Die Frage, ob Religiosität wissenschaftlich erklärt werden kann und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können, beschäftigt viele. Während einige von einem wissenschaftlichen Durchbruch sprechen, sehen andere darin lediglich eine Neuro-Ideologie. In diesem Artikel werden wir uns mit dieser Thematik auseinandersetzen und untersuchen, was solche Funde wirklich bedeuten und wie sie zustandekommen.
Spiritualität - aber nicht Religion? Wie sie in die Wissenschaft passt
In der Evolutionspsychologie wird seit längerem die Frage untersucht, wie Religionen entstehen können. Eine mögliche Erklärung liegt in den Vorteilen, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Strömung mit sich bringen kann, wie beispielsweise engerer Zusammenhalt und dadurch bessere Gesundheit und eine höhere Kinderzahl. Es stellt sich die Frage, ob eine neurowissenschaftliche Erklärung anders wäre und ob sie etwas über die Inhalte religiöser Strömungen aussagen könnte.
Dualismus in der Hirnforschung
Die Neurowissenschaften versprechen, das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zu erklären. Insbesondere die Zurückweisung eines Leib-Seele-Dualismus ist beliebt. Doch solche Schlussfolgerungen sind aus philosophischer Sicht problematisch. Dualistische Positionen werden oft zu einem "Strohmann" verzerrt. So war beispielsweise René Descartes nicht nur Philosoph und Mathematiker, sondern auch Physiologe. Er nahm die Existenz einer immateriellen Seele an, die das Wesensmerkmal des Menschen sei, deren Aktivitäten aber im engen Zusammenhang mit der Hirnaktivierung stünden.
Wenn sich die "Seelentätigkeiten" aber - laut Annahme des Dualisten - im Gehirn äußern, dann kann der Neurowissenschaftler diesen Standpunkt gar nicht widerlegen. Denn wenn dieser behauptet, psychische Vorgänge könne man anhand von Gehirnprozessen identifizieren, widerspricht das gar nicht dem Standpunkt mancher Dualisten.
Hirnforscher, die meinen, mit ihren Verfahren den Leib-Seele-Dualismus widerlegt zu haben, zeugen nicht nur von historischer Unkenntnis ihres eigenen Fachs, sondern verbreiten Unsinn. Es gab und gibt Dualisten, die die Verknüpfung von psychischen und physiologischen Vorgängen nicht nur nicht abstreiten, sondern sogar ausdrücklich annehmen. Deren Standpunkt lässt sich mit Verweis auf neurowissenschaftliche Befunde also nicht einfach so zurückweisen.
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Intermezzo: Neue Studie: Gibt es einen Schaltkreis für Religion und Spiritualität im Gehirn?
Eine neue Studie amerikanischer Ärzte und Hirnforscher berichtete in der Zeitschrift Biological Psychiatry, "Einen neuronalen Schaltkreis für Spiritualität und Religiosität" entdeckt zu haben. Dafür wurden die Daten von Patienten mit Hirnschädigung ausgewertet. Damit wird die Botschaft vermittelt: Religion beziehungsweise Spiritualität sind also doch nur Gehirnkonstrukte.
Doch wenn wir davon ausgehen, dass wir verkörperte Wesen sind und auch unsere psychischen Prozesse verkörpert sind (Embodiment), ist es dann überraschend, dass auch spirituelle Erfahrungen körperlich vermittelt sind und sich daher selbstverständlich auch Gehirnprozesse damit in Zusammenhang bringen lassen? Ein solcher Zusammenhang würde aber nicht das Phänomen an sich (religiöses oder spirituelles Erleben) erklären.
Der neuen Studie auf den Zahn gefühlt
Die amerikanischen Forscher haben hier nicht selbst Daten erhoben, sondern die Ergebnisse italienischer Wissenschaftler aus dem Jahr 2010 neu ausgewertet. Diese hatten Patienten mit einem Hirntumor mithilfe eines Fragebogens über "Selbsttranszendenz" vor und nach der neurochirurgischen Operation befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Werte für Selbsttranszendenz mehr oder weniger unverändert blieben, wenn sich die Tumore im vorderen Bereich der Großhirnrinde befanden. Nach Operationen im hinteren Bereich stiegen sie aber leicht.
Der wesentliche Beitrag der neuen Studie ist die Analyse, ob es einen Knotenpunkt gibt, der all diese Regionen miteinander verbindet. Dabei kommen die Amerikaner nicht auf einen Ort in der Großhirnrinde, sondern das periaquäduktale Grau im Mittelhirn. Diese Struktur hat Verbindungen zum präfrontalen Kortex sowie dem limbischen System und wird allgemein mit Schmerzerleben in Zusammenhang gebracht, aber auch mit Angst-/Fluchtreflexen.
Was wurde überhaupt gemessen?
