Spastik, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, stellt eine komplexe Herausforderung dar. Sie beeinträchtigt die Bewegungsfähigkeit und Lebensqualität erheblich. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Physiotherapie bei junger Spastik, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu den neuesten Behandlungsansätzen und Hilfsmitteln.
Einführung in die Spastik im Kindes- und Jugendalter
Spastik ist eine Form der Muskelsteifheit oder -verkrampfung, die durch Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks verursacht wird. Bei Kindern und Jugendlichen tritt sie häufig im Zusammenhang mit infantiler Zerebralparese (ICP) auf, einer Gruppe von Bewegungs- und Haltungsstörungen, die auf eine frühkindliche Hirnschädigung zurückzuführen sind. Etwa 30.000 bis 40.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben mit einer Spastik, die durch eine infantile Zerebralparese verursacht wurde.
Ursachen und Entstehung
Die infantile Zerebralparese (ICP) entsteht durch eine Schädigung des Gehirns, die während der Schwangerschaft (pränatal), der Geburt (perinatal) oder in der frühen Kindheit (postnatal) auftritt. Sauerstoffmangel während der Geburt, Hirnblutungen oder Infektionen können zu solchen Schädigungen führen. Die Folgen sind umso gravierender, je früher der Sauerstoffmangel auftritt.
Symptome und Auswirkungen
Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Hirnschädigung ab. Typische Anzeichen sind:
- Erhöhte Muskelspannung (Hypertonie)
- Eingeschränkte Beweglichkeit
- Abnorme Reflexe
- Koordinationsstörungen
- Gangstörungen
- Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose)
- Hör- und Sprachstörungen
- Fehlstellungen der Gelenke (z. B. Spitzfuß)
Die Spastik kann sich in verschiedenen Syndromen manifestieren:
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- Spastische Syndrome: Muskeln sind stark angespannt und verkrampfen. Unterteilt in Hemiparese (einseitige Lähmungen), Diparese (beidseitige Lähmungen, Beine stärker betroffen) und Tetraparese (beidseitige Lähmungen, Arme stärker betroffen, Sprech- und Schluckstörungen).
- Hypotonie-Syndrome: Reduzierte Muskelspannung, überstreckte Gelenke, oft verbunden mit geistiger Behinderung und Epilepsie.
- Kongenitale Ataxie-Syndrome: Schädigung des Kleinhirns, Bewegungseinschränkungen, Zittern bei willkürlichen Bewegungen (Intentionstremor).
- Dyskinetische Syndrome: Wechsel zwischen gesteigertem und reduziertem Muskeltonus, spastische Lähmungserscheinungen in den Gliedmaßen.
Die Auswirkungen der Spastik auf das Leben der Betroffenen sind vielfältig. Sie reichen von leichten Behinderungen bei alltäglichen Abläufen bis hin zu schweren Einschränkungen im Privat- und Berufsleben. Einige Bewegungsabläufe funktionieren nicht mehr wie früher und erschweren somit alltägliche Aufgaben oder machen sie gar unmöglich. Mit einer Spastik können sich viele Aspekte des alltäglichen Lebens schwierig und mühselig anfühlen und manchmal gar unmöglich werden.
Diagnostik und interdisziplinäre Behandlung
Die Diagnose einer Spastik erfolgt in der Regel durch eine umfassende neurologische Untersuchung. Dabei werden die Muskelspannung, die Reflexe, die Koordination und die Beweglichkeit des Kindes beurteilt. Ergänzend können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt werden, um die Ursache der Spastik zu identifizieren. Der Arzt führt zunächst ein Anamnesegespräch mit den Eltern, untersucht das Kind gründlich und stellt den aktuellen Entwicklungsstand fest. Er überprüft die Koordination der Bewegungen sowie die Beweglichkeit der Gelenke, bevor er eine Röntgenuntersuchung zur Betrachtung des Knochenwachstums veranlasst. Bei der körperlichen Untersuchung achtet er auch auf Spitzfußstellungen, Streck- oder Überkreuzungstendenzen der Extremitäten, Steifheit, Schlaffheit sowie das Einnehmen einer asymmetrischen Haltung. Weitere Verfahren sind die Sonografie, die Magnetresonanztomografie, die Liquorpunktion, die Elektroenzephalografie sowie weitere spezielle Laboruntersuchungen (Blut- und Urinbefunde).
