Das Glioblastom ist ein aggressiver, bösartiger Hirntumor, der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grad 4 eingestuft wird, was dem höchsten Schweregrad entspricht. Es handelt sich um den häufigsten primären Hirntumor bei Erwachsenen. Obwohl die Erkrankung nicht heilbar ist, haben medizinische Fortschritte die Überlebenschancen und die Lebensqualität der Patienten verbessert.
Was ist ein Glioblastom?
Das Glioblastom, früher als Glioblastoma multiforme (GBM) bekannt, gehört zur Gruppe der Gliome, die in der Regel nur im Gehirn entstehen. Es wird vermutet, dass diese Tumoren aus dem Stützgewebe des Gehirns (Gliazellen) entstehen. Die Tumorzellen teilen sich meist sehr rasch, was zu einem schnellen und aggressiven Wachstum führen kann. Bei Diagnosestellung können Glioblastome an einer Stelle im Gehirn, aber auch an mehreren Lokalisationen sichtbar sein. Das Wachstum ist diffus und infiltrativ, d. h. die Tumorzellen wachsen unkontrolliert in das gesunde Gehirngewebe hinein. Es wird davon ausgegangen, dass es immer auch Tumorzellen gibt, die für den Arzt nicht sichtbar sind.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Risikofaktoren und Ursachen für die Entstehung von Hirntumoren sind überwiegend unbekannt. Trotz umfangreicher Forschung konnte bisher nicht geklärt werden, was die Ursachen für die Entwicklung von primären Hirntumoren wie dem Glioblastom sind. Nach derzeitigem Wissensstand führen weder Umweltfaktoren, Ernährungsgewohnheiten, seelische Belastungen, Stress noch elektromagnetische Felder im Frequenzbereich des Mobilfunks zu einem höheren Hirntumor-Risiko. Weitere Risikofaktoren werden diskutiert, sind aber nicht belegt.
Einige genetische Erkrankungen erhöhen jedoch das Risiko:
- Neurofibromatose (NF): Eine seltene, erbliche Erkrankung, die mit gutartigen Tumoren im Nervensystem einhergeht, insbesondere pilozytische Astrozytome, welche häufig (beidseitig) am Sehnerv liegen. Charakteristisch für den Neurofibromatose-Typ-2 sind beidseitig gelegene Akustikusneurinome, Tumoren des Rückenmarks oder multiple Meningeome.
- Tuberöse Sklerose (Morbus Bournville-Pringle): Eine Erbkrankheit, die mit Fehlbildungen und Tumoren des Gehirns einhergeht, häufig zusammen mit Hautveränderungen und gutartigen Tumoren anderer Organsysteme.
- Turcot-Syndrom: Eine Erbkrankheit, die bei Kindern zu Medulloblastomen, bei Erwachsenen zum Glioblastom führen kann und mit einer Vielzahl von Polypen im Darm einhergeht.
- Lynch-Syndrom: Führt zu einer erblich bedingten Häufung von Krebserkrankungen der Verdauungsorgane.
- Li-Fraumeni-Syndrom: Eine sehr seltene Erkrankung, die durch eine Keimbahnmutation eines Tumorsuppressor-Gens entsteht; tritt bereits im frühen Lebensalter auf und geht mit einer Reihe verschiedenster Tumore einher.
Als gesichert gilt der schädigende Einfluss ionisierenden Strahlen - etwa im Rahmen einer Strahlentherapie. Die therapeutische Bestrahlung eines anderen Tumors kann ein Glioblastom im Nachgang verursachen. In diesen Fällen geschieht das ungefähr sieben bis neun Jahre nach einer erfolgten Strahlentherapie eines Hirntumors.
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Einige Forschungsergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Radiofrequenzfeldern und der Entstehung von Gliazell-Tumoren (Gliomen) hin, wie sie etwa in der mobilen Kommunikation (mobile Telefone, Antennen des Mobilfunknetzes etc.) Verwendung findet. Allerdings führt die IARC - also die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation - Radiofrequenz-Felder bereits seit 2011 als ein mögliches Karzinogen auf. Eine neue Bewertung ist geplant, zumal nach 2011 durchgeführte Studien die ersten Hinweise bislang nicht bestätigten.
