Kortikale Bereiche des Gehirns: Funktion, Plastizität und Reaktivität

Die kortikalen Bereiche des Gehirns, insbesondere die Großhirnrinde (Cortex cerebri), spielen eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Informationen, der Steuerung von Handlungen und der Wahrnehmung unserer Umwelt. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen dieser Bereiche, ihre Plastizität und Reaktivität sowie die Methoden, mit denen Wissenschaftler ihre Arbeitsweise erforschen.

Einführung in die kortikalen Bereiche

Das Gehirn, ein anatomisches Meisterwerk, dessen Funktionsweise die Wissenschaft immer noch vor Rätsel stellt, ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die jeweils spezifische Aufgaben erfüllen. Die Großhirnrinde, der Cortex cerebri, ist der größte und am weitesten entwickelte Teil des menschlichen Gehirns und des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie nimmt den oberen Teil der Schädelhöhle ein und besteht aus zwei Hemisphären, die durch das Corpus callosum, den Balken, miteinander verbunden sind. Die Rinde weist Gyri (Windungen) auf, die durch Sulci (Furchen) getrennt sind.

Die Großhirnrinde ist essenziell für das bewusste Erleben von Sinnesreizen und die Planung komplexer Aufgaben und Prozesse. Sie bedeckt fast das gesamte von außen sichtbare Gehirn und gliedert sich in vier von außen sichtbare Lappen:

  • Stirnlappen (Frontallappen): Zuständig für Bewegung, Denken, Sprache und Persönlichkeit.
  • Scheitellappen (Parietallappen): Zuständig für Schmecken und Tastsinn.
  • Schläfenlappen (Temporallappen): Zuständig für Gehör, Geruch, Sprache und Gedächtnis.
  • Hinterhauptslappen (Okzipitallappen): Zuständig für das Sehen.
  • Insellappen (Lobus insularis): Tief in der seitlichen Großhirnfurche verborgen, von außen nicht sichtbar.

Etwa 90 Prozent des Cortex bestehen aus dem evolutionär jungen Neocortex, der durchgehend aus sechs Zellschichten aufgebaut ist. Die übrigen 10 Prozent bilden den Paleocortex (zuständig für Geruchswahrnehmung) und den Archicortex (Teil des limbischen Systems, zuständig für emotionale Reaktionen, Verhalten für Arterhaltung und Fortpflanzung sowie Gedächtnis und räumliche Orientierung).

Funktionelle Organisation der kortikalen Bereiche

Die kortikalen Bereiche sind hierarchisch organisiert, wobei Informationen von primären sensorischen Arealen zu höheren Assoziationsarealen fließen.

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Visuelle Informationsverarbeitung

Die visuelle Informationsverarbeitung beginnt in der Retina, wo Licht in neuronale Signale umgewandelt wird. Diese Signale werden über den Nervus opticus zum Corpus geniculatum laterale (CGL), einer subkortikalen Schaltstation im Thalamus, geleitet. Vom CGL aus gelangen die Informationen zur primären Sehrinde (V1) im Okzipitallappen.

  • V1: Hier werden grundlegende visuelle Merkmale wie Orientierung, räumliche Frequenz und Farbe verarbeitet. Neurone in V1 weisen eine erstaunliche Selektivität auf und antworten auf Lichtstreifen einer bestimmten Orientierung. Experimente von Hubel und Wiesel zeigten, dass V1 in Orientierungssäulen organisiert ist, wobei Neurone innerhalb einer Säule auf dieselbe Reizorientierung bevorzugt reagieren.
  • V2: V2 erhält Input von V1 und verarbeitet komplexere visuelle Eigenschaften wie Form und Muster.
  • V4: In V4 findet die Farbanalyse statt, wobei Neurone selektiv auf Reize verschiedener Wellenlängen und Farben antworten.
  • IT (Inferiorer Temporalkortex): IT ist an der Objekterkennung beteiligt, wobei Neurone selektiv auf bestimmte Objektkategorien wie Gesichter oder Hände ansprechen.

