Die Popularität des Fußballs birgt neben Freude und sportlichem Erfolg auch Risiken, insbesondere im Hinblick auf Kopfverletzungen. Gehirnerschütterungen, oft als leichtes Schädel-Hirn-Trauma (SHT) abgetan, können langfristige gesundheitliche Konsequenzen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Thematik der Gehirnerschütterungen im Fußball, ihre potenziellen Langzeitfolgen, Risikogruppen und Präventionsstrategien.
Kopfverletzungen im Fußball: Eine häufige Verletzungsart
Kopfverletzungen stellen in Kontakt- und Kollisionssportarten wie Fußball, Boxen oder Eishockey eine häufige Verletzungsart dar. Laut dem VBG Sport-Report der Unfallversicherung machen sie in den Profiligen 6 bis 17 Prozent der Verletzungsstatistik aus. Meist handelt es sich um ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma wie Schädelprellung und Gehirnerschütterung.
Der Mechanismus der Gehirnerschütterung
Durch einen äußeren linearen Anprall am Schädel können intrakraniell rotatorisch wirkende Kräfte entstehen, die zu einem multifokalen diffusen axonalen Schaden in der weißen Hirnsubstanz führen können. Die typischen Symptome einer Gehirnerschütterung sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Verwirrtheit und Erinnerungslücken. Eine Standard-MRT-Bildgebung des Gehirns zeigt definitionsgemäß keine strukturellen Auffälligkeiten.
Diagnose und Bewertung
Zur Diagnose und Bewertung von Gehirnerschütterungen im Sport werden standardisierte Instrumente wie das SCAT 5 (Sport Concussion Assessment Tool) eingesetzt.
Chronisch Traumatische Enzephalopathie (CTE): Eine mögliche Langzeitfolge
In den 1970er-Jahren entstand das Konzept der chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE). Ab 2002 wurde dieses Konzept durch die Autopsiebefunde des Neuropathologen Bennet Omalu gestützt. Omalu fand an Gehirnen verstorbener American-Football-Profis schwere Hirnschädigungen mit Tau-Proteinablagerungen und kortikaler und subkortikaler Atrophie entlang der durch die rezidivierenden Traumen geschädigten Nervenbahnen.
Lesen Sie auch: Ursachen und Symptome der CJK
Symptome und Auswirkungen von CTE
Die Football-Profis hatten Aggressivität, Desorientierung, Depressivität bis Suizidalität, Bewegungsstörungen wie Parkinson und eine Demenz entwickelt. Der Spielfilm „Concussion, erschütternde Wahrheit“ (2015) lenkte die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit auf das Problem der Kopfverletzungen bei Sportlern.
Schädel-Hirn-Trauma als Risikofaktor für Alzheimer
SHT stellen einen eigenen Risikofaktor für das Auftreten einer Alzheimer-Demenz dar. Abhängig von Schweregrad und Häufigkeit von SHT, der individuellen Vulnerabilität und bei Männern häufiger als bei Frauen, kommt es über eine Verringerung der kognitiven Reserve zur Ablagerung von Beta-Amyloid und Tau-Proteinen mit Neurodegeneration.
Weitere neurologische Folgen von Sportverletzungen
Neben CTE und einem erhöhten Alzheimer-Risiko können Sportverletzungen weitere neurologische Folgen haben:
- Dystone Bewegungsstörungen: Unwillkürliche Bewegungen der Hand (Yips) oder Fußbewegungen bei Läufern sind zentrale dystone Bewegungsstörungen unklarer Ätiologie, die zum Ende von Sportlerkarrieren geführt haben.
- Nervenschäden: Akute Sportverletzungen können zu Nervenkompressionen und Nerventraktionen führen. Chronische Nervenschäden entstehen meist durch hochfrequente repetitive Bewegungen als Folge des spezialisierten Trainings oder durch Muskelhypertrophie als sogenannte Überlastungsschäden und Engpass-Syndrome.
