Das Bornavirus, insbesondere das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1), ist ein Erreger, der hauptsächlich bei Tieren vorkommt, aber in seltenen Fällen auch beim Menschen eine schwere Gehirnentzündung (Enzephalitis) auslösen kann. Die Erkrankung verläuft oft tödlich oder hinterlässt schwerste Folgeschäden. Obwohl Infektionen beim Menschen äußerst selten sind, ist es wichtig, die Ursachen, Symptome und Präventionsmaßnahmen zu kennen, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren.
Was ist das Bornavirus?
Das Bornavirus gehört zur Familie der Bornaviridae und ist ein Virus, das vor allem das zentrale Nervensystem befällt. Der Name stammt von der Stadt Borna in Sachsen, wo im 19. Jahrhundert erstmals eine rätselhafte Tierseuche beschrieben wurde. Lange Zeit dachte man, dass das Virus ausschließlich Tiere wie Pferde, Schafe oder Vögel betrifft. Erst in den letzten Jahren zeigte sich, dass auch der Mensch infiziert werden kann - und die Folgen sind nicht zu unterschätzen. Besonders tückisch: Das Virus kann sich über einen längeren Zeitraum unbemerkt im Körper aufhalten und erst sehr spät Krankheitssymptome auslösen. Die Forschung zu Bornaviren steckt noch in vielen Bereichen in den Kinderschuhen - aber das Wissen wächst stetig.
Ursachen und Übertragung
Der natürliche Wirt: Die Feldspitzmaus
Der natürliche Wirt des klassischen Bornavirus (BoDV-1) ist die Feldspitzmaus. Diese Tiere sind lebenslange Virusträger, ohne dass bei ihnen die Krankheit ausbricht. Infizierte Feldspitzmäuse scheiden das Virus über Speichel, Kot und Urin aus, ohne selbst zu erkranken. Auf diesem Weg können sich andere Säugetiere anstecken. Ob weitere Spitzmausarten das Virus ebenfalls übertragen können, ist bislang ungeklärt.
Übertragungswege auf den Menschen
Die Übertragung des Virus von der Feldspitzmaus auf den Menschen ist bislang nicht eindeutig geklärt. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind verschiedene Übertragungswege denkbar:
- Aufnahme des Virus über verunreinigte Lebensmittel oder Wasser: Eine unbeabsichtigte Berührung der Ausscheidungen der Feldspitzmaus kann zur Ansteckung führen.
- Einatmen des Virus über verseuchten Staub: Das Einatmen von kontaminiertem Staub (z. B. beim Reinigen von Ställen oder Gärten) könnte ein möglicher Übertragungsweg sein.
- Direkter Kontakt bzw. Biss einer Spitzmaus: Obwohl selten, ist ein direkter Kontakt mit einer infizierten Spitzmaus oder deren Biss ebenfalls ein möglicher Übertragungsweg.
Rolle von Katzen bei der Übertragung
Da sie infizierte Beutetiere ins Haus bringen könnten, geraten zunehmend auch Katzen in den Fokus. Katzenbesitzer sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Streifzüge durch Gärten, Wiesen und Wälder bringen sie potenziell in Kontakt mit infizierten Spitzmäusen. Studien zeigen, dass Katzen in bestimmten Regionen tatsächlich häufiger am Bornavirus erkranken - teils mit tödlichem Verlauf. Für Katzenbesitzer bedeutet das: Auch wenn die eigene Katze keine Symptome zeigt, kann sie das Virus in sich tragen. In seltenen Fällen besteht somit ein erhöhtes Risiko für den Menschen - insbesondere bei engem Kontakt, etwa beim Versorgen kranker Tiere. Eine generelle Panik ist jedoch nicht angebracht. Vielmehr hilft ein bewusster Umgang mit dem Thema: Wenn Sie in einem betroffenen Gebiet leben und Ihre Katze auffälliges Verhalten zeigt, lohnt sich der Gang zum Tierarzt - nicht nur zum Schutz des Tieres, sondern auch zu Ihrem eigenen.
