Die Diskussion um die Sicherheit von Aspartam, einem weit verbreiteten künstlichen Süßstoff, ist seit Jahrzehnten ein kontroverses Thema. Jüngste Studien und Neubewertungen haben die Debatte neu entfacht, insbesondere im Hinblick auf ein mögliches Krebsrisiko. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse, Studienergebnisse und die Einschätzungen von Experten, um ein umfassendes Bild der Thematik zu vermitteln.
Aspartam: Was ist das und wo wird es eingesetzt?
Aspartam ist ein synthetisch hergestelltes Süßungsmittel, das chemisch nicht mit Zucker verwandt ist. Es ist etwa 200-mal süßer als Haushaltszucker und wird daher in sehr geringen Mengen verwendet, was zu einem geringen Energiegehalt und einer geringeren Förderung von Zahnerkrankungen führt. Aspartam ist unter der E-Nummer E 951 in der EU zugelassen.
Aspartam findet sich in einer Vielzahl von Lebensmitteln und Produkten, darunter:
- Joghurt
- Getränke (insbesondere "Light"- und "Zero"-Varianten wie Coca Cola Zero und Pepsi Cola Max)
- Desserts
- Süßigkeiten (z.B. Wrigley's EXTRA Professional White Kaugummi, Mentos Kaugummi Pure Fresh Mint, Wrigley's Hubba Bubba)
- Einige Eiweißpulver und andere Nahrungsergänzungsmittel
- Tafelsüße
Auf Lebensmitteln muss entweder die Bezeichnung "Aspartam" oder die E-Nummer E 951 angegeben werden. Zudem ist der Hinweis "Enthält eine Phenylalaninquelle" vorgeschrieben, da Aspartam von Personen mit Phenylketonurie (PKU), einer angeborenen Stoffwechselerkrankung, gemieden werden muss.
Die Krebskontroverse: Historischer Überblick und aktuelle Studien
Die Annahme, Aspartam sei krebserregend, geht auf Studien in den 1970er Jahren zurück. John W. Olney, ein US-amerikanischer Psychiater und Neuropathologe, veröffentlichte 1996 eine Metastudie mit dem Titel "Anstieg der Gehirntumorraten - gibt es eine Beziehung zu Aspartam?", die für große Aufregung sorgte. Olney vermutete, dass Aspartam ein vielversprechender Kandidat sei, um die Zunahme der Häufigkeit und des Malignitätsgrades von Hirntumoren zu erklären.
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In Olneys Metastudie wurden Ergebnisse und Daten aus mehreren Untersuchungen an Ratten zusammengefasst, die zwischen 1975 und 1992 durchgeführt wurden. Dabei traten Häufungen von Krebsfällen bei Ratten ab einer täglichen Verzehrmenge von 20 mg Aspartam pro Kilogramm Körpergewicht auf. Um eine derartige Menge zu erreichen, müsste eine Frau von normalem Körpergewicht etwa sechs Liter Cola Zero pro Tag trinken - und das jeden Tag. Die Unbedenklichkeitsgrenze wurde durch die EU mit 40 mg Aspartam täglich sogar noch höher angesetzt.
Diese frühen Versuche an Ratten, Hunden und Affen wurden von Wissenschaftlern kritisiert. Es wurde diskutiert, ob die Tumorerkrankungen aufgrund des Konsums von Aspartam oder als Folge von Infektionserkrankungen aufgetreten sind. Zudem lassen sich Laboruntersuchungen an Tieren, bei denen über lange Zeiträume Aspartam in unüblichen Mengen verfüttert wird, nicht ohne Weiteres auf Menschen und den üblichen Gebrauch von Aspartam übertragen. Ein Nachweis erhöhter Krebsraten beim Menschen konnte bisher nicht erbracht werden.
Eine italienische Studie von Morando Soffritti und seinen Kollegen vom Krebsforschungszentrum in Bologna, bei der 1800 Ratten bis zum Tod mit verschiedenen Dosen Aspartam gefüttert wurden, fand bei den Tieren, die Aspartam fraßen, häufiger Lymphdrüsenkrebs und Leukämien. Diese Studie widerspricht jedoch zahlreichen Untersuchungen, die Aspartam für sicher befanden.
Neubewertungen und Einschätzungen von Behörden
Die European Food Safety Authority (EFSA) hat zwischen 2006 und 2013 immer wieder Neubewertungen von Aspartam, Studien, Risikobewertungen und öffentliche Konsultationen durchgeführt. Das umfassendste Gutachten wurde 2013 veröffentlicht. Die EFSA kam zu dem Schluss: "Die derzeitige zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake - ADI) von 40 mg/kg Körpergewicht/Tag wurde für die allgemeine Bevölkerung als ausreichend schützend angesehen, wobei die Verbraucherexposition weit unter diesem Wert liegt."
