Die faszinierende Welt des menschlichen Gehirns ist Gegenstand intensiver Forschung, die uns immer wieder vor Augen führt, wie komplex und verletzlich dieses Organ ist. Während die Neurowissenschaften ständig neue Erkenntnisse darüber gewinnen, wie unser Gehirn funktioniert, lernen wir auch, welche Faktoren seine Gesundheit beeinträchtigen können. Dieser Artikel beleuchtet einige wissenschaftlich fundierte Fakten, die aufzeigen, wie bestimmte Aspekte unseres modernen Lebensstils und unserer Umwelt unser Gehirn negativ beeinflussen können.
Die Amygdala und das Furchtgedächtnis
Die Forschung von Joseph LeDoux hat gezeigt, dass die Amygdala, auch Mandelkern genannt, eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Furchtgedächtnisses spielt. Je stärker die Amygdala aktiviert wird, desto lebendiger ist die Erinnerung an ein unangenehmes Erlebnis. LeDoux fand heraus, dass die Amygdala bereits auf ein gelerntes Warnsignal reagiert, noch bevor dieses Signal in der Hirnrinde vollständig verarbeitet wird und ins Bewusstsein dringt. Mit anderen Worten: Wir bekommen Angst, noch bevor wir überhaupt begreifen, was passiert.
LeDoux unterscheidet zwischen emotionalen oder impliziten Erinnerungen, die in der Amygdala gespeichert werden und uns unbewusst einholen können, und bewussten, expliziten Erinnerungen, die vor allem im Hippocampus im sogenannten deklarativen Gedächtnis gespeichert werden.
LeDoux' Forschung zur Rekonsolidierung von Erinnerungen zeigte, dass Erinnerungen jedes Mal, wenn sie abgerufen werden, erneut abgespeichert werden und dass dieser Prozess genutzt werden kann, um bereits abgespeicherte Langzeiterinnerungen zu verändern oder sogar verschwinden zu lassen.
Das Rätsel des Bewusstseins
Die Bewusstseinsforschung arbeitet daran, das Geheimnis zu lüften, woher wir wissen, dass wir sind. Warum erleben wir uns selbst als denkende, fühlende Wesen - und nicht als biologische Automaten, die einfach nur funktionieren?
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Zwei prominente Theorien stehen hier im Wettbewerb:
- GNWT (Global Workspace Theory): Diese Theorie, vertreten von Stanislas Dehaene und Bernard Baars, vergleicht das Gehirn mit einem Theater. Nur was auf der Bühne erscheint, wird bewusst wahrgenommen. Zentral ist hier der präfrontale Kortex, der vordere Teil unseres Gehirns. Wenn dieser feuert, soll laut Theorie das Bewusstsein entstehen.
- IIT (Integrated Information Theory): Diese Theorie, entwickelt von Giulio Tononi, besagt, dass Bewusstsein entsteht, wenn ein System eine bestimmte Menge an integrierter Information enthält. Je komplexer das Muster, je höher das Maß an sogenannter integrierter Information, desto bewusster das System - egal ob Mensch, Tier oder sogar Maschine.
Eine Studie, die beide Theorien testete, verdeutlichte, dass beide wichtige Impulse liefern, aber keine abschließende Erklärung bieten.
Gesundheitsschädliche Alltagsgewohnheiten
Scheinbar nebensächliche Tätigkeiten können unser Gehirn im Alltag schwer belasten. Drei Angewohnheiten, die jede*r von uns mehr oder weniger bewusst im Alltag macht, können das Gehirn schädigen:
- Handynutzung vor dem Schlafengehen: Nach einem stressigen Tag abends im Bett noch ein paar Reels auf Social Media gucken? Was in der Theorie nach Entspannung klingt, ist für unser Gehirn genau das Gegenteil. Helles Licht vor dem Zubettgehen mindert die Produktion des Schlafhormons Melatonin und dessen Haltbarkeit im Körper. Das Licht des Handydisplays sorgt dafür, dass unser Gehirn im Wachzustand, der Körper aber vom Tag erschöpft ist. In der Folge schlafen wir schlechter ein und dann weniger erholsam, weil wir schneller wieder aufwachen.
- Zu viel Zucker: Zucker verleiht dem Körper kurzfristig zwar einen Energieschub, danach aber ein Leistungstief. Durch den Zucker schüttet der Körper Insulin aus, was zur Bildung des Glückshormons Dopamin führt. Danach steuert der Körper gegen und der Blutzuckerspiegel sinkt unter das Normalniveau. Zucker bringt dem menschlichen Gehirn auch bei, immer mehr Zucker zu wollen. Forschende haben nachgewiesen, dass zucker- und fetthaltige Lebensmittel die Teile des Gehirns aktivieren, die für Motivation und Belohnung zuständig sind. So werde das Gehirn "neu verdrahtet".
- Zu wenig Bewegung: Sport verbessert die Durchblutung im Gehirn. Es wird stärker mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Vor allem in der Großhirnrinde, im Kleinhirn und im Hippocampus, der Gedächtniszentrale des Gehirns, entstehen so schneller und mehr Verknüpfungen zwischen den Neuronen im Gehirn. Das steigert die Gedächtnisleistung. Zusätzlich sorgt Sport für eine unterschiedliche Beanspruchung verschiedener Teile des Gehirns. Während des Sports pausiert der präfrontale Kortex, der für logisches Denken und Planen zuständig ist, während der motorische Kortex, die Steuerzentrale für Bewegungen und Koordination, übernimmt.