Die neue Studie verrät wenig darüber, was hier mit Religiosität oder Spiritualität gemeint ist. Die Autoren verweisen auf einen Fragebogen, der "Temperament and Character Inventory" genannt wird. Dieser wurde in den 1990ern von dem US-Psychiater C. Robert Cloninger entwickelt und soll Persönlichkeitszüge messen. Ein Teilaspekt ist Selbsttranszendenz.
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Die italienischen Forscher erklären Selbsttranszendenz wie folgt: "Selbsttranszendenz reflektiert die anhaltende Tendenz, zufällige sensomotorische Repräsentationen zu transzendieren, um das Selbst als integralen Teil des gesamten Universums zu identifizieren." Um diesen Persönlichkeitszug zu erheben, enthält der Fragebogen 33 Fragen, die sich in drei Unterkategorien aufteilen: kreative Selbstvergessenheit, transpersonale Identifikation und spirituelle Akzeptanz. Aus der Anzahl der Ja- und Nein-Antworten berechnet man dann einen Wert, der hier dann für Spiritualität steht.
Fragen über Fragen
Spiritualität ist ein komplexer und vielschichtiger Begriff. Und es ist in empirischer Forschung legitim, mit Vereinfachungen zu arbeiten. Diese darf man hinterher aber nicht einfach vergessen, wenn man seine Ergebnisse interpretiert und kommuniziert.
Douglas A. MacDonald und Daniel Holland zogen 2002 folgendes Fazit: "Obwohl Cloninger und Kollegen (1993) versuchten, Spiritualität in den größeren Bereich der Persönlichkeit aufzunehmen, erscheint ihre Konzeptualisierung und Einschätzung dieses Konstrukts als problematisch. Bis erheblich mehr psychometrische Arbeit geleistet wurde, mit der die Gültigkeit der Teilkomponenten von Selbsttranszendenz bestätigt wird, sind Forscher gut darin beraten, die Ergebnisse mit Vorsicht zu verwenden und zu interpretieren […]."
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Der lange Darm und die Magische 7
Der menschliche Darm ist ungefähr 7 Meter lang. Die "Magische 7" nimmt seit altersher und in allen Kulturen als kosmische Zahl eine Sonderstellung ein. Man nimmt an, dass die 7 als so besonders wahrgenommen wurde, weil die Menschen 7 Himmelskörper zählten, die als göttliche Wesen gedeutet wurden: Fünf Planeten konnten mit bloßem Auge beobachtet werden und lenkten zusammen mit der Sonne und dem Mond das irdische Geschehen. Außerdem strukturieren die Mondphasen den natürlichen Rhythmus aller Menschen, auch sie werden von der 7 bestimmt, denn sieben mal vier ergibt einen Mondmonat.
7 ist die Summe von 3 und 4. Die 3 steht für das Göttliche und Transzendente (Dreifaltigkeit im Christentum; Zeus, Poseidon und Hades teilen sich die Herrschaft über Götter und Menschen in der griechischen Mythologie; Isis, Osiris und Horus in der ägyptischen Mythologie; Brahma, Vishnu und Shiva in der hinduistischen Mythologie und viele andere Beispiele für die 3 als Zahl des Göttlichen). Die 4 steht für das Irdische (4 Himmelsrichtungen, 4 Winde, 4 Jahreszeiten, 4 Füße der Säugetiere, 4 Reifen am Auto, das ist alles sehr irdisch). Wenn man also die göttliche 3 und die irdische 4 addiert, erhält man die ganz besonders magische Zahl 7.
Die Magische 7 findet sich in vielen Bereichen wieder: In Geschichten (Der Wolf und die 7 Geißlein, Schneewittchen und die 7 Zwerge), in der Natur (7 Tore zur Welt des Menschen, 7 Sinne des Menschen, 7 Richtungen, 7 Farben des Regenbogens, 7 Kontinente, 7 Weltmeere) und in der Kultur (7 Weltwunder, 7 Tugenden der Samurai).
Humor und Lachen
Humor gilt als die Begabung, den alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens mit Leichtigkeit und heiterer Gelassenheit zu begegnen. Die Art und Weise, wie sich Humor ausdrückt, ist sehr stark kulturabhängig. Was genau jemand komisch findet, ist außerdem nicht genetisch bestimmt. Es gibt eine Annahme darüber, was Menschen allgemein als witzig empfinden. Das sind kleine oder große Grenzüberschreitungen im Alltag.
Beim Lachen sind mehrere Hirnregionen beteiligt, die wie ein Schaltkreis funktionieren. Im Stirnlappen und Hinterhauptlappen sind Gebiete aktiv, die für das Verstehen von Wörtern, Metaphern und der Pointe zuständig sind. Für die emotionale Verarbeitung ist der sogenannte Mandelkern zuständig. Dieser löst dann ein Gefühl der Erheiterung aus. Im Hirnstamm wird anschließend das Lachen angestoßen, indem Gesichtsmuskeln und Stimmbänder aktiviert werden - also die motorische Komponente, das eigentliche Lachen.