- Diagnostik: Mit der Elektromyoneurographie (EMG/NLG) kann zwischen einer demyelinisierenden und einer axonalen Schädigung unterschieden werden.
Aktuelle Forschungsergebnisse zu Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen
Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2025 (Neurology, DOI: 10.1212/WNL.0000000000213513) zeigte, dass selbst ein Jahr nach einer Gehirnerschütterung bei Sportlern Anzeichen von strukturellen und funktionellen zerebralen Veränderungen persistieren können. So sank etwa der Blutfluss im frontoinsularen Kortex, was noch über ein Jahr nach dem Vorfall messbar war.
Die Bedeutung der Erholung
Nathan Churchill betonte, dass eine Gehirnerschütterung langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit des Gehirns haben kann und die Erholung des Gehirns Monate bis Jahre dauern kann, selbst nachdem Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Gleichgewichtsprobleme verschwunden sind.
Lesen Sie auch: Laura Papendick: Mehr als nur eine Moderatorin
Kopfbälle im Fußball: Risiko und Prävention
Auch im Fußball werden Gefahren für Kopf und Gehirn genau beobachtet, insbesondere im Hinblick auf Kopfbälle. Profis absolvieren je nach Position bis zu 1500 Kopfbälle pro Jahr.
Sind Kopfbälle schädlich für das Gehirn?
Dr. Matthias Pawlowski erklärt, dass der einfache, sauber durchgeführte Kopfball wahrscheinlich nicht schädlich ist. Wenn Kopfbälle aber häufig und wiederholt durchgeführt werden, kann es sein, dass öfter leichte Traumata des Gehirns auftreten, die dann negative langfristige Folgen im Sinne von kognitiven Einschränkungen haben und das Risiko für die Entstehung einer Demenz erhöhen können. Bei Zusammenstößen kann es neben anderen Verletzungen auch zu einer Gehirnerschütterung kommen.
Wer ist besonders gefährdet?
Es gibt Hinweise, dass das sich entwickelnde Gehirn von Kindern anfälliger für Schäden in Folge von Schädel-Hirn-Traumata ist.
Empfehlungen und Maßnahmen im Jugendfußball
Die Verbände gehen mit einem Kopfballverbot im Kinder- und Jugendfußball unterschiedlich um. Die Amerikaner verbieten Kopfbälle bis zum elften Lebensjahr im Fußball grundsätzlich. Genauso ist es in England und im Vereinigten Königreich, wo die Kopfbälle in dieser Altersklasse ebenfalls verboten sind - dort aber nur im Training, im Wettkampf sind sie erlaubt. Der DFB empfiehlt, dass der Kopfball nur dosiert eingesetzt werden soll, ein grundsätzliches Verbot gibt es hier aber nicht.
Techniken zur sicheren Ausführung von Kopfbällen
Im Jugendsport können kleine und leichtere Bälle eingesetzt werden, man kann Flanken aus kürzerer Distanz und weniger scharf schießen und vor allem Kopfbälle nur sehr dosiert trainieren, also nicht zu viele auf einmal und mit ausreichenden Pausen dazwischen.
Lesen Sie auch: Wissenswertes über Parkinson
Vergleich mit anderen Kontaktsportarten
Dr. Pawlowski äußert, dass man in Kontaktsportarten wie Boxen und American Football einem höheren Risiko ausgesetzt ist als im Fußball. Beim Fußball sind es eher Zusammenstöße mit anderen Spielern oder dem Torpfosten, die gefährlich werden können.
Weitere Risikofaktoren und Erkenntnisse
Das Second-Impact-Syndrom
Sportler werden oft trotz einer Gehirnerschütterung nach kurzer Pause wieder auf das Feld geschickt. Das bedeutet für die Betreffenden ein zusätzliches massives Risiko: das Second-Impact-Syndrom. Wenn auf eine nicht abgeklungene Erschütterung eine weitere trifft, drohen oft bleibende Schäden.