Die Behandlung der Spastik erfordert einen interdisziplinären Ansatz, der verschiedene Fachrichtungen einbezieht. Dazu gehören:
- Pädiatrische Neurochirurgie: Minimalinvasive Eingriffe am Rückenmark zur Reduktion überaktiver Nervenfasern.
- Kinderorthopädie: Korrektur von Fehlstellungen der Gelenke und der Wirbelsäule.
- Neuropädiatrie: Medikamentöse Behandlung und Überwachung der neurologischen Entwicklung.
- Physiotherapie: Dehnung spastischer Muskeln, Stärkung der Antagonisten und Verbesserung der Beweglichkeit.
- Ergotherapie: Training von alltagspraktischen Fähigkeiten und Anpassung der Umgebung.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Orthopädietechnik: Anpassung von Orthesen und Hilfsmitteln.
Am Universitätsklinikum Bonn wurde beispielsweise eine fächerübergreifende „Große Spastik-Sprechstunde“ eingerichtet, um Kindern und Jugendlichen mit spastischen Lähmungen einen schnellen Zugang zu einer individuellen Behandlung zu ermöglichen.
Die Rolle der Physiotherapie
Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Spastik. Ziel der Physiotherapie ist es, die Beweglichkeit zu verbessern, die Muskelspannung zu regulieren, Fehlstellungen zu korrigieren und die funktionellen Fähigkeiten des Kindes zu fördern.
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Ziele der Physiotherapie
- Reduktion der Muskelspannung: Durch gezielte Dehnübungen und Lagerungstechniken können spastische Muskeln entspannt werden.
- Verbesserung der Beweglichkeit: Durch aktive und passive Bewegungsübungen wird die Beweglichkeit der Gelenke verbessert und Kontrakturen vorgebeugt.
- Stärkung der Muskulatur: Durch gezieltes Krafttraining werden die Muskeln gestärkt, die den spastischen Muskeln entgegenwirken (Antagonisten).
- Förderung der Koordination: Durch Koordinationsübungen wird die Zusammenarbeit der Muskeln verbessert und die Bewegungsabläufe werden flüssiger.
- Verbesserung der Körperwahrnehmung: Durch Wahrnehmungsübungen wird das Körpergefühl verbessert und die Eigenwahrnehmung gefördert.
- Anbahnung нормальных Bewegungsabläufe: Durch spezielle Übungstechniken werden normale Bewegungsmuster angebahnt und gefestigt.
Behandlungsmethoden in der Physiotherapie
In der Physiotherapie werden verschiedene Behandlungsmethoden eingesetzt, um die oben genannten Ziele zu erreichen. Dazu gehören:
- Manuelle Therapie: Mobilisierung von Gelenken und Weichteilen zur Verbesserung der Beweglichkeit.
- Bobath-Therapie: Ein neurophysiologisches Behandlungskonzept, das auf der Förderung нормальных Bewegungsabläufe basiert.
- Vojta-Therapie: Eine reflexlokomotorische Behandlungsmethode, die durch gezielte Reize нормальные Bewegungsmuster auslöst. Mit Hilfe der Physiotherapie/Krankengymnastik nach Vojta wurde u. a. der Überstreckung des Kopfes entgegengewirkt. Dabei wird durch den Druck auf bestimmte Körperzonen ein Reflex ausgelöst, der u. a. Bewegungsstörungen als Folge von Hirnschädigungen entgegenwirkt.
- PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation): Eine Behandlungsmethode, die diePropriozeptoren (Rezeptoren für die Eigenwahrnehmung) nutzt, um die Muskelaktivität und die Koordination zu verbessern.
