Ein Hirntumor, insbesondere ein Glioblastom, stellt eine tiefgreifende Herausforderung für Betroffene und ihre Angehörigen dar. Die Diagnose wirft viele Fragen auf und verändert das Leben grundlegend. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Patienten und die Perspektiven von Experten, um ein umfassendes Bild der Erkrankung, ihrer Behandlungsmöglichkeiten und der damit verbundenen Herausforderungen zu vermitteln.
Die Diagnose: Ein Wendepunkt im Leben
"Sie haben da was im Kopf, das gehört da nicht rein", mit diesen Worten erhielt Patrick im Alter von 30 Jahren die Diagnose Oligoastrozytom WHO-Grad III. Krebs, Hirnoperation und Chemotherapie wurden plötzlich zu zentralen Begriffen in seinem Leben. In Interviews spricht Patrick offen und mit Humor über seine Erkrankung, über Hemiparesen, Chemotherapien, epileptische Anfälle und das Leben mit der Diagnose Hirntumor. Dabei kommen auch Hoffnung, Halt und Lebenswillen zur Sprache.
Gliome: Eine heterogene Gruppe von Hirntumoren
Herr Dr. Synowitz, Neurochirurg, erläutert die Grundlagen von Gliomen. Es handelt sich um eine Gruppe von Hirntumoren, die ihren Ursprung in den Vorläuferzellen der Gliazellen haben, welche das Stütz- und Nährgewebe des Gehirns bilden. Gliome werden nach dem Typ der Gliazellen, denen sie ähneln (z.B. Astrozytome, Oligodendrogliome), oder nach ihrem prognostischen Verlauf (hoch- und niedriggradig) eingeteilt. Glioblastome sind die häufigsten bösartigen Tumore des zentralen Nervensystems und machen fast die Hälfte aller Gliome aus. Sie sind gekennzeichnet durch pathologische Blutgefäße und eine hohe Tendenz zur Ausbreitung im Gehirn.
Symptome und Diagnose von Gliomen
Gliome können sich durch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindelgefühle oder Krampfanfälle äußern. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des zentralen Nervensystems betroffen ist. Die Diagnose erfolgt in der Regel mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT), bei der Kontrastmittelaufnahmen Störungen der Blut-Hirn-Schranke im Bereich des tumorverdächtigen Areals zeigen können. Feingeweblich zeigen sich ein Zerfall von Zellen und eine vermehrte Gefäßneubildung.
Ursachen und Risikofaktoren von Gliomen
Die Ursachen von Gliomen sind noch nicht vollständig geklärt. Die gängige Lehrmeinung besagt, dass sie aus neuronalen Stammzellen entstehen, die sich unkontrolliert teilen und vermehren. Mutationen in Genen, die für Wachstumsfaktoren verantwortlich sind, können ebenfalls eine Rolle spielen. Bezüglich der Risikofaktoren gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse. Elektromagnetische Strahlung wurde diskutiert, aber große Studien konnten keine endgültigen Belege liefern.
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Behandlung von Gliomen
Die Behandlung von Glioblastomen beginnt in der Regel mit der Entfernung des bösartigen Gewebes. Da der Tumor jedoch diffus wächst und keinen klaren Rand zum gesunden Gewebe hat, ist eine vollständige Entfernung oft nicht möglich. Anschließend folgen eine Bestrahlung der erweiterten Tumorregionen und eine Chemotherapie. Diese kombinierte Behandlung hat sich als Goldstandard etabliert und kann die Überlebenszeit verlängern. Wenn der Tumor wiederkommt, wird die Wahl der Behandlung schwieriger.
Prognosen bei Gliomen
Gliome sind in der Regel nicht heilbar. Die durchschnittliche Überlebenszeit beim Glioblastom beträgt ab dem Zeitpunkt der Diagnose 15 Monate. Bei niedriggradigen Gliomen sind die Aussichten besser. Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien, beispielsweise auf die Aktivierung hirneigener Stammzellen, um das Tumorwachstum zu kontrollieren.
Erfahrungen eines Glioblastom-Patienten
Ein Interview mit einem Glioblastom-Patienten gibt Einblicke in das Leben mit dieser Erkrankung. Es zeigt die Herausforderungen, aber auch die Kraft und den Lebenswillen der Betroffenen.
Die psychologische Perspektive
Professor Wick betont, dass Hirntumoren oft als besonders unheimlich empfunden werden, da das Gehirn als Sitz der Persönlichkeit gilt. Patienten haben Angst vor Persönlichkeitsveränderungen, die jedoch nur selten auftreten.
Glioblastome: Eine besondere Herausforderung
Glioblastome sind besonders gefährlich, da sie diffus in das Gehirn einwachsen und sich einer vollständigen Entfernung entziehen. Sie sind resistent gegen Therapien und molekular sehr vielgestaltig. Die Standardbehandlung umfasst Operation, Bestrahlung und das Medikament Temozolomid. Fortschritte in der molekularen Tumordiagnostik ermöglichen es jedoch, Patienten molekular definierten Subgruppen zuzuordnen, die besser zu behandeln sind.
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Molekulare Tumoranalyse und personalisierte Therapie
Eine umfassende molekulare Untersuchung wird für Glioblastompatienten bereits bei der Erstdiagnose angeboten. Dies ermöglicht eine präzisere Einordnung der Tumoren und die Entwicklung zielgerichteter Therapien. In Heidelberg werden neuartige Behandlungen erprobt, darunter die Kombination der Protonen-Präzisionsstrahlentherapie mit zielgerichteten Medikamenten und die Aktivierung des Immunsystems gegen den Tumor.