Symptome
Glioblastome können sich innerhalb weniger Wochen entwickeln, so dass unter anderem die folgenden klinischen Symptome in einem kurzen Zeitraum auftreten können:
- Kopfschmerzen: Vor allem nachts und morgens, die im Laufe des Tages besser werden und mit der Zeit immer heftiger werden. Medikamente sind oftmals wirkungslos.
- Übelkeit und Erbrechen: Vor allem morgens aufgrund des erhöhten Hirndrucks.
- Neurologische Herdzeichen: Z.B. Sprachstörungen, Lähmungen oder epileptische Anfälle.
- Wesensveränderungen: Auch anhaltende Müdigkeit (Fatigue) sind möglich.
Die Symptome hängen stark von der Lokalisation des Tumors im Gehirn ab.
Diagnose
Der erste Schritt zur Diagnose ist immer die Anamnese, d. h. ein Abfragen der Krankheitsgeschichte. Anschließend ist eine neurologische Untersuchung notwendig. Spätestens bei dem Nachweis einer Lähmung oder ungewöhnlicher psychischer Veränderungen ist eine Schnittbildgebung des Gehirns erforderlich. Die Diagnose eines Glioblastoms stellen in der Regel Fachärzte für Nervenheilkunde (Neurologen). Sie befragen und untersuchen den Betroffenen eingehend und veranlassen eine Bildgebung des Schädels. Beteiligt sind unter anderem spezialisierte Radiologen (Neuroradiologen) und Neurochirurgen.
Bildgebende Verfahren:
- Magnetresonanztomografie (MRT): Das wichtigste diagnostische Verfahren. Das Tumorgewebe nimmt Kontrastmittel auf und grenzt sich dadurch deutlicher vom umliegenden Gewebe ab.
- Computertomografie (CT): Wenn aus bestimmten Gründen eine MRT nicht möglich ist (etwa bei Trägern eines Herzschrittmachers), führen Ärzte alternativ eine CT-Untersuchung als bildgebendes Verfahren durch (ebenfalls mit Kontrastmittel). In der Notfallmedizin erfolgt diese aufgrund der besseren Verfügbarkeit oft durch eine Computertomografie (CT)
- Positronen-Emissions-Tomografie (PET): Das PET-Verfahren macht Bereiche des Gehirns mit einer erhöhten Stoffwechselrate - wie sie für Hirntumoren charakteristisch ist - sichtbar. Dies erleichtert die weitere Therapieplanung und identifiziert einen geeigneten Ort zur Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) für weitere labordiagnostische Untersuchungen.
Biopsie:
Die bildgebenden Untersuchungen können einen Tumor im Gehirn sehr genau darstellen, ermöglichen aber keine ausreichend zuverlässige Diagnose. Wenn ein Hirntumor gut zugänglich ist, entfernen ihn Ärzte operativ (Resektion). Unter Umständen ist dies nicht möglich, etwa wenn der Betroffene ohnehin stark geschwächt ist. Dann entnehmen die Ärzte gezielt eine Gewebeprobe (stereotaktische Biopsie). Das Tumorgewebe untersuchen Spezialisten, die Pathologen, anschließend im Labor. Erst dann lassen sich die Gewebeeigenschaften genau feststellen und ein Glioblastom endgültig klassifizieren.
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Therapie
Es erfolgt immer eine für die Patientin oder den Patienten individuell passende Behandlung. Jeder einzelne Fall wird in unseren Kliniken in der interdisziplinären Tumorkonferenz thematisiert - von Experten der Neurologie, der Neurochirurgie, der Radiologie, der Onkologie und der Pathologie.
Die Standardbehandlung eines Glioblastoms umfasst in der Regel:
- Operation (Tumorresektion): Der erste Schritt bei der Behandlung eines Glioblastoms ist in der Regel die operative Entfernung, die sogenannte Tumorresektion. Diese zielt auf eine möglichst vollständige Entfernung des sichtbaren Tumoranteils unter Erhalt der verschiedenen neurologischen und kognitiven Funktionen des Gehirns ab. Leider kann dieser Tumor mikroskopisch nicht komplett entfernt werden. Es ist daher eine Nachbehandlung notwendig.