- Dehnübungen: Aktive und passive Dehnübungen zur Reduktion der Muskelspannung und zur Verbesserung der Beweglichkeit.
- Kräftigungsübungen: Gezieltes Krafttraining zur Stärkung der Muskulatur.
- Koordinationsübungen: Übungen zur Verbesserung der Zusammenarbeit der Muskeln und der Bewegungsabläufe.
- Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts und der Stabilität.
- Gangschulung: Training нормальных Gangmuster und Verbesserung der Gehfähigkeit.
- Hilfsmittelversorgung: Anpassung von Orthesen, Gehhilfen und anderen Hilfsmitteln.
Physiotherapie zu Hause
Um die Erfolge der Physiotherapie zu festigen und die Beweglichkeit langfristig zu verbessern, ist es wichtig, dass die Übungen auch zu Hause regelmäßig durchgeführt werden. Der Physiotherapeut gibt den Eltern und dem Kind Anleitungen und Tipps für die Durchführung der Übungen zu Hause. Regelmäßiges Üben kann die Beweglichkeit der spastischen Körperregion verbessern und die Beschwerden der Betroffenen lindern. Zudem wird die Wahrnehmung gestärkt und der Blick für den eigenen Körper geschult. Dabei sollte auch immer auf ausreichend Ruhepausen für den Körper geachtet werden.
Ergänzende Therapiemaßnahmen
Neben der Physiotherapie gibt es eine Reihe von ergänzenden Therapiemaßnahmen, die bei der Behandlung von Spastik eingesetzt werden können.
Botulinumtoxin
Botulinumtoxin (BoNT A) ist ein Medikament, das die Freisetzung von Acetylcholin an der motorischen Endplatte hemmt und dadurch die Muskelspannung reduziert. Die Injektion von Botulinumtoxin während der Wachstumszeit wirkt unterstützend. BoNT A ist bei fokaler, multifokaler und segmentaler Spastizität empfohlen, wenn:
- die Spastik mit funktions- oder alltagsrelevanten Einschränkungen verbunden ist oder
- die Auswirkungen der spastischen Bewegungsstörung wahrscheinlich zu Sekundärkomplikationen führen (zum Beispiel Kontrakturen und Dekubitus) oder
- durch die spastischen Tonuserhöhungen wesentlich Schmerzen mitverursacht werden, die alleine durch physikalische und therapeutische Maßnahmen sowie eine orale antispastische Medikation (bei nicht-fokaler Spastik) nicht ausreichend behandelt werden können und
- durch die lokalen BoNT A-Behandlungen ein alltagsrelevanter Effekt auf aktive oder passive Funktionen und/oder spastikassoziierte Schmerzen zu erwarten ist.
Zur Verstärkung der tonussenkenden Wirkung empfiehlt die aktuelle Leitlinie eine individuell angepasste adjuvante Therapie, zum Beispiel neuromuskuläre Elektrostimulation selektierter behandelter Muskeln an den Tagen nach der Behandlung sowie aktiv-motorische Übungsbehandlungen, physiotherapeutische Dehnungen, Lagerungsschienen/Casting, Taping und TENS.
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Orthesen
Orthesen sind orthopädische Hilfsmittel, die dazu beitragen, bestimmte Körperregionen zu unterstützen, Bewegungen zu kontrollieren und Fehlstellungen zu korrigieren. Sie können die Beweglichkeit verbessern und die Belastung der Gelenke reduzieren. Auf diese Weise können Bewegungen kontrollierter ausgeführt und damit erleichtert werden. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, welche Orthese am besten für Sie geeignet ist.
Medikamentöse Therapie
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, um die Spastik zu reduzieren. Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden können, wie z. B. Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen.
