Introvision bei Kopfschmerzen und Migräne: Ein neuer Ansatz zur Schmerzlinderung

In Deutschland leiden geschätzt fast 6 Millionen Menschen unter chronischen Kopfschmerzen, während fast 30 Millionen Menschen von Migräne betroffen sind. Vor allem chronische Kopfschmerzen und häufige Migräneattacken stellen für die Betroffenen eine enorme Belastung dar. Viele Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich und zahlreiche Medikamente ausprobiert. Ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von Spannungskopfschmerz und Migräne ist die Introvision. Hierbei handelt es sich um eine Methode zur mentalen Selbstregulation, die jeder Patient erlernen und bei sich selbst anwenden kann.

Was ist Introvision?

Die Introvision ist eine an der Universität Hamburg entwickelte Methode zur emotionalen Selbstregulation, um Gelassenheit zu erlangen und weniger gestresst zu sein. Sie ist eine Anleitung zur emotionalen und mentalen Selbstregulation, eine Entspannungstechnik, entwickelt an der Universität Hamburg von Frau Prof. Wagner. Introvision wurde nicht für Kopfschmerzen erfunden, sondern allgemein, um Gelassenheit auch in Stress-Situationen zu erlangen.

Das Besondere an der Introvision ist, dass die Methode den Stress ursächlich angeht. Innere Konflikte werden mittels einer besonderen Wahrnehmungstechnik aufgelöst, dadurch sollen Patienten eine dauerhafte und nachhaltige Entspannung erreichen. Introvision ist nicht nur für Kopfschmerzpatienten geeignet, sondern für alle, die sich aufgrund von Stress und Anspannung in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlen.

Das Zitat von Aristoteles „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ bringt es auf den Punkt: Manch schwierige Situation lässt sich nicht vermeiden, wir können aber unseren Umgang mit ihr anders gestalten. Das gilt auch für Kopfschmerzen. Manchmal hindert uns jedoch etwas genau daran. Dann steigt die innere Unruhe, mentale Blockaden entstehen, Gelassenheit und Handlungsfähigkeit nehmen ab. Mit Introvision können wir ungeahnte Zusammenhänge in uns aufdecken, die in einem inneren Konflikt „verknotet“ sind. Dieses „innere Verknoten“ kann dazu führen, dass Ressourcen nicht mehr ausgeschöpft werden. Dann fällt es schwer, die Segel anders zu setzen und es kostet viel Energie innere Konflikte zu umgehen. Die Folgen sind vielfältig und vielschichtig. Die Realität wird beispielsweise umgeschrieben, Unangenehmes verdrängt.

Wir leiden unter Gedankenkreisen, Entscheidungsschwierigkeiten, Versagensangst und mangelnder Kreativität. All dies kann sich zudem in chronischen körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Migräne, Tinnitus oder Muskelverspannungen ausdrücken. Auch Depression und Burnout sind mögliche Folgen. Kurzum: Introvision ist als Selbstregulationsmethode geeignet für alle, die unter Stress und Anspannung in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind.

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Die Theorie hinter der Introvision

Die Introvisionstheorie geht davon aus, dass innere Konflikte Stress und Anspannung verursachen, die wiederum zu Kopfschmerzen führen. Mittels einer eigens entwickelten Achtsamkeits- und Wahrnehmungstechnik bietet die Introvision eine wirksame Methode zur dauerhaften Auflösung dieser Konflikte - und somit zur Beseitigung eines häufigen Auslösers von Kopfschmerzen.

Indem man lernt, seinem eigenen subjektiv Schlimmsten (Kernimperativ in der Sprache der Introvision) ins Auge zu sehen, nimmt man dem Schlimmen langsam den Schrecken. Das Ziel ist eine größere Gelassenheit und Handlungsfähigkeit im Alltag.

