Gerald Hüther über frühkindliche Entwicklung: Eine kritische Betrachtung

Gerald Hüther, ein bekannter deutscher Hirn- und Lernforscher, hat sich intensiv mit der frühkindlichen Entwicklung auseinandergesetzt. Dieser Artikel beleuchtet seine Thesen und Erkenntnisse und setzt sie in einen kritischen Kontext.

Hüthers Thesen zur frühkindlichen Entwicklung

Hüther betont, dass Eltern oft nur das Beste für ihre Kinder wollen: die beste Kita, die beste Schule, die beste Uni, den besten Job. Damit verbunden ist der Wunsch, die Voraussetzungen für ein sorgenfreies und glückliches Leben zu schaffen.

Die Überfrachtung der Schule

Hüther kritisiert, dass die Schule mit Erwartungen überfrachtet werde, die sie nicht erfüllen könne. Die Schule vermittle in ihrer jetzigen Form nicht die Fertigkeiten, die in der veränderten Welt von morgen benötigt würden. Die Digitalisierung und Globalisierung hätten das Umfeld, in dem wir leben, arbeiten und kommunizieren, nachhaltig verändert.

Freude am Lernen erhalten

Hüther sieht die in Schulen gängigen Modi kritisch, die Kinder schon sehr früh in ihrer Entwicklung zu Objekten von externen Erwartungen und Zielen, von Belehrung und Bewertung machten. Dadurch werde den Kindern die Freude am Lernen und gemeinsamen Gestalten der Welt genommen, die ihnen von Geburt an gegeben sei. Sie würden gezwungen, ihre intrinsische Gestaltungsfreude zu unterdrücken, bis sie verkümmert.

Die neue Welt braucht andere Kompetenzen

Hüther warnt, dass in Zukunft Dienst nach Vorschrift nicht mehr ausreiche. Tätigkeiten, die exakt definiert und gut beschreibbar seien, könnten von Automaten oder Robotern übernommen werden. Stattdessen würden Kompetenzen wie Handlungsplanung, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Verantwortungsgefühl, Empathie, Selbstreflexionsfähigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen und Beziehungen benötigt.

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Die Vision eines Bildungscampus

Hüther schlägt einen Bildungscampus in jeder Stadt vor, wo die Schule die Aufgaben übernimmt, für die sie konzipiert wurde. Zudem brauche es aber auch Handwerksbetriebe, Start-Ups, Sportvereine und zivilgesellschaftliche Akteure, die Energie und Leidenschaft ausstrahlen. Von ihnen könnten Kinder wirklich lernen, was sie für ein glückliches Leben brauchen.

Die Bedeutung der frühen Eltern-Kind-Bindung

Hüther betont, wie groß der Einfluss früher positiver Beziehungserfahrungen darauf sei, welche Verschaltungen zwischen den Nervenzellen besonders gut gebahnt und stabilisiert und welche nur unzureichend entwickelt werden. Bei der Geburt werde ein Überangebot an Nervenzellen bereitgestellt, das Stimulation benötige. Leitbilder, Orientierungen und soziale Kompetenz müssten von den Eltern vorgelebt beziehungsweise „kulturell tradiert“ werden, um im Gehirn ausgebildet werden zu können.

Sichere Bindung als Schutzfaktor

Brisch verdeutlichte, wie wichtig die Feinfühligkeit der Bindungsperson für den Säugling ist. „Die Signale des Kindes müssen wahrgenommen, interpretiert werden und eine angemessene Reaktion zur Folge haben“, betonte Brisch. „Sichere Bindung ist ein lebenslanger Schutzfaktor.“ Bei unsicher oder ambivalent gebundenen Kindern zeigten sich dagegen Störungen in der Gehirnentwicklung und in der Beziehungsfähigkeit. Schwere Bindungsstörungen lösten psychosomatische Störungen und Verhaltensstörungen aus.

Väterliche Unterstützung

Grossmann stellte fest, dass sich Kinder von „spielfeinfühligen“ Vätern im Kindergartenalter im Umgang mit Gleichaltrigen kompetenter erwiesen.