Es gibt zwei Hauptverarbeitungsströme im visuellen System:

  • Ventraler Pfad (Was-Pfad): Vom Okzipitallappen zum Temporallappen, zuständig für die Objekterkennung.
  • Dorsaler Pfad (Wo-Pfad): Vom Okzipitallappen zum Parietallappen, zuständig für die Steuerung von Handlungen und die räumliche Wahrnehmung.

Auditorische Informationsverarbeitung

Die auditorische Informationsverarbeitung beginnt im Innenohr, wo Schallwellen in neuronale Signale umgewandelt werden. Diese Signale werden über den Nervus cochlearis zum Thalamus und von dort zur primären Hörrinde im Temporallappen geleitet.

Somatosensorische Informationsverarbeitung

Die somatosensorische Informationsverarbeitung beginnt in den Rezeptoren der Haut, die Informationen über Berührung, Temperatur, Schmerz und Druck liefern. Diese Informationen werden über den Thalamus zur primären somatosensorischen Rinde im Parietallappen geleitet.

Motorische Kontrolle

Die motorische Kontrolle wird vom Frontallappen gesteuert, insbesondere vom primären motorischen Kortex. Hier werden Bewegungspläne entworfen und an die Muskeln gesendet.

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Limbisches System

Das limbische System ist ein entwicklungsgeschichtlich alter Bereich des Gehirns, der sich zwischen dem Neocortex und dem Hirnstamm befindet. Es ist das Zentrum aller Emotionen, kontrolliert unsere Äußerungen von Wut, Angst und Freude und hat Einfluss auf das Sexualverhalten, auf vegetative Funktionen des Organismus und auf das Gedächtnis und die Merkfähigkeit.

Kortikale Plastizität: Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns

Kortikale Plastizität bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und Funktion als Reaktion auf Erfahrungen und Veränderungen in der Umwelt zu verändern. Diese Anpassungsfähigkeit ist entscheidend für das Lernen, die Rehabilitation nach Verletzungen und die Bewältigung neuer Situationen.

Definition und Prinzipien

Unter kortikaler Plastizität versteht man die Formbarkeit von Größe, Verbindungen oder den Aktivierungsschemata von kortikalen Netzwerken. Die Prinzipien der kortikalen Plastizität sind nicht allein auf kortikale Areale begrenzt, sondern lassen sich auf andere Areale ausweiten. Das liegt daran, dass die Plastizität des Gehirns zur Folge hat, dass gewisse Funktionen im Gehirn von einem Ort zum anderen wandern können.

Reorganisation kortikaler Karten

Kortikale Karten sind topografische Repräsentationen des Körpers oder der Umwelt im Kortex. Diese Karten sind nicht statisch, sondern können sich als Reaktion auf Veränderungen in der sensorischen oder motorischen Erfahrung reorganisieren.

  • Deafferentierung: Wenn ein Körperteil amputiert wird oder seine sensorische Zufuhr verliert, kann das entsprechende kortikale Feld von benachbarten Feldern übernommen werden.
  • Training: Gezieltes Training kann die kortikalen Karten verändern und die Repräsentation der trainierten Körperteile erweitern.
  • Inaktivität: Immobilisation oder Nichtgebrauch eines Körperteils kann zu einer Reduktion der kortikalen Dicke und einer Verkleinerung der entsprechenden kortikalen Repräsentation führen.

Altersabhängigkeit der Plastizität

Lange Zeit wurde fälschlicherweise angenommen, dass die Reorganisationsfähigkeit des Gehirns auf das Kindes- und Jugendalter begrenzt sei. Das Wiedererlernen motorischer Funktionen nach einem Schlaganfall ist nur ein Beispiel, das diese Annahme widerlegt. Kortikale Plastizität konnte ebenfalls bei Erwachsenen nachgewiesen werden, auch wenn Hinweise für ein altersabhängiges Anpassungspotential erbracht wurden.

