Im Zeitalter des Neuroenhancements, in dem die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit neu ausgelotet werden, rücken genetische Dopamin-Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Leistungssteigerung immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten dieses komplexen Themas, von den historischen Wurzeln des Neuroenhancements über die Rolle von Dopamin bis hin zu den ethischen und gesellschaftlichen Implikationen.
Neuroenhancement: Ein Blick in die Geschichte
Lange bevor moderne Medikamente und Technologien zur Leistungssteigerung entwickelt wurden, suchten Menschen nach Wegen, ihre kognitiven und körperlichen Fähigkeiten zu verbessern. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das indigene Volk der Sateré-Mawé im Amazonasgebiet, das Guaraná nutzte, um seine Jagdausflüge effizienter zu gestalten. Sie erkannten die stimulierende Wirkung der roten Frucht, die bis zu sechsmal so viel Koffein wie Kaffeebohnen enthält.
Im 19. Jahrhundert dominierte Kaffee als leistungssteigerndes Getränk in Europa und befeuerte die Revolutionen des 18. Jahrhunderts. Laut einer äthiopischen Legende entdeckte ein Hirte die Kaffeebohne im 9. Jahrhundert, als er die unermüdliche Energie seiner Ziegen bestaunte, die von den Bohnen genascht hatten. Die niederländischen und portugiesischen Kolonialmächte verbreiteten den Kaffee schließlich noch weiter, indem sie Plantagen in Südamerika und Süd- sowie Südostasien errichten ließen.
Im 21. Jahrhundert sind der kapitalistische Leistungsdruck und die digitale Reizüberflutung in westlichen Gesellschaften aktueller denn je. Wo Arbeiter*innen während der Industrialisierung ihren Geist für körperliche Arbeit fit machten, streben heute viele nach einer rein kognitiven Leistungssteigerung. Denn die Fähigkeit, sich ausreichend zu konzentrieren, ist aufgrund des ständigen Multitaskings der Digitalisierung rar geworden.
Die Rolle von Dopamin im Gehirn
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine entscheidende Rolle bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen spielt. Er beeinflusst unsere Gefühle, Entscheidungen und Motivation. Dopamin wird im menschlichen Körper von den dopaminergen Neuronen hergestellt, die sich vor allem in bestimmten Hirnregionen wie der Substantia nigra und dem Area tegmentalis ventralis befinden.
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Der Neurotransmitter fördert die Nahrungssuche, die Fortpflanzung, Lernprozesse und die Gefahrenvermeidung. Er motiviert zu sozialen Kontakten und zur Suche nach Komplimenten und Lob. Dopamin wird oft als Glückshormon bezeichnet, aber das ist irreführend. Er sorgt für die Motivation, auf ein Ziel hinzuarbeiten.
Interessant ist, dass der Neurotransmitter nicht nur bei sicherem Erfolg, sondern besonders dann ausgeschüttet wird, wenn eine Belohnung auch nur möglich oder wahrscheinlich ist. Dies war früher enorm wichtig. Heute kann diese Dopaminwirkung auch verhängnisvoll sein. Denn sie ist beispielsweise an der Entwicklung der Glücksspielsucht beteiligt.
Pharmakologische Leistungssteigerung und Dopamin
Einige gestresste Persönlichkeiten unter Leistungsdruck helfen ihrer geistigen Kapazität heutzutage mit pharmakologischen Medikamenten auf die Sprünge. Mitte des 20. Jahrhunderts kam eine Reihe solcher Mittel auf den Markt, die für die Behandlung neurologischer Erkrankungen entwickelt wurden - und scheinen mit ihren Zielsetzungen den Kern des Gehirndopings zu treffen.
Als Spitzenreiter beim pharmakologischen Gehirndoping gilt der Wirkstoff Methylphenidat, der in Deutschland unter dem Markennamen Ritalin bekannt ist. Das Medikament erschien 1954 auf dem deutschsprachigen Markt und kommt besonders Menschen mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS zugute. Methylphenidat ist mit den Amphetaminen verwandt. Die psychostimulierende Substanz hemmt die Wiederaufnahme des Botenstoffs Dopamin. Das Hormon kann zeitweise nicht zurück in die Ursprungszelle gelangen - und wirkt dadurch länger. Damit erfüllt es die Anforderungen an ein effizientes Mittel für’s Neuroenhancement: Das Bedürfnis nach Schlaf und Nahrung wird schwächer, ablenkende Impulse lassen nach, die Konzentration nimmt zu. Vor allem für viele Studierende ist Ritalin das leistungssteigernde Mittel der Wahl.
