Ob im Profisport oder unter Gesundheits-Influencern, Essiggurkenwasser gilt als beliebtes Hausmittel gegen Muskelkrämpfe. Sogar Tennisprofis greifen bei Turnieren zu diesem Getränk. Es wird angenommen, dass der Saft den Körper nach einem harten Training oder bei akuten Krämpfen schnell mit Flüssigkeit und Elektrolyten versorgt. Aber was ist dran an diesen Annahmen? Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse und gibt praktische Tipps zur Vorbeugung und Behandlung von Muskelkrämpfen.
Was ist Gurkenwasser und warum wird es gegen Krämpfe eingesetzt?
Gurkenwasser ist der Sud, in dem saure Gurken eingelegt sind. Es ist eine Mischung aus Essig, Zucker, Salz und Gewürzen. Gewürzgurkenwasser enthält vor allem Wasser und geringe Mengen Elektrolyte wie Natrium, Kalium, Magnesium und Kalzium. Elektrolyte sind bestimmte, in Wasser gelöste Mineralsalze, die dafür sorgen, dass Organe und Gewebe richtig zusammenarbeiten. Durch übermäßiges Schwitzen, beispielsweise beim Sport, verliert der Körper Elektrolyte, was zu Muskelkrämpfen führen kann. Die Vermutung liegt nahe, dass Gurkenwasser diesen Verlust ausgleicht und Krämpfe lindert.
Die Wissenschaft hinter Gurkenwasser und Muskelkrämpfen
Die Forschung zu Gurkenwasser ist noch jung und liefert unterschiedliche Ergebnisse. Einige Studien deuten auf eine positive Wirkung bei Muskelkrämpfen hin, während für andere Annahmen wissenschaftliche Belege fehlen.
Studienlage: Was sagt die Forschung?
Eine Studie untersuchte die Wirkung von Gurkenwasser bei elektrisch ausgelösten Muskelkrämpfen an Männern mit leichtem Flüssigkeitsmangel. Die Teilnehmer trainierten 30 Minuten auf einem Fahrradergometer. Im Anschluss lösten die Forschenden einen Muskelkrampf bei ihnen aus. Die Männer tranken drei bis fünf Sekunden nachdem der Krampf einsetzte eine kleine Menge Gurkenwasser (ein Milliliter Gurkenwasser pro Kilogramm Körpergewicht). Das Ergebnis: Der Gurkensaft verkürzte die Dauer der Krämpfe um fast die Hälfte.
Eine weitere Studie konzentrierte sich auf Patientinnen und Patienten mit Leberzirrhose, die oft unter Muskelkrämpfen leiden. Auch hier zeigte sich, dass kleine Schlucke Gurkenwasser die Krämpfe deutlich abschwächten.
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Im Kontrast dazu steht eine Untersuchung mit körperlich aktiven Erwachsenen. Hier zeigte Gurkenwasser im Vergleich zu Leitungswasser keinen nennenswerten Unterschied hinsichtlich der Krampfdauer oder dem Schmerzempfinden. Die Studie konnte die positiven Effekte der anderen beiden Studien nicht bestätigen.
Reflex statt Rehydration: Der Wirkmechanismus
Die Forschenden führen den krampflösenden Effekt von Gurkenwasser jedoch nicht darauf zurück, dass der Flüssigkeitshaushalt wiederhergestellt oder Elektrolyte aufgenommen wurden. Sie vermuten, dass Gurkenwasser einen Reflex im Mund- und Rachenraum auslöst. Dieser Reflex hemmt die Nervenzellen, die den Muskelkrampf auslösen. Welcher Inhaltsstoff genau dafür verantwortlich ist, bleibt unklar. Die Forschenden nennen Essigsäure als möglichen Auslöser.
Weitere angebliche Vorteile von Gurkenwasser
Fitnessportale schreiben dem Gurkenwasser weitere gesundheitliche Vorteile zu. Es soll zum Beispiel den Blutzucker regulieren oder Magen- und Menstruationsbeschwerden lindern. Die Flüssigkeit soll auch beim Abnehmen helfen, weil sie die Verdauung verbessere und den Appetit lindere. Allerdings gibt es für diese Annahmen kaum wissenschaftliche Belege.
Anwendung von Gurkenwasser
Gurkenwasser ist somit kein Allheilmittel gegen Muskelkrämpfe. Es kann aber in bestimmten Fällen nützlich sein, etwa bei leichtem Flüssigkeitsmangel oder Krämpfen infolge einer Leberzirrhose. Man sollte es selten und in kleinen Mengen (weniger als 100 Milliliter) zu sich nehmen. Für gesunde, sportlich aktive Erwachsene gibt es jedoch keine eindeutigen Belege für eine Wirkung von Essiggurkenwasser.
Gurkenwasser im Sport
Einige Sportler schwören auf Gurkenwasser als Mittel gegen Muskelkrämpfe. Bei der Fußball-Europameisterschaft der Männer machten einige Spieler Schlagzeilen, weil sie Pickle Juice gegen Muskelkrämpfe tranken. In den USA gibt es Essiggurkenwasser schon lange separat zu kaufen, dort wird es als Sportgetränk vermarktet.
