Frontotemporale Demenz und Sexualität: Ein umfassender Überblick

Die frontotemporale Demenz (FTD), auch bekannt als Morbus Pick, ist eine vergleichsweise seltene Form der Demenz, die vor allem den Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns betrifft. Diese Erkrankung führt oft zu tiefgreifenden Veränderungen in der Persönlichkeit und im Verhalten der Betroffenen. Ein Aspekt, der dabei häufig tabuisiert wird, ist die Auswirkung der FTD auf die Sexualität. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten dieses Themas, gibt Einblicke in die Herausforderungen und bietet Lösungsansätze für Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte.

Einführung in die frontotemporale Demenz

Die frontotemporale Demenz unterscheidet sich von anderen Demenzformen, wie beispielsweise der Alzheimer-Krankheit, durch den frühen Beginn von Verhaltensauffälligkeiten. Gedächtnis- und Orientierungsstörungen treten oft erst in späteren Stadien der Erkrankung auf. Typische Symptome der FTD sind:

  • Veränderungen der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens: Betroffene zeigen oft ein gestörtes, taktloses oder sogar aggressives Verhalten. Sie nehmen wenig Rücksicht auf gesellschaftliche Normen und äußern ihre Meinung hemmungslos.
  • Fehlende Krankheitseinsicht: Im Gegensatz zu Menschen mit Alzheimer-Demenz zeigen FTD-Patienten oft wenig Bereitschaft zur Therapie und wirken teilnahmslos.
  • Weitere Erkennungszeichen: Maßlose Ernährung, sexuelle Unbeherrschtheit und Schlafstörungen können ebenfalls auftreten. Parkinsonähnliche Symptome wie eine nach vorne gebeugte Haltung und langsame Bewegungen sind ebenfalls möglich.
  • Sprachstörungen: In einigen Unterformen der FTD treten Sprachstörungen auf. Die Betroffenen sprechen Wörter falsch aus, haben Wortfindungsstörungen oder vergessen die Bedeutung von Wörtern. Auch das Erkennen bekannter Gesichter kann beeinträchtigt sein.
  • Inkontinenz: Im fortgeschrittenen Stadium entwickeln viele Patienten eine Inkontinenz.

Da die genauen Ursachen der FTD noch nicht ausreichend bekannt sind, gibt es derzeit keine gezielte Therapie. Die Behandlung konzentriert sich darauf, die Symptome zu lindern.

Sexualität als Teil der Identität bei Demenz

Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität und weit mehr als nur Lust und Fortpflanzung. Sie ist ein Grundbedürfnis und ein Menschenrecht, das auch im Alter und bei Demenz nicht verloren geht. Liebe, Zuneigung und der Wunsch nach Zärtlichkeit bleiben bestehen, auch wenn sich die sexuellen Wünsche und Bedürfnisse im Rahmen einer Demenzerkrankung verändern können.

Veränderungen der Sexualität bei FTD

Menschen mit FTD können Veränderungen in ihrer Sexualität erfahren, die sich in zwei Richtungen äußern können:

Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und frontotemporaler Demenz

  • Hypersexualität: Einige Betroffene zeigen ein gesteigertes sexuelles Interesse und enthemmtes Verhalten. Sie äußern ihre sexuellen Wünsche sehr direkt, auch gegenüber Personen, die nicht ihre Partner sind. Gerade Patienten mit frontotemporaler Demenz (FTD) verhalten sich oft enthemmt und impulsiv, auch im sexuellen Umgang. Mit fortschreitender Demenz kann es auch passieren, dass Patienten eine für sie attraktive Person ungefragt unangemessen anfassen, weil sie diese für den jungen Ehe- oder Sexualpartner halten. Oder sie verstehen Aussagen nicht mehr richtig und halten den saloppen Satz »Zeit für's Bett« für eine konkrete Einladung zum Sex.
  • Hyposexualität: Andere Betroffene verlieren das Interesse an Sex völlig.

Beide Extreme können eine Partnerschaft stark belasten, da der gesunde Partner mit dem veränderten Verhalten umgehen lernen und eigene Bedürfnisse oft zurückstellen muss. Andererseits kann das Ignorieren sexueller Bedürfnisse zu herausforderndem und störendem Verhalten des Demenzpatienten führen. Kann das Bedürfnis nach Nähe und Intimität befriedigt werden, würden unangemessene Verhaltensweisen häufig verschwinden.

