Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Die Behandlung von Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie zur Linderung der Symptome während einer Attacke als auch die Prophylaxe, um die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Anfälle zu reduzieren. Antidepressiva spielen in der Migräneprophylaxe eine wichtige Rolle, insbesondere bei Patienten, die zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen leiden.
Migräne: Eine komplexe Erkrankung
Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Kopfschmerzspezialisten unterscheiden zwischen episodischer und chronischer Migräne. Chronische Migräne ist durch eine höhere Anfallshäufigkeit gekennzeichnet. Laut Definition bestehen pro Monat an 15 Tagen Kopfschmerzen, davon sind acht Migräne-Tage. Die Lebensqualität der Betroffenen ist vergleichsweise schlechter, die Ausfallzeiten am Arbeitsplatz sind größer, und es kommt häufiger zu Berentungen. Oftmals treten zusätzlich Angst- und Schlafstörungen oder Depressionen auf.
Die Rolle der Objektivierung
Ein Problem bei der Diagnose und Behandlung von Migräne ist, dass sie nicht objektiviert werden kann. Dies macht es schwierig, die Schwere der Erkrankung zu messen und die Wirksamkeit von Behandlungen zu beurteilen.
Wann ist eine Migräneprophylaxe sinnvoll?
Eine Migräneprophylaxe ist angezeigt, wenn:
- Migräneattacken häufig auftreten (mehr als dreimal im Monat).
- Akutmedikamente (Schmerzmittel, Triptane) unzureichend wirken.
- Ein Medikamentenübergebrauch droht (Einnahme von Akutmedikamenten an mehr als 10-20 Tagen pro Monat).
- Der Leidensdruck der Patienten hoch ist.
Das Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Migräneattacken um mindestens 50 % zu reduzieren.
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Medikamentöse Migräneprophylaxe
Die medikamentöse Migräneprophylaxe umfasst verschiedene Wirkstoffgruppen, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Dazu gehören:
- Betablocker: Diese werden häufig bei Herzerkrankungen und Bluthochdruck eingesetzt. Sie können die Wirkung von Stresshormonen wie Adrenalin hemmen und so Migräneattacken vorbeugen. Zu den gängigen Betablockern in der Migräneprophylaxe gehören Metoprolol, Propranolol und Bisoprolol.
- Antiepileptika: Diese Medikamente werden zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, können aber auch bei Migräne wirksam sein. Sie wirken krampflösend und können die Erregbarkeit der Nervenzellen reduzieren. Häufig verwendete Antiepileptika sind Topiramat und Valproinsäure.
- Kalziumkanalblocker: Diese Medikamente werden zur Behandlung von Herz- und Gefäßkrankheiten eingesetzt. Sie können den Kalziumstrom in die Zellen hemmen, den Blutdruck senken und die Gefäße erweitern. Flunarizin ist ein Kalziumkanalblocker, der in der Migräneprophylaxe eingesetzt wird.
- Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) wie Venlafaxin können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden. Sie wirken stimmungsaufhellend und können auch Schmerzen reduzieren.
- CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente sind speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt worden. Sie blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräneattacken eine Rolle spielt. Zu den CGRP-Antikörpern gehören Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab.
- Botulinumtoxin Typ A (Botox): Botox wird hauptsächlich zur Faltenreduzierung eingesetzt, kann aber auch bei chronischer Migräne wirksam sein. Es wird in die Kopf- und Nackenmuskulatur injiziert und soll die Muskelspannung reduzieren und die Schmerzübertragung blockieren.
Antidepressiva im Detail
Antidepressiva, insbesondere trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin und SSNRI wie Venlafaxin, werden häufig bei Migränepatienten eingesetzt, die zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen leiden. Diese Medikamente können die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
Trizyklische Antidepressiva (TZA)
Amitriptylin ist das am besten untersuchte Antidepressivum in der Migräneprophylaxe. Es wirkt, indem es die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin im Gehirn hemmt, was zu einer Erhöhung der Konzentration dieser Neurotransmitter führt. Amitriptylin kann auch die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und die Schlafqualität verbessern.
Wirksamkeit: Studien haben gezeigt, dass Amitriptylin die Häufigkeit von Migräneattacken um 50 % oder mehr reduzieren kann. Es ist besonders wirksam bei Patienten, die zusätzlich unter Spannungskopfschmerzen, Depressionen, Schlaflosigkeit oder anderen Schmerzerkrankungen leiden.
Nebenwirkungen: Häufige Nebenwirkungen von Amitriptylin sind Mundtrockenheit, Benommenheit, Gewichtszunahme, Verstopfung und Kreislaufbeschwerden. Diese Nebenwirkungen können insbesondere zu Beginn der Behandlung auftreten und sind oft dosisabhängig.
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Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI)
Venlafaxin ist ein weiteres Antidepressivum, das in der Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann. Es wirkt ähnlich wie Amitriptylin, indem es die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmt. Venlafaxin hat jedoch ein etwas anderes Nebenwirkungsprofil als Amitriptylin.
Wirksamkeit: Studien haben gezeigt, dass Venlafaxin die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann, insbesondere bei Patienten, die zusätzlich unter Depressionen oder Angststörungen leiden.
Nebenwirkungen: Häufige Nebenwirkungen von Venlafaxin sind Übelkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit, Schwitzen und sexuelle Funktionsstörungen. Diese Nebenwirkungen können insbesondere zu Beginn der Behandlung auftreten und sind oft dosisabhängig.
