Herpes Zoster Oticus: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Herpes Zoster Oticus, auch bekannt als Gürtelrose im Ohrbereich, ist eine spezifische Manifestation des Varizella-Zoster-Virus (VZV), die durch eine Reaktivierung des Virus in den Ganglien des Gesichts- und Hörnervs verursacht wird. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Herpes Zoster Oticus, um Betroffenen und medizinischem Fachpersonal ein besseres Verständnis dieser Erkrankung zu ermöglichen.

Einführung

Die Gürtelrose (Herpes Zoster) ist eine Viruserkrankung, die durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV) hervorgerufen wird. Nach der Erstinfektion mit dem Zoster-Virus kommt es zur klassischen Windpocken-Erkrankung (Varizellen) mit den bekannten Hautsymptomen und dem charakteristischen Ausschlag, die meist im Kindesalter auftreten. Nach dem Abklingen der Windpocken-Symptome verbleibt das Virus latent in den Neuronen sensorischer Spinalganglien oder Hirnnerven und kann nach Jahren oder Jahrzehnten reaktiviert werden, insbesondere bei einer Schwächung des Immunsystems.

Die Reaktivierung des VZV führt zu Herpes Zoster, der sich durch einen schmerzhaften Hautausschlag äußert, der in der Regel einseitig und auf ein bestimmtes Dermatom begrenzt ist. In etwa 20 % der Fälle manifestiert sich die Gürtelrose im Kopfbereich. Eine besondere Form ist der Zoster oticus, bei dem das Ohr betroffen ist.

Ursachen und Risikofaktoren

Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus

Herpes Zoster Oticus entsteht durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV), das nach einer durchgemachten Windpocken-Erkrankung (Varizellen) in den Nervenganglien des Körpers verbleibt. Das Virus schlummert dort inaktiv und kann bei einer Schwächung des Immunsystems wieder aktiv werden. Die Reaktivierung des Virus führt zu einer Entzündung der Nerven und der umliegenden Hautareale.

Risikofaktoren

Verschiedene Faktoren können das Risiko einer Reaktivierung des VZV und damit die Entstehung von Herpes Zoster Oticus erhöhen:

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  • Alter: Mit zunehmendem Alter nimmt die T-Zell-Immunität gegenüber dem Varizella-Virus ab, was das Risiko einer Reaktivierung erhöht. Die Erkrankung tritt gehäuft bei älteren Menschen jenseits des fünften Lebensjahrzehntes auf. Etwa jeder zweite Mensch ist bis zum Erreichen des 85. Lebensjahres von einem Herpes Zoster betroffen.
  • Geschwächtes Immunsystem: Personen mit einer Störung ihrer T-Zell-Immunität, wie z.B. nach Organtransplantationen, bei Lymphomen oder HIV-Infektion, haben ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko. Auch Erkrankungen wie Diabetes, chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder chronische Niereninsuffizienz sowie die Einnahme immunsuppressiver Medikamente können das Immunsystem schwächen.
  • Stress und andere Faktoren: Stress, Traumata, schwächende Medikamente und UV-Strahlung können ebenfalls einen Ausbruch von Herpes Zoster begünstigen.

Pathogenese

Nach der Reaktivierung wandert das Virus aus den befallenen Ganglien entlang der Nervenfasern in die zugehörigen Hautareale (=Dermatome). Daher beschränken sich die Symptome der Gürtelrose meist auf einzelne Dermatome. Beim Zoster oticus sind die Ohren mitbetroffen, wobei sich die typischen Bläschen an der Ohrmuschel oder dem äußeren Gehörgang zeigen.