Indikationen für den Einsatz oraler Antispastika sind vorrangig:
- stark ausgeprägte nicht fokale, multifokale bzw. schwere segmentale Spastizität im Sinne einer ausgeprägten Hemispastik
- Paraspastik als Form der segmentalen Spastizität
- generalisierte Spastizität im Sinne einer Tetraspastik
Operationen
In einigen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, um Fehlstellungen zu korrigieren oder die Muskelspannung zu reduzieren. Durch operative Verfahren können Verrenkungen oder Fehlbildungen korrigiert werden, sodass sie Bewegungsfähigkeit erhalten bleibt. Die Muskulatur wird verlängert oder verlagert, im Anschluss sind eine Immobilisation (10 bis 14 Tage) sowie eine sechswöchige Rehabilitation erforderlich. Mit sechs Jahren gilt eine Operation als ideal, weil Kinder in dem Alter bereits bei der Rehabilitation gut mitarbeiten, da sie ein erstes Verständnis dafür haben, warum der Eingriff für sie bedeutsam ist.
Hilfsmittel für den Alltag
Um den Alltag mit Spastik zu erleichtern, gibt es eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die den Betroffenen mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Der Einsatz dieser Hilfsmittel kann Betroffenen wieder zu mehr Selbständigkeit verhelfen und die Teilnahme am Familien- und Sozialleben erleichtern. Viele dieser Hilfsmittel sind darauf ausgerichtet, mit nur einer Hand verwendet zu werden und Tätigkeiten zu ermöglichen, die sonst nur mit zwei Händen möglich sind.
Kochen und Essen
- Brotschneidebrett: Fixiert das Brot, sodass es mit einer Hand geschnitten werden kann.
- Tellerranderhöhung: Hilfreich, um Essen mit nur einer Hand auf Löffel oder Gabel zu befördern.
- Einhand-Deckelabschrauber: Bietet mehr Grifffläche und erleichtert das Öffnen von Flaschen.
- Schneidebretter mit Gemüsehalter: Kleine Metallspitzen fixieren Gemüse, wodurch das Schälen oder Schneiden mit einer Hand gelingt.
- Einhänderbrett: Kann am Tischrand eingehakt werden und verrutscht nicht beim Brotschmieren.
- Spezial-Besteck: Lässt sich hinter dem Griff beliebig verbiegen und entlastet die Hand beim Essen.
Körperhygiene und Ankleiden
- Bürsten und Badeschwämme mit Halterungen oder Verlängerungsarmen: Ermöglichen das Einschäumen entfernter Körperregionen mit einer Hand.
- Knöpfhilfe: Vereinfacht das Zu- und Aufknöpfen sowie die Handhabung von Reißverschlüssen.
- Schuhlöffel: Ermöglicht das Schuhanziehen bei eingeschränkter Mobilität.
Greifen und Aufschließen
Verschiedene Spastik-Hilfsmittel für die Hand können das Greifen erleichtern.
Kommunikation
- Großtastentelefon: Große Tasten erleichtern die Handhabung des Telefons.
- Mausersatzgeräte: Beispielsweise können Tastenmäuse die Bedienung des Computers erleichtern.
Berufliche Wiedereingliederung
Häufig kann sich der Wiedereinstieg in den Job mit einer dauerhaften spastischen Lähmung als schwierig erweisen. Sogenannte Caremanager können beim beruflichen Wiedereinstig Unterstützung leisten. Sie stehen Betroffenen mit unterschiedlichen Einschränkungen zur Seite, wenn es darum geht, nach einem schweren gesundheitlichen Einschnitt den Weg zurück in das Erwerbsleben zu finden.
Rechtliche Aspekte
Ist das tägliche Leben durch eine spastische Lähmung dauerhaft eingeschränkt, kann diese als Schwerbehinderung gelten. Sollte der Beruf nicht wieder aufgenommen werden können, steht Betroffenen eine Rente zu.
Forschung und Ausblick
Die Forschung im Bereich der Spastik schreitet stetig voran. Neue Therapieverfahren und Hilfsmittel werden entwickelt, um die Lebensqualität der Betroffenen weiter zu verbessern. Die Therapie der Spastik erfolgt generell medikamentös und auch nicht-medikamentös über Physiotherapie oder auch Bewegungstraining.