Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und andere Symptome gekennzeichnet ist. Jeder Achte kennt die Symptome einer Migräne aus eigener Erfahrung. Die Ursachen der Migräne sind vielfältig und noch nicht vollständig geklärt. Fest steht allerdings, dass Migräne vererbbar ist. Die genetische Veranlagung spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung dieser Erkrankung.
Genetische Grundlagen der Migräne
Migräne ist eine neurovaskuläre Erkrankung mit einer starken genetischen Komponente. Bei der Migräne kommt es zu Veränderungen an Gefäßen und Nerven im Gehirn, die zu für Migräne typischen Schmerzen und Begleiterscheinungen führen. In den letzten Jahren hat die Genforschung große Fortschritte darin gemacht, zu entschlüsseln, welche genetischen Faktoren zur Entstehung der Migräne beitragen.
Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM)
Die Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene, monogen bedingte Form der Migräne mit einer Prävalenz von ca. 1:10.000. Sie gehört zu den Migräneformen mit Aura. Die Aura kann wie bei anderen Migräneformen visuelle, sensorische und sprachliche Störungen beinhalten, bei der FHM kommt jedoch noch eine motorische Störung in Form einer reversiblen Hemiparese hinzu, die länger anhalten kann. Bei 20-40% der Familien werden zusätzliche zerebelläre Symptome wie progrediente, leichte Ataxie und/oder Nystagmus beschrieben.
Bisher sind in drei Genen pathogene Varianten im Zusammenhang mit familiärer, hemiplegischer Migräne beschrieben: CACNA1A, ATP1A2 und SCN1A. Diese Gene codieren entweder für Komponenten von Ionenkanälen (CACNA1A und SCN1A) bzw. eine Na+- K+- ATPase (ATP1A2). Die FHM gehört damit zu den Ionenkanalerkrankungen. Da nicht in allen Familien pathogene Varianten in diesen Genen nachgewiesen wurden, werden weitere seltenere Formen (FHM4-6) vermutet. Die sporadische Form (SHM) wird durch dominante Neumutationen oder eine reduzierte Penetranz erklärt. Je nach der untersuchten Population wurden bei der SHM keine oder selten pathogene Varianten in den bisher bekannten, die FHM verursachenden Genen gefunden.
Die FHM zeigt klinische, genetische und pathophysiologische Überschneidungen zu den Epilepsien und weiteren neurologischen Erkrankungen. Pathogene Varianten in den drei ursächlichen Genen sind auch als Ursache von Epilepsien beschrieben, z.B. das SCN1A-Gen.
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Genetische Risikofaktoren bei Migräne ohne Aura
Forscher des Nationalen Genomforschungsnetzes haben gemeinsam mit einem internationalen Team vier neue genetische Risikofaktoren im Erbgut von Patientinnen und Patienten mit Migräne gefunden. Wer sie trägt, ist anfälliger für Migräne. Die genetischen Risikofaktoren sind variable Positionen im menschlichen Erbgut, sogenannte Polymorphismen, kurz SNP (Single Nucleotide Polymorphism).
Professor Dr. Martin Dichgans von der Ludwig- Maximilians-Universität München und Privat-Dozent Dr. Tobias Freilinger haben die SNPs im Erbgut von mehr als 2.300 Migräne- Patienten und 4.500 gesunden Personen untersucht. Dabei interessierte sie, ob bestimmte dieser Polymorphismen bei Migräne- Patienten überdurchschnittlich häufig auftreten. Die Wissenschaftler des EMINET (Epilepsy and Migraine Integrated Network) im Nationalen Genomforschungsnetz NGFNPlus haben vier Risiko-Varianten gefunden, die ihre Träger anfällig für Migräne machen. Genauer gesagt für die häufigste Form der Migräne, Migräne ohne Aura.
Einer der Polymorphismen liegt beispielsweise in einem Gen für den Transkriptionsfaktor MEF2D. Dieser reguliert die Aktivität der neuronalen Synapsen, also der Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen im Gehirn und damit verbunden auch die Erregbarkeit des Gehirns. Eine gesteigerte Erregbarkeit des Gehirns spielt eine entscheidende Rolle bei Migräne.
Weitere genetische Erkenntnisse
Ein internationales Konsortium aus Genetikern und Migräne-Forschern entdeckte eine Genvariante als mögliche Ursache für die gewöhnliche Form von Migräne. Die gefundene Genvariante rs1835740 befindet sich auf Chromosom 8. Dem Forscherteam zufolge soll diese Genvariante, die bei Migräne-Patienten vorkommt, verhindern, dass Glutamat - ein essenzieller Nervenbotenstoff im Gehirn - ausreichend abgebaut wird. Die Folge sei, dass sich im Gehirn Glutamat ansammelt.
