Einführung
Die Friedreich-Ataxie (FA) ist eine seltene, autosomal-rezessiv vererbte neurologische Erkrankung, die vorwiegend das Nervensystem betrifft. Charakteristisch für diese Erkrankung ist eine fortschreitende Ataxie, also eine Störung der Bewegungskoordination. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Friedreich-Ataxie, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Epidemiologie
Die Friedreich-Ataxie ist die häufigste Form der erblichen Ataxien. Die Prävalenz wird auf etwa 1:20.000 in Süd- und Westeuropa geschätzt, während sie in Nord- und Osteuropa mit etwa 1:250.000 geringer ist.
Ursachen und Genetik
Die Friedreich-Ataxie wird durch eine Mutation im FXN-Gen verursacht, das sich auf Chromosom 9 befindet. Dieses Gen codiert für das Protein Frataxin, das eine wichtige Rolle im Eisenstoffwechsel der Mitochondrien spielt. Die häufigste Mutation ist eine GAA-Triplett-Repeat-Expansion im Intron 1 des FXN-Gens.
GAA-Triplett-Repeat-Expansion
Normalerweise tragen Menschen etwa 7-33 GAA-Repeats. Bei gesunden Prämutationsträgern können 34-65 nicht unterbrochene GAA-Tripletts nachgewiesen werden, die sich bei der Weitergabe an die nächste Generation verlängern können. Erkrankte weisen 66 bis ca. 1.700 Repeats auf. Diese Expansion führt zu einer verminderten Produktion von Frataxin, was zu einer Eisenansammlung in den Mitochondrien und oxidativem Stress führt. Dies wiederum schädigt die Nervenzellen, insbesondere im Rückenmark und im Kleinhirn.
Punktmutationen und Deletionen
In über 95%-98% der Fälle wird die Erkrankung durch zwei Allele mit der GAA-Triplett-Repeat-Expansion verursacht, während bei ca. 2-3% die Expansion auf einem und eine Punktmutation, seltener eine Deletion auf dem anderen FXN-Allel ursächlich ist.
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Symptome
Die Symptome der Friedreich-Ataxie beginnen typischerweise vor dem 20. Lebensjahr, obwohl es auch Fälle mit späterem Beginn gibt. Die Erkrankung manifestiert sich durch eine Vielzahl neurologischer und nicht-neurologischer Symptome, die im Laufe der Zeit fortschreiten.
Neurologische Symptome
- Gangataxie: Dies ist eines der ersten und auffälligsten Symptome. Betroffene haben Schwierigkeiten beim Gehen und Balancieren, was zu einem unsicheren Gang führt.
- Dysarthrie: Sprechstörungen, die durch eine beeinträchtigte Koordination der Sprechmuskulatur verursacht werden. Die Sprache kann verwaschen, langsam oder undeutlich sein.
- Nystagmus: Unkontrollierbare, rhythmische Augenbewegungen, die das Sehen beeinträchtigen können.
- Verlust der Muskeleigenreflexe: Die Reflexe, die normalerweise durch Beklopfen von Sehnen ausgelöst werden, sind abgeschwächt oder fehlen ganz.
- Pyramidenbahnzeichen: Anzeichen für eine Schädigung der Pyramidenbahn, einer wichtigen Nervenbahn, die für die Steuerung der willkürlichen Bewegungen verantwortlich ist.
- Sensorische Neuropathie: Schädigung der peripheren Nerven, die zu Gefühlsverlust, Kribbeln oder Schmerzen in den Extremitäten führen kann.
- Optikusatrophie: In einigen Fällen kann es zu einer Schädigung des Sehnervs kommen, die zu einer Beeinträchtigung des Visus führt.
Nicht-neurologische Symptome
- Kardiomyopathie: Eine Erkrankung des Herzmuskels, die zu Herzinsuffizienz führen kann. Anfangs kann es sich um eine hypertrophe Kardiomyopathie handeln, die später in eine dilatative Kardiomyopathie übergehen kann.
- Diabetes mellitus: Etwa 30% der Betroffenen entwickeln im Laufe der Zeit Diabetes.
- Hohlfuß (Friedreich-Fuß): Eine Deformierung des Fußes, bei der das Fußgewölbe übermäßig hoch ist.
- Hörstörungen: Seltener als andere Symptome, aber bei einigen Betroffenen können Hörprobleme auftreten.
- Skoliose: Eine Verkrümmung der Wirbelsäule.
Kognitive Fähigkeiten
Die kognitiven Fähigkeiten sind meist nicht beeinträchtigt.
Diagnose
Die Diagnose der Friedreich-Ataxie basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, Familienanamnese und genetischen Tests.
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung umfasst eine Beurteilung der neurologischen Funktionen, wie z.B. Koordination, Reflexe, Sensibilität und Augenbewegungen.
Familienanamnese
Da die Friedreich-Ataxie erblich ist, ist es wichtig, die Familienanamnese zu erheben, um festzustellen, ob andere Familienmitglieder betroffen sind.
