Hemispasmus facialis: Neurovaskuläre Ursachen, Klinik und Therapie

Einführung

Der Hemispasmus facialis ist eine seltene neurologische Erkrankung, die durch unwillkürliche, einseitige Zuckungen der Gesichtsmuskulatur gekennzeichnet ist. Obwohl nicht lebensbedrohlich, kann diese Bewegungsstörung für die Betroffenen einen erheblichen psychosozialen Stress bedeuten und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Oft vergehen Jahre, bis die korrekte Diagnose gestellt wird. Dieser Artikel beleuchtet die neurovaskulären Ursachen des Hemispasmus facialis, die klinische Präsentation sowie die verschiedenen Therapieoptionen.

Was ist Hemispasmus facialis?

Der Hemispasmus facialis ist eine seltene Erkrankung, die etwa 11 von 100.000 Menschen betrifft. Die Erkrankung ist oft schwer zu erkennen und die Ursache der unwillkürlichen Bewegungsstörung bleibt häufig unbekannt. Im Durchschnitt dauert es etwa acht Jahre, bis ein Arzt die richtige Diagnose stellt. Obwohl die Bewegungsstörung nicht lebensbedrohlich ist, ist sie mit einem hohen psychosozialen Stress verbunden, der den Leidensdruck der Betroffenen stark erhöht.

Symptome

Die typischen Symptome des Hemispasmus facialis sind:

  • Unwillkürliches, einseitiges Zusammenziehen der Gesichtsmuskulatur
  • Häufiges, kurzzeitiges Zukneifen des Auges
  • Verziehen des Mundwinkels

Die Bewegungen sind für die Betroffenen nicht kontrollierbar und werden durch emotionale Erregung oft verstärkt.

Ursachen des Hemispasmus facialis

Die Hauptursache für den Hemispasmus facialis ist ein Gefäß-Nerven-Konflikt im Bereich des Hirnstamms. In den meisten Fällen liegt eine kleine Arterie in unmittelbarer Nähe des Nervus facialis (VII. Hirnnerv), der für die Steuerung der Gesichtsmuskulatur verantwortlich ist. Die Gefäßpulsationen üben Druck auf den Nerven aus und führen so zu einer Übererregung und den typischen Muskelzuckungen.

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Neurovaskuläre Kompressionssyndrome

Der Hemispasmus facialis gehört zu den sogenannten neurovaskulären Kompressionssyndromen. Dabei handelt es sich um Funktionsstörungen der Hirnnerven, die durch den Druck eines Blutgefäßes auf den entsprechenden Nerven verursacht werden. Weitere Beispiele für solche Syndrome sind die Trigeminusneuralgie und die Vestibularisparoxysmie. Bei der Vestibularisparoxysmie löst eine bestimmte Kopfdrehung oder -haltung durch den Gefäß-Nerven-Kontakt ein heftiges Schwindelgefühl aus.

Diagnostik

Die Diagnose des Hemispasmus facialis basiert in erster Linie auf der klinischen Untersuchung und der Anamnese des Patienten. Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) können eingesetzt werden, um den Gefäß-Nerven-Kontakt darzustellen und andere mögliche Ursachen für die Gesichtszuckungen auszuschließen.

Therapieoptionen

Die Behandlung des Hemispasmus facialis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieoptionen, die je nach Schweregrad der Erkrankung und individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden können.

Medikamentöse Therapie

In erster Linie kommt eine medikamentöse Therapie mit nervendämpfenden Substanzen, wie z.B. Antikonvulsiva, in Frage.

Botulinumtoxin-Injektionen

Eine sehr effektive Methode zur Kontrolle des Hemispasmus facialis ist die Behandlung mit Botulinumtoxin. Bei etwa 90 Prozent der Betroffenen lässt sich das Krankheitsbild damit gut kontrollieren. Botulinumtoxin wird in die betroffenen Gesichtsmuskeln injiziert, um die Impulsübertragung von den Nerven auf die Muskeln zu blockieren. Dadurch werden die Muskeln gezielt geschwächt und die Zuckungen fallen weniger heftig aus. Die Wirkung der Injektionen hält in der Regel drei bis vier Monate an, danach muss die Behandlung wiederholt werden. Die Injektionsbehandlung entspricht im Wesentlichen der des Blepharospasmus, zum Teil mit Einbeziehen des Stirnmuskels, der Muskulatur am Mundwinkel und der oberflächlichen Muskulatur am Hals (Platysma). Mögliche Nebenwirkungen entsprechen denen der Behandlung des Blepharospasmus. Ein hängender Mundwinkel kann auch auftreten. Wie alle durch Botulinumtoxin verursachten Wirkungen sind auch die Nebenwirkungen komplett reversibel, meistens sogar viel schneller.

