Die multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betrifft. Sie kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Schwindel, Schmerzen, Fatigue und kognitive Beeinträchtigungen. Ein weiteres Merkmal, das bei MS-Patienten beobachtet werden kann, ist die Hirnschrumpfung, auch bekannt als Hirnatrophie. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Hirnschrumpfung bei MS und die möglichen Zusammenhänge mit anderen neurologischen Erkrankungen und Lebensstilfaktoren.
Was ist Hirnschrumpfung (Hirnatrophie)?
Hirnatrophie beschreibt eine Abnahme des Hirnvolumens. Im Kontext der multiplen Sklerose bezieht sich Hirnschrumpfung auf den fortschreitenden Verlust von Nervenzellen (Neuronen) und deren Verbindungen (Synapsen) im Gehirn. Dies kann verschiedene Bereiche des Gehirns betreffen, insbesondere die graue Substanz in der Hirnrinde.
Mikrozephalie bedeutet, dass der Kopfumfang einer Person deutlich kleiner ist als der Kopfumfang gesunder Menschen gleichen Alters und gleichen Geschlechts. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und beinhaltet die Worte „mikros“ und „kephal“. Das bedeutet übersetzt „kleiner Kopf“. Bei dieser seltenen Fehlbildung ist häufig das Gehirnvolumen verringert. Die Mikrozephalie kann erblich (= genetisch) bedingt oder durch andere Ursachen erworben sein. Eine Mikrozephalie macht sich in der Regel beim neugeborenen Baby oder beim Kleinkind bemerkbar. Manchmal lässt sich bereits vor der Geburt feststellen, dass der Kopf deutlich zu klein ist. Das Gegenteil von „Mikrozephalie“ ist eine „Makrozephalie“.
Ursachen der Hirnschrumpfung bei MS
Die genauen Ursachen der Hirnschrumpfung bei MS sind komplex und multifaktoriell. Folgende Faktoren spielen eine Rolle:
Entzündungsprozesse: Die chronische Entzündung, die bei MS auftritt, führt zur Schädigung von Nervenzellen und deren Verbindungen. Entzündungszellen dringen in das Gehirn ein und setzen Substanzen frei, die Neuronen schädigen und zum Abbau von Myelin führen, der Schutzschicht um die Nervenfasern.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Axonale Schädigung: Axone sind die langen Fortsätze von Nervenzellen, die Signale übertragen. Bei MS kommt es zu einer Schädigung der Axone, was zu einem Verlust von Nervenzellverbindungen und letztendlich zur Hirnschrumpfung führt.
Verlust von Myelin: Myelin ist eine fettreiche Substanz, die die Nervenfasern umhüllt und für eine schnelle und effiziente Signalübertragung sorgt. Bei MS wird Myelin durch Entzündungsprozesse abgebaut (Demyelinisierung), was die Nervenfunktion beeinträchtigt und zur Degeneration von Nervenzellen beiträgt.
Neurodegenerative Prozesse: Neben den entzündlichen Prozessen spielen auch neurodegenerative Mechanismen eine Rolle bei der Hirnschrumpfung bei MS. Diese Prozesse ähneln denen, die bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson auftreten.
Zusammenhang mit anderen neurologischen Erkrankungen
Die Hirnschrumpfung bei MS weist einige Parallelen zu anderen neurologischen Erkrankungen auf:
Alzheimer-Krankheit: Auch bei Alzheimer kommt es zu einer Hirnatrophie, insbesondere in Bereichen, die für das Gedächtnis wichtig sind. Allerdings sind die zugrunde liegenden Mechanismen unterschiedlich. Bei Alzheimer spielen Proteinablagerungen (Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen) eine zentrale Rolle, während bei MS vor allem Entzündung und Demyelinisierung im Vordergrund stehen.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Parkinson-Krankheit: Bei Parkinson ist vor allem die Substantia nigra betroffen, ein Bereich im Mittelhirn, der für die Produktion von Dopamin verantwortlich ist. Der Verlust von Dopamin-produzierenden Zellen führt zu den typischen motorischen Symptomen der Parkinson-Krankheit. Auch hier kann es zu einer allgemeinen Hirnschrumpfung kommen, die jedoch nicht so ausgeprägt ist wie bei MS oder Alzheimer.
Long COVID: Eine gestörte Blut-Hirn-Schranke sowie eine anhaltende systemische Entzündung könnten für den sogenannten Brain Fog bei Personen mit Long COVID verantwortlich sein. Die Blutgefäße werden durchlässiger und können das Gehirn schlechter von Krankheitserregern, Giften und anderen Substanzen im Blut abschirmen. Es zeigten sich auch strukturelle Unterschiede: Die Kohorte mit Brain Fog hatte ein signifikant erhöhtes Liquorvolumen. Zusätzlich hatte diese Kohorte einen verdünnten mittleren Gyrus temporalis medius.