Tau-Proteinablagerungen und neurodegenerative Erkrankungen
Gehirnerschütterungen können bleibende Schäden verursachen. Alle Patient:innen mit neurodegenerativen Erkrankungen haben gemeinsam, dass sich ein bestimmtes Protein namens Tau im Gehirn dauerhaft an den falschen Stellen einlagert. Diese Verklumpungen verhindern die Kommunikation zwischen Nervenzellen, Zellen sterben ab, die weiße Hirnsubstanz schrumpft.
Kognitive Störungen und neuropsychiatrische Erkrankungen
Viele Boxer entwickeln bereits während ihrer aktiven Zeit zumindest leichte kognitive Störungen. Vor allem das Neugedächtnis verschlechtert sich. Zehn bis 20 Prozent der Profiboxer leiden ihr Leben lang unter anhaltenden neuropsychiatrischen Erkrankungen. Ihre motorischen Fähigkeiten lassen nach und sie haben ein erhöhtes Risiko, am Parkinson-Syndrom sowie an Alzheimer zu erkranken. Bei American-Football-Spielern wurde dieser Zusammenhang ebenfalls nachgewiesen.
Kopfverletzungen im Eishockey
Auch beim Eishockey ist das Risiko hoch, zumindest ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma zu erleiden. Nach einer Auswertung von 664 schwedischen Profispielen sind Schädigungen des Kopfes im Eishockey mit 39 Prozent sogar die häufigsten Verletzungen.
Gehirnerschütterungen im Ballsport: Eine Fragebogenstudie
Eine Fragebogenstudie aus dem Jahr 2018 verglich die Häufigkeiten von Gehirnerschütterungen in verschiedenen Sportarten (Fußball, Handball, Basketball und Volleyball) und ging der Frage nach, welche sportartspezifischen Faktoren das Auftreten von Gehirnerschütterungen begünstigen. Insgesamt haben 18% der TeilnehmerInnen von einer Gehirnerschütterung im Sport berichtet. Ein Viertel der FußballspielerInnen, 24% der HandballerInnen, 15% der BasketballspielerInnen und 13% der VolleyballspielerInnen gaben an, schon einmal eine Gehirnerschütterung erlitten zu haben.
Ursachen und Spielsituationen
FußballspielerInnen erlitten die meisten Gehirnerschütterungen durch einen Zusammenprall mit einem/r anderen Spieler/in, VolleyballspielerInnen dagegen durch Treffer durch den Ball. Mit Blick auf die Spielsituation, traten Kopfverletzungen im Handball und Volleyball eher in Abwehrbewegungen auf, während es im Fußball und im Basketball in Angriffssituationen am häufigsten zu Gehirnerschütterungen kam. Beim Fußball zeigte sich zudem ein Unterschied zwischen den Spielpositionen: FußballtorhüterInnen und defensive MittelfeldspielerInnen wiesen die meisten Gehirnerschütterungen auf.
Symptome und Anzeichen von Gehirnerschütterungen
Gehirnerschütterungen zeichnen sich durch verschiedene physische, kognitive, emotionale und den Schlaf betreffende Symptome aus, die je nach Schwere der Verletzung unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und daher leichter oder schwerer erkannt werden.
Die Bedeutung der Früherkennung und Reaktion
Eine Gefahr besteht in wiederkehrenden Kopfverletzungen, u.a. durch vorher nicht erkannte oder ignorierte Gehirnerschütterungen, die eine weitere Verletzung wahrscheinlicher machen. Wenn mit einer Gehirnerschütterung weiter gespielt wird oder zu früh wieder mit dem Sport begonnen wird, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Gehirnerschütterung. Besonders mehrere mTBIs können ein stark erhöhtes Risiko für Langzeitfolgen darstellen.
Hindernisse in der Sportpraxis
Helmich (2018) diskutiert mögliche Hindernisse aus der Sportpraxis, die ein Weiterspielen trotz Gehirnerschütterung begünstigen: Kollisionen werden häufig als „nicht so schlimm“ eingeschätzt, Spieler*innen wollen sich nicht auswechseln lassen und es gibt einen Mangel an Bewusstsein für eine mögliche Gehirnerschütterung.
#