Hilfsmittel zur Linderung von Spastik: Ein umfassender Überblick

Spastik, ein Zustand erhöhter Muskelspannung, kann das Leben vieler Menschen erheblich beeinträchtigen. Glücklicherweise gibt es eine Vielzahl von Hilfsmitteln und Therapieansätzen, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Hilfsmittel bei Spastik, von traditionellen medizinischen Behandlungen bis hin zu innovativen Technologien und unterstützenden Maßnahmen für den Alltag.

Was ist Spastik?

Spastik entsteht, wenn Erkrankungen die Nervensignale zu den Muskeln stören, was zu Verkrampfungen und Versteifungen führt. Die Symptome können unterschiedliche Körperbereiche betreffen. Eine frühzeitige Behandlung ist wichtig, um die Funktionen der betroffenen Gliedmaßen und Gelenke zu erhalten, Folgeschäden zu vermeiden und Schmerzen zu reduzieren. Dies kann insbesondere nach einem Schlaganfall die körperlichen Folgen mindern und die Selbstständigkeit sowie die Lebensqualität verbessern.

Ziele der Spastik-Behandlung

Die Hauptziele der Spastik-Behandlung sind die Verbesserung der Symptome und der Erhalt der Lebensqualität. Dies wird durch die Förderung von Beweglichkeit und Körperhaltung sowie die Linderung von Schmerzen erreicht. Konkrete Behandlungsziele können sein:

  • Verbesserung des Sitzens, Gehens und Stehens
  • Erleichterung von Aktivitäten im Alltag
  • Vermeidung von Folgeerkrankungen
  • Verbesserung des Selbstwertgefühls
  • Erhalt oder Wiedererlangung der Selbstständigkeit

Diese Ziele sollten in Absprache mit Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonen festgelegt und regelmäßig überprüft werden.

Therapieansätze bei Spastik

Die Behandlung von Spastik ist vielfältig und umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapieverfahren. Die Wahl der Therapie hängt von der Form der Spastik und der individuellen Lebenssituation ab. Oft werden die besten Ergebnisse durch eine Kombination verschiedener Ansätze erzielt.

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Medikamentöse Therapie

Medikamente werden eingesetzt, wenn nicht-medikamentöse Therapien nicht ausreichend wirken. Es gibt verschiedene Arten von Medikamenten, die entweder oral eingenommen oder per Injektion/Infusion verabreicht werden können.

Injektionen und Infusionen

  • Botulinumtoxin Typ A: Wird zur Behandlung der fokalen (eine Körperregion) und multifokalen Spastik (mehrere Körperregionen) eingesetzt. Es wird direkt in den betroffenen Muskel injiziert, um die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel vorübergehend zu blockieren. Die Wirkung hält etwa zwei bis vier Monate an. Physiotherapie sollte die Behandlung ergänzen.
  • Baclofen (intrathekale Therapie - ITB): Bei sehr stark ausgeprägter Spastik wird Baclofen über ein Infusionssystem direkt in den Liquorraum (Rückenmark umgebenden Raum) verabreicht. Dies ist ein schwerwiegenderer Eingriff, der nur in schweren Fällen in Betracht gezogen wird.

Orale Antispastika

  • Klassische Antispastika (Baclofen, Tizanidin, Tolperison): Diese Medikamente wirken krampflösend und können Bewegungseinschränkungen verbessern.
  • Dantrolen: Hemmt bestimmte Vorgänge im Muskel und bewirkt dadurch Muskelentspannung.
  • Benzodiazepine: Wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur, sind aber für die Spastik-Behandlung nach Schlaganfall nicht zugelassen.
  • Cannabinoide (THC und CBD): Können bei schmerzhaften Muskelkrämpfen helfen. Sie sind als Spray zur Anwendung in der Mundhöhle nur für Multiple Sklerose zugelassen, werden aber auch bei Spastik nach Schlaganfall eingesetzt.

Orale Antispastika können Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit und Kraftlosigkeit verursachen. Daher sollten Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen und die Behandlung mit einer niedrigen Dosis begonnen werden.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie (Krankengymnastik): Die Grundlage der Spastik-Behandlung. Übungen dienen dazu, Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Passive Bewegungen, Strecken und Dehnen verringern die Steifheit.
  • Orthopädische Hilfsmittel (Orthesen, Schienen, Gipsverbände): Stützen, fixieren oder entlasten betroffene Körperregionen. Sie sind sinnvoll bei Verkürzungen von Muskeln, Bändern oder Sehnen.
  • Ergotherapie: Hilft, Alltagsaktivitäten trotz Einschränkungen zu bewältigen. Dies beinhaltet das Einüben von Tätigkeiten wie An- und Ausziehen, Essen und Zähneputzen sowie die Beratung zum Umgang mit Hilfsmitteln.
  • Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die Muskelspannung zu behandeln und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Operation: In bestimmten Fällen können Sehnen verlängert oder verkürzt, Verwachsungen gelöst oder Fehlstellungen der Knochen korrigiert werden.

