Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Es dient als Kommunikationsmittel, Informationsquelle, Unterhaltungsgerät und vieles mehr. Doch die ständige Verfügbarkeit und die damit einhergehende Ablenkung durch das Handy werfen Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf soziale Interaktionen und Lernumgebungen. Eine aktuelle Studie deutet darauf hin, dass bereits der Anblick eines Smartphones Aufmerksamkeit bindet und ablenkt.
Die kognitive Belastung durch Smartphones
Die Forschenden der Uni Paderborn erklären diesen Effekt in ihrer aktuellen Veröffentlichung im Journal Nature folgendermaßen: Der Anblick eines Smartphones bindet kognitive Ressourcen, weil wir quasi kontinuierlich Impulse wie "Ich möchte jetzt mit meinem Smartphone spielen" unterdrücken müssen. Um dem Drang zu widerstehen, muss unser Gehirn arbeiten: Die Fähigkeit, vergangene und gegenwärtige Handlungen zu organisieren, zu planen, zu analysieren und zu vergleichen sowie Impulse zu kontrollieren, wird als exekutive Funktion bezeichnet. All das fällt unserem Gehirn nicht schwer, aber: Unsere kognitiven Ressourcen sind begrenzt. Bindet des Smartphone unsere Ressourcen, werden sie unter Umständen woanders abgezogen - und wir sind dann beispielsweise nicht mehr so präsent im Gespräch. Dieses Denken geht auf die Cognitive Load Theory (CLT) zurück. Diese Theorie wurde bereits in den 1980er Jahren aufgestellt und geht davon aus, dass Lernen mit kognitiver Belastung verbunden ist.
Dieses Phänomen, bei dem die bloße Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, wird als "Brain Drain"-Effekt bezeichnet. Eine Meta-Analyse von 22 Studien bestätigte diesen Effekt. Die Ergebnisse zeigen, dass Gedächtnisleistungen und Aufmerksamkeit stärker betroffen sind als das Erledigen einfacher Leistungstests. Interessanterweise sind die negativen Effekte in Asien stärker ausgeprägt als in Nordamerika und Europa.
Auswirkungen auf soziale Interaktionen
Die ständige Verfügbarkeit des Smartphones führt dazu, dass direkte Kommunikationssituationen sich immer öfter mit digitalen überschneiden. Die Aufmerksamkeit muss bei einer Interaktion in Kopräsenz zugunsten des Smartphonegebrauchs immer öfter zurückstehen. Dies liegt u.a. an der Frequenz, in der das Smartphone zur Hand genommen wird: Der Blick auf den Bildschirm erfolgt durchschnittlich alle 12 Minuten, d.h. mehr als 80-mal pro Tag, und insgesamt wird das Smartphone bis zu 2,5 Stunden am Tag genutzt. Dies unterbricht aktuelle Tätigkeiten wie auch direkte Kommunikationssituationen und führt zu Aufmerksamkeitsdefiziten einer oder mehrerer Gesprächspartner.
Die Forschung zeigt, dass die digitale Ablenkung durch Smartphones oder Tablets bei Kindern - besonders im Alter bis fünf Jahre - mehr Schaden anrichten kann, als den meisten Eltern wohl bewusst ist. In der Forschung wird das als Technologie-Interferenz bezeichnet, kurz Technoferenz. Kinder, deren Eltern häufig am Gerät waren, zeigten geringere kognitive Fähigkeiten, eher emotionale Probleme sowie Verhaltensprobleme und verhielten sich weniger sozial. Außerdem hätten diese Kinder eine insgesamt schwächere Bindung an ihre Eltern und verbrächten selbst viel Zeit vor Bildschirmen.
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Handyverbote an Schulen: Eine kontroverse Maßnahme
Angesichts der besorgniserregenden Zahlen zur Handynutzung führen immer mehr Regierungen flächendeckend allgemeine Handyverbote an Schulen ein, zuletzt in Finnland, Dänemark, England und den Niederlanden. Auch in Deutschland denken immer mehr Schulen darüber nach, die private Handynutzung auf dem Schulgelände zu verbieten.
Konkrete wissenschaftliche Untersuchungen, wie sich ein generelles Handyverbot auf den Lernerfolg auswirkt, gibt es nur wenige. Eine 2016 veröffentlichte Studie aus England stellte fest, dass sich an weiterführenden Schulen, die ein Handyverbot einführten, die Testergebnisse deutlich verbesserten. Besonders stark war der Anstieg bei den leistungsschwächsten Schülerinnen und Schülern.
