Die Frage nach der Rolle der Religion in unserer Gesellschaft und der möglichen Existenz einer transzendenten Dimension ist aktueller denn je. Während lange Zeit eine fortschreitende Säkularisierung angenommen wurde, zeigt die Realität, dass Religion weiterhin eine bedeutende Rolle spielt. Dies hat zu einer erneuten Auseinandersetzung mit metaphysischen Fragen geführt, insbesondere im Kontext der Hirnforschung. Das Newberg-Experiment ist ein wichtiger Beitrag zu dieser Debatte, der jedoch auch kritisch hinterfragt werden muss.
Die Renaissance der Metaphysik
Das Interesse an metaphysischen Dimensionen der Religion nimmt auch in Europa zu. Dies ist unter anderem auf Migrationsbewegungen zurückzuführen, die uns mit intensiver Religiosität konfrontieren. Hier treffen unterschiedliche Prinzipien aufeinander: Einerseits die Reduktion von Religion durch die Aufklärung, andererseits das Toleranzprinzip, das die Authentizität fremder Religionen respektiert. Diese Konfrontation führt zu einer Rückbesinnung auf die eigenen metaphysischen Wurzeln.
Ohne Metaphysik ist es schwierig, nach Antworten auf grundlegende Fragen zu suchen, wie beispielsweise nach dem, was nach dem Tod mit der Seele geschieht, was uns zur Erkenntnis befähigt oder ob es einen freien Willen gibt. Kritiker argumentieren jedoch, dass viele Menschen die Errungenschaften der Aufklärung nicht annehmen wollen und sich lieber dem "Opium" der Religion zuwenden, um ihr Leid zu lindern. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz, da Religion auch ein Motor für Kritik an bestehenden Verhältnissen sein kann und mit Dankbarkeit und Staunen über die Vielfalt der Welt verbunden ist.
Das Newberg-Experiment: Gott im Gehirn?
Die sogenannte Neurotheologie versucht, religiöse Erfahrungen neurowissenschaftlich zu untersuchen. Ein bekanntes Beispiel ist das Experiment des amerikanischen Radiologen Andrew Newberg. Er untersuchte die Gehirnaktivität von buddhistischen Mönchen und Franziskanerinnen während Meditation und Gebet. Mithilfe eines Computertomographen stellte er fest, dass in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem oberen Scheitellappen, während der Versenkung eine verminderte Aktivität herrschte. Dieser Bereich ist normalerweise für die räumliche Orientierung und die Unterscheidung zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt zuständig.
Diese Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Religion lediglich eine Frage von Neuronen ist und Gott ein "Hirngespinst". Kritiker merken jedoch an, dass der Versuch, Religion im Gehirn zu lokalisieren, nicht neu ist. Schon immer wurde versucht, den Ort der Religion im menschlichen Leben zu verorten, sei es im Herzen, im Gemüt, im Magen oder im Gewissen. Das Problem dabei ist, dass solche Versuche Religion oft auf bestimmte Bereiche beschränken und somit ihren umfassenden Charakter verkennen.
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Theologen betonen, dass Körper, Geist und Seele untrennbar miteinander verbunden sind. Es ist ein Unterschied, ob man religiöse Aktivität im Gehirn widerspiegelt findet oder ob man Gott im Gehirn lokalisiert. Die Ergebnisse spiegeln lediglich die Erfahrung von Menschen wider, dass sich religiöse Aktivitäten in irgendeiner Form in der Leiberfahrung widerspiegeln. Religiöse Erfahrungen haben immer eine leibliche Dimension.
Religiöses Erleben und veränderte Bewusstseinszustände
Ein weiteres Forschungsergebnis zeigt, dass dieselben Hirnaktivitäten, die sich bei Meditation und Gebet beobachten lassen, auch bei epileptischen Anfällen und beim LSD-Rausch stattfinden. Dies wirft die Frage auf, ob religiöses Erleben nicht mehr als ein Hirnphänomen ist, das man mit Drogen gezielt erzeugen kann.