Innovative Hilfsmittel

  • Exopulse Mollii Suit: Ein Ganzkörperanzug, der durch Elektrostimulation eine konsistente Linderung der Spastik zu Hause ermöglichen soll - ohne Medikamente oder Eingriffe. Er ist für Kinder und Erwachsene mit Zerebralparese, Multipler Sklerose, Schlaganfall oder anderen neurologischen Erkrankungen gedacht, die unter Dystonie, spastischen Muskeln, schwacher Muskelaktivierung und Schmerzen leiden.
  • MOTOmed Bewegungstherapie: Ein motorbetriebenes und motorunterstütztes Bewegungstherapiegerät, das von Stuhl oder Rollstuhl aus bedient werden kann. Regelmäßiges Training kann Spastik lindern, die Muskulatur lockern und stärken sowie die Kraft und Ausdauer fördern. Die Kosten können bei Zerebralparese und spastischer Lähmung von den Krankenkassen übernommen werden.
  • FES-Systeme (Funktionelle Elektrostimulation): Diese Systeme verbessern die Fähigkeit der betroffenen Muskeln, zwischen An- und Entspannung zu wechseln. Ein Hersteller bietet diese Technik auch in Form eines Ganzkörperanzugs an, der alle zwei Tage für sechzig Minuten getragen wird.

Hilfsmittel für den Alltag

Um die Herausforderungen des Alltags besser zu meistern, stehen für viele Bereiche des täglichen Lebens spezielle Hilfsmittel zur Verfügung. Diese können Betroffenen helfen, wieder mehr Selbstständigkeit zu erlangen und am Familien- und Sozialleben teilzunehmen.

Kochen und Essen

  • Brotschneidebrett: Fixiert das Brot, sodass es mit einer Hand geschnitten werden kann.
  • Tellerranderhöhung: Hilft, Essen mit einer Hand auf Löffel oder Gabel zu befördern.
  • Einhand-Deckelabschrauber: Bietet mehr Grifffläche, um Flaschen leichter zu öffnen.
  • Schneidebretter mit Gemüsehalter: Ermöglichen das Schälen und Schneiden von Gemüse mit einer Hand.
  • Einhänderbrett: Kann am Tischrand eingehakt werden, um beim Brotschmieren nicht zu verrutschen.
  • Spezial-Besteck: Lässt sich hinter dem Griff beliebig verbiegen, um die Hand beim Essen zu entlasten.

Körperhygiene und Ankleiden

  • Bürsten und Badeschwämme mit Halterungen oder Verlängerungsarmen: Erleichtern das Waschen von schwer erreichbaren Körperregionen.
  • Knöpfhilfe: Vereinfacht das Zu- und Aufknöpfen sowie die Handhabung von Reißverschlüssen.
  • Schuhlöffel: Ermöglicht das Schuhanziehen bei eingeschränkter Mobilität.

Greifen und Aufschließen

Verschiedene Spastik-Hilfsmittel für die Hand können das Greifen erleichtern.

Kommunikation

  • Großtastentelefon: Erleichtert die Handhabung des Telefons.
  • Mausersatzgeräte (z.B. Tastenmäuse): Ersetzen die herkömmliche Maus und ermöglichen die Bedienung mit nur einem Finger.

Orthesen

Orthesen können dazu beitragen, bestimmte Körperregionen zu unterstützen und Bewegungen kontrollierter auszuführen. Es gibt verschiedene Arten von Orthesen, die je nach Bedarf eingesetzt werden:

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  • Lagerungsorthesen: Halten das betroffene Körperteil in einer funktionellen Position, um dauerhafte Muskelanspannung zu vermeiden.
  • CDS-Orthesen: Werden bei Kontraktionen im Knie oder Ellenbogen eingesetzt und geben ein Stück Bewegungsfähigkeit zurück.
  • AFO-Orthesen (Unterschenkel-Orthesen) und KAFO-Orthesen (Ganzbein-Orthesen): Werden individuell angepasst, um die Spastik zu korrigieren.
  • Spreizkeile: Kommen bei Beuge- und Streckspastiken in den Adduktoren zum Einsatz.

Übungen für zu Hause

Um die Beweglichkeit zu verbessern oder eine akute Spastik zu lösen, können verschiedene Übungen auch zu Hause durchgeführt werden. Regelmäßiges Üben kann die Beweglichkeit der spastischen Körperregion verbessern und die Beschwerden der Betroffenen lindern. Dabei sollte immer auf ausreichend Ruhepausen geachtet werden.

Berufliche Wiedereingliederung

Der Wiedereinstieg in den Beruf kann mit einer Spastik schwierig sein. Sogenannte Caremanager können beim beruflichen Wiedereinstieg Unterstützung leisten. Sie unterstützen Betroffene emotional, körperlich und organisatorisch und entwickeln gemeinsam mit ihnen, Angehörigen und Arbeitgebern ein individuelles Integrationskonzept.

Finanzielle Unterstützung

Je nach Krankenkasse werden bestimmte Leistungen in der Therapie einer Spastik übernommen. Es lohnt sich, bei der Krankenkasse nachzufragen, welche Leistungen erstattet werden.

Schwerbehindertenausweis

Bei dauerhaften Einschränkungen durch Spastik kann ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden, der Nachteilsausgleiche wie Vergünstigungen bei öffentlichen Verkehrsmitteln oder Eintrittspreisen ermöglicht.

Rente

Sollte der Beruf nicht wieder aufgenommen werden können, steht Betroffenen eine Rente zu. Die Entscheidung wird von der Agentur für Arbeit getroffen.

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Persönliche Erfahrungen

Viele Menschen mit Spastik haben gelernt, mit ihren Einschränkungen umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen. Ihre Erfahrungen können anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass es möglich ist, trotz der Herausforderungen ein aktives und selbstbestimmtes Leben zu führen.

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