Der Liquor cerebrospinalis, auch als Nervenwasser oder Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit bekannt, ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt und diese vor äußeren Einwirkungen schützt. Die Liquordiagnostik, also die Untersuchung des Liquors, spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnose von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS). Eine der Fragestellungen, die sich bei der Analyse des Liquors ergeben kann, ist das Vorhandensein von Erythrozyten (roten Blutkörperchen).
Einführung in die Liquordiagnostik
Die Liquordiagnostik dient vor allem der Diagnose von Erkrankungen, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen. Der Liquor wird durch eine Lumbalpunktion gewonnen, bei der eine Hohlnadel im Bereich der Lendenwirbelsäule eingeführt wird, um Nervenwasser zu entnehmen. Die Analyse des Liquors umfasst verschiedene Aspekte, darunter die Beurteilung der Farbe, die Zellzahl (Leukozyten und Erythrozyten), den Proteingehalt (Albumin und Immunglobuline), den Glukose- und Laktatwert sowie den Nachweis von Erregern.
Ursachen für Erythrozyten im Liquor
Das Vorhandensein von Erythrozyten im Liquor kann verschiedene Ursachen haben:
- Artifizielle Ursache: Erythrozyten können durch die Lumbalpunktion selbst in den Liquor gelangen, wenn bei der Entnahme ein kleines Gefäß verletzt wird. In diesem Fall sind die Erythrozyten gleichmäßig in allen Röhrchen verteilt.
- Intrazerebrale Blutungen: Blutungen im Gehirn oder in den Liquorräumen können ebenfalls zu Erythrozyten im Liquor führen. Mögliche Ursachen für solche Blutungen sind Verletzungen, Tumoren oder Gefäßerkrankungen des Gehirns oder Rückenmarks.
- Subarachnoidalblutung (SAB): Eine Subarachnoidalblutung, also eine Blutung in den Raum zwischen Gehirn und Hirnhaut, führt zu einer hohen Anzahl von Erythrozyten im Liquor.
Diagnostische Bedeutung von Erythrozyten im Liquor
Die Interpretation von Erythrozyten im Liquor ist abhängig von der klinischen Situation und den Begleitbefunden.
- Differenzierung zwischen artifiziellen und pathologischen Erythrozyten: Wenn die Erythrozyten gleichmäßig in allen Röhrchen verteilt sind, ist eine artifizielle Ursache wahrscheinlich. Sind die Erythrozyten jedoch ungleichmäßig verteilt oder kommen sie zusammen mit anderen pathologischen Befunden vor, ist eine intrazerebrale Blutung wahrscheinlicher.
- Hinweis auf Blutungen: Das Vorhandensein von Erythrozyten im Liquor ist ein wichtiger Hinweis auf Blutungen im ZNS. Bei einer Subarachnoidalblutung (SAB) finden sich neben den Erythrozyten auch Entzündungsreaktionen im Liquor, die zu einer erhöhten Leukozytenzahl führen können.
- Abklärung weiterer Ursachen: Wenn eine Blutung ausgeschlossen wurde, sollten andere Ursachen für Erythrozyten im Liquor abgeklärt werden, wie z.B. Tumoren oder Gefäßerkrankungen des ZNS.
Weitere Liquorparameter und ihre Bedeutung
Neben den Erythrozyten werden bei der Liquordiagnostik auch andere Parameter untersucht, die wichtige Informationen über den Zustand des ZNS liefern:
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- Leukozyten: Eine erhöhte Leukozytenzahl (Pleozytose) deutet auf eine Entzündung im ZNS hin. Die Art der Leukozyten (Granulozyten, Lymphozyten, Monozyten) kann Hinweise auf die Ursache der Entzündung geben (z.B. bakterielle oder virale Infektion).
- Proteine: Eine Erhöhung des Gesamtproteins im Liquor kann verschiedene Ursachen haben, wie z.B. eine gestörte Blut-Liquor-Schranke, Entzündungen oder Blutungen. Die Bestimmung spezifischer Proteine wie Albumin und Immunglobuline ermöglicht eine genauere Differenzierung. Der Albumin-Quotient (QAlb) dient zur Beurteilung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion. Eine intrathekale Immunglobulinsynthese (d.h. die Produktion von Antikörpern im ZNS) ist ein Hinweis auf eine entzündliche Erkrankung wie Multiple Sklerose oder eine Infektion.
- Glukose und Laktat: Die Glukosekonzentration im Liquor sollte immer in Bezug zum Blutzuckerwert beurteilt werden. Eine erniedrigte Liquorglukose kann auf eine bakterielle Meningitis hindeuten. Ein erhöhter Laktatwert ist ebenfalls ein Hinweis auf eine Entzündung, insbesondere bei bakteriellen Infektionen.