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Mensch-zu-Mensch-Übertragung
Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gilt derzeit als ausgeschlossen, einzig dokumentiert ist ein einmaliger Fall von Organtransplantation. Menschen und andere Säugetiere als die Feldspitzmaus, die sich mit dem Virus infizieren, sind nach aktuellem Kenntnisstand nicht ansteckend. Das heißt, sie können das Bornavirus nicht übertragen.
Verbreitung des Bornavirus
Das Risikogebiet für das klassische Bornavirus BoDV-1 beschränkt sich bislang auf bestimmte Regionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Das Bornavirus ist kein global verbreitetes Virus - vielmehr handelt es sich um ein regionales Phänomen mit einem klaren Schwerpunkt: Süd- und Ostdeutschland. Besonders betroffen sind Bundesländer wie Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Hier gibt es stabile Populationen der Feldspitzmaus - und damit ein dauerhaftes Risiko für Tiere und Menschen in der Umgebung. In Deutschland wurden die meisten Fälle bisher in ländlichen Gebieten Bayerns dokumentiert. Gehäufte Infektionen traten auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg auf.
Das Bornavirus VSBV-1 konnte bereits bei in Gefangenschaft gehaltenen Hörnchen in Deutschland, den Niederlanden und Kroatien nachgewiesen werde. Der genaue Ursprung des Virus ist jedoch nicht geklärt. Genetische Analysen zeigen, dass Fälle meist im Umkreis von ca. 15 km des Wohnorts der Patienten auftreten. Die Hauptquelle sind offenbar Feldspitzmäuse bzw. Spitzmäuse (Crocidura leucodon), die in diesen Regionen heimisch sind.
Symptome einer Bornavirus-Infektion
Eine Bornavirus-Infektion kann Menschen aller Altersgruppen und jeden Geschlechts betreffen. Sämtliche bislang dokumentierten Fälle führten zu einer schweren Gehirnentzündung (Enzephalitis). Die Symptome wirken zunächst harmlos, entwickeln sich aber schnell zu einer ernsten Bedrohung für das Gehirn. Die ersten Anzeichen treten erst drei bis vier Monate nach dem Kontakt mit dem Bornavirus auf. Die meisten der bisher bekannten Patienten litten zu Beginn der Erkrankung an Kopfschmerzen, Fieber und einem allgemeinen Krankheitsgefühl - anfangs ähneln die Symptome einer Bornavirus-Infektion, denen einer normalen Erkältung.
Typische Symptome einer Bornavirus-Infektion können sein:
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- Fieber
- Kopfschmerzen
- Übelkeit und Erbrechen
- Allgemeines Krankheitsgefühl
- Verhaltensauffälligkeiten
- Sprachstörungen
- Störungen im Bewegungsablauf
- Lichtempfindlichkeit
- Verwirrtheit
- Sprach- und Bewegungsstörungen
- Krampfanfälle
Anschließend kam es bei allen Erkrankungsfällen zu neurologischen Symptomen, wie Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- und Gangstörungen. Im weiteren Verlauf fallen die Betroffenen in der Regel ins Koma und versterben in den meisten Fällen nach einem bis vier Monaten. Im weiteren Verlauf kommt es innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen zum Koma. In den bislang bekannten Fällen verlief die Infektion beim Menschen meist tödlich. Unbehandelt verläuft die Infektion tödlich.
Auch bei Tieren, insbesondere bei Pferden und Katzen, kann das Virus das Nervensystem angreifen. Verhaltensveränderungen, Bewegungsstörungen oder Futterverweigerung sind mögliche Warnsignale, die tierärztlich abgeklärt werden sollten.
Diagnose
Eine Bornavirus-Infektion lässt sich zumeist erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium nachweisen. Ein Frühtest steht nicht zur Verfügung. Eine Infektion mit dem Bornavirus ist schwer zu erkennen, weil die ersten Beschwerden wie Fieber, Kopfschmerzen oder Erschöpfung sehr allgemein sind - sie ähneln vielen anderen, harmlosen Krankheiten.