Für klassische Aufputsch-Drogen wie Amphetamine oder Kokain ist der Wirkmechanismus bekannt: Beide erhöhen die Konzentration anregender Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin in den Synapsen des Gehirns. Dort, im Spalt zwischen den einzelnen Gehirnzellen, docken die Neurotransmitter an Rezeptoren auf den Zelloberflächen an. Dieser Ausnahmezustand hemmt Signale der körperlichen Erschöpfung oder Müdigkeit, auch Hunger, Durst und andere lebenswichtige Funktionen werden unterdrückt.
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Nicht so bei Aufputschmitteln und gängigen Neuro-Enhancern wie Ritalin oder Adderall. Sie halten die Konzentration der Botenstoffe und damit auch den Ausnahmezustand künstlich aufrecht - über Stunden oder länger. ADHS-Patienten hilft dies, weil nach gängiger Lehrmeinung die Anzahl der „Entsorgungskanäle“ für Dopamin und Co. in ihren Synapsen genetisch bedingt höher ist als normal. Ritalin verhindert dies, indem es eine Wiederaufnahme der Neurotransmitter in die Gehirnzellen verhindert. Amphetamine wie Adderall fördern dagegen aktiv die Ausschüttung zusätzlicher Botenstoffmoleküle.
Risiken und Nebenwirkungen des Neuroenhancements
Die Nebenwirkungen solcher Mittel reichen von Kopfschmerzen, Nervosität, Schlaflosigkeit bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Organ-Funktionsschäden, Stimmungsschwankungen oder Persönlichkeitsveränderungen. Der Suchtfaktor ist zudem hoch. "Das Gehirn reagiert auf die ständig erhöhten Dopamin-Konzentrationen, das heißt, sie müssen mit der Zeit die Dosis steigern, wenn sie dieses Level halten wollen. Wenn sie das nicht tun, werden Sie merken, dass sie langsamer werden, vielleicht apathischer, vielleicht auch depressiv.
Tatsächlich bestimmt unsere genetische Beschaffenheit, wie wir auf die Mittel reagieren. Ein bestimmtes Enzym im Gehirn beeinflusst, wie hoch die Dopamin-Konzentration im "Normalzustand" ist. Nimmt nun eine Person mit naturgemäß niedriger Dopamin-Konzentration Ritalin, ist eine Steigerung von Aufmerksamkeit und Wachheit möglich. Doch selbst wenn die genetische Ausgangslage genug Luft nach oben lässt, um die Leistungsfähigkeit durch medikamentöse Dopamin-Manipulation zu steigern: Die Effekte scheinen minimal.
Tatsächlich sei es oft so, dass Menschen sich nach dem Konsum zwar als leistungsfähiger wahrnehmen würden, so Sattler. Aber nur, weil man sich besser oder motivierter fühlt, heißt das noch lange nicht, dass die tatsächliche Performance auch wirklich nach oben geht. "Die Menschen haben das subjektive Gefühl: Da passiert was mit mir.
Alternativen zur pharmakologischen Leistungssteigerung
Es gibt auch natürliche Wege, die Dopaminproduktion im Gehirn anzukurbeln. Dazu gehören:
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- Bewegung: Regelmäßiges Laufen oder andere Ausdauersportarten können den Dopaminspiegel erhöhen und die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen kann die Dopaminproduktion unterstützen.
- Schlaf: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Regeneration des Gehirns und die Aufrechterhaltung eines gesunden Dopaminspiegels.
- Stressmanagement: Chronischer Stress kann den Dopaminspiegel senken. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
Ethische und gesellschaftliche Implikationen
Die Verwendung von Neuroenhancement-Technologien wirft eine Reihe ethischer und gesellschaftlicher Fragen auf. Dazu gehören:
- Gerechtigkeit: Haben alle Menschen gleichen Zugang zu Neuroenhancement-Technologien? Könnte dies zu einer verstärkten Ungleichheit in der Gesellschaft führen?
- Autonomie: Werden Menschen durch den Einsatz von Neuroenhancement-Technologien in ihrer Autonomie eingeschränkt? Können sie noch frei entscheiden, wer sie sein wollen?
- Authentizität: Verändert Neuroenhancement unsere Vorstellung von Authentizität und Selbstverwirklichung? Sind wir noch "wir selbst", wenn wir unsere Fähigkeiten künstlich verbessern?
- Wettbewerbsdruck: Führt Neuroenhancement zu einem ungesunden Wettbewerbsdruck in der Arbeitswelt und im Bildungssystem? Müssen wir uns ständig optimieren, um mithalten zu können?
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