Die Wahrnehmungstechnik KAW

Mittels einer eigens entwickelten Achtsamkeits- und Wahrnehmungstechnik bietet die Introvision eine wirksame Methode zur dauerhaften Auflösung dieser Konflikte - und somit zur Beseitigung eines häufigen Auslösers von Kopfschmerzen. Das KAW ist achtsamkeits- bzw. meditationsähnlich. Man lernt dabei seine im Laufe des Lebens angelernten Filter der Sinneswahrnehmung wieder abzutrainieren. Dies lernt man stufenweise zunächst in den Sinneskanälen Sehen, Hören, Fühlen jeweils einzeln. Dann wird die Technik auch auf Gedanken und Gefühle ausgeweitet.

Introvision bei Migräne: Besonderheiten

Introvision wurde nicht zur Behandlung von Kopfschmerzen erfunden. Dennoch scheint eine Methode mit Wahrnehmungsübungen bei Migränepatienten besonders erfolgversprechend, da Betroffene eine gestörte Reizverarbeitung aufweisen mit einer Art Überreaktion auf Sinneswahrnehmungen.

Schon das bewusste Wahrnehmen erhöhter Anspannung oder mentaler Blockaden kann zum Verständnis eigener Handlungsmuster beitragen und somit bereits einen entscheidenden Schritt zur Auflösung innerer Konflikte leisten.

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Wie läuft eine Introvisionsbehandlung ab?

Wenn jemand mit einer Kopfschmerzproblematik zu einer Introvisionsberaterin kommt, unterscheidet sich das Vorgehen der Introvision bei Migräne und Kopfschmerzen nicht so sehr von dem bei anderen Themen. Allerdings ist es wichtig, sich dem Konstatieren der Schmerzen vorsichtig zu nähern.

Erste Studienergebnisse und Patientenberichte

Ein Zwischenergebnis, das wir benennen dürfen ist: Introvision wird von allen, die uns ihre Fragebögen zurückgesandt haben weiterempfohlen. Die Teilnehmer*innen melden häufig zurück, dass sie die Methode als angenehm unaufgeregt empfinden und das Gefühl haben, mit der Introvision , etwas in der Hand zu haben, um mit der Migräne umzugehen. Sie schätzen das KAW als Methode, die sie überall und jederzeit ohne viel Aufwand anwenden können.

Die Einstellung gegenüber der eigenen Migräne ändert sich durch Introvision: sie wird nicht mehr als zusätzlicher Stressor wahrgenommen, sondern konstatierend („nicht schon wieder…! vs. „aha, es kann sein, dass ich wieder eine Attacke bekomme…“). Die Teilnehmer*innen berichten, sich bewusster wahrzunehmen, was auch dazu führt, dass sie sich mehr Zeit für sich nehmen. Die konstatierende und weitgestellte Qualität der Wahrnehmung lässt sie Situationen und Empfindungen mit mehr innerer Distanz betrachten, was als auch bei Schmerzen hilfreich und entlastend erlebt wird. Einige berichten schon während der Kursphase weniger, bzw.

Migräniker, die Introvision anwenden, berichten von Entspannung und Linderung durch die nicht-wertende Haltung gegenüber der eigenen Migräne. Sie erleben die Schmerzen nicht mehr so stark als zusätzlichen Stressor. Patienten berichten, dass sie weniger Attacken haben und sie durch Introvision sensibilisierter sind. Sie nehmen frühzeitiger Anzeichen wahr und fühlen sich dadurch besser in der Lage zu entscheiden, ob sie eine Attacke früh und dann auch effektiver behandeln sollen oder noch abwarten können.

Introvision in der Praxis: Die IntroMig-Studie

Um die Wirksamkeit von Introvision bei Migräne wissenschaftlich zu untersuchen, wurde die IntroMig-Studie am Klinikum der Universität München durchgeführt. Die Rekrutierung für die Studie IntroMig lief bis zum Sommer 2019, und derzeit können keine neuen Patienten mehr eingeschlossen werden.