Innovative Therapieansätze
Es gibt vielversprechende Entwicklungen von neuen therapeutischen Ansätzen, wie den Wirkstoff APG101, der Wachstumssignale an die Glioblastomzellen unterdrückt, und die Bekämpfung von Glioblastomen mit Parvorviren. Auch ein mutationsspezifischer Impfstoff, der eine Immunreaktion gegen Tumorzellen hervorruft, wird geprüft.
Risikofaktoren und Prävention
Es gibt keine bekannten Möglichkeiten, das persönliche Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken, zu verringern. Die Daten zum Zusammenhang von Handystrahlen und Hirntumoren sind noch zu vorläufig.
Hirntumoren im Überblick
Primäre Hirntumoren entstehen aus Zellen des zentralen Nervensystems. In Deutschland erkranken jährlich etwa 7200 Menschen an Tumoren des zentralen Nervensystems. Hirnmetastasen sind Absiedlungen von Tumoren anderer Organe und machen über die Hälfte aller Hirntumoren aus. Die häufigsten Gliome sind Astrozytome, wobei das Glioblastom die bösartigste Form darstellt.
Weitere Hirntumoren
Neben Gliomen gibt es weitere Hirntumoren wie Meningeome, Medulloblastome, Neurinome und Tumoren der Hirnanhangdrüse. Bei Kindern sind Hirntumoren die zweithäufigste Krebserkrankung.
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Die Rolle des Immunsystems
Professor Dr. Lisa Sevenich forscht an der Schnittstelle zwischen dem Nervensystem, dem Immunsystem und Krebserkrankungen des Nervensystems. Sie untersucht, wie das Immunsystem auf Hirntumore reagiert und wie diese Interaktion für die Behandlung genutzt werden kann. Das Gehirn ist von der Immunüberwachung des restlichen Körpers abgeschlossen, da die Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass Immunzellen in das Gehirn infiltrieren.
Mikroglia und Immunsuppression
Mikroglia, die speziellen Immunzellen des Gehirns, werden von den Tumorzellen so manipuliert, dass sie ihre eigentliche Schutzfunktion verlieren und den Tumor sogar unterstützen. Die Forschung zielt darauf ab, diese Interaktion zu stören und das Immunsystem so zu beeinflussen, dass es den Tumor wieder bekämpft.
Personalisierte Medizin und Mikrobiom
Die personalisierte Medizin, bei der die Therapie auf die individuell genetischen Eigenschaften eines Tumors zugeschnitten ist, gilt als Hoffnungsträger. Auch das Mikrobiom könnte ein vielversprechender Therapieansatz sein, da ein durch Antibiotika geschädigtes Mikrobiom die Hirnmetastasierung beeinflussen kann.
Das Zentrum für Hirntumoren am UKR
Professor Dr. Peter Hau informiert über verschiedene Arten von Hirntumoren und ihre Behandlungsmöglichkeiten. Die Überlebenschancen hängen stark von der Art des Tumors ab. Auch bei Glioblastomen gibt es zunehmend genetisch definierte Untergruppen, die dank zielgerichteter Therapien besser behandelbar sind.
Herausforderungen und Immuntherapie
Die Behandlung von Hirntumoren ist aufgrund der genetischen Komplexität der Tumoren schwierig. Die Immuntherapie hat das Potenzial, die Behandlung zu verbessern, indem sie dem körpereigenen Immunsystem ermöglicht, den Tumor zu erkennen und zu bekämpfen. Das Zentrum für Hirntumoren am UKR zeichnet sich durch eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein Engagement für individuelle Heilversuche aus.
Personalisierte Therapie am UKR
Eine personalisierte Therapie wird für jeden Patienten basierend auf den genetischen Merkmalen des Tumors entwickelt. Durch die Genpanel-Sequenzierung können über 500 Krebsgene analysiert werden. Die identifizierten genetischen Veränderungen werden genutzt, um gezielt nach Medikamenten zu suchen, die gegen diese spezifischen Krebsgene wirken.
Frühe Anzeichen und Warnsignale
Viele Hirntumor-Patienten ignorieren die ersten Anzeichen ihrer Krankheit, da sie sich in vermeintlich harmlosen Beschwerden äußern können. Eine britische Studie aus dem Jahr 2019 hat die Erfahrungen von Patienten mit Hirntumoren untersucht.
Warnsignale, die Patienten ignorierten
Patienten berichteten von Symptomen wie körperlicher Schwäche, Taubheitsgefühl im Gesicht, Sprachstörungen, Lesestörungen, Sehstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Oft trugen Gespräche mit Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern dazu bei, dass Patienten doch noch einen Arzt aufsuchten.
Die Bedeutung der Früherkennung
Da es für Hirntumoren bislang keine Früherkennung gibt, ist es wichtig, auf anhaltende oder stärker werdende Beschwerden zu achten und einen Arzt aufzusuchen.
Psychoonkologische Betreuung
Frau Dr. erklärt, dass die Diagnose Glioblastom eine enorme Belastung für die Betroffenen und ihre Familien darstellt. Die psychoonkologische Betreuung ist wichtig, um die psychischen Belastungen zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.
Fragen und Ratschläge für Patienten
Patienten stellen häufig Fragen zum Thema Tod und Sterben. Es ist wichtig, sich Informationen zur OP, dem Pathologiebefund und den MRT-Bildern einzuholen, um die Erkrankung besser zu verstehen. Auch Trauerarbeit über die Dinge, die sich im Leben vielleicht nicht mehr realisieren lassen, gehört zur Verarbeitung der Erkrankung dazu.
Strategien für den Alltag
Es ist wichtig, in kleinen Schritten von Tag zu Tag zu denken und sich von den empfohlenen Therapien abzulenken. Freundschaften, Natur, Sport und Kreativität können dabei helfen, in einen Alltag mit der Erkrankung zu finden.