Generalisierte Überempfindlichkeit der Nerven: Ursachen und Behandlungsansätze

Polyneuropathie (PNP) ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen, die periphere Nerven betreffen. Diese sind für die Wahrnehmung von Temperatur und Schmerzen, die Beweglichkeit der Muskulatur und die automatische Steuerung von Organen verantwortlich. Bei Polyneuropathien kommt es zu einer Schädigung der peripheren Nerven oder ihrer Hülle. Der Begriff Neuropathie bezeichnet allgemein eine Schädigung oder Erkrankung der Nerven. Es gibt nicht „die eine“ Polyneuropathie. Vielmehr umfasst der Begriff eine große und vielfältige Gruppe von Erkrankungen des peripheren Nervensystems.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathie (PNP) bedeutet, dass mehrere Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark geschädigt sind. Sie gehört zu den häufigsten Krankheiten des Nervensystems - etwa 3 % der Menschen sind betroffen, ab 55 nimmt das Risiko deutlich zu. Menschen mit Diabetes sind besonders gefährdet: Mehr als jede dritte betroffene Person entwickelt im Laufe des Lebens eine Neuropathie. Die Polyneuropathie ist eine generalisierte Erkrankung: Sie kann viele Nerven gleichzeitig betreffen, sehr unterschiedliche Beschwerden auslösen und verläuft bei jedem Menschen etwas anders.

Ursachen von Polyneuropathie

Die Wissenschaft kennt mittlerweile rund 600 Ursachen, die einer Polyneuropathie zugrunde liegen können. Trotz ausführlicher Diagnostik lässt sich bei rund einem Viertel der Betroffenen keine Ursache für die Polyneuropathie feststellen. In den meisten Fällen stellt die Polyneuropathie keine eigenständige Krankheit dar, sondern tritt als Folge oder Begleiterscheinung einer Grunderkrankung auf.

Zu den häufigsten Ursachen zählen:

  • Diabetes mellitus: Bei etwa jedem zweiten Patienten mit Diabetes mellitus treten im Laufe des Lebens Nervenschäden auf. Dauerhaft zu viel Zucker im Blut (Hyperglykämie) setzt die Nerven und ihre kleinsten Blutgefäße unter Stress.
  • Alkoholmissbrauch: Ein übermäßiger Alkoholkonsum ist für rund ein Fünftel aller Polyneuropathien verantwortlich. Alkohol selbst schädigt die Nerven direkt - zusätzlich verhindert er, dass wichtige B-Vitamine (vor allem B1 und B12) richtig aufgenommen werden.
  • Stoffwechselstörungen: Metabolische Polyneuropathien werden durch Stoffwechselstörungen hervorgerufen. Ein Vitamin-B12-Mangel kann eine Polyneuropathie begünstigen.
  • Entzündungen: Entzündliche Polyneuropathien werden überwiegend durch Autoimmun-Erkrankungen verursacht. Dazu zählen unter anderem das Guillain-Barré-Syndrom oder die chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie, kurz CIDP.
  • Infektionen: Nach einer Corona-Erkrankung kann eine Small Fiber Neuropathie auftreten.
  • Giftstoffe: Giftstoffe können ebenfalls eine Schädigung peripherer Nerven hervorrufen.
  • Medikamente: Auch bestimmte Medikamente können die Nerven schädigen.

In etwa einem Viertel der Fälle lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache finden - Ärzte sprechen dann von einer idiopathischen Polyneuropathie.

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Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und hängen davon ab, welche Nervenfasern betroffen sind. Die ersten Anzeichen einer Polyneuropathie zeigen sich vorrangig an den vom Rumpf am weitesten entfernten Stellen. Erste Anzeichen einer Polyneuropathie sind oft feine Veränderungen im Gefühl. Viele Betroffene spüren ein Kribbeln oder beschreiben es als „Ameisenlaufen“. Häufig treten auch brennende Fußsohlen auf - im Fachjargon „Burning Feet“ genannt. Typisch ist auch, dass sich die Beschwerden nachts verstärken, wenn man zur Ruhe kommt. Ein weiteres wichtiges Signal ist der Verlust des Vibrationsempfindens: Wer eine vibrierende Oberfläche - etwa den Handywecker oder eine vibrierende Haltestange - nicht mehr deutlich wahrnimmt, sollte das ernst nehmen.

Man unterscheidet im Wesentlichen drei Arten von Nervenfasern, die betroffen sein können:

  • Sensorische Nervenfasern (Gefühlssinn): Viele Betroffene spüren Berührungen, Schmerzen oder Temperaturen nur noch abgeschwächt. Auch der sogenannte Lagesinn - also das Gefühl dafür, wo sich die Füße oder Hände im Raum befinden - ist gestört.
  • Motorische Nervenfasern (Bewegung): Es kann zu Muskelschwäche und sichtbarem Muskelabbau kommen.
  • Autonome Nervenfasern (unbewusste Körperfunktionen): Da das autonome Nervensystem beteiligt sein kann, treten manchmal Kreislaufprobleme beim Aufstehen, Verdauungsstörungen, Blasenprobleme oder verändertes Schwitzen auf.