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Migränikerinnen mit mindestens 5 Kopfschmerztagen pro Monat bis hin zur chronischen Migräne konnten an der Studie teilnehmen und wurden gebeten, einen Kopfschmerzkalender über ca. 6 Monate zu führen und ihre vorbeugende Medikation und nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht zu ändern. Studienteilnehmerinnen erlernten dann in sechs zweistündigen Kursen mit Videounterstützung aus Hamburg durch Sonja Löser und Petra Spille in praktischen Übungen die Wahrnehmungstechnik KAW und den theoretischen Hintergrund der Introvision. Es folgten drei Einzelsitzungen per Videokonferenz. Die Wartelistengruppe begann erst sechs Wochen später mit der Kursteilnahme.

Zunächst besuchten die Teilnehmerinnen der Studie einen Kurs in den Räumlichkeiten der LMU in München. Dr. Empl ist vor Ort anwesend, Sonja Löser und Petra Spille sind per Videoübertragung dazu geschaltet. Auf diese Weise wird die Theorie und Praxis an sechs zweistündigen Terminen vermittelt. Zwischen diesen Terminen können in Einzelgesprächen (entweder Telefonate oder Videokonferenzen) individuelle Fragen und Unsicherheiten geklärt oder auch verpasste Inhalte erörtert werden. Es kommt häufiger vor, dass Teilnehmerinnen aufgrund ihrer Migräne am Kurs nicht teilnehmen können.

Die Rolle von Stress bei Kopfschmerzen und Migräne

Stress und Überlastung sind häufige Auslöser von Kopfschmerzen und Migräne. Entspannungsverfahren sind daher anerkannte Therapieformen zur Vorbeugung: Weniger Stress bedeutet für viele weniger Schmerzen. Es ist zudem nachgewiesen, dass Migräne-Betroffene eine veränderte Reizverarbeitung mit fehlender Gewöhnung an wiederholte Reize haben. Daher könnte eine Entspannungsmethode, die auf einer Wahrnehmungstechnik basiert, gerade bei Migräne besonders wirksam und hilfreich sein. Und genau das bietet Introvision.

Studien haben ergeben, dass Introvision zu nachhaltiger Stressreduktion führt. Unter anderem wurde dies in Studien zu Redeangst, bei Nacken-Verspannungen sowie bei Tinnitus und mentalen Blockaden in der Aufstiegskompetenz von Frauen, nachgewiesen. Zum Anderen aber könnte Introvision mit der besonderen Wahrnehmungsform, die sich durch Konstatieren und gleichzeitig weitgestellter Aufmerksamkeit auszeichnet, besonders bei Migräniker*innen positiv auswirken, da diese eine gestörte Reizverarbeitung (reduzierte Habituation) haben.

Introvision: Ein Ratgeber für Betroffene

In dem Ratgeber stellen die Autorinnen Introvision als neuen Ansatz bei der Behandlung von Spannungskopfschmerz und Migräne vor. Hierzu haben sich drei Expertinnen in ihrem jeweiligen Fachgebiet zusammengetan: Die Fachärztin für Neurologie, Dr. med Monika Empl aus München, sowie Diplom-Pädagogin Sonja Löser und Diplom-Sportwissenschaftlerin Petra Spille, die in Hamburg im Auftrag der Forschungsgruppe Introvision die Qualifizierungskurse zur Introvisionsberaterin/ zum Introvisionberater leiten.

Dieser Ratgeber beschreibt die Entstehung und die Behandlung der häufigsten Kopfschmerzerkrankungen nach den neuesten Erkenntnissen der Neurologie. Neben der Erläuterung des theoretischen Hintergrundes der Introvision erhält der Leser eine detaillierte Anleitung, wie die Introvision durchzuführen ist. Somit erlangt er das praktische Handwerkszeug, um auch in Stresssituationen gelassen und vor allem schmerzfrei zu bleiben.

Wichtiger Hinweis

Introvision zaubert nicht die Ursache der Kopfschmerzen oder Migräne weg - sie kann aber dazu beitragen, den Umgang mit den Schmerzen zu ändern, sodass sie eventuell nicht mehr so häufig oder so intensiv auftreten.

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