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Operative Therapie: Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta

Wenn die medikamentöse Behandlung keinen Erfolg zeigt oder die Nebenwirkungen überwiegen, kann eine operative Therapie in Erwägung gezogen werden. Das Standardverfahren ist die mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta. Bei dieser Operation wird der Nervus facialis vom komprimierenden Gefäß befreit, indem ein kleines Polster (z.B. aus Teflonwatte) zwischen Nerv und Gefäß eingebracht wird.

Durchführung der Operation

Die mikrovaskuläre Dekompressionsoperation wird in der Regel in Vollnarkose und unter intraoperativem Neuromonitoring durchgeführt. In der Klinik erfolgt dieser Eingriff navigations- und endoskopiegestützt über einen minimalinvasiven Zugang. Während der gesamten Operation wird ein intraoperatives Monitoring (Überwachung der Nervenströme) durchgeführt, um sicher zu stellen, dass alle Nerven intakt sind und dass durch die Operation kein Schaden an den Hirnnerven entsteht.

Erfolgsaussichten

Die Erfolgsrate der mikrovaskulären Dekompressionsoperation beträgt etwa 85 Prozent. Patienten, die sich einer minimalinvasiven Operation nach Janetta unterzogen haben, berichten in 98% der Fälle von einer Beschwerdefreiheit und somit deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität. Auch eine Trigeminusneuralgie, die im Rahmen einer multiplen Sklerose auftritt, kann bei einem eindeutigen Gefäß-Nerven-Kontakt operativ gut behandelt werden.

Alternative Therapieverfahren

Als alternative Therapieverfahren stehen die radiochirurgische Behandlung und die Thermokoagulation zur Verfügung.

Neurovaskuläre Zentren und Spezialsprechstunden

Für die Behandlung von neurovaskulären Erkrankungen wie dem Hemispasmus facialis gibt es spezialisierte Zentren und Sprechstunden. Diese Zentren bieten eine umfassende Diagnostik und Therapie durch ein interdisziplinäres Team aus Neurologen, Neurochirurgen und Neuroradiologen. In diesen Spezialsprechstunden erhalten Patienten Informationen über mögliche Behandlungsoptionen. Die chirurgische Behandlung von neurovaskulären Kompressionssyndromen erfolgt in spezialisierten neurochirurgischen Zentren. Sollte eine offene Operation nicht möglich sein, werden Patienten durch spezialisierte Kollegen der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie behandelt.

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Weitere neurochirurgische Leistungen

Neben der Behandlung von neurovaskulären Erkrankungen bieten neurochirurgische Kliniken ein breites Spektrum an weiteren Leistungen an, darunter:

  • Hirntumorchirurgie: Versorgung von Patienten mit Gliomen und Schädelbasistumoren.
  • Epilepsiechirurgie: Exakte Lokalisierung der epileptogenen Zone und operative Behandlung zur Anfallsfreiheit.
  • Schädelbasischirurgie: Chirurgische Eingriffe in der komplexen Schädelbasis, oft minimal-invasiv endoskopisch.
  • Funktionelle Neurochirurgie: Behandlung von Funktionstörungen wie Trigeminusneuralgie, Hemispasmus facialis und Morbus Parkinson.
  • Polytraumaversorgung: Versorgung lebensbedrohlicher Hirnverletzungen im Rahmen eines Polytraumas.
  • Wirbelsäulenchirurgie: Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der Wirbelsäule.
  • Chirurgie der peripheren Nerven: Behandlung von Nervenverletzungen und -kompressionen.
  • Vaskuläre Neurochirurgie: Behandlung von Erkrankungen der Blutgefäße des Gehirns und Rückenmarks.

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