Weitere Medikamente und Substanzen
Neben den genannten Medikamenten gibt es noch weitere Substanzen, die in der Migräneprophylaxe eingesetzt werden können, darunter:
- Magnesium: Magnesium kann bei leichten Formen von Migräne prophylaktisch wirken. Es gibt verschiedene Formen von Magnesium, wobei Magnesiumcitrat oft empfohlen wird, da es gut vom Körper aufgenommen werden soll.
- Vitamin B2 (Riboflavin): Vitamin B2 kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren. Es hat ein günstiges Nebenwirkungsprofil und kann auch in Kombination mit anderen Mikronährstoffen wie Coenzym Q10 und Magnesium eingenommen werden.
- Coenzym Q10: Coenzym Q10 kann in Kombination mit Magnesium und Vitamin B2 die Schwere, jedoch nicht die Anzahl der Migräneattacken reduzieren.
- Acetylsalicylsäure (ASS): In niedriger Dosierung kann ASS eine geringe migräneprophylaktische Wirkung haben. Es wird häufig bei Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten mit Migräne eingesetzt.
- Pestwurz-Extrakt: Pestwurz-Extrakt kann Migräneanfälle deutlich reduzieren.
- Mutterkraut (Tanacetum parthenium): Mutterkraut wird traditionell zur Linderung von Schmerzen eingesetzt, aber die wissenschaftlichen Belege für seine Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe sind begrenzt.
- ACE-Hemmer und Sartane: Lisinopril und Telmisartan (beides Blutdrucksenker) haben in kleinen Studien eine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz bei Migräne gezeigt.
Die Bedeutung der Individualisierung
Die Wahl des geeigneten Prophylaxe-Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter:
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- Art und Häufigkeit der Migräneattacken
- Vorliegende Begleiterkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen)
- Potenzielle Nebenwirkungen der Medikamente
- Individuelle Vorlieben des Patienten
Es ist wichtig, dass die Behandlung in enger Absprache mit einem Arzt erfolgt, um das am besten geeignete Medikament und die richtige Dosierung zu finden.
Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Neben der medikamentösen Behandlung gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die zur Migräneprophylaxe beitragen können:
- Regelmäßiger Lebensstil: Dazu gehören regelmäßige Schlafzeiten, Mahlzeiten und körperliche Aktivität.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräneattacken. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Migräneattacken vorzubeugen. Einige Menschen berichten auch von einer Verbesserung ihrer Symptome durch den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel wie Alkohol, Koffein, Schokolade oder gereiften Käse.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Schwimmen, Walken oder Radfahren kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann, insbesondere bei episodischer Migräne.
- Biofeedback-Therapie: Biofeedback kann helfen, Körperfunktionen wie Muskelspannung und Herzfrequenz bewusst zu beeinflussen und so Migräneattacken vorzubeugen.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Therapie kann helfen, Stressoren zu identifizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um Migräneattacken vorzubeugen.
Die Rolle der digitalen Gesundheitsanwendung sinCephalea
Die App sinCephalea ist eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann. Sie bietet unter anderem die Möglichkeit, die Reaktion des Blutzuckers auf bestimmte Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen und individuelle Ernährungsempfehlungen zu erhalten. Die Kosten für sinCephalea werden von den Krankenkassen übernommen.
Medikamentenübergebrauch vermeiden
Ein häufiges Problem bei Migränepatienten ist der Medikamentenübergebrauch. Dieser entsteht, wenn Schmerzmittel oder Triptane zu häufig eingenommen werden, was paradoxerweise zu einer Zunahme der Kopfschmerzen führen kann. Um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden, sollten Akutmedikamente nicht an mehr als 10-15 Tagen pro Monat eingenommen werden. Bei häufigen Migräneattacken ist eine prophylaktische Behandlung sinnvoller.
Serotoninsyndrom bei Kombination von Triptanen und Antidepressiva?
In der Vergangenheit gab es Bedenken hinsichtlich eines möglichen Serotoninsyndroms bei der Kombination von Triptanen (Migränemittel) und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSNRI) (Antidepressiva). Das Serotoninsyndrom ist ein potenziell lebensbedrohlicher Zustand, der durch eine Überaktivierung des serotonergen Systems im Gehirn verursacht wird.
Eine Warnung der US-amerikanischen Nahrungs- und Arzneimitteladministration (FDA) aus dem Jahr 2006 basierte auf einer kleinen Fallserie von Patienten, bei denen ein Serotoninsyndrom im Zusammenhang mit der Kombination von Triptanen und SSRI/SSNRI aufgetreten war. Allerdings erfüllten nur wenige dieser Fälle tatsächlich die diagnostischen Kriterien für ein Serotoninsyndrom.
Aktuelle Studien und die klinische Erfahrung zeigen, dass das Risiko eines Serotoninsyndroms bei der Kombination von Triptanen und SSRI/SSNRI sehr gering ist. Viele Ärzte sehen das Risiko als vernachlässigbar an und verschreiben diese Medikamente weiterhin zusammen, wenn es medizinisch notwendig ist.
Es ist jedoch wichtig, die Patienten über die potenziellen Risiken und Symptome des Serotoninsyndroms aufzuklären und sie anzuweisen, bei Auftreten von Symptomen wie Verwirrtheit, Halluzinationen, Muskelzuckungen, Zittern, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sofort einen Arzt aufzusuchen.
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