Ein Test auf das Bornavirus sollte bei Enzephalitis durchgeführt werden, wenn die Person sich zuvor in Verbreitungsgebieten des Virus aufgehalten hat oder mit exotischen Hörnchen in Berührung gekommen ist. Ein Verdachtsfall - etwa eine ungeklärte Gehirnentzündung bei einem Menschen aus einem bekannten Risikogebiet - wird durch spezielle Labortests untersucht.
Zu den wichtigsten diagnostischen Methoden zählen:
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- Blutuntersuchungen: Zum Nachweis von Antikörpern gegen das Virus. Wenn sich das Immunsystem bereits mit dem Virus auseinandergesetzt hat, lassen sich spezifische Antikörper im Blut oder im Liquor nachweisen.
- Liquorpunktion: Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) auf Entzündungszeichen und virales Erbgut.
- PCR-Tests: Hochsensitive Labortests zum Nachweis von Bornavirus-RNA. In der Nervenflüssigkeit und Gewebe aus dem Gehirn kann die RNA, das Erbgut des Bornavirus, mittels eines PCR-Tests nachgewiesen werden. Dabei wird das Erbgut des Virus nachgewiesen - entweder im Nervenwasser (Liquor), das durch eine Lumbalpunktion entnommen wird, oder im Gehirngewebe. Letzteres ist allerdings nur post mortem möglich.
- Bildgebung: MRT-Aufnahmen des Gehirns können typische Entzündungsmuster zeigen.
Die Diagnostik erfolgt meist in enger Abstimmung mit spezialisierten Laboren, etwa am Bernhard-Nocht-Institut oder in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut. Da die Infektion so selten ist, wird sie oft erst spät in Erwägung gezogen - eine gezielte Abklärung ist deshalb vor allem bei schweren, ungeklärten Hirnentzündungen wichtig.
Seit dem 1. März 2020 müssen Bornavirus-Infektionen beim Menschen in Deutschland offiziell gemeldet werden.
Behandlung
Eine spezielle Therapie gegen das Bornavirus gibt es bisher nicht. Die wenigen bekannten Erkrankungsfälle verliefen mit nur einer Ausnahme tödlich. Eine ursächliche Therapie gibt es derzeit nicht - umso wichtiger ist eine möglichst frühe Erkennung der Erkrankung. Die Enzephalitis lässt sich nur symptomatisch zum Beispiel mithilfe von Schmerzmitteln und fiebersenkenden Mitteln behandeln. Die Betroffenen müssen intensivmedizinisch versorgt werden.
Prävention und Infektionsschutz
Die Wahrscheinlichkeit einer Bornavirus-Infektion ist aufgrund der geringen Fallzahlen sehr niedrig. Eine Bornavirus-Infekt lässt sich nicht durch Medikamente heilen. Umso wichtiger ist es, mögliche Risiken zu kennen und gezielt zu vermeiden. Dennoch sollten insbesondere in BoDV-1-Risikogebieten einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden:
- Spitzmäuse und deren Ausscheidungen nicht berühren: Insbesondere den Kontakt zur Feldspitzmaus, dem natürlichen Wirt des Virus, vermeiden.
- Bei direktem Kontakt mit Spitzmäusen oder deren Ausscheidungen: Sofort Hände waschen und desinfizieren, anschließend duschen und Kleidung wechseln.
- Keine Nahrungsquellen für Spitzmäuse bereitstellen: Katzen- oder Hundefutter nicht im Freien stehen lassen, um die Tiere nicht anzulocken.
- Tote Spitzmäuse in Risikogebieten sicher entsorgen: Schutzausrüstung tragen (Einmalhandschuhe, Schutzbrille, FFP2-Maske), Kadaver vorab mit Reinigungsmittel besprühen, damit kein virushaltiger Staub aufgewirbelt wird, in verschlossener Plastiktüte über den Restmüll entsorgen und betroffene Fläche desinfizieren. Bevor tote Spitzmäuse oder deren Ausscheidungen beseitigt werden, diese gründlich mit einem Reinigungsmittel besprühen. Bei der Entsorgung auf geeigneten Schutz achten: Handschuhe, eine eng anliegende Maske (z. B. FFP2) und gegebenenfalls eine Schutzbrille tragen.
