Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Kopfverletzung, die mit einer Beteiligung des Gehirns einhergeht. Die Folgen können von Bewusstseinsstörungen bis hin zu Bewusstlosigkeit, Lähmungen oder Krampfanfällen reichen. Jährlich ereignen sich in Deutschland etwa 25.000 mittelschwere und schwere SHT, wobei Verkehrsunfälle die Hauptursache darstellen.
Was ist ein Schädel-Hirn-Trauma?
Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Verletzung des Schädels und des Gehirns infolge einer Gewalteinwirkung. Diese Gewalteinwirkung führt zu einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns. Das SHT wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt, je nach Dauer und Rückbildungszeit der Symptome. Die Einteilung gilt für das geschlossene SHT. Demgegenüber steht das offene SHT, bei dem durch eine Mitverletzung der harten Hirnhaut (Dura mater) zusammen mit einer Kopfschwarten- und Knochenverletzung eine Verbindung des Gehirns zur Außenwelt besteht.
Ursachen und Entstehung
Die Schädel-Hirn-Verletzung entsteht durch Gewalteinwirkung am Kopf, vor allem bei Verkehrs- und Sportunfällen. Diese Gewalteinwirkung führt zu einer Funktionsstörung des Gehirns mit oder ohne Verletzung der Knochen, Hirnhäute oder Hirngefäße. Ärzte unterscheiden zwischen der gedeckten und der offenen Schädel-Hirn-Verletzung, bei der die Hirnhaut zerreißt und gleichzeitig Weichteile und Schädelknochen verletzt werden.
Das Gehirn ist eigentlich gut geschützt: Kein anderes Organ ist mit einem so dichten Knochen verpackt und es ist zudem von einer Flüssigkeit (Liquor, Nervenwasser) umgeben, das u.a. die Aufgabe hat, das Organ zu polstern und vor Druckschäden zu bewahren. Dennoch ist das Gehirn sehr verwundbar: Die Zellen des Gehirns reagieren von allen Körperzellen am empfindlichsten auf Sauerstoffmangel.
Wenn der Kopf einen starken Schlag versetzt bekommt, wird das Gehirn zuerst an der Aufprallstelle (etwa an der Stirn) verletzt. Durch die Wucht der Bewegung prallt die Gehirnmasse dann an die gegenüberliegende Schädelseite (etwa den Hinterkopf), Contre-Coup-Effekt nennen Mediziner diese Schlag-Gegenschlag-Wirkung. Außerdem wirken durch den Schlag Scherkräfte auf das Hirngewebe, wodurch Nervenbahnen mechanisch gereizt, gestaucht, gezerrt oder unterbrochen werden.
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Schweregrade des SHT
Schädel-Hirn-Verletzungen werden in Schweregrade eingeteilt. Zur einfachen Beurteilung des Schweregrads hat sich weltweit die Glasgow-Koma-Skala (Glasgow Coma Scale, GKS) bewährt. Der Punktwert ("Score") kann auch von Laien anhand der drei Kriterien Bewegung, Sprechen und Augenöffnen errechnet werden. Ein bewusstseinsklarer Patient hat immer 15 Punkte.
- Leichtes SHT (GKS 13-15): Hierbei liegt oft eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) vor. Es kommt zu kurzzeitiger Bewusstlosigkeit, Verwirrtheit, Kopfschmerzen und Schwindel.
- Mittelschweres SHT (GKS 9-12): Hierbei spricht man auch von einer Gehirnprellung bzw. Hirnprellung (Contusio cerebri), bei der eine offene oder gedeckte Schädigung der Hirnsubstanz vorliegt. Die Bewusstlosigkeit beträgt ca. 5 bis 30 Minuten.
- Schweres SHT (GKS 3-8): Bei diesem Grad sieht es für die betroffene Person sehr kritisch aus. Ein SHT-Grad 3 definiert sich vor allem durch eine Drucksteigerung durch ein Hirnödem oder eine Hirnblutung, was zu einer sogenannten Gehirnquetschung (Compressio cerebri) des Gehirns führt. Die Bewusstlosigkeit dauert hierbei länger als 30 Minuten an. Bei dieser Schwere des Hirntraumas ist mit Spätfolgen zu rechnen.
Symptome eines Schädel-Hirn-Traumas
Ein Schädel-Hirn-Trauma kann eine ganze Reihe unterschiedlicher Symptome hervorrufen. Sie hängen davon ab, welche Gehirnregion beeinträchtigt ist und wie groß die Kraft war, die auf das Gehirn eingewirkt hat.
