Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die von wiederkehrenden, starken Kopfschmerzen begleitet wird und oft mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit einhergeht. Die Behandlung von Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie zur Linderung der Symptome während einer Attacke als auch die Prophylaxe zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität der Attacken. Escitalopram, ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), wird hauptsächlich zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen eingesetzt. Obwohl es nicht als primäres Mittel zur Migräneprophylaxe gilt, gibt es Hinweise darauf, dass es in bestimmten Fällen hilfreich sein kann.
Akuttherapie und Prophylaxe von Migräne
Leichte Migräneattacken können in der Regel mit rezeptfreien oder verschreibungspflichtigen Analgetika und Antiemetika behandelt werden. Bei mittelschweren bis schweren Attacken kommen spezifische Migränemittel wie Triptane (z.B. Sumatriptan) oder Ergotamintartrat in Kombination mit Antiemetika zum Einsatz.
Eine Migräneprophylaxe ist indiziert, wenn Patienten unter häufigen Attacken (mindestens drei pro Monat) leiden, die auf die Akuttherapie nicht ausreichend ansprechen oder mit unerträglichen Nebenwirkungen verbunden sind. Zu den Substanzen mit nachgewiesener Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe gehören Betablocker (z.B. Metoprolol, Propranolol) und Flunarizin. Andere Substanzen, die möglicherweise eine Wirkung zeigen, sind Serotonin-Antagonisten (z.B. Pizotifen, Methysergid, Lisurid), Dihydroergotamin, Cyclandelat, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Acetylsalicylsäure und Valproinsäure.
Die Rolle von Serotonin bei Migräne
Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der eine Vielzahl von Funktionen im Gehirn und Körper reguliert, darunter die Stimmung, den Schlaf, den Appetit und die Schmerzwahrnehmung. Es spielt auch eine Rolle bei der Regulation der Blutgefäßweite und der Herzfrequenz. Bei Migräneattacken kann es zu Veränderungen der Serotoninkonzentration im Gehirn kommen, was zu den typischen Symptomen der Migräne beitragen kann.
SSRI wie Escitalopram erhöhen die Verfügbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin in die präsynaptischen Neuronen hemmen. Dies führt zu einer verstärkten serotonergen Neurotransmission, was stimmungsaufhellende und angstlösende Effekte haben kann. Obwohl SSRI nicht primär zur Migränebehandlung entwickelt wurden, könnten sie aufgrund ihrer Wirkung auf den Serotoninhaushalt potenziell bei der Migräneprophylaxe hilfreich sein.
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Escitalopram: Wirkmechanismus und Pharmakokinetik
Escitalopram ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), der zur Behandlung von Depressionen, Angst-, Panik- und Zwangsstörungen eingesetzt wird. Der Wirkmechanismus basiert auf der Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme in die präsynaptischen Neuronen des Gehirns. Durch die Blockade des Serotonin-Transporters erhöht Escitalopram die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt, was zu einer verstärkten serotonergen Neurotransmission führt.
Escitalopram wird nach oraler Einnahme nahezu vollständig und unabhängig von der Nahrungsaufnahme resorbiert. Die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Plasmakonzentration beträgt nach Mehrfachgabe etwa 4 Stunden. Das scheinbare Verteilungsvolumen beträgt etwa 12 bis 26 l/kg.
Die Verstoffwechslung von Escitalopram erfolgt in der Leber zu demethylierten und didemethylierten Metaboliten, die beide pharmakologisch aktiv sind. Die Demethylierung wird hauptsächlich über CYP2C19 vermittelt. Sowohl die Muttersubstanz als auch die Metaboliten werden zum Teil als Glucuronide eliminiert. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt nach Mehrfachgabe ca. 30 Stunden, die orale Plasmaclearance etwa 0,6 l/min.
Studienlage zur Wirksamkeit von Antidepressiva bei Migräne
Eine Metaanalyse von Dr. Xu und Prof. untersuchte die Wirksamkeit von Antidepressiva bei der Migräneprophylaxe. Die Analyse umfasste 16 Studien mit insgesamt 1082 Teilnehmern, in denen Antidepressiva mit Placebo verglichen wurden. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Antidepressiva Vorteile gegenüber Placebo bei der Reduktion der Migräneanfälle haben könnten. Patienten, die Antidepressiva erhielten, hatten mit größerer Wahrscheinlichkeit mindestens 50 % weniger Kopfschmerzen als Patienten unter Placebo (28,9 % versus 20,2 %). Allerdings war dieser Effekt nicht klar von einem zufälligen Ergebnis zu unterscheiden.
Die Datenlage deutet darauf hin, dass Migränepatienten möglicherweise von einer Behandlung mit Antidepressiva profitieren könnten und eventuell eine Verringerung der Migränehäufigkeit erreichbar wäre. Jedoch waren die Ergebnisse, außer bei Amitriptylin (einem Wiederaufnahmehemmer für Serotonin und Noradrenalin), nicht eindeutig.
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Eine weitere Metaanalyse von Jackson JL et al. untersuchte den Einsatz von trizyklischen Antidepressiva (TZA) bei Kopfschmerzen. Die Analyse umfasste 37 Studien mit insgesamt 3176 Patienten mit Migräne oder chronischem Spannungskopfschmerz. Die Ergebnisse zeigten, dass die Häufigkeit von Migräneattacken und die Anzahl der Tage mit Spannungskopfschmerzen unter TZA-Therapie um 30 % niedriger waren als unter Placebo. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Behandlung die Intensität der Kopfschmerzen um mindestens 50 % verringert, war unter TZA höher als unter Placebo (41 % bei chronischem Spannungskopfschmerz, 80 % bei Migräne). TZA waren auch signifikant besser wirksam als selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Allerdings hatten TZA mehr Nebenwirkungen als Placebo, wie z.B. Mundtrockenheit, Benommenheit und Gewichtszunahme.