- Strahlentherapie: Im Anschluss an die Resektion oder Biopsie erfolgt im Rahmen der Standardbehandlung eine simultane (gleichzeitige) Bestrahlungs- und Chemotherapie. Bei der Bestrahlung wird die Zellteilung durch hochenergetische ionisierende Strahlen, sogenannte Photonenstrahlung, behindert. Dies hemmt das weitere Wachstum der Tumorzellen und führt im besten Fall auch zum Absterben der Tumorzellen.
- Chemotherapie: Neben der Bestrahlung gehört zur Standardbehandlung des Glioblastoms eine Chemotherapie mit dem Medikament Temozolomid. Die Chemotherapie hindert die Tumorzellen daran, sich zu vermehren.
- Tumor Treating Fields (TTFields): Neben Operation sowie Strahlen- und Chemotherapie gehört die TTFields-Therapie zu den Standardbehandlungen beim Glioblastom und Astrozytom Grad 4 bei Erwachsenen. Es handelt sich bei der TTFields-Therapie um eine lokale, nicht-invasive Behandlung, die zu Hause durchgeführt wird.
Weitere Therapieansätze:
- Immuntherapien (Antikörper etc.): Diese Behandlungsformen können im Rahmen kontrollierter Studien in neuroonkologischen Zentren eingesetzt werden, mit dem Ziel, die Prognose und damit das Überleben zu verbessern.
Behandlungsoptionen im Glioblastom-Rezidiv:
Bei einem erneuten Tumorwachstum (Rezidiv) gibt es kein komplett standardisiertes Vorgehen. Oft gibt es verschiedene zu diskutierende Optionen. Dies hängt von der Tumorlokalisation, Größe und Ausdehnung, dem Zustand der Patienten, der Verträglichkeit bisheriger Therapien und dem grundsätzlichen Patientenwunsch ab. Eine Rezidivbehandlung kann z. B. folgendermaßen aussehen: eine erneute Operation, eine zweite Strahlentherapie (in der Regel maximal zweimal an der gleichen Stelle, mit mindestens sechs Monaten Abstand), eine (erneute) Chemotherapie mit Temozolomid, eine Weiterführung der TTFields-Therapie, eine Chemotherapie mit Lomustin (CCNU), eine medikamentöse Therapie mit Bevacizumab (in Deutschland nur bei Strahlennekrose zugelassen) oder eine experimentelle Therapie mit neueren verfügbaren Substanzen (z. B. auch nach Untersuchung in einem molekularen Tumorboard (MTB), beides nur auf Antrag und mit Genehmigung der Krankenkasse). Auch eine rein palliative Versorgung mit möglichst optimaler Versorgung der Symptome kann bei einem schlechten Zustand eine sinnvolle Möglichkeit sein.
Klinische Studien:
In vielen neuroonkologischen Zentren werden klinische Studien angeboten. In Studien können Patienten unter jeweils bestimmten Voraussetzungen eingeschlossen werden und erhalten somit frühzeitig Zugang zu innovativen Behandlungsverfahren.
Leben mit dem Glioblastom
Eine Rehabilitation kann stationär oder ambulant sinnvoll sein, insbesondere wenn es darum geht, Symptome und Funktionen wie die muskuläre Beweglichkeit oder die Sprache zu verbessern. Erfahrungsgemäß ist es jedoch bei Hirntumorpatienten besonders wichtig, die familiäre und psychische Situation zu bedenken und diejenigen, die gern in ihrer häuslichen und familiären Umgebung sein möchten, nicht um jeden Preis in eine stationäre Rehabilitation ohne ihr Umfeld zu schicken. Oft ist eine Stabilisierung der Situation zu Hause erst einmal wichtiger. Darüber hinaus ist auch immer die Frage zu stellen, wo welches Defizit sinnvoll geübt und behandelt werden kann.