Leichtes gedecktes Schädel-Hirn-Trauma: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Der Patient kann für kurze Zeit benommen sein oder das Bewusstsein für wenige Minuten (unter fünf Minuten) verlieren. Häufig besteht eine Erinnerungslücke für den Zeitraum vor und nach dem Unfall (retrograde beziehungsweise anterograde Amnesie).
Mittelschweres gedecktes Schädel-Hirn-Trauma: Längere Bewusstlosigkeit (Bewusstseinsverlust bis zu 30 Minuten) oder Verwirrung. Zusätzlich können neurologische Symptome auftreten: Lähmungserscheinungen, Doppelbilder oder Probleme beim Sprechen.
Schweres gedecktes Schädel-Hirn-Trauma: Längere Bewusstlosigkeit (länger als 30 Minuten) und kann sogar über Tage oder gar Wochen bestehen. Das Gehirn weist starke Verletzungen auf. Der Patient kann neurologische Symptome wie Lähmungen oder epileptische Anfälle entwickeln. Des weiteren kann es zu Störungen der Atmung und des Kreislaufes kommen.
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Komplikationen und Folgen
Nach jeder Schädel-Hirn-Verletzung kann sich eine symptomatische Epilepsie entwickeln und Ausfälle wie etwa eine Lähmung oder der Verlust des Geruchssinns zurückbleiben. Besonders gefürchtet sind aber neuropsychologische Dauerfolgen, etwa eine verminderte allgemeine Belastbarkeit mit Konzentrationsstörungen und rascher Überforderung bei komplizierteren Problemen. Auch Wesensveränderungen wie z. B. Antriebslosigkeit oder Reizbarkeit sind möglich. Eine durchgemachte Schädel-Hirn-Verletzung erhöht das Suizidrisiko der Betroffenen.
Bei einem mittelschweren und schwereren Schädel-Hirn-Trauma kann es neben den Verletzungen, die direkt durch die Gehirnprellung ausgelöst werden, zu sekundären Hirnschäden kommen. Ursache dafür kann zum Beispiel ein Hirnödem (Gehirnschwellung) sein. Das Problem dabei: Der knöcherne Schädel kann sich nicht weiten. Damit wird der Platz für das geschwollene Gehirn in Relation zu klein und der Druck im Schädel, ebenso wie im Gehirn, steigt an. Ein gesteigerter intrakranieller Druck kann lebensgefährlich werden.
Blutungen als Folge eines SHT
Beim Unfall können Hirnhautarterien zerreißen, und zwar auch dann, wenn die Gehirnschädigung nicht erheblich erscheint. Aus den zerrissenen Arterien strömt unbemerkt Blut mit hohem Druck in den Raum zwischen Schädelknochen und harter Hirnhaut und schädigt das empfindliche Gehirn (Epiduralblutung). Venen zwischen harter und weicher Hirnhaut können ebenfalls einreißen. Diese Blutungsform heißt Subduralblutung.
- Epiduralblutung: Hieran muss gedacht werden, wenn sich das Bewusstsein des Verletzten wenige Stunden nach dem Unfall (erneut) verschlechtert und Ausfälle wie etwa Lähmungen und unterschiedlich weite Pupillen auftreten. Diese Epiduralblutung ist der Hauptgrund dafür, dass auch beschwerdefreie Patienten mit einer Kopfverletzung nicht ohne weitere Betreuung aus dem Krankenhaus entlassen werden.
- Subduralblutung: Während die schnell entstehende akute Subduralblutung fast immer mit einer mittelschweren Schädel-Hirn-Verletzung verbunden ist und somit selten übersehen wird, kann es insbesondere bei älteren Menschen schon bei einer leichten Schädelprellung zu einer chronischen Subduralblutung kommen.
Liquor und seine Rolle bei der Gehirnentzündung
Bei einer offenen Schädel-Hirn-Verletzung besteht eine offene Verbindung zwischen Gehirn und Außenwelt. Dies kann, muss aber nicht, zu einem sichtbaren Austritt von Liquor aus Ohr oder Nase führen. Besteht eine solche Liquorfistel über längere Zeit, ist die Gefahr groß, dass Bakterien von außen einwandern und zu einer Hirnhaut- bzw. Gehirnentzündung oder zu einem Hirnabszess führen.
ZNS-Tumoren können, abhängig von ihrer Größe und Lage, den Abfluss des Nervenwassers (Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit) behindern. Auf diese Weise kommt es zu einer krankhaften Ansammlung von Nervenwasser in den Hirnkammern und in der Folge zu einem Wasserkopf (Hydrocephalus) und einem erhöhten Druck im Schädelinneren.
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Spätfolgen und das Postkommotionelle Syndrom
Die Mehrzahl der Patienten erholt sich innerhalb von 1-12 Wochen vollständig, doch etwa 10-15 % entwickeln ein postkommotionelles Syndrom. Das bietet ein noch breiteres Spektrum an Beschwerden, zu den genannten können Kopfschmerzen, Fatigue, Schlafstörungen oder Ängstlichkeit kommen.