Weitere mögliche Symptome sind:

  • Empfindungsstörungen: Manche Menschen haben Empfindungsstörungen. Sie spüren kaum noch Temperaturunterschiede, Berührungen und Schmerzreize. Werden deshalb Druckstellen oder Verletzungen an den Füßen nicht mehr wahrgenommen, können sich schwere Wunden entwickeln.
  • Neuropathische Schmerzen: Neuropathische Schmerzen sind oft besonders quälend und schwer zu beschreiben. Sie können als Brennen, als plötzliches elektrisches Einschießen oder wie kurze Stromstöße empfunden werden. Schon leichte Reize, die eigentlich nicht weh tun sollten - etwa das Gewicht einer Bettdecke oder ein sanfter Luftzug - können Schmerzen auslösen.
  • Hyperalgesie: Wenn ein ohnehin schmerzhafter Reiz als übertrieben stark empfunden wird, spricht man von Hyperalgesie - ein kleiner Pieks fühlt sich dann wie ein tiefer Stich an.
  • Gangunsicherheit: Viele Betroffene berichten, dass sie sich im Alltag unsicher auf den Beinen fühlen. Das liegt nicht nur am fehlenden Gefühl in den Füßen, sondern auch an der verminderten Muskelkraft - beides zusammen erhöht das Sturzrisiko deutlich.
  • Eingeschränkte Feinmotorik: Auch kleine Handgriffe werden schwieriger: Knöpfe schließen, ein Glas festhalten oder Kleingeld aufheben erfordert plötzlich volle Konzentration.
  • Schlafstörungen: Dazu kommen oft nächtliche Schmerzen, die den Schlaf rauben. Wer schlecht schläft, fühlt sich am nächsten Tag erschöpft, gereizt und hat weniger Energie - ein Kreislauf, der die Lebensqualität zusätzlich belastet.

Diagnose von Polyneuropathie

Bei Missempfindungen oder anderen Beschwerden, die im Zusammenhang mit einer Neuropathie stehen könnten, ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Bei Verdacht auf eine Polyneuropathie überweist der Hausarzt an einen Neurologen. Die Basis für die Diagnose bilden:

  • Anamnese: Bei der Erfassung der Krankengeschichte fragt der Neurologe nach den aktuellen Symptomen und ihrem ersten Auftreten, Grunderkrankungen und Medikation.
  • Klinische Untersuchung: Bei der körperlichen Untersuchung werden Reflexe, Temperatur-, Schmerz- und Vibrationsempfinden an betroffenen Gliedmaßen überprüft sowie Gleichgewicht, Stand, Gang und Muskelkraft getestet.
  • Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Gemessen wird, wie schnell elektrische Signale durch die Nerven geleitet werden.
  • Spezielle Laboruntersuchungen: Das Blut wird auf spezifische Antikörper getestet.
  • Bildgebung: Mittels hochauflösender Sonographie können beispielsweise Veränderungen in der Dicke eines Nervs detektiert werden. In bestimmten Fällen ist auch eine Entnahme von Gewebeproben der Haut, von Muskeln oder Nerven wichtig.

Oftmals genügen die Basisuntersuchungen, um die Ursache der Polyneuropathie zu klären und die Diagnose Neuropathie zu sichern. Aus Anamnese und klinischer Untersuchung (Monofilament, Stimmgabel, Reflexe) plus - falls nötig - weiterführenden Tests (z. B. Nervenleitgeschwindigkeit, Small-Fiber-Diagnostik).

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Behandlung von Polyneuropathie

Die Heilungschancen hängen davon ab, welche Ursache der Polyneuropathie zugrunde liegt. Bei einigen Arten bestehen gute Aussichten auf eine Rückbildung. Liegt der Polyneuropathie eine Erkrankung zugrunde, steht als Erstes deren gezielte Behandlung an.

Ursächliche Behandlung

  • Diabetes mellitus: So ist zum Beispiel bei Diabetes mellitus eine optimale Blutzuckereinstellung unerlässlich.
  • Alkoholismus: Bei Alkoholismus als Ursache ist eine sofortige, lebenslange Abstinenz angezeigt.
  • Vitaminmangel: Reversible Ursachen (z. B. Vitaminmangel) lassen sich behandeln.

Symptomatische Behandlung

Zusätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten zur symptomatischen Behandlung. Diese richtet sich danach, welche Beschwerden im Vordergrund stehen.