Symptome

Die Symptome des Herpes Zoster Oticus können vielfältig sein, aber es gibt einige eindeutige Anzeichen, die auf die Erkrankung hinweisen:

  • Schmerzen: Brennende und tiefsitzende Schmerzen im Ohrbereich sind oft das erste Anzeichen, das bereits Tage vor dem Auftreten der Bläschen auftreten kann. Die Schmerzen können mal stärker, mal schwächer sein und werden oft als quälend beschrieben.
  • Hautausschlag: Ein Ausschlag mit vielen kleinen Bläschen an der Ohrmuschel und/oder im äußeren Gehörgang ist typisch für eine Gürtelrose im Ohrbereich. Die Bläschen sind mit Flüssigkeit gefüllt und können aufplatzen, wodurch sich Krusten bilden. Die Rötung des Ohres geht oft mit Schmerzen einher. Gelegentlich treten nur einzelne Bläschen auf.
  • Fazialisparese: Eine periphere Fazialisparese (Gesichtslähmung) kann nach ein bis zwei Wochen auftreten. Dies äußert sich durch eine Schwäche oder Lähmung der Gesichtsmuskulatur auf einer Seite, was zu einem unvollständigen Lidschluss, einem unvollständigen Mundschluss oder hängenden Mundwinkeln führen kann.
  • Hörstörungen und Schwindel: In einigen Fällen kann es zu Hörstörungen, Hörverlust (Schallempfindungsschwerhörigkeit) oder Schwindel kommen, insbesondere wenn der Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) betroffen ist. Es können auch Ohrgeräusche (Tinnitus), Drehschwindel, Übelkeit und Brechreiz auftreten.
  • Weitere Symptome: Zusätzlich können Kopfschmerzen, Lymphknotenschwellungen, allgemeines Krankheitsgefühl und subfebrile Temperaturen auftreten.

Diagnose

Die Diagnose von Herpes Zoster Oticus wird in der Regel anhand der klinischen Symptome gestellt. Der Arzt wird eine körperliche Untersuchung durchführen und die charakteristischen Bläschen und Rötungen am Ohr und im Bereich des Ohres begutachten. In unklaren Fällen oder bei Verdacht auf Komplikationen können weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich sein:

  • Virusnachweis: Der Erreger kann im Sekret der Bläschen oder - bei Verdacht auf eine Mitbeteiligung des Gehirns - in der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) nachgewiesen werden. Hierzu wird meist eine PCR (Polymerase-Kettenreaktion) durchgeführt, die einen eindeutigen Nachweis der Varicella-Zoster-Viren ermöglicht.
  • Antikörpernachweis: Spezifische Antikörper gegen das Varizella-Zoster-Virus (VZV) können mittels serologischer Verfahren (ELISA, IFAT) im Serum oder Liquor nachgewiesen werden.
  • Bildgebende Verfahren: Bei Verdacht auf eine Zostermeningoenzephalitis kann eine MRT-Kopfaufnahme durchgeführt werden, um ein generalisiertes Hirnödem oder andere Auffälligkeiten darzustellen. Bei Verdacht auf eine Zostermyelitis kann eine MRT-WS (Wirbelsäule) durchgeführt werden. Bei Verdacht auf eine Zostervaskulitis kann eine konventionelle oder kernspintomographische Angiographie erfolgen.
  • Audiometrie und Gleichgewichtsprüfung: Bei Hörstörungen oder Schwindel können audiometrische Untersuchungen und Gleichgewichtsprüfungen durchgeführt werden, um das Ausmaß der Schädigung des Hörnervs und des Gleichgewichtsorgans zu beurteilen.

Differentialdiagnose

Die Differentialdiagnose von Herpes Zoster Oticus kann schwierig sein, insbesondere in der frühen Phase der Erkrankung, bevor die typischen Hauterscheinungen auftreten. Folgende Erkrankungen müssen differentialdiagnostisch in Betracht gezogen werden:

  • Herpes simplex: Herpes simplex kann ähnliche Bläschen im Gesichtsbereich verursachen, jedoch ist die segmentale Ausbreitung und die neuralgiforme Schmerzsymptomatik typisch für Zoster.
  • Varizellen: Varizellen (Windpocken) treten meist im Kindesalter auf und äußern sich durch einen generalisierten Hautausschlag mit Bläschen in verschiedenen Entwicklungsstadien.
  • Kontaktallergien: Kontaktallergien können ebenfalls zu Hautausschlägen und Bläschenbildung führen, jedoch sind diese in der Regel nicht auf ein Dermatom begrenzt und gehen nicht mit neuralgiformen Schmerzen einher.
  • Tinea corporis: Tinea corporis (Hautpilz) kann ähnliche Hautveränderungen verursachen, jedoch sind diese in der Regel schuppig und juckend, aber nicht schmerzhaft.
  • Erysipel: Ein Erysipel (Wundrose) ist eine bakterielle Infektion der Haut, die sich durch eine flächige Rötung, Schwellung und Überwärmung äußert.
  • Superinfizierte Neurodermitis: Eine superinfizierte Neurodermitis kann ähnliche Hautveränderungen verursachen, jedoch liegt in der Regel eine chronische Hauterkrankung mit Juckreiz und Ekzemen zugrunde.
  • Impetigo contagiosa: Impetigo contagiosa (Borkenflechte) ist eine bakterielle Infektion der Haut, die sich durchHoniggelbe Krusten auf geröteter Haut äußert.

Behandlung

Die Behandlung von Herpes Zoster Oticus zielt darauf ab, die Virusvermehrung zu hemmen, die Schmerzen zu lindern und Komplikationen zu vermeiden.

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Antivirale Therapie

Eine frühzeitige antivirale Therapie, idealerweise innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome, ist entscheidend, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und Komplikationen zu reduzieren. Folgende antivirale Medikamente werden eingesetzt:

  • Aciclovir: Aciclovir ist ein Virustatikum, das die Vermehrung des Varizella-Zoster-Virus hemmt. Es kann oral oder intravenös verabreicht werden, wobei die intravenöse Gabe bei schweren Verläufen oder bei immungeschwächten Patienten bevorzugt wird.
  • Valaciclovir: Valaciclovir ist ein Prodrug von Aciclovir, das im Körper in Aciclovir umgewandelt wird. Es hat eine bessere Bioverfügbarkeit als Aciclovir und kann daher oral verabreicht werden.
  • Famciclovir: Famciclovir ist ein weiteres Virustatikum, das oral verabreicht werden kann und eine gute Wirksamkeit gegen das Varizella-Zoster-Virus zeigt.
  • Brivudin: Brivudin (Zostex®) ist ein sehr erfolgreiches und gut verträgliches Virustatikum, das in einer Dosierung von einmal täglich 125 mg oral sieben Tage lang verabreicht werden muss.

Die antivirale Therapie sollte so lange fortgesetzt werden, wie frische Bläschen erkennbar sind, aber auch dann noch, wenn Anzeichen einer viszeralen Ausbreitung bestehen, wenn ein florider Zoster ophthalmicus oder Zoster oticus vorliegen, sowie generell bei immunsupprimierten Patienten.

Schmerztherapie

Die Schmerzen, die mit Herpes Zoster Oticus einhergehen, können sehr stark sein und eine adäquate Schmerztherapie erfordern. Die Schmerztherapie sollte frühzeitig begonnen werden, um eine Chronifizierung der Schmerzen und die Entwicklung einer Post-Zoster-Neuralgie (PZN) zu verhindern.

  • Nicht-Opioid-Analgetika: NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie Metamizol können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
  • Opioid-Analgetika: Bei starken Schmerzen können Opioide wie Tilidin, Tramadol oder Oxycodon erforderlich sein.
  • Lokale Betäubungsmittel: Puder und Cremes mit lokalen Betäubungsmitteln können zur Schmerzlinderung bei akuten Gürtelrose-Schmerzen und Post-Zoster-Neuralgie eingesetzt werden. Auch betäubende Ohrentropfen können zur Linderung von Ohrenschmerzen eingesetzt werden.

Kortikosteroide

Die Kombination der virustatischen Behandlung mit Prednisolon (1 mg/kg KG) oder einer Äquivalenzdosis Dexamethason kann sinnvoll sein, um die Entzündung zu reduzieren und das Ödem zu bekämpfen, insbesondere bei Beteiligung von Hirnnerven (z.B. Fazialisparese).