In jüngster Zeit häufen sich die Hinweise, dass ein Zusammenhang zwischen leichten SHT und einer späteren Demenz besteht. Gerade Sportler erleiden oft rezidivierende milde Schädel-Hirn-Traumata, als mögliche Konsequenz kennt man seit Langem die „chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE)“.
Diagnostik
Der Notarzt schätzt den Zustand jedes Schädel-Hirn-Verletzten noch am Unfallort mithilfe der Glasgow-Koma-Skala ein und untersucht den Patienten auf weitere Verletzungen, z. B. innere Blutungen oder eine Rückenmarkverletzung. Stellt sich eine mittelschwere oder schwere Schädel-Hirn-Verletzung heraus, wird der Patient nach Stabilisierung von Herz-Kreislauf und Atmung in ein Krankenhaus mit (neurochirurgischer) Intensivstation gebracht.
- Klinische Untersuchung: Der Arzt überprüft Atmung, Puls und Blutdruck und fragt den Patienten selbst (wenn dieser ansprechbar ist) oder Zeugen des Unfallhergangs, was passiert ist. Es ist für den Arzt oft nicht einfach, den Schweregrad einer Kopfverletzung bei einem Unfall- oder Gewaltopfer einzuschätzen.
- Bildgebende Verfahren:
- Computertomographie (CT): Sie wird gravierende Schädigungen, etwa eine Hirnquetschung oder Blutung sichtbar. Ärzte können zudem den Druck der Blutungen auf das Gehirn feststellen und somit einschätzen, ob eine sofortige Operation erfolgen muss.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Ein MRT machen Ärzte, um bei einem Schädel-Hirn-Trauma Schädigungen der Nervenfortsätze und des Hirnstamms sowie Durchblutungsstörungen und Risse in den Gefäßwänden zu erkennen.
Therapie
Die Therapie des Schädel-Hirn-Traumas richtet sich nach der Schwere der Verletzung.
- Leichtes SHT: Bei einer Gehirnerschütterung ist die wichtigste Therapiemaßnahme: ausreichend Bettruhe (zwei bis drei Tage). Beschwerden wie Kopfweh, Schwindel und Übelkeit klingen dann normalerweise von selbst ab.
- Mittelschweres und schweres SHT: Der Patient muss sofort in ein Krankenhaus (möglichst in ein spezialisiertes Traumazentrum) gebracht werden. Der Notarzt beginnt bereits am Unfallort oder im Rettungswagen mit der Behandlung. Die wichtigste Maßnahme ist hierbei, die Atmung aufrechtzuerhalten und den Blutdruck zu stabilisieren. Wenn notwendig, wird der Patient beatmet und erhält eine Infusion, um den Kreislauf zu stützen. Besteht eine Blutung oder ein lebensgefährlicher Druck im Schädel, ist sofort eine Operation notwendig.
Rehabilitation
Sollten nach der Behandlung eines SHT neurologische Schäden vorhanden sein, erfolgt eine Rehabilitation. Diese erfolgt laut dem Rehabilitationsphasenmodell der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) in der Phase B “neurologische Frührehabilitation”. Dort wird durch ein interdisziplinäres Team aus Pflege, Ärzten, Psychologen, Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie die Therapie mit dem Patienten durchgeführt und evaluiert.
Prävention
Unfällen lässt sich kaum vorbeugen. Einige Maßnahmen schützen aber davor, sich dabei eine Schädel-Hirn-Verletzung zuzuziehen.
- Kopfschutz: Benutzen Sie beim Fahrrad- oder Motorradfahren immer einen zertifizierten Helm. Tragen Sie auch bei unfallträchtigen Sportarten wie Inline-Skaten, Skilaufen, Reiten und Skateboarden einen Helm.
- Arbeitsschutz: Beachten Sie alle nötigen Maßnahmen beim Arbeitsschutz, verwenden Sie beim Arbeiten in großer Höhe eine geeignete Ausrüstung, tragen Sie auf Baustellen einen zertifizierten Schutzhelm.
- Sicherheitsgurt: Benutzen Sie beim Autofahren immer einen Sicherheitsgurt und Kindersitze für Ihr Kind.
- Vorsicht beim Wassersport.
Selbsthilfe und Unterstützung
- Bundesverband Schädel-Hirn-Patienten in Not e. V.: Internetseite zur Selbsthilfe mit Kontaktadressen und Selbsthilfegruppen.
- Hannelore Kohl Stiftung: Die größte deutsche Hilfsorganisation für Menschen mit Schädelhirnverletzungen.
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