Allerdings wurden die Daten, auf die sich die englische Studie bezieht, zwischen 2001 und 2013 erhoben. Damals waren Smartphones im Schulalltag längst nicht so präsent wie heute und ein Handyverbot vermutlich leichter durchzusetzen. So argumentiert zumindest ein schwedisches Forscherteam. In ihrer Studie von 2019 wollten die Forscher die Ergebnisse aus England mit neueren Daten replizieren, konnten aber keinen positiven Effekt eines Handyverbots nachweisen.
Ein umfassender Überblick über den internationalen Forschungsstand findet sich in einer aktuellen Scoping-Review von Campbell et al. (2024), die 22 Studien aus zwölf Ländern analysiert. Das Autorenteam untersuchte, ob Handyverbote an Schulen tatsächlich die schulischen Leistungen verbessern, das psychische Wohlbefinden stärken und Cybermobbing verringern. Die Ergebnisse zeigen ein uneinheitliches Bild: Während einige Studien Hinweise auf positive Effekte geben - etwa bei Schülerinnen und Schülern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien oder hinsichtlich einer Abnahme von Mobbing-Vorfällen bei älteren Jugendlichen - finden andere Studien keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Handyverboten und schulischem Erfolg oder Wohlbefinden. Das Autorenteam mahnt daher zur Zurückhaltung bei politischen Entscheidungen und spricht sich für eine differenzierte Betrachtung aus.
Die Situation an deutschen Schulen
Die PISA-Studie ist bekannt dafür, die Fachkompetenzen von 15-Jährigen zu messen, doch die Studie befragt sie regelmäßig zu anderen Aspekten des Schulalltags - zuletzt auch zum Thema Handynutzung. Die Daten der PISA-Studie zeichnen ein heterogenes Bild. 40 Prozent der befragten 15-Jährigen geben an, ihr Handy überhaupt nicht in der Schule zu nutzen.
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Die Daten von PISA 2022 deuten auch darauf hin, dass es nicht unbedingt das Handy selbst ist, das ablenkt, sondern der Druck, immer erreichbar zu sein. Jeder dritte Jugendliche gibt an, nervös zu werden, wenn das Handy nicht in Reichweite ist. Jeder vierte Jugendliche gibt an, die Handy-Benachrichtigungen während des Unterrichts nie oder fast nie auszuschalten. Etwa jeder Vierte gibt an, Druck zu verspüren, während des Unterrichts auf Nachrichten zu antworten.
Ein klares und leicht nachvollziehbares Ergebnis: Je länger die Jugendlichen zum Zeitvertreib am Handy hängen, desto schlechter sind ihre Leistungen. Diejenigen, die in der Schule fünf Stunden oder mehr am Handy verbringen, haben einen Lernrückstand von etwa zwei Jahren gegenüber denjenigen, die weniger als eine Stunde ihrer Schulzeit am Handy sind.
Laut einer Befragung der Schulleitungen im Rahmen von PISA besuchen 59 Prozent der Jugendlichen eine Schule mit einem generellen Handyverbot. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Schulen. Drei von vier Schulen in sozial kritischer Lage haben ein pauschales Handyverbot, bei den Schulen in privilegierter Lage ist es nur jede zweite. Besonders häufig gibt es ein Handyverbot auch an Privatschulen.
Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass sich bei einem Verbot nur 17 Prozent der Jugendlichen daran halten und nie oder fast nie zum Handy greifen. 34 Prozent greifen trotz Verbot täglich oder mehrmals täglich zum Handy. Dennoch bleiben die Verbote nicht ohne Wirkung. Ohne Verbot greifen 47 Prozent täglich in der Schule zum Handy.
Unterschiedliche Ansichten und Lösungsansätze
Katharina Scheiter von Schulportal bezeichnet die aktuelle Diskussion um Handyverbote an Schulen als Scheindebatte. Sie betont, dass die private Handynutzung im Unterricht und den Einsatz digitaler Medien zu Bildungszwecken getrennt betrachtet werden sollten. Es komme auf klare Klassenregeln an. Wer entscheidet, ob und wann das digitale Medium genutzt werden darf? Es geht darum, mit den Kindern und Jugendlichen eine angemessene Nutzung einzuüben. Es bringt nichts, wenn Kinder den ganzen Vormittag zwanghaft den Griff zum Handy unterdrücken und kompensatorisch am Nachmittag unkontrolliert damit herumspielen. Es geht um Fragen wie: Welche Rolle spielt das Handy für mich? Muss ich immer genau wissen, was meine Freundinnen und Freunde gerade machen? Kann ich gar nicht mehr ohne Handy leben? Wir müssen den Kindern Strategien an die Hand geben, wie sie mit solchen Situationen umgehen können.