Warum zerstören wir Menschen wissentlich unsere Lebensgrundlage?
Die Menschheit zerstört das, was sie erhält, immer weiter, obwohl diese Zusammenhänge ihr - und den von ihr gewählten Politikern - seit Jahrzehnten bekannt sind.
Der französische Neurobiologe Sébastien Bohler erklärt dies mit fünf grundlegenden Zielen, die unser Gehirn programmiert ist zu verfolgen: essen, sich fortpflanzen, Macht gewinnen, dabei möglichst wenig Energie aufwenden und so viele Informationen über die Umwelt wie möglich sammeln. Diese Mechanismen sind verbunden mit der Ausschüttung von Dopamin im Striatum.
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Das Problem ist nun: Dank hoch entwickelter Technologien sei die Großhirnrinde heute in der Lage, dem Striatum fast alles zu bieten, was es will. "Und das Striatum zögert nicht lange; es kann sich selbst keine Grenzen setzen."
Die Tücken der Hirnbilder
Hirnbilder machen Schlagzeilen, aber es ist wichtig zu verstehen, wie sie entstehen und was sie wirklich aussagen.
Ein Magnet-Resonanz-Tomograph (MRT) misst indirekt die Nervenaktivität, indem er die Hirndurchblutung erfasst. Die Aktivität wird in Voxel dargestellt, kleinen Einheiten des dreidimensionalen Bildes. Entscheidend sind subtile Veränderungen in den Grauwerten, die gerade einmal wenige Prozent der Grundaktivität des Gehirns ausmachen.
Die bunten Farben in den Bildern entstehen erst, wenn die Forscher die Veränderung in der Hirnaktivität bei bestimmten Denkaufgaben hervorheben wollen. Diese Bilder wirken objektiv, weil sie den Herstellungsvorgang unsichtbar machen.
Es ist wichtig, die Ergebnisse der Hirnforschung kritisch zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, dass die enge Welt des Experiments und das weite Feld der darauf gestützten Aussagen oft nicht recht zusammenpassen.
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Vergessen als notwendiger Prozess
Unser Gehirn ist kein Computer mit begrenztem Speicherplatz. Es besteht aus ca. 86 Milliarden Nervenzellen, jede davon ist über ca. 10.000 Synapsen mit anderen Nervenzellen verbunden. Aber um Entscheidungen zu treffen, müssen wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können. Das können wir nur, weil wir uns nicht jedes Detail merken, sondern lediglich die für uns wichtigen Informationen.
Forscher haben herausgefunden, dass Vergessen ein aktiver Prozess ist, bei dem bestimmte Rezeptoren an Nervenzellen entfernt werden, weshalb sich die Verbindungen zwischen diesen Zellen auflösen.
Instagram und die "Verrohung" des Gehirns
Im Durchschnitt schauen wir 85- bis 101-mal pro Tag auf unsere Smartphones. Die Nutzung sozialer Netzwerke kann die gleiche Auswirkung auf unser Gehirn haben wie „altersbedingte kognitive Einbußen“.
Neurologen warnen davor, dass übermäßiger Gebrauch dieser Technologie die Funktionsweise unseres Gehirns verändern kann. Dies kann nicht nur unsere mentale Gesundheit, sondern auch unser Verhalten ernsthaft beeinträchtigen.
Likes, Follower und Co. erhöhen den Dopaminspiegel, halten uns aber auch in unserer Sucht gefangen. Eine Studie ergab, dass die Nutzung sozialer Netzwerke die gleiche Auswirkung auf unser Gehirn haben kann wie „altersbedingte kognitive Einbußen“.
Beim Scrollen durch Instagram wechseln wir oft zwischen verschiedenen Apps und Bildschirmen. Dies führt zu einem psychologischen Phänomen: Informationsüberflutung. Zu viele Informationen werden buchstäblich als Bedrohung wahrgenommen und wir versuchen ihnen auszuweichen. Die Ironie ist, dass durch zu viele Informationen gar keine Informationen mehr in unser Gehirn gelangen.
Social Media wurden geschaffen, um bestehende menschliche Bedürfnisse wie Eitelkeit, soziale Interaktion und gesellschaftliche Anerkennung zu erfüllen. Der psychologische Fachbegriff für den Vergleich mit jemandem, den man für überlegen hält, ist Aufwärtsvergleich. Genau diese negative Zuspitzung schadet unserer psychischen Gesundheit.
Pornokonsum und die Hirnstruktur
Übermäßiger Pornokonsum über einen langen Zeitraum verändert die Hirnstruktur. Forschende konnten mittels MRT nachweisen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Pornokonsums und der Größe des Striatums gibt. Je mehr Pornos konsumiert wurden, um so kleiner war die Region. Auch die Belohnungsaktivität des Gehirns ist bei Menschen, die oft Pornografie betrachten, geringer. Das Gehirn braucht also immer stärkere Reize, um Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Endorphine auszuschütten.
Die sinkende Aufmerksamkeitsspanne
Die Konzentrationsfähigkeit hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Während Unternehmen wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, um unsere Aufmerksamkeit und Konzentration an ihren Produkten zu halten, ist es wichtig, sich dieser Mechanismen bewusst zu sein und Strategien zu entwickeln, um unsere Aufmerksamkeit bewusst zu steuern.