In unserer zunehmend digitalisierten Welt sind Tablets und Smartphones allgegenwärtig geworden. Auch Kinder kommen immer früher mit diesen Geräten in Kontakt. Während digitale Medien viele Vorteile bieten, mehren sich die Warnungen von Kinderärzten und Experten bezüglich der Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Diese Auswirkungen betreffen insbesondere die Gehirnentwicklung, das Sozialverhalten und die psychische Gesundheit von Kindern.
Einführung
Die frühe Kindheit ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung des Gehirns und den Aufbau wichtiger sozialer und emotionaler Fähigkeiten. Der ungestörte Aufbau einer sicheren Bindung zu den primären Bezugspersonen, die ungeteilte Aufmerksamkeit und die Möglichkeit zu freiem Spiel sind essenziell für eine gesunde Entwicklung. Wenn diese Prozesse durch die Nutzung digitaler Medien beeinträchtigt werden, kann dies langfristige Folgen haben.
Die senso-motorische Phase und ihre Bedeutung
In den ersten zwei Lebensjahren, der sogenannten senso-motorischen Phase, lernen Kinder primär durch Bewegung und sensorische Erfahrungen. Durch das Erkunden der Welt mit allen Sinnen werden Gehirnzellen miteinander verknüpft und die Grundlage für das spätere Denken gelegt. Wenn Kinder jedoch zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, wird ihre natürliche Bewegungslust eingeschränkt. Die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens kommen nicht ausreichend zum Einsatz.
Einschränkungen durch Bildschirmmedien
Bildschirmmedien bieten nur eine Abstraktion der dinglichen Welt. Was Kinder sehen, ist flächig und kann nicht angefasst, geschmeckt, gerochen oder ertastet werden. Diese fehlenden sensorischen Erfahrungen können die Entwicklung des Körperempfindens und des Selbstwirksamkeitsempfindens beeinträchtigen. Auch die Feinmotorik, die für die Ausbildung spezieller Strukturen im Stirnhirn wichtig ist, wird durch das ausschließliche Antippen von Tasten oder Wischen vernachlässigt.
Auswirkungen auf die Hirnstruktur und -funktion
Studien haben gezeigt, dass eine hohe Nutzungsdauer digitaler Medien bei kleinen Kindern zu Veränderungen in der Hirnstruktur führen kann. Hirnbereiche, die mit Sprache und dem Erlernen von Schreiben und Lesen verbunden sind, können weniger strukturiert sein und eine geringere Dichte an Neuronen aufweisen. Auch die Myelinisierung in diesen Bereichen kann reduziert sein.
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Das Belohnungssystem und die Suchtgefahr
Das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen löst im Gehirn ein Reizbombardement aus, das vor allem das Belohnungssystem im limbischen System trifft. Bei kleinen Kindern kann dies zu einer Überreizung des Belohnungssystems führen, wodurch bestimmte Hirnbereiche zu schnell und unzulänglich reifen, während andere sich nicht voll entfalten können.
Der digitale Sinnesreiz schießt sich auf verkürztem Weg direkt ins Belohnungszentrum und trickst den zum Lernen notwendigen Weg über den Hippocampus und den Gedächtnisspeicher im Großhirn aus. Dies kann zu einer Art Abhängigkeit führen, bei der Kinder immer wieder den Dopamin-Kick suchen, der durch die Nutzung digitaler Medien ausgelöst wird.
Soziale und emotionale Entwicklung
Neben den Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung kann die übermäßige Nutzung digitaler Medien auch die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. In den ersten Lebensjahren lernen Kinder soziales Verhalten vor allem durch Gefühlsansteckung und Nachahmung. Das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern ist essenziell, um sich in andere hineinzuversetzen, Konflikte zu lösen und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
Beeinträchtigungen durch digitale Medien
Wenn Kinder jedoch zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, fehlt ihnen die Möglichkeit, diese wichtigen sozialen Erfahrungen zu sammeln. Sie lernen nicht, ihre Willenskraft aufzuwenden, um etwas zu erreichen, und spüren nicht die positiven Gefühle über das Erreichte. Dies kann zu einer verminderten Leistungsbereitschaft und einem Rückgang des natürlichen Spieltriebs führen.
Empfehlungen für den Umgang mit digitalen Medien
Um die negativen Auswirkungen digitaler Medien auf die kindliche Entwicklung zu minimieren, ist es wichtig, klare Regeln für die Mediennutzung festzulegen und diese konsequent einzuhalten. Experten empfehlen, dass Kinder unter drei Jahren gar keine Bildschirmmedien nutzen sollten. Für ältere Kinder sollten die täglichen Nutzungszeiten begrenzt werden, wobei weniger oft mehr ist.
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Die Rolle der Eltern
Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Medienerziehung ihrer Kinder. Sie sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und selbst einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien pflegen. Es ist wichtig, handyfreie Zeiten und Zonen zu schaffen, insbesondere während gemeinsamer Mahlzeiten, Spielzeiten und vor dem Schlafengehen.
Statt digitale Medien als Babysitter einzusetzen, sollten Eltern die Zeit mit ihren Kindern aktiv gestalten und ihnen alternative Beschäftigungen anbieten, wie Sport, Musik, Bewegungsspiele oder kreative Hobbys. Auch das gemeinsame Ansehen von altersgerechten Inhalten und das anschließende Gespräch darüber kann die Medienkompetenz der Kinder fördern.
Digitale Medien in Kitas und Schulen
Auch in Kitas und Schulen sollte der Einsatz digitaler Medien kritisch hinterfragt werden. Es gibt keinen wissenschaftlich fundierten Grund, digitale Medien in der frühkindlichen Bildung einzusetzen. Im Gegenteil, sie können die entwicklungsfördernden Aktivitäten der Kinder beeinträchtigen und zu einer Überreizung führen.
Die Bedeutung des freien Spiels
Statt auf digitale Medien zu setzen, sollten Kitas und Schulen den Kindern ausreichend Zeit und Raum für freies Spiel bieten. Im Spiel können Kinder ihre Kreativität entfalten, soziale Kompetenzen erwerben und ihre körperlichen Fähigkeiten entwickeln.
Die Notbremse ziehen
Angesichts der zunehmenden Zahl von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten ist es wichtig, die Notbremse zu ziehen und ein klares NEIN zur Digitalisierung im Kita- und Grundschulbereich zu sagen. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Kinder die bestmöglichen Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung erhalten.
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