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Patienten, die an einem bösartigen Hirntumor leiden, erleben die Diagnose in der Regel als einen massiven Einschnitt in ihr Leben und als eine sehr starke Belastung. Häufig sind Verunsicherung, Angst und Ärger oder auch eine beeinträchtigte Stimmungslage die Folge. Hinzu kommen mehr oder minder stark ausgeprägte Einbußen der geistigen Funktionen, wie Konzentration und Gedächtnis. All diese Folgen führen oft zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Aber es sind nicht nur die Patienten selbst betroffen, häufig sind auch die Familienangehörigen belastet. Psychoonkologische Betreuung kann hier eine wichtige Unterstützung bieten.
Tipps fürs Ärzt:innengespräch:
- Fragen notieren: Überlegen Sie sich vor dem Gespräch ganz in Ruhe, welche Fragen Sie haben und welche Informationen Sie gern hättet. Schreiben Sie sie sich am besten auf, zumindest als Stichpunkte. So vergesst ihr in der angespannten Situation nichts und könnt mitverfolgen, welche Punkte während eures Gesprächs bereits beantwortet wurden und welche noch offen sind.
- Geht nicht allein: Nehmen Sie wenn möglich eine vertraute Person mit zum Gespräch. Denn auch hier gilt das Prinzip: Vier Ohren hören mehr als zwei.
Nach der Diagnose: 5 Tipps, die jetzt helfen können
- Haben Sie Vertrauen in die Ärzt:innen und die Behandlungsmöglichkeiten
- Suchen Sie sich Halt bei Menschen, die empathisch sind und Ihnen gut tun.
- Verlieren Sie auch in der aussichtslos scheinenden Situation nicht die Hoffnung und gehen Sie von einem positiven Verlauf auf - es gibt genug Beispiele dafür.
- Jeder Fall verläuft individuell. Statistiken müssen für Ihren also nicht repräsentativ sein.
- Informieren Sie sich, aber lassen Sie sich auch nicht von zu viel Input überrollen.
Prognose
Ein Glioblastom ist nicht heilbar. Die Prognose ist zum Beispiel abhängig vom Gesundheitszustand des Erkrankten und vom Tumorstadium. Die Überlebenszeit schwankt zwischen wenigen Monaten und einigen Jahren. Personen, die sich einer Operation, Strahlen- und Chemotherapie unterzogen haben, haben eine mittlere Überlebenszeit von ungefähr 15 Monaten beziehungsweise von wenigen Jahren (etwa zwei bis vier) bei einem Glioblastom mit MGMT-Promotor-Methylierung. Etwa fünf bis sieben Prozent der Betroffenen überlebt durchschnittlich fünf Jahre. Ohne Therapie stirbt eine erkrankte Person unter Umständen bereits nach circa zwei Monaten.
Lebenserwartung und -qualität unterliegen dabei auch individuellen Faktoren. Die Tumorzellen haben nicht bei jedem Betroffenen dieselben Eigenschaften. Einige lassen sich besser behandeln als andere. Schrumpft der Tumor unter einer Therapie schnell zusammen, ist die Glioblastom-Prognose besser als in anderen Fällen.
Außerdem vertragen Erkrankte Chemotherapeutika und Strahlentherapie unterschiedlich gut. Sind die Nebenwirkungen zu stark, schadet eine Glioblastom-Therapie den Betroffenen mehr, als dass sie ihnen nützt. Dann wägen die erkrankte Person, Angehörige und Arzt in einem gemeinsamen Gespräch individuell ab, ob die Behandlung weniger intensiv oder überhaupt weitergeführt wird.
Dadurch beeinflussen Betroffene bis zu einem gewissen Grad selbst den Glioblastom-Verlauf: Sie akzeptieren eine kürzere Lebenszeit, wenn sich dadurch ihre Lebensqualität mit dem Glioblastom verbessert.
Wichtige Hinweise
- "Was hab’ ich?": Vor lauter Fachbegriffen ist ein medizinischer Befund für Laien größtenteils nicht verständlich - und trägt damit eher zur Verunsicherung bei. Hilfe gibt es auf dem von Ansgar Jonietz gegründeten Internet-Portal „Was hab’ ich?“. Hier können Sie Ihre Befunde hochladen, wo sie von Mediziner:innen kostenlos in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden.
- Offener Umgang mit der Krankheit: "Wichtig war mir ein offener Umgang mit der Krankheit gegenüber meinem sozialen Umfeld."
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