Diagnostik der Hirnschrumpfung
Die Hirnschrumpfung bei MS kann mithilfe bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) festgestellt und quantifiziert werden. MRT-Aufnahmen des Gehirns ermöglichen eine detaillierte Beurteilung des Hirnvolumens und der Struktur. Veränderungen im Gehirn lassen sich mittels Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) beurteilen.
MRT-basierte Messungen: Mit speziellen MRT-Techniken lässt sich das Hirnvolumen präzise messen und Veränderungen im Zeitverlauf verfolgen. Diese Messungen können helfen, das Fortschreiten der MS zu beurteilen und die Wirksamkeit von Therapien zu überwachen.
Klinische Bedeutung: Die Hirnschrumpfung korreliert oft mit dem Fortschreiten der MS und dem Auftreten von kognitiven Beeinträchtigungen und körperlichen Behinderungen. Daher ist die Früherkennung und Überwachung der Hirnschrumpfung ein wichtiger Bestandteil des MS-Managements.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Für die Diagnose der Mikrozephalie wird der Schädelumfang mehrmals gemessen. Anhand von Tabellen lassen sich die Ergebnisse mit den Werten gesunder gleichaltriger Kinder vergleichen. Eine Mikrozephalie liegt vor, wenn der Kopfumfang unterhalb des 3. Perzentils liegt. In den ersten Lebensmonaten, bevor sich die Schädelnähte verschlossen haben, kann ein Schädelultraschall weitere Informationen liefern. In einigen Fällen können Mediziner die Erkrankung bereits beim ungeborenen Kind im Mutterleib erkennen. Dies ist mithilfe einer Ultraschalluntersuchung etwa ab der 32. Schwangerschaftswoche möglich.
Symptome im Zusammenhang mit Hirnschrumpfung
Bei einer Mikrozephalie ist der Kopfumfang kleiner als der Kopfumfang gleichaltriger Kinder. Das kann zu unterschiedlichen Symptomen führen. Meistens ist das Gehirn von Kindern mit Mikrozephalie jedoch zu klein und es kommt zu Entwicklungsverzögerungen. Geistige Behinderungen sind häufig. In vielen Fällen ist die Sprachentwicklung betroffen. Weitere Anzeichen können motorische Beeinträchtigungen sein. Typisch ist eine zu geringe Muskelspannung. Beim Baby oder Kleinkind fällt dies durch einen gekrümmten Rücken auf. Die Kinder lernen nicht laufen und können ihren Kopf nicht selbst halten. Auch Einschränkungen beim Schlucken sind möglich. Außerdem lassen sich Gleichgewichtsstörungen, Störungen der Feinmotorik und Hyperaktivität mit vielen unwillkürlichen Bewegungen beobachten. Manchmal leiden die betroffenen Kinder unter epileptischen Anfällen. Auch Beeinträchtigungen beim Sehen und Hören sind möglich. Manchmal tritt die Fehlbildung gemeinsam mit weiteren genetischen Erkrankungen auf. Ein Baby mit Mikrozephalie kann zunächst ganz normal wirken. Der geringe Kopfumfang fällt manchmal erst nach einigen Lebensmonaten auf.
Therapieansätze zur Verlangsamung der Hirnschrumpfung
Obwohl es derzeit keine Heilung für MS gibt, zielen verschiedene Therapieansätze darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, die axonale Schädigung zu minimieren und das Fortschreiten der Hirnschrumpfung zu verlangsamen.
Krankheitsmodifizierende Therapien (DMTs): DMTs sind Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen und die Entzündung im Gehirn reduzieren. Sie können das Fortschreiten der MS verlangsamen und die Häufigkeit von Schüben reduzieren. Einige DMTs haben auch gezeigt, dass sie die Hirnschrumpfung reduzieren können.
Symptomatische Behandlung: Neben den DMTs gibt es eine Vielzahl von Medikamenten und Therapien, die zur Behandlung spezifischer MS-Symptome eingesetzt werden können, wie z.B. Schmerzen, Spastik, Fatigue und kognitive Beeinträchtigungen.
Rehabilitation: Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie können helfen, die körperliche Funktion, die kognitiven Fähigkeiten und die Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern.
Lebensstilfaktoren: Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung und Stressmanagement kann ebenfalls dazu beitragen, das Fortschreiten der MS zu verlangsamen und die Hirngesundheit zu fördern.