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Genetische Tests
Die Diagnose wird durch genetische Tests bestätigt, die die GAA-Triplett-Repeat-Expansion im FXN-Gen nachweisen. Diese Tests können auch Punktmutationen oder Deletionen im FXN-Gen identifizieren.
Weitere Untersuchungen
- Elektrophysiologie: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um eine sensorische Neuropathie festzustellen.
- EKG und Echokardiographie: Untersuchung des Herzens, um eine Kardiomyopathie zu erkennen.
- MRT des Gehirns und Rückenmarks: Bildgebung des Gehirns und Rückenmarks, um andere Ursachen für die Ataxie auszuschließen.
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, die Friedreich-Ataxie von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden. Dazu gehören andere Formen der erblichen Ataxie, wie z.B. die Ataxie mit okulomotorischer Apraxie Typ 2 (AOA2), sowie erworbene Ataxien, die durch Alkoholmissbrauch, Medikamente oder andere neurologische Erkrankungen verursacht werden können.
Einige andere in Frage kommende Diagnosen sind:
- G12.8 Sonstige spinale Muskelatrophien und verwandte Syndrome
- G12.9 Spinale Muskelatrophie, nicht näher bezeichnet
- G13* Systematrophien, vorwiegend das Zentralnervensystem betreffend, bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- G60.- Hereditäre und idiopathische Neuropathie
- G11.0 Angeborene nichtprogressive Ataxie
- G31.- Sonstige degenerative Krankheiten des Nervensystems, anderenorts nicht klassifiziert
- E75.- Störungen des Sphingolipidstoffwechsels und sonstige Störungen der Lipidspeicherung
- D64.- Sonstige Anämien mit Ringsideroblasten
- G24.- Dystonie
- F44.- Dissoziative Störungen [Konversionsstörungen]
- R27.- Sonstige Koordinationsstörungen
Behandlung
Es gibt derzeit keine Heilung für die Friedreich-Ataxie. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität.
Physiotherapie
Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft, Koordination und Balance zu verbessern. Regelmäßige Übungen können dazu beitragen, die Mobilität zu erhalten und Stürze zu vermeiden.
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Ergotherapie
Ergotherapie kann Betroffenen helfen, ihre täglichen Aktivitäten besser zu bewältigen. Dies kann die Anpassung von Hilfsmitteln, wie z.B. Gehhilfen oder Rollstühle, umfassen.
Sprachtherapie
Sprachtherapie kann bei der Behandlung von Dysarthrie helfen. Logopäden können Betroffenen helfen, ihre Sprechmuskulatur zu trainieren und Kommunikationsstrategien zu entwickeln.
Medikamentöse Behandlung
Es gibt einige Medikamente, die zur Behandlung spezifischer Symptome der Friedreich-Ataxie eingesetzt werden können. Zum Beispiel können Medikamente zur Behandlung von Kardiomyopathie oder Diabetes eingesetzt werden.
Gentherapie
Die Gentherapie ist ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung der Friedreich-Ataxie. Ziel der Gentherapie ist es, das defekte FXN-Gen durch eine funktionierende Kopie zu ersetzen. Es gibt mehrere Gentherapiestudien, die derzeit laufen oder geplant sind.
Idebenon
Idebenon ist ein synthetisches Coenzym Q10-Analogon, das antioxidative Eigenschaften hat. Einige Studien haben gezeigt, dass Idebenon die Herzfunktion bei Patienten mit Friedreich-Ataxie verbessern kann. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Evidenz für die Wirksamkeit von Idebenon begrenzt ist.
Omaveloxolon
Omaveloxolon ist ein Medikament, das die Aktivität von Nrf2 erhöht, einem Transkriptionsfaktor, der eine wichtige Rolle bei der zellulären Reaktion auf oxidativen Stress spielt. Im Februar 2023 wurde Omaveloxolon (Skyclarys) von der FDA in den USA für die Behandlung der Friedreich-Ataxie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren zugelassen. Es ist das erste Medikament, das speziell zur Behandlung dieser Erkrankung zugelassen wurde.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf der Friedreich-Ataxie ist variabel. Bei den meisten Betroffenen schreiten die Symptome langsam über einen Zeitraum von mehreren Jahren fort. Die Lebenserwartung kann durch Komplikationen wie Kardiomyopathie verkürzt werden.
Der Tod tritt meist im 4. oder 5. Lebensjahrzehnt ein, häufig aufgrund von Herzerkrankungen.
Leben mit Friedreich-Ataxie
Das Leben mit Friedreich-Ataxie kann eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, sich Unterstützung von Familie, Freunden und Selbsthilfegruppen zu suchen. Es gibt viele Ressourcen, die Betroffenen und ihren Familien helfen können, mit der Erkrankung umzugehen.
Forschung
Die Forschung zur Friedreich-Ataxie schreitet stetig voran. Es gibt viele vielversprechende Forschungsansätze, die das Potenzial haben, die Behandlung der Friedreich-Ataxie in Zukunft zu verbessern.
ICD-10-Code
Der ICD-10-Code für die Friedreich-Ataxie ist G11.1 (Früh beginnende zerebellare Ataxie).
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