Auch diese Erkenntnis ist nicht neu. Drogen wurden in der Religion schon immer eingesetzt, vom Weihrauch bis zu Pilzen. Es ist jedoch wichtig, vorsichtig mit Schlussfolgerungen umzugehen, da die Vernetzungen im Gehirn und das Thema Bewusstsein noch viele offene Fragen aufwerfen.
Weitere neurowissenschaftliche Erkenntnisse
Andrew Newberg blieb nicht der einzige Forscher, der dem "Gottesmodul" im Menschen auf die Spur zu kommen suchte. Richard J. Davidson verglich buddhistische Meditationsprofis und eine Gruppe von Studenten. Die Aufnahmen des Elektroenzephaloprogramms (EEG) zeigten bei den Mönchen einen gigantischen Anstieg der Aktivität der sogenannten Gamma-Wellen in jenen Hirnregionen, die für positive Emotionen wie Glück, Mitgefühl, Liebe zuständig sind.
Professor Michael Persinger erregte Aufsehen mit einem umgebauten Motorradhelm, der im Gehirn seiner Versuchspersonen ein Magnetfeld erzeugte und spirituelle Schwingungen hervorrief. Fast 80 Prozent der Probanden gaben an, religiöse Erlebnisse gehabt zu haben.
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Die Bedeutung des Unbewussten
Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung räumte mit der Vorstellung auf, der Mensch sei ein von der Vernunft geleitetes Individuum. Stattdessen betonte er die Bedeutung des Unbewussten, der archetypischen Kräfte und der kollektiven Menschheitserfahrungen.
Auch Albert Einstein betonte die Bedeutung des Mystischen: "Das schönste und tiefste Gefühl, das wir erfahren können, ist die Wahrnehmung des Mystischen. Sie ist die Quelle aller wahren Wissenschaft."
Kritik an der Neurotheologie
Der Innsbrucker Jesuit Hans Goller betont, dass die Neurotheologie lediglich feststellen kann, was im Gehirn abläuft, wenn jemand ein religiöses Erlebnis hat, religiöse Rituale ausführt oder meditiert. Sie sagt jedoch nichts über Religion oder Theologie aus. Die bunten Hirnbilder geben uns keinen direkten Zugang zum Inhalt des Bewusstseins.
Goller kritisiert auch, dass die Neurotheologen oft eine oberflächliche Form von Religion im Blick haben, bei der es um die Suche nach Sicherheit und Schutz geht. Der christliche Glaube hingegen ist ein Sprung ins Risiko, ein Sicheinlassen auf einen Gott, der sich nicht manipulieren lässt.
Die Neurotheologie im wissenschaftlichen Diskurs
Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren eine zentrale Stellung im wissenschaftlichen Diskurs erobert. Neue Disziplinen wie Neuroinformatik, Neurolinguistik, Neuropsychologie und Neuropädagogik haben sich etabliert und gewinnen zunehmend an Einfluss. Diese Disziplinen liefern scheinbar "harte" Fakten über das menschliche Bewusstsein.
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Die Neurotheologie ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass sie religiöse Erfahrungen auf neurologische Prozesse reduziert und die subjektive Bedeutung und den kulturellen Kontext vernachlässigt.
Die Suche nach dem "Gottes-Gen"
Ein umstrittener Versuch stammt von dem Molekularbiologen Dean Hamer. Er entdeckte angeblich ein "Gottes-Gen", das für die Fähigkeit zu glauben verantwortlich sein soll. Allerdings warnte Hamer selbst vor einer falschen Deutung seiner Ergebnisse.
Religiöse Erfahrung durch kognitive Deutung?
Das Düsseldorfer Forscherteam von Nina Azari identifizierte kognitive Bewertungsprozesse als entscheidenden Faktor der neuropsychologischen Religionsforschung. Die Messungen ihrer Hirnaktivitäten im Kernspintomografen ergaben, dass bei den Christen während des Vorlesens ganz andere Hirnareale aktiviert wurden als bei den Atheisten.
Religiöse Erfahrung durch soziale Zuschreibung?
Eine dänische Forschergruppe um Uffe Schjoedt hat Hinweise dafür gefunden, dass Hirnregionen, die Aufmerksamkeit und kritisches Denken steuern, bei hochreligiösen Menschen in der Gegenwart charismatischer Leiter deaktiviert werden.