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Gurkenwasser in der Küche
Nachhaltig ist es allemal, Essiggurkenwasser wiederzuverwerten. Süße und Säure sind ausbalanciert, mit dem vollmundigen Sud kann man Dressings, aber auch Kartoffel- oder Eiersalat würzen. Oder man legt darin selbst Gemüse wie Gurken, Karotten oder Radieschen ein. Der Wiener Sternekoch Paul Ivić verrät, dass er mit Essiggurkensud zum Beispiel seine vegetarische Stroganoff-Soße würzt. Die Kartoffel-Experten von Caspar Plautz machen Grüne Soße mit Essiggurkenwasser, und Stevan Paul gibt es zum Paprika-Gewürzgurken-Relish zur Backkartoffel. Aktuell wandert das Essiggurkenwasser vor allem in Drinks wie Margarita und Martini. Die New York Times teilte ein Rezept für Pickle-Lemonade, eine selbstgemachte Zitronenlimonade mit Essiggurkenwasser, die dem Ganzen in der Tat eine schöne Geschmackstiefe verleiht.
Alternativen und ergänzende Maßnahmen bei Muskelkrämpfen
Neben Gurkenwasser gibt es noch weitere Maßnahmen, die bei Muskelkrämpfen helfen können:
- Dehnen: Dehnübungen sind eine effektive Erste-Hilfe-Maßnahme gegen akute Muskelkrämpfe. Ziehen Sie dazu die Zehen in Richtung Schienbein und halten Sie die Position für einige Sekunden. Auch das Ausschütteln der Beine und vorsichtiges Gehen können den Krampf lindern.
- Wärme: Eine Wärmflasche auf der betroffenen Stelle entspannt die Muskulatur.
- Magnesium: Eine ausreichende Versorgung mit Magnesium galt lange Zeit als Mittel der Wahl bei Muskelkrämpfen - sowohl prophylaktisch als auch therapeutisch. Allerdings ist die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Magnesium bei Muskelkrämpfen nicht eindeutig.
- Elektrolyte: Eine ausgewogene Zufuhr von Elektrolyten ist entscheidend für die Funktion unserer Muskeln. Neben Kalium, das in Bananen reichlich vorhanden ist, spielen auch Natrium, Magnesium und Kalzium eine wesentliche Rolle bei der Vorbeugung von Muskelkrämpfen. Eine Ernährung, die reich an diesen Elektrolyten ist, kann helfen, das Risiko von Muskelkrämpfen zu minimieren.
- Hydratation: Ausreichende Hydratation ist für die allgemeine Gesundheit und insbesondere für die Muskelgesundheit unerlässlich. Dehydration ist ein bekannter Auslöser für Muskelkrämpfe, da ein Mangel an Flüssigkeit das Elektrolytgleichgewicht im Körper stören kann. Es ist wichtig, regelmäßig Wasser zu trinken, insbesondere vor, während und nach dem Training.
- Faszienrolle: Regelmäßige Übungen mit einer Faszienrolle können dafür sorgen, dass das Bindegewebe an Wade, Ober- und Unterschenkel nicht verklebt, verdickt und verdreht.
Ursachen von Muskelkrämpfen
Die Gründe eines Muskelkrampfs sind bis heute nicht genau erforscht. Mitbeteiligt sind mechanische Überlastung durch zu hohe Intensität, zu lange Belastungsdauer, ungewohnte Sportarten oder Ursachen wie Hitze, Kälte, Flüssigkeits- und/oder Elektrolytmangel oder zu geringe Energiezufuhr. Wadenkrämpfe sind übrigens kein muskuläres Problem, sondern ein neurologisches, es betrifft also unsere Nerven und die Reizleitung. Vereinfacht gesagt sorgen verschiedene Einflüsse - wie zum Beispiel Alkohol, aber auch Vitamin B-Mangel oder Mineralstoffmangel - dafür, dass unser Elektrolyt-Haushalt durcheinander kommt.
Risikofaktoren
- Alter: Am häufigsten betroffen sind ältere Menschen. Mit steigendem Alter lässt die reibungslose Nervenfunktion nach und der Muskel empfängt falsche Signale. Zudem trinken ältere Menschen oft wenig. Dann fehlen ihnen neben Flüssigkeit auch Elektrolyte und Mineralstoffe.
- Alkohol: Wer regelmäßig Alkohol trinkt, hat häufiger unter solchen nächtlichen Wadenkrämpfen zu leiden.
- Medikamente: Medikamente wie Betablocker oder Arzneien im Rahmen einer Chemotherapie können ebenfalls Muskelkrämpfe begünstigen.
- Erkrankungen: Muskelkrämpfe können auch als Begleiterscheinung neurologischer Erkrankungen auftreten, wenn etwa Diabetes mellitus erste Nervenschäden verursacht hat. Aber auch dann, wenn Rauchen die Durchblutung negativ beeinflusst.
Was tun bei nächtlichen Wadenkrämpfen?
Nächtliche Wadenkrämpfe sind unglaublich weit verbreitet, doch sind die Ursachen bislang weitgehend ungeklärt. Wissenschaftler sehen die Gründe darin, dass im wachen Zustand bei jedem Muskelzucken im Körper automatisch eine Dehnung erfolgt. Nachts hingegen trifft ein Wadenkrampf den Körper unvorbereitet. Betroffene erwachen meist erst dann, wenn der Muskel schon komplett verhärtet ist und die Schmerzen bereits auf dem Höhepunkt.
Erste Hilfe bei nächtlichen Wadenkrämpfen
- Dehnen: Greifen Sie mit der Hand an die Zehen des betroffenen Fußes, der betroffenen Wade. Ziehen Sie den Fuß vorsichtig und langsam zu sich. Halten Sie die Spannung für 20 bis 30 Sekunden an. Lassen Sie dann den Fuß wieder langsam los. Die Übung sollte mehrmals hintereinander wiederholt werden.
- Wadenwickel: Bringt das Dehnen keine Abhilfe, dann kann ein Wadenwickel helfen (Handtuch in heißes Wasser tränken). Vorsicht: Wer Krampfadern hat, sollte nur warmes Wasser für den Wickel verwenden.
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