Ursachen für verändertes sexuelles Verhalten

Das veränderte sexuelle Verhalten bei Demenz hat seine Ursachen in der Schädigung der Hirnregionen. Das Gehirn ist das Kontrollzentrum für Gefühle und Verhalten, und es „produziert“ sexuelle Fantasien - deshalb wird es häufig als unser wichtigstes Sexualorgan bezeichnet. Wird das Gehirn durch eine Demenz geschädigt, können die Kontrollmechanismen für sexuelles Verhalten versagen. Die Einsicht in und Kenntnis von sozialen Regeln (auch im sexuellen Umgang) gehen verloren.

Weitere Gründe für auffälliges sexuelles Verhalten können sein:

  • Vergessen von Konventionen: Konventionen in Bezug auf das Ausleben der Sexualität sind erlernt, und Ihr demenziell veränderter Pflegekunde vergisst sie schlichtweg.
  • Werteverlust: Werte und Normen haben für demenzerkrankte Personen keine direkte Bedeutung mehr. Daher können sie auch nicht mehr danach handeln.
  • Mangelnde Impulskontrolle: Ihre demenziell veränderten Pflegekunden lassen sich mit zunehmender Demenz immer stärker vom Gefühl leiten. Sie folgen daher jedem Impuls sofort, ohne sich zu fragen, ob dies angemessen ist. Wenn etwa ein demenziell veränderter Pflegekunde durch die körperliche Nähe einer weiblichen Pflegekraft erregt wird, folgt er diesem Reiz sofort.
  • Situationsverkennung: Während der Körperpflege entsteht eine Nähe, die sonst nur in intimen Beziehungen vorkommt. Sie berühren Ihre Pflegekunden an Stellen, die sonst nur der Partner berühren darf. Pflegekraft und demenzerkrankter Pflegekunde spielen in diesem Fall sozusagen in unterschiedlichen Theaterstücken. Die Pflegekraft sieht eine pflegebedürftige Person vor sich, die Hilfe benötigt. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde hingegen empfindet sich als jung und leistungsfähig. Entsprechend versteht er die Pflegehandlung als sexuelle Aufforderung.
  • Erkrankungen: Sexuelle Enthemmung bei Ihren Pflegekunden kommt häufig im Zusammenhang mit vaskulärer, frontotemporaler, Parkinson oder Lewy-Body-Demenz vor. Personen mit Alzheimer-Demenz sind seltener hiervon betroffen.
  • Körperliche Ursachen: Wenn sich Ihr Pflegekunde auffällig oft im Genitalbereich berührt, kann die Ursache hierfür auch eine Blasenentzündung oder ein Pilzbefall sein. Lassen Sie dies immer von einem Arzt untersuchen.

Herausforderungen für Angehörige und Pflegekräfte

Die Veränderungen in der Sexualität von Menschen mit FTD stellen Angehörige und Pflegekräfte vor große Herausforderungen.

Umgang mit gesteigertem sexuellem Verlangen

Wenn Menschen mit Demenz ein gesteigertes sexuelles Verlangen zeigen, ist es wichtig, einfühlsam und verständnisvoll zu reagieren, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten. Es gilt, die Würde des Betroffenen zu wahren und gleichzeitig die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu berücksichtigen.

Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur frontotemporalen Demenz

Konkrete Empfehlungen für den Umgang mit gesteigertem sexuellem Verlangen:

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über Wünsche und Sorgen, um gemeinsam Lösungen zu finden.
  • Klare Grenzen setzen: Machen Sie deutlich, welche Verhaltensweisen akzeptabel sind und welche nicht.
  • Alternativen anbieten: Bieten Sie alternative Möglichkeiten, das Bedürfnis nach Nähe und Intimität zu befriedigen, wie z.B. Zärtlichkeit, Umarmungen oder gemeinsames Kuscheln.
  • Ablenkung: Versuchen Sie, den Betroffenen abzulenken, wenn er unangemessenes sexuelles Verhalten zeigt. Geben Sie ihm etwas in die Hand, das ihn interessieren könnte.
  • Medizinische Ursachen ausschließen: Lassen Sie medizinische Ursachen für das gesteigerte sexuelle Verlangen ausschließen, wie z.B. Harnwegsinfekte oder Pilzinfektionen.
  • Medikamentöse Behandlung: Besprechen Sie mit dem Arzt, ob eine medikamentöse Einstellung möglich ist. Häufig helfen schon Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer oder Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Antiandrogene. Diese Medikamente werden zur Verringerung des männlichen Sexualhormons verabreicht, unter anderem auch bei Prostataerkrankungen. Wie bei jeder Medikation sollten Sie bzw. der Arzt sich auch hier mit dem Betreuer bzw.