Weitere Maßnahmen

  • Hautpflege: Eine sorgfältige Hautpflege ist wichtig, um bakterielle Superinfektionen zu vermeiden. Die Haut sollte sauber und trocken gehalten werden. Antiseptische Lösungen können zur Reinigung der Hautläsionen verwendet werden.
  • Antibiotische Ohrentropfen: Bei Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion können antibiotische Ohrentropfen eingesetzt werden.
  • Diuretika: Die zusätzliche Gabe eines Diuretikums zur Ausschwemmung des Ödems kann sinnvoll sein, um den Druck auf die Nerven zu reduzieren.

Behandlung von Komplikationen

Bei Auftreten von Komplikationen wie Fazialisparese, Hörstörungen oder Schwindel ist eine spezifische Behandlung erforderlich.

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  • Fazialisparese: Physiotherapie und Kortikosteroide können zur Behandlung der Fazialisparese eingesetzt werden. In einigen Fällen kann eine operative Korrektur erforderlich sein.
  • Hörstörungen und Schwindel: Bei Hörstörungen kann ein Hörgerät erforderlich sein. Bei Schwindel können Medikamente zur Linderung der Symptome eingesetzt werden.

Komplikationen

Herpes Zoster Oticus kann zu verschiedenen Komplikationen führen, die das Hörvermögen, die Gesichtsnervenfunktion und das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen können:

  • Post-Zoster-Neuralgie (PZN): Die PZN ist die häufigste Komplikation von Herpes Zoster. Sie äußert sich durch chronische Schmerzen, die auch nach Abheilen der Hautläsionen bestehen bleiben. Die Schmerzen können brennend, stechend oder pulsierend sein und die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen.
  • Fazialisparese: Eine periphere Fazialisparese (Gesichtslähmung) kann als Komplikation des Zoster oticus auftreten.
  • Hörverlust und Gleichgewichtsstörungen: Eine Schädigung des Nervus vestibulocochlearis kann zu Hörverlust, Tinnitus (Ohrgeräuschen) und Gleichgewichtsstörungen führen.
  • Zentralnervensystem-Beteiligung: In seltenen Fällen kann es zu einer Beteiligung des zentralen Nervensystems in Form einer Meningitis oder Enzephalitis kommen.
  • Bakterielle Superinfektionen: Die Hautläsionen können sich bakteriell infizieren, was zu weiteren Komplikationen führen kann.

Prävention

Impfung

Die beste Vorbeugung gegen Herpes Zoster ist die Impfung. Seit Dezember 2018 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) allen Personen ab dem Alter von 60 Jahren die Impfung mit dem adjuvantierten Herpes-zoster-subunit-(HZ/su)Totimpfstoff als Standardimpfung. Aufgrund des erhöhten Risikos für immunsupprimierte Personen und Patienten mit anderen schweren Grundkrankheiten, an Herpes zoster und seinen Komplikationen wie der post-herpetischen Neuralgie (PHN) zu erkranken, empfiehlt die STIKO außerdem Personen ab einem Alter von 50 Jahren mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grundkrankheit die Impfung mit dem HZ/su-Totimpfstoff als Indikationsimpfung.

Die Impfung kann das Risiko, an Herpes Zoster zu erkranken, deutlich reduzieren und den Verlauf der Erkrankung mildern.

Vermeidung von Risikofaktoren

Eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Schlaf, ausgewogener Ernährung und Stressreduktion kann dazu beitragen, das Immunsystem zu stärken und das Risiko einer Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus zu verringern.

Ansteckung

Herpes Zoster Oticus ist ansteckend, solange die Bläschen noch nicht verkrustet sind. Die Ansteckung erfolgt durch direkten Kontakt mit dem Bläscheninhalt. Personen, die noch keine Windpocken hatten oder nicht gegen Windpocken geimpft sind, können sich durch Kontakt mit einem Herpes-Zoster-Patienten mit dem Varizella-Zoster-Virus infizieren und Windpocken entwickeln. Die Gürtelrose selbst ist nur für diejenigen nicht ansteckend, die bereits die Windpocken hatten, denn die tragen den Erreger sowieso schon im Körper.

Gute Hygiene ist daher wichtig, um eine Ansteckung zu vermeiden. Die Hände sollten regelmäßig gewaschen und der Kontakt mit den Bläschen vermieden werden. Die Bläschen sollten abgedeckt werden, um das Risiko einer Übertragung zu minimieren.

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