- Bei Kontakt von Katzen mit Spitzmäusen: Direkten Kontakt zur Katze für mehrere Stunden vermeiden.
- Katzen regelmäßig tierärztlich untersuchen lassen: Besonders bei Verhaltensänderungen oder neurologischen Symptomen - auch zum Eigenschutz.
- Hygienische Maßnahmen im Haushalt: Insbesondere beim Reinigen von Katzentoiletten, Futterschalen oder Tierzubehör.
- Personen, die Bunt- oder Schönhörnchen halten, wird empfohlen, ihre Tiere regelmäßig auf das Bornavirus VSBV-1 testen zu lassen.
Ein Impfstoff gegen das Bornavirus steht bislang nicht zur Verfügung. Deshalb ist der beste Schutz derzeit ein aufgeklärter, vorsichtiger Umgang mit möglichen Infektionsquellen.
Für Tierärzte sowie Menschen mit beruflichem Tierkontakt kann zusätzliche Schutzkleidung oder eine angepasste Hygieneprotokollierung sinnvoll sein - vor allem in Regionen mit nachgewiesenen Bornavirusfällen.
Epidemiologie und Forschung
Laut Robert Koch-Institut (RKI) zählt die BoDV-1-Infektion zu den seltensten Erkrankungen in Deutschland. Pro Jahr werden etwa fünf bis zehn akute Fälle gemeldet. Zum Vergleich: Rund 200 Menschen werden jährlich vom Blitz getroffen - eine BoDV-1-Erkrankung ist also extrem selten. Die meisten bekannten Fälle traten bislang in ländlichen Regionen Bayerns auf. Zwischen 2018 und 2024 wurden in Deutschland rund zwei Dutzend bestätigte Infektionen mit dem Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) beim Menschen gemeldet - fast alle verliefen tödlich. Die Fälle konzentrieren sich auf bestimmte Regionen, vor allem auf Bayern, Sachsen und Thüringen.
Inzwischen sind weltweit mindestens 46 humanmedizinisch bestätigte Fälle von BoDV-1-Enzephalitis bekannt. Studien zeigen, dass es sich dabei fast ausschließlich um schwere, meist tödlich verlaufende Fälle handelt: 45 von 46 Betroffenen starben - das entspricht einer Fallsterblichkeit von ca. 97-98 %. Studien zur Antikörperverbreitung in Risikogebieten zeigen extrem niedriges Niveau (< 0,24 %) und deuten darauf hin, dass asyptomatische Infektionen sehr selten sind. Die Daten belegen: Wenn überhaupt - meist verläuft eine Infektion tödlich oder mit schwerer Enzephalitis.
Das Robert Koch-Institut (RKI) spielt eine zentrale Rolle beim Infektionsschutz in Deutschland. Es sammelt und analysiert Daten zu bekannten und neu auftretenden Infektionskrankheiten - darunter auch das Bornavirus. In enger Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen gibt das RKI regelmäßig Empfehlungen heraus, informiert Ärzte, Gesundheitsämter und die Öffentlichkeit über mögliche Risiken und neue Erkenntnisse. Auch das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) ist maßgeblich beteiligt - insbesondere bei der Überwachung von Bornavirus-Fällen im Tierreich. Es betreibt Forschung zur Tiergesundheit, erarbeitet Diagnostikstandards und beobachtet die Ve….
Trotz intensiver Forschung ist nicht genau geklärt, wie das Virus von der Spitzmaus auf den Menschen übergeht. Trotz vieler Erkenntnisse gibt es beim Bornavirus noch offene Fragen - etwa, wie genau sich Menschen infizieren und warum nur so wenige Fälle auftreten. Forschende in Deutschland untersuchen weiterhin mögliche Übertragungswege und Risikofaktoren. Auch Tierärzte sind wichtig: Auffällige Krankheitsverläufe bei Tieren sollen gemeldet werden, um weitere Hinweise zu bekommen.
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