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Aktuelle Regelungen in den Bundesländern
Bildung ist Ländersache, daher regeln die Bundesländer die Frage der Handynutzung an Schulen selbst. Die meisten Bundesländer haben im Schuljahr 2025/26 neue Regelung oder Empfehlungen zur Handynutzung an Schulen ausgegeben.
- In Nordrhein-Westfalen sind die Schulen selbst für Regeln zur Handynutzung verantwortlich. Etwa die Hälfte aller weiterführenden Schulen untersagt vollständig die Nutzung von Smartphones im Schulbetrieb. Die andere Hälfte erlaubt eine klar begrenzte Nutzung.
- In Bremen gilt ein einheitliches Handyverbot: An Grundschulen und weiterführenden Schulen bis zur 10. Klasse müssen Handys auf dem Schulgelände ausgeschaltet bleiben.
- Sachsen bereitet ein Verbot an Grundschulen vor.
- Mecklenburg-Vorpommern hat klare Empfehlungen zum Umgang mit privaten Smartphones herausgegeben.
- Länder wie Sachsen-Anhalt, Berlin oder Hamburg verweisen auf die Entscheidungskompetenzen der Schulen. Landesweite Verbote sind nicht geplant.
- Schleswig-Holstein hat ab dem Schuljahr 2025/26 die private Nutzung von Smartphones, Tablets oder Laptops bis zur neunten Klasse in den Schulen verboten.
- In Brandenburg sind mit dem Schuljahr 2025/26 Handys an Grundschulen im Unterricht verboten.
- Die Schulen in Niedersachsen und Hamburg sind aufgefordert, binnen eines Jahres verbindliche Regeln zur Nutzung von Smartphones und Smartwatches festzulegen.
- An Thüringens Grundschulen und in der Primarstufe von Förder- und Gemeinschaftsschulen dürfen die Kinder ihre Smartphones nicht mehr privat nutzen.
- In Hessen ist ab dem Schuljahr 2025/2026 die private Nutzung von Handys in Schulen grundsätzlich verboten.
- Baden-Württemberg: Künftig müssen sich alle Schulen im Land verbindliche Regeln für den Umgang mit den Geräten geben.
- In Bayern können sich Schulen oberhalb der Grundschule eine eigene „Nutzungsordnung“ für die private Nutzung von Handys geben, ansonsten gilt grundsätzlich ein Handyverbot. An Grundschulen sind Smartphones außerhalb des Unterrichts tabu.
- Im Saarland ist die Benutzung von privaten Smartphones und Smartwatches in den ersten vier Jahrgangsstufen der Grund- und Förderschulen verboten.
Strategien für einen bewussten Umgang mit dem Smartphone
Unabhängig von Verboten oder Regeln gibt es verschiedene Strategien, um einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone zu fördern:
- Klare Regeln und Vereinbarungen: Familien, Schulen und Gruppen können klare Regeln für die Handynutzung festlegen, z.B. handyfreie Zonen oder Zeiten.
- Achtsamkeitstraining: Achtsamkeitstechniken können helfen, die eigene Handynutzung bewusster wahrzunehmen und den Drang zur ständigen Nutzung zu reduzieren.
- Fokus-Funktionen: Smartphones bieten Fokus-Funktionen, mit denen sich das Ablenkungspotential reduzieren lässt, indem Anrufe und Mitteilungen abgeschaltet oder auf einen engen Kreis von Personen eingeschränkt werden.
- Apps zur Selbstkontrolle: Es gibt Apps, die die Handynutzung protokollieren und helfen, sie zu reduzieren.
- Bildschirmfreie Zeiten und Zonen schaffen: Eltern sollten sich bewusst machen, welche Technikgewohnheiten sie haben und bildschirmfreie Zeiten und Zonen schaffen - vor allem im Umgang mit dem Nachwuchs.
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