  • Schmerztherapie: Klassische Schmerzmittel sind bei Polyneuropathie nur schlecht wirksam. Wichtig ist zudem, dass die verordnete Dosierung exakt eingehalten wird. In schweren Fällen können Opioide in Betracht gezogen werden. Gerade bei komplexen Schmerztherapien ist es besonders wichtig, die richtige Medikation zur richtigen Zeit einzunehmen. Eine Alternative zu oralen Medikamenten können Schmerzpflaster mit hochdosiertem Capsaicin oder Lidocain sein, insbesondere bei lokalisierten Beschwerden wie Schmerzen und Missempfindungen. Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben. Der Einsatz von medizinischem Cannabis bei chronischen neuropathischen Schmerzen wird kontrovers diskutiert.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann bei motorischen Einschränkungen und Gangunsicherheit dazu beitragen, die Beweglichkeit und Stabilität zu verbessern. Studien zeigen Vorteile für Symptome, Gleichgewicht, Mobilität und Sturzrisiko-Marker; Bewegung unterstützt außerdem die Blutzuckerkontrolle.
  • Transkutane Elektrostimulation (TENS): Bei der transkutanen Elektrostimulation, kurz TENS, werden kleine Elektroden auf die Haut geklebt, die sanfte elektrische Impulse abgeben. TENS ist eine nicht-medikamentöse Therapie, die oft bei starken neuropathischen Schmerzen in Kombination mit anderen Behandlungen eingesetzt wird. Sollten Medikamente zur Linderung der neuropathischen Schmerzen nicht ausreichen, kann in Absprache mit dem Arzt ein Therapieversuch erwogen werden.

Weitere Maßnahmen

  • Fußpflege: Zu beachten ist, dass bei einer Polyneuropathie oftmals das Temperaturempfinden herabgesetzt ist. Bei Sensibilitätsstörungen ist eine tägliche Fußpflege unverzichtbar. Kürzen Sie die Fußnägel mit einer Nagelfeile anstatt mit der Schere, um Verletzungen zu vermeiden. Um Folgeschäden an den Füßen vorzubeugen, empfiehlt sich eine regelmäßige medizinische Fußpflege beim Podologen.
  • Geeignetes Schuhwerk: Taubheitsgefühle oder eine eingeschränkte Schmerz- und Temperaturempfindung können das Risiko für Stürze und Verletzungen am Fuß erhöhen. Umso wichtiger ist es, dass Sie geeignetes Schuhwerk tragen. Wechseln Sie täglich die Socken.
  • Hilfsmittel: Verschiedene Hilfsmittel können das Leben mit Polyneuropathie erleichtern.
  • Schwerbehindertenausweis: Bei erheblichen Beeinträchtigungen durch eine Polyneuropathie kann Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis bestehen, mit dem Sie bestimmte Nachteilsausgleiche wie zum Beispiel Steuerermäßigungen erhalten. Der Ausweis steht Ihnen ab einem Grad der Behinderung, kurz GdB, von mindestens 50 zu.
  • Selbsthilfegruppen: In einer Selbsthilfegruppe treffen Sie auf Menschen, die genau verstehen, was es bedeutet, mit Polyneuropathie zu leben. Hier können Sie sich mit anderen Betroffenen über ihre Erfahrungen austauschen und praktische Tipps für den Alltag erhalten. Informationen über regionale Selbsthilfegruppen finden Sie beim Deutschen Polyneuropathie Selbsthilfe e.V..
  • Ernährung: Ein spezielles Ernährungskonzept ist bei Polyneuropathie im Allgemeinen nicht notwendig - mit einer ausgewogenen Ernährungsweise versorgen Sie Ihren Körper mit allen essenziellen Vitaminen und Nährstoffen. Eine Nahrungsergänzung mit Folsäure, B12 oder anderen B-Vitaminen ist nur angeraten, wenn bei Ihnen ein ärztlich nachgewiesener Mangel besteht.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen. Ideal ist die Kombination aus einem moderaten Ausdauertraining und Krafttraining. Zur Verbesserung von Gleichgewicht und Mobilität können schon einfache Übungen wie das Stehen auf einem Bein oder Gehen auf einer Linie helfen.

Verlauf und Prognose

Ob eine Neuropathie heilbar ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Viele Polyneuropathien weisen einen chronischen Verlauf auf und begleiten Betroffene über eine lange Zeit. Ob eine Rückbildung möglich ist, können im individuellen Fall nur die behandelnden Ärzte abschätzen. Ebenso wie sich eine chronische Polyneuropathie schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, dauert es eine Weile, bis sich der Körper an die verordneten Therapien gewöhnt hat. Ob Schmerzmittel oder nicht-medikamentöse Maßnahmen - oft braucht es einige Wochen, bis eine wesentliche Linderung der Beschwerden spürbar wird.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Frühzeichen wie Kribbeln, Brennen oder Taubheit solltest du nicht ignorieren - je eher eine Polyneuropathie erkannt wird, desto besser lässt sich ihr Fortschreiten bremsen. Bei anhaltendem Brennen/Kribbeln/Taubheit, Gangunsicherheit, rascher Verschlechterung, asymmetrischen oder motorischen Ausfällen sowie bei Wunden/Ulzera an den Füßen sollte man einen Arzt aufsuchen. Für Menschen mit Diabetes gilt: jährliches Screening - bei Typ 2 ab der Diagnose, bei Typ 1 ab dem 5. Krankheitsjahr.

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