- Erregernachweis: Bei Verdacht auf eine Infektion des ZNS werden verschiedene Methoden zum Erregernachweis eingesetzt, wie z.B. mikroskopische Untersuchung, kulturelle Anzucht, Antigen-Schnelltests und Polymerase-Kettenreaktion (PCR).
- Zytologie: Die zytologische Untersuchung des Liquors dient der Identifizierung von Zellen, die normalerweise nicht im Liquor vorkommen, wie z.B. Tumorzellen oder atypische Lymphozyten.
Liquorzytologie
Die Liquorzytologie ist ein Verfahren zur zellulären Untersuchung des Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser), das den Subarachnoidalraum im Gehirn und Rückenmark durchfließt. Nach der Entnahme sollte der Liquor innerhalb von 2 Stunden untersucht werden, sonst ist ggf. mit zu niedrigen Zellzahlen zu rechnen. Typischerweise ist die Zellzahl im Liquor bei folgenden Erkrankungen (in absteigender Stärke) erhöht zu finden: bakterielle Meningitis, virale Meningitis, Neuroborreliose, Neurotuberkulose, Neurolues, multiple Sklerose, Toxoplasmose, Kryptokokkose und Guilliain-Barre-Syndrom. Tumorerkrankungen des ZNS resultieren ebenfalls häufig in erhöhten Zellzahlen. Neben der Zellzählung erfolgt eine (semiquantitative) Differenzierung in polymorphkernige Granulozyten (Referenzwert <50%) und mononukleäre Zellen. Die Zellzahl ist ein wichtiger Parameter in der Stufendiagnostik des Liquors.
Liquorproteindiagnostik
Die Liquorproteindiagnostik (Bestimmung der Eiweiße im Nervenwasser) ist ein wichtiger Bestandteil der Liquoranalyse. Sie umfasst die Bestimmung des Gesamtproteins, des Albumins und der Immunglobuline (IgG, IgA, IgM). Die Quotientenbildung für Albumin (QAlb) und Immunglobuline (QIgG, QIgA, QIgM) normiert die von den jeweiligen Serumkonzentrationen abhängige Diffusion dieser Proteine in den Liquor und macht die gemessenen Liquorkonzentrationen unabhängig von den individuell variablen Serumkonzentrationen.
Interpretation der Liquorbefunde
Die Interpretation der Liquorbefunde erfordert eine sorgfältige Abwägung aller Parameter im Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik des Patienten. Es ist wichtig zu beachten, dass unspezifische Liquorveränderungen, wie z.B. eine Laktaterhöhung, bei älteren Menschen häufiger vorkommen und nicht unbedingt auf eine Erkrankung hindeuten müssen. Erhöhte Leukozyten- und Erythrozytenzahlen sind jedoch auch im Alter immer pathologisch.
Liquor bei speziellen Erkrankungen
- Multiple Sklerose (MS): Bei der MS findet sich typischerweise eine leichte Zellzahlerhöhung mit lymphozytärer Pleozytose und eine intrathekale IgG-Synthese, die im Quotientendiagramm oder durch oligoklonale Banden (OKB) nachgewiesen werden kann.
- Autoimmunenzephalitis: Bei Autoimmunenzephalitiden liegt häufig eine lymphozytäre Zellzahlerhöhung, eine Störung der Blut-Liquor-Schranke und eine intrathekale IgG-Synthese vor. Die Diagnose wird durch den Nachweis antineuronaler Antikörper in Serum und Liquor gesichert.
- Bakterielle Meningitis: Die bakterielle Meningitis ist durch eine stark erhöhte Zellzahl (meist > 1.000 Zellen/µl) mit dominant granulozytärem Zellbild, eine Laktaterhöhung und eine erniedrigte Glukosekonzentration im Liquor gekennzeichnet.
- Virale Meningitis: Bei der viralen Meningitis ist die Zellzahl meist weniger stark erhöht als bei der bakteriellen Meningitis, und das Zellbild ist eher mononukleär. Die Laktatwerte sind oft normal.
- Normaldruckhydrozephalus (NPH): Bei älteren Menschen mit Gangstörungen, kognitiven Defiziten und Blasenstörungen sollte ein Normaldruckhydrozephalus (NPH) in Betracht gezogen werden. Typisch für den NPH ist eine Ventrikelvergrößerung im zerebralen CT oder MRT. Ein diagnostischer Hinweis ist die Besserung der Symptomatik nach Ablassen von Liquor (Spinal Tap).
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