Im Jahr 2012 waren bereits sieben genetische Faktoren bekannt, die mit Migräne in Verbindung stehen. Keiner der so entdeckten genetischen Faktoren ist offenbar für sich alleine für die Entstehung der Migräne mit Aura oder der Migräne ohne Aura verantwortlich. Vielmehr gilt es als gesichert, dass jeder der entdeckten genetischen Faktoren und wohl auch alle weiteren, die noch entdeckt werden, als wertvolle Mosaiksteine bei der Antwort auf die Frage helfen: Zu welchem Grad ist Migräne vererbbar? Eine allgemeingültige Antwort ist aber nicht in Sicht. Dafür erscheinen die genetischen Faktoren und alle weiteren Einflussfaktoren für die Entstehung der Migräne von Mensch zu Mensch zu individuell.
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Ein internationales Forscherkonsortium hat fünf neue Genregionen entdeckt, die für die Entstehung von Migräne mitverantwortlich gemacht werden. Die Studie öffnet neue Türen für das Verständnis der Ursachen und biologischen Auslöser von Migräneattacken. Die jetzt neu entdeckten Gene sind für die Nervenzellsignalübertragung, den Energieumsatz von Nervenzellen und die Gedächtnisverarbeitung im Gehirn funktionell bedeutsam. Das internationale Forscherteam identifizierte zwölf Regionen im Erbgut von Migränepatienten, welche für das Risiko, an Migräne zu erkranken, mitverantwortlich sind. Acht dieser Regionen wurden in der Nähe von Genen entdeckt, die eine Rolle in der Kontrolle von Hirnschaltkreisen spielen. Zwei der Genregionen sind für die Aufrechterhaltung der normalen Hirn- und Nervenzellfunktion verantwortlich.
Die Forscher fanden, dass einige der Risikoregionen sehr nahe zu Genorten liegen, die die Empfindlichkeit für oxidativen Stress in Nervenzellen regulieren. Das Forscherteam geht davon aus, dass viele der aufgedeckten Risikogene wechselseitig funktionell in Kontakt stehen und das Potenzial haben, die interne Regulation von Nervenzellen im Gehirn stören können. Das Team identifizierte weitere 134 Genregionen, die das Migränerisiko erhöhen, jedoch eine schwächere statistische Signifikanz aufweisen. Ob und wie diese Regionen zusammenwirken, muss weiter untersucht werden.
Rolle der Astrozyten
Neurowissenschaftler am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich konnten in Zusammenarbeit mit der Universität Padua den Mechanismus bei der familiären hemiplegischen Migräne Typ 2 (FHM2) identifizieren. Die FHM2 wird durch eine genetische Mutation verursacht und ist vererbbar. Die Astrozyten, welche die Prozesse des zentralen Nervensystems stark beeinflussen, sind extrem wichtig, um die von den Neuronen freigesetzten Botenstoffe abzubauen. Doch genau diese Funktion, die Eliminierung überschüssiger Neurotransmitter wie Glutamat, können die Astrozyten bei familiär bedingter Migräne nicht wahrnehmen. Da die Glutamataufnahme der Astrozyten beeinträchtigt ist, werden die Nervenzellen im cingulären Kortex viel stärker erregbar als normal. Zudem beeinflusst diese Fehlfunktion im cingulären Kortex auch die Häufigkeit von Migräne. Im Mausmodell zeigen die Forschenden, dass die Tiere empfindlicher gegenüber den Auslösern von Kopfschmerzen sind.
Migräne: Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne und die zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Man vermutet bei den Betroffenen eine genetische Veranlagung (Prädisposition) - nicht selten tritt Migräne familiär gehäuft auf. Auf Basis dieser genetischen Neigung scheint es im Zusammenspiel mit verschiedenen inneren oder äußeren Faktoren (Triggern) zu den Migräne-Attacken zu kommen.
Auslöser (Trigger)
Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräne-Attacke auslösen. Welche Faktoren im Einzelfall einen Anfall „triggern“, ist individuell verschieden. Einige Beispiele:
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- Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
- Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Betroffen sind oft Menschen, die im Schichtdienst arbeiten.
- Reizüberflutung: Wenn das Gehirn zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten muss, entsteht ebenfalls Stress.
- Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht an einem wolkenlosen Tag. Bei manchen wiederum löst Kälte Migräne-Attacken aus.
- Tyraminhaltige Produkte: Bei einigen Produkten wie Bananen oder bestimmten Käsesorten hat man Tyramin im Verdacht. Das ist ein Abbauprodukt von Eiweißbausteinen (Aminosäuren), das unter anderem die Ausschüttung des Botenstoffes Noradrenalin anregt. Dieser wirkt stark gefäßverengend - auch lokal im Gehirn.
- Unregelmäßige Mahlzeiten: Häufig setzen Migräne-Anfälle ein, wenn man zu wenig gegessen hat (Unterzuckerung).
- Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone haben einen starken Einfluss auf Migräne. So sind im Kindesalter Mädchen und Jungen noch etwa gleich häufig betroffen. Mit der Pubertät verschiebt sich das Verhältnis: Frauen leiden deutlich häufiger an Migräne als Männer. Vielfach steht die Migräne in Zusammenhang mit der Menstruation. So löst der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung bei manchen Frauen eine Migräne-Attacke aus. Darüber hinaus können hormonelle Verhütungsmittel („Pille“) ebenfalls Migräne verursachen.