Pränatale Entwicklung

Janus erläuterte Theorien aus der Prä- und Perinatalforschung. „Die elterliche Beziehung beginnt nicht mehr, wie früher angenommen, erst nach der Geburt, sondern spätestens mit den Kindsbewegungen, eher bereits bei der Konzeption.“ Schon im Mutterleib würden die „basalen Gefühle, Handlungsbereitschaften und Bezogenheiten - das Lebensgefühl“ entwickelt, betonte Janus. Ein durch Bedrohung seiner Existenz im Mutterleib verängstigtes Kind entwickele die entsprechenden Hirnareale für Angst, Aggression, Panik, Abwehr, Wut oder Flucht. Die Hirnareale für Ruhe, Freude, Sicherheit und Bindungsfähigkeit würden dagegen nicht ausreichend aktiviert.

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Hüther zur ADHS und Ritalin

Hüther äußert sich kritisch zur Diagnose ADHS und dem Einsatz von Ritalin. Er führt die Hyperaktivität bei Kindern nicht auf eine zu geringe, sondern übermäßig starke Dopaminausschüttung zurück. Ritalin bremse zwar die Überflutung des Gehirns mit diesem Botenstoff, behindere aber gleichzeitig eine optimale Hirnentwicklung. Er fürchtet deshalb langfristige Folgen - besonders das frühzeitige Auftreten der Schüttellähmung Parkinson.

Alternativen zu Ritalin

Hüther betont, dass Kinder so selten wie möglich die Erfahrung machen sollten, dass sie nur mit Hilfe einer Pille funktionieren können. Sie müssen erleben, wie sie aus sich selbst heraus Probleme lösen können. Um so weit zu kommen, braucht ein ADHS-Kind therapeutische Hilfe. Ritalin allein reiche nicht; die Pille könne nur eine Starthilfe sein.

Die Verschreibungspraxis

Hüther kritisiert die verheerende Verschreibungspraxis in Deutschland, wo fast jeder Kinder- oder Hausarzt ein Ritalin-Rezept ausstellen kann, obwohl das Medikament zu den Betäubungsmitteln zählt und nur von qualifizierten Kinder- und Jugendpsychiatern verordnet werden sollte.

Der Einfluss der Sozialisation

Hüther sieht einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg an ADHS-Kindern und den veränderten Sozialisationsbedingungen. Früher übten sehr strenge Sozialisationsbedingungen wie Religion oder Schichtzugehörigkeit Zwänge aus, die das Frontalhirn - und die Persönlichkeit eines Kindes - mitgeformt haben. Heute fallen die weg, alles scheint möglich, auch in der Erziehung. Es gab noch nie so viele verunsicherte Eltern, die nach der Entbindung plötzlich mit ihrem Säugling allein sind und gar nicht genau wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Elternschulen

Hüther plädiert für Elternschulen, wo Eltern die wichtigsten Grundregeln wieder lernen - ganz schlichte Dinge wie Grenzen zu setzen und Kinder vor neue Aufgaben zu stellen.

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Lernen und Hirnentwicklung

Hüther betont, dass das Gehirn bei der Geburt noch recht unreif ist. In der ersten Lebensphase sind verlässliche Beziehungen unbedingt erforderlich. Alles, was ein Kind erlebt, wird hinzugelernt und als neue Erfahrungen im Gehirn abgespeichert. Es entstehen Verschaltungen in einem Maße, dass es einen riesigen Überschuss gibt. Erhalten bleiben nur diejenigen, die auch wirklich benutzt werden. Der Rest wird wieder abgebaut.

Voraussetzungen für das Lernen

Babys sind auf Bezugspersonen angewiesen, die sich mit ihnen beschäftigen und ihnen helfen, diese Angst zu überwinden, damit sich die Erfahrung fest verankern kann.

Wie prägen sich Dinge ein?

Dinge prägen sich durch die Entstehung eines bestimmten Erregungsmusters ein. Gemeinsamkeit passiert gar nichts. Nur wenn das aus dem Gedächtnis abgerufene Bild zumindest teilweise zum neuen passt, kann es verändert werden. Dann hat das Kind etwas hinzugelernt.

Die Rolle der Werte

Werte wie Achtsamkeit und Rücksichtnahme spielen eine sehr wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Gehirns.

Kritik an Hüther

Spiewak kritisiert Hüther als „umtriebigste[n] Vertreter einer Gattung von Bildungsgurus, die mit starken Thesen ein großes Publikum fesseln und die klassische Erziehungswissenschaft alt aussehen lassen“. Er enthüllt, dass Hüther weder „ordentlicher Professor“ sei noch „auf eigene empirische Forschung zum Thema Schule“ verweisen könne und stellt ihn auf eine Ebene mit „fahrenden Wunderdoktoren“. Schließlich hinterfragt Spiewak auch noch Hüthers Expertise in Sachen Hirnforschung.

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