Umgang mit sexuell übergriffigem Verhalten

Sexuelle Übergriffe sind eine Form von Gewalt - auch wenn Ihr Pflegekunde mit Demenz nichts dafür kann. Entsprechend haben Sie als Pflegekraft auch ein Anrecht, sich hiervor zu schützen. Dies bedeutet konkret, dass Sie sich dem Verhalten nicht aussetzen müssen. Sie können etwa die Handlung unterbrechen oder mit Ihrer PDL besprechen, dass andere Kollegen die Pflege des betroffenen Pflegekunden übernehmen.

Konkrete Empfehlungen für den Umgang mit sexuell übergriffigem Verhalten:

  • Situation genau beschreiben: Beschreiben Sie die übergriffige Situation möglichst genau.
  • Gründe prüfen: Prüfen Sie, welcher oder welche der unten stehenden Gründe auf Ihren Pflegekunden am ehesten zutreffen. Falls Ihr Pflegekunde die Situation verkennt, kann es ausreichen, dass Sie ihm die Pflegehandlung genau erklären. Oder aber Sie statten sich mit „medizinischen“ Attributen wie z. B. einem weißen Kittel oder einem Stethoskop aus. Falls Ihr Pflegekunde aus einer mangelnden Impulskontrolle heraus handelt, versuchen Sie ihn abzulenken.
  • Eigene Grenzen setzen: Wenn ein Pflegekunde während der Pflege sexuell erregt ist, verlassen Sie den Raum für einige Zeit. Falls er Sie berührt, schieben Sie die Hand mit einem eindeutigen „Nein, ich möchte das nicht“ fort. Gehen Sie danach nicht weiter auf den Vorfall ein.
  • Teamarbeit: Wichtig ist, dass Sie sich im Team auf ein einheitliches Handeln einigen. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde kann sich Grenzen nur merken, wenn Sie diese häufig wiederholen. Wenn hingegen jede Pflegekraft unterschiedlich handelt, bieten Sie ihm keine Orientierung bezüglich seines Verhaltens. Legen Sie den Pflegeablauf genau fest.
  • Respekt wahren: Erhalten Sie sich Ihren Respekt. Häufig ist es schwierig, einem Menschen weiterhin Respekt entgegenzubringen, wenn er sich Ihnen oder anderen gegenüber unangemessen verhält. Bedenken Sie jedoch, dass das Verhalten nichts mit der eigentlichen Persönlichkeit zu tun hat.
  • Professionelle Hilfe suchen: Holen Sie sich professionelle Unterstützung, wenn Sie mit der Situation überfordert sind.

Unterstützung für queere Menschen mit Demenz

Die Alzheimer-Gesellschaft weist besonders auf die Gruppe der hochaltrigen Homosexuellen hin. Ihnen falle es meist schwer, sich nach vielen Jahren der persönlich erlebten Diskriminierung und Verfolgung in der Pflegesituation zu outen. Trotz der vermutlich 122.000 homosexuellen Menschen mit Demenz tauchten diese in Einrichtungen der Altenhilfe so gut wie nicht auf. »Sie ziehen sich zurück, vereinsamen und geben aus Angst vor weiterer Diskriminierung ihre wirkliche geschlechtliche Identität nicht preis«, erläuterte Dieter Schmidt, Diplom-Psychologe in der Schwulenberatung Berlin, bei der Fachtagung.

Es ist wichtig, eine inklusive und selbsthilfeorientierte Perspektive zu entwickeln, die die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten berücksichtigt. Nur so kann eine würdevolle und respektvolle Begleitung, Betreuung und Pflege von queeren Menschen mit Demenz gewährleistet werden.

Lesen Sie auch: Therapieansätze für frontotemporale Demenz

tags: #frontotemporale #demenz #und #sexualitat