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält ebenfalls einen Verzicht auf Aspartam nicht für nötig und betont, dass es bisher keinen Anlass zur Panik gebe.
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Im Juli wurde Aspartam von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Diese Einstufung basiert auf begrenzten Beweisen für Krebs beim Menschen, ausreichenden Beweisen für Krebs bei Tieren oder starken Beweisen für Mechanismen, die Krebs verursachen können. Die IARC hat die empfohlene Aufnahmemenge nicht geändert. Das BfR erklärte, dass man weiterhin ohne Bedenken bis zu 40 Milligramm Aspartam pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu sich nehmen kann.
Aspartam und Hirntumoren: Der aktuelle Stand
In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Aspartam im Zusammenhang mit Hirntumoren stehen könnte. Diese These wurde jedoch von zahlreichen Wissenschaftlern erschüttert, da die Hirntumorrate in den USA seit 1973 anstieg - als Aspartam noch gar nicht auf dem Markt war.
Eine Analyse von Daten aus zwei großen US-amerikanischen Kohortenstudien (Nurses Health Studie und Health Professionals Follow-Up Studie) über einen Zeitraum von 22 Jahren ergab keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Aspartam-gesüßten Getränken und einem erhöhten Risiko für Hirntumoren bei Frauen. Bei Männern wurde jedoch ein erhöhtes Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) und Multiple Myelome bei hohem Konsum von zuckerhaltigen Softdrinks festgestellt, aber nicht spezifisch für Aspartam.
Weitere Bedenken und potenzielle Auswirkungen
Neben der Krebskontroverse gibt es weitere Bedenken hinsichtlich der potenziellen Auswirkungen von Aspartam auf die Gesundheit. Einige Studien deuten darauf hin, dass Aspartam Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust, Anfälle, Sehstörungen, Koma und andere neurologische Probleme verursachen kann. Es wird auch vermutet, dass Aspartam Methylalkohol freisetzt, was zu einer chronischen Methanolvergiftung führen und das Dopaminsystem des Gehirns beeinträchtigen kann.
Eine Studie, die im Fachjournal "Neurology" veröffentlicht wurde, untersuchte den Einfluss des Konsums künstlicher Süßstoffe auf das Gedächtnis und die Denkfähigkeit von über 12.000 Erwachsenen über acht Jahre. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass bestimmte Süßstoffe, darunter Aspartam, den Abbau im Gedächtnis beschleunigen können, insbesondere bei Menschen unter 60 Jahren und bei Diabetikern.
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Alternativen zu Aspartam
Angesichts der Kontroversen um Aspartam suchen viele Verbraucher nach Alternativen. Zu den möglichen Alternativen gehören:
- Zuckeralkohole: Erythrit, Xylit und Sorbit sind Zuckeralkohole, die weniger Kalorien als Zucker enthalten und den Blutzuckerspiegel weniger stark beeinflussen. Allerdings können sie bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.
- Natürliche Süßstoffe: Stevia, Honig, Ahornsirup, Kokosblütenzucker und Apfelmus sind natürliche Süßstoffe, die jedoch ebenfalls Kalorien enthalten und den Blutzuckerspiegel beeinflussen können.
- Tagatose: Ein in der oben genannten Studie positiv hervorgehobener Süßstoff, bei dem kein negativer Einfluss auf Denken oder Erinnerungsvermögen nachgewiesen wurde.
Es ist wichtig zu beachten, dass auch diese Alternativen nicht völlig unumstritten sind und ihre eigenen potenziellen Auswirkungen auf die Gesundheit haben können.
Erythrit: Eine neue Kontroverse?
Während Aspartam im Fokus der Debatte steht, rückt auch Erythrit, ein anderer Zuckeralkohol, zunehmend in den Blickpunkt. Eine Forschungsgruppe der University of Colorado hat untersucht, wie sich Erythrit auf die Zellen der Blut-Hirn-Schranke auswirkt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Erythrit oxidativen Stress verursachen, Zellfunktionen schädigen und im schlimmsten Fall zum Zelltod führen kann.
Besonders alarmierend ist, dass Erythrit die Fähigkeit von Blutgefäßen beeinträchtigen könnte, sich bei Bedarf zu weiten oder zu verengen. Die Studie zeigte, dass Erythrit die Produktion des gefäßerweiternden Stickstoffmonoxids bremst, während es gleichzeitig den Spiegel von Endothelin-1, einem gefäßverengenden Molekül, ansteigen ließ.
Diese Laborergebnisse werden durch Beobachtungsstudien in den USA und Europa untermauert, die einen Zusammenhang zwischen hohen Erythrit-Werten im Blut und einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt haben.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Forschung noch in einem frühen Stadium ist und weitere Studien erforderlich sind, um die potenziellen Risiken von Erythrit vollständig zu verstehen.