema migrans. Allgemeine Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Arthralgien und Myalgien können auftreten.
- Stadium 2 (Disseminierte Infektion): Die Borrelien breiten sich im Körper aus und können verschiedene Organe befallen. Typische Symptome sind die lymphozytäre Meningoradikulitis Bannwarth (Garin-Bujadoux-Bannwarth-Syndrom), Fazialisparese, multiple Erythemata migrantia, kardiale Beteiligung (z.B. AV-Blockierungen) und das Borrelien-Lymphozytom.
- Stadium 3 (Spätstadium): Manifestationen treten Monate bis Jahre nach der Infektion auf. Dazu gehören die Lyme-Arthritis, die Acrodermatitis chronica atrophicans Herxheimer (ACA) und die späte Neuroborreliose.
Diagnostik der Lyme-Borreliose
Die Diagnose der Lyme-Borreliose basiert auf der klinischen Symptomatik, der Anamnese (Zeckenstich) und den Ergebnissen der Labordiagnostik.
- Serologie: Der Nachweis von borrelienspezifischen Antikörpern im Serum ist ein wichtiger Baustein für die Diagnosefindung. In der Serodiagnostik sollte nach dem Prinzip der Stufendiagnostik verfahren werden: ELISA oder vergleichbare Methoden als Suchtest, bei positivem oder grenzwertigem Ergebnis folgt ein Immunoblot zur Bestätigung.
- Liquordiagnostik: Bei Verdacht auf eine Neuroborreliose ist der Nachweis intrathekal gebildeter Antikörper gegen Borrelien in Liquor/Serum-Paaren vom gleichen Tag erforderlich.
- PCR und Kultur: Die Kultivierung von Borrelien aus Patientenmaterial ist diagnostisch beweisend, aber zeit- und arbeitsaufwendig. Die PCR kann zum Nachweis von Borrelien-DNA in verschiedenen Probenmaterialien (z.B. Liquor, Hautbiopsien, Gelenkpunktaten) eingesetzt werden.
Therapie der Lyme-Borreliose
Die Lyme-Borreliose wird in der Regel mit Antibiotika behandelt. Die Wahl des Antibiotikums und die Therapiedauer richten sich nach dem Stadium der Erkrankung und den betroffenen Organen.
- Frühstadium: Orale Antibiotika wie Doxycyclin oder Amoxicillin sind in der Regel ausreichend.
- Spätstadium oder Neuroborreliose: Intravenöse Antibiotika wie Ceftriaxon oder Cefotaxim können erforderlich sein.
Prävention der Lyme-Borreliose
- Zeckenstiche vermeiden: Tragen von schützender Kleidung, Verwendung von Zeckenrepellents.
- Zecken schnellstmöglich entfernen: Je schneller die Zecke entfernt wird, desto geringer ist das Risiko einer Borrelienübertragung.
- Beobachtung der Stichstelle: Die Einstichstelle sollte mindestens drei Wochen lang beobachtet werden. Bei Auftreten von Symptomen (z.B. Erythema migrans, grippeartige Beschwerden) sollte ein Arzt aufgesucht werden.
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