Anwendung von Escitalopram
Die empfohlene Anfangsdosis von Escitalopram bei der Behandlung der Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie beträgt in der ersten Behandlungswoche 5 mg. Bis zum Ansprechen auf die Behandlung sind in der Regel 2 bis 4 Wochen erforderlich.
Es ist wichtig zu beachten, dass Escitalopram nicht für jeden Migränepatienten geeignet ist und die Entscheidung für eine Behandlung mit Escitalopram sollte immer in Absprache mit einem Arzt getroffen werden.
Gegenanzeigen und Warnhinweise
Escitalopram darf nicht eingenommen werden bei:
- Allergie gegen Escitalopram oder einen der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels
- Einnahme von Monoaminoxidase-Hemmern (MAO-Hemmer) wie Selegilin, Moclobemid oder Linezolid
- Angeborenen Herzrhythmusstörungen oder Episoden von Herzrhythmusstörungen in der Vergangenheit
- Einnahme von Arzneimitteln zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen oder Arzneimitteln, die den Herzrhythmus beeinflussen können
Besondere Vorsicht ist geboten bei:
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- Epilepsie
- Eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion
- Diabetes
- Erniedrigter Natrium-Konzentration im Blut
- Erhöhter Neigung zu Blutungen oder Blutergüssen
- Elektrokrampftherapie
- Koronarer Herzerkrankung
- Störungen der Herzfunktion oder kürzlich erlittenem Herzinfarkt
- Niedrigem Ruhepuls
- Salzverlust infolge von Durchfall, Erbrechen oder Einnahme von Diuretika
- Schnellem oder unregelmäßigem Herzschlag, Ohnmacht, Kollaps oder Schwindelgefühl beim Aufstehen
- Problemen mit den Augen wie Glaukom
Einige Patienten mit manisch-depressiver Erkrankung können in eine manische Phase geraten. Symptome wie Ruhelosigkeit oder Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen oder zu stehen, können ebenfalls während der ersten Wochen der Behandlung auftreten.
Arzneimittel wie Escitalopram können Symptome einer sexuellen Funktionsstörung verursachen. Suizidgedanken können insbesondere zu Beginn der Behandlung verstärkt auftreten.
Escitalopram sollte normalerweise nicht bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren angewendet werden.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Escitalopram kann Wechselwirkungen mit einer Vielzahl von anderen Arzneimitteln eingehen, darunter:
- Nicht-selektive MAO-Hemmer (z.B. Phenelzin, Iproniazid, Isocarboxazid, Nialamid, Tranylcypromin)
- Reversible, selektive MAO-A-Hemmer (z.B. Moclobemid)
- Irreversible MAO-B-Hemmer (z.B. Selegilin)
- Linezolid
- Lithium und Tryptophan
- Imipramin und Desipramin
- Sumatriptan und ähnliche Arzneimittel
- Tramadol und ähnliche Arzneimittel
- Cimetidin, Lansoprazol, Omeprazol und Esomeprazol
- Fluconazol
- Fluvoxamin
- Ticlopidin
- Johanniskraut
- Acetylsalicylsäure und nichtsteroidale Entzündungshemmer
- Warfarin, Dipyridamol und Phenprocoumon
- Mefloquin
- Bupropion
- Neuroleptika
- Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva und SSRIs)
- Flecainid, Propafenon und Metoprolol
- Desipramin, Clomipramin und Nortriptylin
- Risperidon, Thioridazin und Haloperidol
- Arzneimittel, die den Kalium- oder Magnesiumblutspiegel senken
- Arzneimittel zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen oder Arzneimittel, die den Herzrhythmus beeinflussen können (z.B. Antiarrhythmika der Klasse IA und III, Antipsychotika, trizyklische Antidepressiva, bestimmte antimikrobielle Mittel, bestimmte Antihistaminika)
Schwangerschaft und Stillzeit
Escitalopram sollte während der Schwangerschaft und Stillzeit nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt eingenommen werden. Wenn Escitalopram während der letzten drei Monate der Schwangerschaft eingenommen wird, kann das Neugeborene Symptome wie Atemprobleme, bläuliche Haut, Krampfanfälle, Schwankungen der Körpertemperatur, Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, Erbrechen, niedriger Blutzuckerspiegel, steife oder schlaffe Muskulatur, lebhafte Reflexe, Zittern, Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit, anhaltendes Weinen, Schläfrigkeit und Schlafschwierigkeiten zeigen. Arzneimittel wie Escitalopram können, wenn sie während der Schwangerschaft, insbesondere in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft, eingenommen werden, das Risiko für eine persistierende pulmonale Hypertonie des Neugeborenen (PPHN) erhöhen. Es ist davon auszugehen, dass Escitalopram in die Muttermilch übergeht.
Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit und Bedienung von Maschinen
Obwohl für Escitalopram keine Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen und der psychomotorischen Leistungsfähigkeit nachgewiesen werden konnte, kann jedes Psychopharmakon die Urteilskraft und Geschicklichkeit beeinträchtigen. Patienten sollten kein Fahrzeug führen und keine Maschinen bedienen, bis sie wissen, wie sie auf Escitalopram reagieren.
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