Rolle von Sport und Bewegung
Früher rieten Ärzte Patienten mit multipler Sklerose (MS) von Sport ab, weil sie befürchteten, die Nervenerkrankung könne sich dadurch verschlimmern. Ruhe und Schonung waren deshalb angesagt. Dieser Ratschlag gilt längst als überholt, denn Menschen mit MS dürfen und sollen sogar Sport treiben und körperlich aktiv sein.
Sport wirkt sich positiv auf die Symptome bei multipler Sklerose aus. Das ist bekannt. Vielleicht kann körperliche Aktivität aber noch viel mehr: Krafttraining könnte das Gehirn schützen und das Fortschreiten der multiplen Sklerose drosseln. Die Untersuchung zeige, dass das Krafttraining nicht nur die MS-Symptome bessere, sondern zusätzlich eine Reihe positiver Effekte auf das Gehirn habe, so die Wissenschaftler. Diese gingen weit über jene hinaus, die sich durch eine effektive, krankheitsspezifische Behandlung erzielen ließen. „Die Studie liefert erste Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität tatsächlich einen gewissen Schutz fürs Nervensystem bei MS bietet“, erklärt der Neurologe Prof.
Bekannt ist, dass das Gehirnvolumen von MS-Patienten deutlich schneller abnimmt, als dies bei Gesunden der Fall ist. MS-Medikamente können diesen Prozess bis zu einem gewissen Maß bremsen. Und noch einen anderen erstaunlichen Effekt des Trainings beobachteten sie: „Einige kleinere Gehirnbereiche begannen infolge des Training wieder zu wachsen“, sagt Neurologe Dalgas. Dass die körperliche Aktivität auch einen schützenden Effekt auf das Gehirn von Patienten mit MS habe, sei eine neue und wichtige Erkenntnis.
Bedeutung von Stressmanagement
Studien zu dem Thema hätten bislang bevorzugt ältere Menschen einbezogen und Begleitfaktoren wie eine beginnende Demenz nicht gründlich ausgeschlossen, schreiben Neurologen um Dr. Justin Echouffo-Tcheugui von der Harvard Medical School in Boston. Das Team um Echouffo-Tcheugui hat nun genau das bei der dritten Generation von Teilnehmern der Framingham-Studie getan.
Die Studienergebnisse weisen deutlich darauf hin, dass "Stress" auch auf die MS-Erkrankung Einfluss hat. Zunächst mal untersuchte die Studie der Northwestern University Feinberg School of Medicine nicht den Einfluiß von Stress auf MS, sondern den möglichen Einfluß eines Stress-Management-Porgramms. Hier ist die erste Problematik: ob das Stress-Managment-Programm zu den (geringen?) Veränderungen geführt hat oder nicht, kann gar nicht festgestellt werden. Es könnten auch andere Faktoren sein, z.B. die Erfahrung, über einen Zeitraum regelmäßig in einer Gruppe/Gemeinschaft zusammen zu sein, o.ä.
Fallbeispiele und Patientenerfahrungen
Laura ist 15 Jahre alt. Sie lebt seit mehr als einem halben Jahr in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. Bei einer Körpergröße von 156 Zentimetern wog sie 25 Kilogramm als sie hier ankam. „In dieser Zeit habe ich einen Rollstuhl gebraucht, um mich fortzubewegen. Ich war einfach nur noch schlapp“, erinnert sich die Schülerin. „Ich konnte kein Buch lesen, nicht vernünftig Rechnen. Auch die Geige blieb in ihrem Koffer. Dass bei magersüchtigen Patienten Konzentrationsprobleme auftreten und in einer akuten Phase des Untergewichts der Intelligenzquotient etwa zehn Punkte niedriger liegt als bei Normalgewicht, haben Stefan Ehrlich und sein Team bereits nachgewiesen.
Laura* kennt ihre kritische Gewichtsgrenze ganz genau. Schafft sie es auf 36 Kilogramm oder mehr, „schaltet sich mein Körper wieder ein“. „Ich bin dann wieder in der Lage zu fühlen, empfinde Trauer, Wut und auch Freude. Ich kann wieder ein Buch lesen, weil ich mich konzentrieren kann und die Aufmerksamkeit nicht ständig abschweift. Seit vier Jahren spiele ich Klavier, habe hier ein Keyboard in der Klinik und habe gerade in der Weihnachtszeit sehr viel und gerne gespielt.“, erzählt die junge Patientin. Sie ist schon einen weiten Weg gegangen, aber sie weiß auch, dass noch einige Wochen Klinikaufenthalt auf sie warten. Ihr aktuelles Gewicht liegt bei rund 38 Kilogramm. Mindestens sieben Kilogramm muss sie noch zunehmen, um von der stationären in die ambulante Behandlung wechseln zu dürfen. Aber sie hat ein Ziel.
tags: #hirnschrumpfung #multiple #sklerose