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Rolle der körperlichen Aktivität

Studien unterstreichen die Bedeutsamkeit körperlicher Aktivität aus Sicht der kortikalen Plastizität. So konnte gezeigt werden, dass hochrepetitive sensorische Stimulationen zu keiner bedeutsamen kortikalen Reorganisation führen, wenn die motorische Aktion ausbleibt. Rein sensorische Reize genügen demnach anscheinend nicht, um eine Plastizität des Kortex hervorzurufen.

Kortikale Reaktivität: Die Antwort auf Reize

Die kortikale Reaktivität ist ein Schlüsselkonzept, das sich auf die Reaktionsfähigkeit der Hirnrinde auf verschiedene Stimuli bezieht. Sie spiegelt wider, wie effizient und effektiv diese Bereiche auf externe und interne Reize reagieren können.

Einflussfaktoren

Die kortikale Reaktivität kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, darunter Stress, Müdigkeit, Ernährung und allgemeine Gesundheit.

Klinische Bedeutung

Veränderungen in der Reaktivität der Hirnrinde können auf neurologische oder psychische Störungen hinweisen.

Anwendungen in der Forschung

In der kognitiven Psychologie wird die kortikale Reaktivität genutzt, um zu verstehen, wie das Gehirn Aufmerksamkeit steuert und wie es auf konkurrierende Reize reagiert.

Untersuchungsmethoden der kortikalen Bereiche

Verschiedene bildgebende Verfahren und Hirnstimulationstechniken werden eingesetzt, um die Struktur und Funktion der kortikalen Bereiche zu untersuchen.

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)

Die fMRT misst die Gehirnaktivität, indem sie Veränderungen im Blutfluss detektiert. Sauerstoffreiches und sauerstoffarmes Blut haben unterschiedliche magnetische Eigenschaften, und die fMRT kann diese Unterschiede nutzen, um zu erkennen, welche Teile des Gehirns gerade aktiv sind (BOLD-Effekt).

Positronen-Emissions-Tomographie (PET)

Die PET ist eine invasive Methode, bei der eine schwach radioaktive Substanz in den Körper gespritzt wird. Die Substanz reichert sich in aktiven Geweben an und sendet Strahlung aus, die von einem PET-Scanner gemessen werden kann. Die PET kann Informationen über den Blutfluss, den Hirnmetabolismus und die Neurotransmitteraktivität liefern.

Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

Die TMS ist eine nicht-invasive Methode, bei der Magnetspulen verwendet werden, um die Aktivität bestimmter Hirnregionen zu stimulieren oder zu hemmen. Durch die Beobachtung der Auswirkungen der Stimulation auf die kognitiven Funktionen kann man Rückschlüsse auf die Rolle der stimulierten Region ziehen.

Hirnorganoide: Einblick in die Entwicklung des Gehirns

Hirnorganoide sind dreidimensionale Zellkulturen, die aus menschlichen pluripotenten Stammzellen gewonnen werden und die Struktur und Funktion des Gehirns nachahmen. Sie bieten einzigartige Einblicke in die Entwicklung des menschlichen Gehirns und können verwendet werden, um die Auswirkungen von genetischen und umweltbedingten Faktoren auf die Gehirnstruktur und -funktion zu untersuchen.

Strukturierte kortikale Organoide

Eine neuere Entwicklung sind strukturierte kortikale Organoide, die eine längliche Form aufweisen und in verschiedene Bereiche unterteilt sind, ähnlich dem menschlichen Kortex. Diese Organoide werden durch die Fusion mit einem Zellhaufen, der einen Faktor namens FGF8 produziert, strukturiert.

Anwendungen in der Krankheitsforschung

Strukturierte kortikale Organoide können verwendet werden, um die Mechanismen von Hirnerkrankungen zu untersuchen. Beispielsweise konnte gezeigt werden, dass eine Mutation in FGFR3, die mit Achondroplasie verbunden ist, zu Veränderungen in der Struktur und Zellproliferation entlang der Längsachse der Organoide führt.

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