Zu den Lebensmitteln und Lebensmittelzutaten, die Auslöser für Migräne sein können, gehören Zusatzstoffe wie Nitrate (Konservierungsmittel in Wurstwaren), Mononatriumglutamat und der künstliche Süßstoff Aspartam. Vorsicht ist auch bei eiskalten Speisen, Schokolade, Zitrusfrüchten und Würstchen geboten. Manche Patienten vertragen zudem Tyramin nicht.
Um festzustellen, was Ihre Migräne-Ursachen sind, können Sie ein Kopfschmerztagebuch führen. Darin dokumentieren Sie Ihren Tagesablauf inklusive Angabe aller Lebensmittel so exakt wie möglich. Nach einiger Zeit können Sie Zusammenhänge erkennen.
Formen der Migräne
Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society, IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne. Dazu gehören:
- Migräne ohne Aura: Die Migräne ohne Aura ist die häufigste Form von Migräne. Typisch sind anfallsartig auftretende, einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität. Sie verstärken sich durch körperliche Routineaktivitäten und halten vier (bei Kindern und Jugendlichen zwei) bis 72 Stunden an. Begleitet werden sie von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmempfindlichkeit.
- Migräne mit Aura: Die Migräne mit Aura ist seltener als die Migräne ohne Aura. Die Aura bezeichnet neurologische Symptome, die der Kopfschmerzphase vorausgehen oder zusammen mit dieser auftreten können. Die Symptome der Aura setzen schleichend ein und zeigen sich auf einer Kopfseite. Sie können Lichtblitze, Flimmern, Sehen von gezackten Linien, Gesichtsfeldausfall, Sprachstörungen, Missempfindungen, unvollständige Lähmungen und Schwindel umfassen. Sie sind vorübergehend und verursachen keine bleibenden Schäden.
- Chronische Migräne: Wer an mindestens 15 Tagen pro Monat, und das über mehr als drei Monate hinweg, an Kopfschmerzen leidet, die an mindestens acht Tagen die Kriterien von Migränekopfschmerzen erfüllen, ist von chronischer Migräne betroffen. Sie kann sich aus einer Migräne ohne Aura und/oder einer Migräne mit Aura entwickeln.
- Migränekomplikationen: Zum Beispiel Status migraenosus (eine Migräne-Attacke, die länger als 72 Stunden anhält), migränöser Infarkt oder epileptischer Anfall, durch Aura getriggert.
- Episodische Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können: Zum Beispiel wiederkehrende Magen-Darm-Störungen (z. B. abdominelle Migräne) oder vestibuläre Migräne.
Weitere Formen
- Hemiplegische Migräne: Eine Form von „Migräne mit Aura“, die durch eine motorische Schwäche gekennzeichnet ist. Zusätzlich treten Symptome im Bereich des Sehens, der Sensibilität und/oder der Sprache bzw. des Sprechens auf.
- Retinale Migräne: Gekennzeichnet durch wiederholte Anfälle von einseitigen Sehstörungen wie Flimmern vor den Augen, Gesichtsfeldausfall oder - ganz selten - vorübergehender Blindheit.
- Vestibuläre Migräne: Bei dieser Migräneform ist der Vestibularapparat betroffen, also das im Innenohr liegende Gleichgewichtsorgan. Menschen mit vestibulärer Migräne leiden unter mittlerem bis starkem Schwindel, der zwischen fünf Minuten und 72 Stunden anhält.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose von Migräne basiert in der Regel auf den klinischen Kriterien der International Headache Society (IHS). In manchen Fällen können bildgebende Verfahren wie CT oder MRT eingesetzt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren. Es gibt verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen.
Akutbehandlung
Zur Akutbehandlung von Migräne werden häufig Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Paracetamol oder eine Kombination aus ASS, Paracetamol und Coffein eingesetzt. Bei Übelkeit können Antiemetika (Medikamente, die das Erbrechen verhindern) helfen.
Prophylaxe
Zur Vorbeugung von Migräne können verschiedene Medikamente eingesetzt werden, z.B. Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika. Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie regelmäßiger Sport, Entspannungstechniken und Stressmanagement können helfen, die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
CGRP-Antikörper
CGRP-Antikörper sind eine neue Klasse von Medikamenten, die speziell zur Migräneprophylaxe entwickelt wurden. Sie blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
Selbsthilfe und Prävention
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Sie selbst ergreifen können, um Migräneattacken vorzubeugen oder zu lindern:
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie Ihre Migräneattacken, mögliche Auslöser und die Wirksamkeit von Behandlungen.
- Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus: Gehen Sie jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett und stehen Sie zur gleichen Zeit auf.
- Vermeiden Sie Stress: Lernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung.
- Trinken Sie ausreichend: Trinken Sie mindestens 2 Liter Wasser oder ungesüßten Tee pro Tag.
- Essen Sie regelmäßig: Vermeiden Sie Unterzuckerung, indem Sie regelmäßige Mahlzeiten zu sich nehmen.
- Treiben Sie Sport: Regelmäßiger Sport kann helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Vermeiden Sie bekannte Trigger: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Trigger und vermeiden Sie diese so gut wie möglich.